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Testbericht · Ergo Kopfhörer · Over-Ear Kopfhörer

Wunderwandler

Test Kopfhörer (und -verstärker) Ergo A.M.T.

Von Martin Freund · · Seite 9 von 3
Beim Ergo A.M.T. handelt es sich eigentlich um einen Kopflautsprecher, der mit herkömmlichen Hörern nur wenig gemein hat.Beim Ergo A.M.T. handelt es sich eigentlich um einen Kopflautsprecher, der mit herkömmlichen Hörern nur wenig gemein hat.

Das Spitzenmodell der Ergo-Kopfhörer arbeitet mit einem ganz besonderen Schallwandler: Der Air Motion Transformer unterscheidet sich signifikant von dynamischen oder magnetostatischen Treibern: Seine Membrane ist nicht plan, sondern vorhangähnlich gewellt. In den Falten der Kunststofffolie verlaufen Leiterbahnen, welche die Membrane beim (Wechsel-)Stromdurchfluss im Takt des Musiksignals bewegen: Die Falten werden beim Plussignal zusammen- und beim Minussignal wieder auseinandergedrückt.

Dies hat zur Folge, dass das elektrische Signal äusserst wirksam in Schall umgesetzt wird: Die Luft wird mit sehr hoher Geschwindigkeit aus den Membranfalten gepresst und wieder eingesaugt, was zu einer mehr als fünfmal effizienteren Schallerzeugung führt als bei einer flachen Folie oder bei einem konischen Grundquerschnitt. Aus diesem Grund heisst dieser Schallwandler denn auch treffend «Luft-Bewegungs-Transformator». Voraussetzung bildet natürlich ein permanentes Magnetfeld, das die vom Wechselstromsignal durchflossenen Leiterbahnen überhaupt erst zur Bewegung anregt.

Die Membranfolie des A.M.T. misst im ungefalteten Ausgangszustand sage und schreibe 175 x 88 mm.Die Membranfolie des A.M.T. misst im ungefalteten Ausgangszustand sage und schreibe 175 x 88 mm.

Martin Dürrenmatt von Precide gehört zu den europäischen High-End-Audio-Pionieren: Lautsprecher nach dem Prinzip des Air Motion Transformers fertigt er bereist seit 1990 – und dies direkt vom Erfinder Dr. Oskar Heil autorisiert. Ausserdem produzierte er über viele Jahre den legendären elektrostatischen Kopfhörer Jecklin Float. Im Ergo A.M.T. kombinierte er erstmals das Prinzip des offenen Bügelhörers mit dem überlegenen Schallwandler.

Man muss schon etwas in die Tiefe gehen, um zu begreifen, was die Leute bei Lavardin antreibt. Kurz gesagt geht es um die Vermeidung eines Effekts, den man als "Memory Distortion" bezeichnet. Bildlich beschrieben sollen sich Elektronen in einem Halbleiter aus Silizium nicht im gleichen Mass frei und ungehindert bewegen wie im Vakuum einer Elektronenröhre. Sie hinterlassen gemäss Hersteller Spuren, den man sich als eine Art Speicher-Effekt oder Brems-Effekt vorstellen kann.

Dieser Effekt bewirke, dass sich Elektronen quasi immer in denselben Spuren bewegen, und das wiederum soll die Ursache dafür sein, dass Röhrenverstärker punkto Natürlichkeit schöner klingen. Die Frage bleibt allerdings offen, wie man das mit Transistoren so hinbekommt, wie es die Röhren tun: ohne Memory-Effekt.

Das Ganze enthält wohl eine philosophische Komponente. Der Schöpfer dieser Geräte spricht hier nur gerade das Problem an. Die Lösung bleibt verborgen, denn darüber wird nicht gesprochen. Es reicht aber aus, die Spannung zu erhöhen, denn schliesslich ist es ja das Resultat, das uns interessiert.

Liebe zum Detail
Das Schaumstoffpolster oben verteilt das Gewicht gleichmässig auf dem Kopf. Zwei weitere Polster dienen als seitliche Abstandshalter.Das Schaumstoffpolster oben verteilt das Gewicht gleichmässig auf dem Kopf. Zwei weitere Polster dienen als seitliche Abstandshalter.

Die Bügelkonstruktion des Ergo A.M.T. lässt sich in der Weite nicht so einfach verstellen. Im Auslieferungszustand war sie für das «grosskopferte» Haupt des Autors etwas zu eng, und die vordere Kante der Schallwandler drückte gegen die Backenknochen. Der Hörer konnte so seine superbe räumliche Wiedergabe nicht vollständig entfalten. Der Bügel lässt sich jedoch durch folgende Massnahmen anpassen: Man legt einen in der Breite passenden Gegenstand (z. B. eine CD-Hülle) zwischen die beiden Bügelhälften und erwärmt diese vorsichtig mit einem Fön. Danach behält der Bügel die etwas weitere Krümmung bei.

Diese (zugegeben nicht ganz so einfache) Prozedur zur Weitenkorrektur wird auch von Precide empfohlen. Wie sich im Hörtest zeigte, ist eine exakte Grössenanpassung dieses Hörers ganz entscheidend für den optimalen Klangeindruck. Im «erweiterten» Zustand sitzt der Bügelhörer zwar nicht mehr unverrückbar stabil auf dem Kopf, mit einem Gewicht von rund 600 g taugt der Ergo A.M.T. aber sowieso nicht für den mobilen Einsatz. Der Tragekomfort wurde vom Autor subjektiv dennoch als überdurchschnittlich gut empfunden. Das obenliegende Schaumstoffpolster verteilt das Gewicht nämlich überraschend gut. Und auch die Tatsache, dass prinzipbedingt keinerlei Druck oder Wärmestau bei den Ohren auftreten, ist im Vergleich zu anderen Hörern erwähnenswert.

Geniale Kopfhörerverstärker

Das Innenleben des IS Reference zeugt von grosser Individualität. Die Verstärkerplatine ist hervorragend abgeschirmt, die Komponenten machen einen selektierten Eindruck. Die Signalführung ist eigenwillig, vor allem von der Platine zu den Anschlüssen, den RCA-Eingängen (Chinch) und den Lautsprecher-Ausgängen.

Die Eingänge sind "Solid Core"-verdrahtet und liebevoll verlötet. "Core" ist zu viel gesagt: Man scheint Isolationen zu meiden. Die Drähte liegen frei in der Luft. Die Lautsprecherausgänge sind mit Kupferlitzen ausgeführt, lackierte Litzendrähte, wie ich vermute. Sie führen alle in einen einzigen Isolationsschlauch, müssen also mit Lack isoliert sein.

Ungewöhnlich: Die Lautsprecheranschlüsse sind mit lackierten Kupferlitzen ausgeführt. Ungewöhnlich: Die Lautsprecheranschlüsse sind mit lackierten Kupferlitzen ausgeführt.

Auf der Frontseite gibt es nur einen sehr hochwertigen Stufenschalter für die Eingangswahl und ein Potentiometer für die Lautstärke. Mehr nicht. Auf motorischen Antrieb hat man verzichtet, obwohl der Poti-Hersteller Alps dies problemlos ermöglichen würde. Ob Rotstift oder Störeinflüsse – irgend etwas muss die Hersteller zum Verzicht bewogen haben.

Ansonsten ist der Verstärker solide verarbeitet. Die Bleche sind stark genug, um nicht nach Blech zu riechen. Alles hat Stil und wirkt wohlproportioniert wie ein Instrument. Es gibt keine Übertreibungen und keine Verschwendung von Material.

Des Weiteren sollte man unbedingt auf die korrekte (und markierte) Phase bei der Stromzuführung achten und das mitgelieferte Netzkabel verwenden.

Die Test-Anlage

Hohe Klangpracht

Im Normalfall sorgt man bei Hörtests für eine Äquivalenz der Komponenten hinsichtlich Preis. Man bewegt sich in den sogenannten Preisklassen, damit man notfalls die Kirche wieder ins Dorf stellen kann, wenn sich eine relativ kostengünstige Komponente als Überflieger herausstellen sollte. Man legt also eine Art Flughöhe fest, ein Korridor, in dem man sich als Tester einigermassen gefahrlos verlustieren kann, ohne anzuecken.

Einmal mehr verzichte ich auf eine solche Anordnung. Ich bin aus Erfahrung der felsenfesten Überzeugung, dass man beim Preis-Leistungs-Verhältnis kaum irgendwo so grosse Überraschungen erleben kann wie im Audio-Business. In Folge dieser Entscheidung verschwindet der Lavardin IS Reference förmlich in der Gesamtinvestition der Anlage und kann auf diese Weise zeigen, was er wirklich drauf hat. Der IS Reference kostet übrigens 3570 Franken.

Was ebenfalls auf Anhieb auffällt: Man benötigt gar keine hohen Pegel, um punkto Musikerleben auf seine Kosten zu kommen. Durchhörbarkeit und Vitalität sind auch bei ohrschonender Abhörlautstärke beindruckend. Diese Eigenschaften lassen sich beim Betrieb über den Amp 1 noch steigern: Dessen schaltbare Loudness-Funktion erweist sich in der Praxis als sehr sinnvoll. Vom Klangempfinden her entscheidet man sich eigentlich meistens für deren Aktivierung.

Interessant war der Vergleich des Ergo A.M.T. mit dem legendären Studio-Kopflautsprecher AKG K1000. Dieser benötigt normalerweise die Lautsprecherausgänge eines guten Vollverstärkers, um genügend Betriebsspannung zu erhalten. Am Class-A-Kopfhörerverstärker Ergo Amp 2 lief er jedoch zur Höchstform auf und zeigte ein Ausmass an Transparenz und Breitbandigkeit, wie es der Autor über diesen Hörer noch nie erlebt hat.

Im A/B-Vergleich zeigte sich der Ergo A.M.T. (in Kombination mit dem Amp 1) punkto räumlicher Abbildung auf Augenhöhe mit dem AKG. Letzterer bot scheinbar noch etwas mehr Transparenz in den Höhen. Beim längeren Hinhören wurde jedoch schnell klar, dass der K1000 aufgrund seines akzentuierten Hochtonbereichs deutlich weniger zum genussvollen Langzeithören taugt als der A.M.T. Dieser bot genauso viele Klangdetails, allerdings entfaltete er sie völlig mühelos und unangestrengt. So hatte er punkto Schönheit der Klangfarben die Nase letztlich klar vorne.

Im Bass punktet der Ergo durch eine ausgesprochen konturierte Wiedergabe ohne jegliches Dröhnen oder Aufdicken. Lediglich in allertiefsten Regionen hätte man sich noch etwas mehr Druck gewünscht. Im Vergleich dazu bot der AKG zwar hörbar mehr Schub im Tiefbass, hinkte aber dafür punkto Schnelligkeit der Tieftonwiedergabe etwas hinterher. 

Fazit

Mit seiner überlegenen Klangentfaltung punktet der Ergo A.M.T. bei sämtlichen Musikarten. Als waschechter «Kopflautsprecher» hat er mit herkömmlichen Kopfhörern nur wenig gemein. Das musikalische Erlebnis ohne Druck, ohne Hitzestau und ohne übermässige Lautstärke ist eine wahre Wohltat für die Ohren. Da nimmt man auch das leicht höhere Gewicht und die etwas umständliche Grössenanpassung in Kauf.

Als geniales Teil entpuppte sich im Test der Kopfhörerverstärker Ergo Amp 1. Er bringt nicht nur Ergo-Kopflautsprecher, sondern alle möglichen Kopfhörer auf Trab. Die schaltbare Loudness-Funktion erweist sich in der Praxis als äusserst sinnvolles Feature. Aber auch im linearen Betrieb zeigte er sich integrierten Kopfhörerausgängen (in Verstärkern oder DACs) klanglich klar überlegen.

Der Autor Martin Freund

Martin Freund ist Redaktor bei avguide.ch und testet seit den Anfängen Verstärker, Lautsprecher und Analog-Komponenten. Der Fachjournalist beurteilt Geräte klanglich wie technisch mit einer Tiefe, wie sie heute selten geworden ist.

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