TESTBERICHT
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«Kult»-Chip

Bel Canto vertraut seit 15 Jahren auf den DAC-Chip PCM1792A von ehemals Burr Brown, heute Texas Instruments. Der PCM1792A geniesst so etwas wie Legendenstatus, man schaue sich nur mal in den einschlägigen HiFi-Foren um. Er gilt als «musikalischer» als die heute angesagten DAC-Chips «ESS Sabre». Was man auch immer unter dem Begriff «musikalischer» in Bezug auf Audiogeräte verstehen will.

Tatsache ist, dass der PCM1792A mit seinen über 130 Dezibel noch heute Massstäbe beim Signalrauschabstand setzt, was ihm insbesondere bei kleineren Lautstärken zugutekommt. Die fulminante Rechenleistung moderner DAC-Chips für die Verarbeitung von extrem hohen Samplingfrequenzen führt hingegen nicht automatisch zu erhöhter Klangqualität, beherbergt aber die Tendenz zu Intermodulationen.

Das Innere des Bel Canto DAC 2.8.Das Innere des Bel Canto DAC 2.8.

Ausschlaggebender als die Wahl des Chips dürfte wohl die Qualität der Implementierung sein. Die ESS-Sabre-Chips gelten als notorisch heikel in der Ansteuerung. Mit dem PCM1792A besitzt Bel Canto eine grosse Erfahrung, die über 15 Jahre dank fortlaufender Optimierung wachsen konnte. Auch die Schweizer Edelschmiede Solution Audio setzt bei ihrem DAC konsequent auf den PCM1792A.  

Durch die Wahl der Chip-Variante bleibt DSD aussen vor. Als DSD-Liebhaber vermisse ich das Format. DSD klingt betörend. Aber ehrlicherweise muss man sagen, dass kaufbare DSD-Aufnahmen, wie sie von Native-DSD vertrieben werden, ein audiophiles Nischenprodukt sind. Für die meisten ist direktes DSD ein gern gesehenes Feature, das man aber eher selten benötigt.

Praxis & Hörtest

Als Abhörmonitore während der Testzeit dienten die neutralen Aktivlautsprecher Manager S1, die direkt mit dem variablen symmetrischen Ausgang des Bel Canto DAC 2.8 verbunden wurden. Neben einem externen Streamer für Qobuz/Tidal (ich verwendete den Allo Digione mit Volumio) benötigt man im einfachsten Fall keine weiteren Gerätschaft.

Dass ein DAC besonders warm oder musikalisch klingen soll, halte ich für eine sprachliche Verirrung. Die Aufgabe eines DACs ist, die kritische Wandlung von der digitalen in die analoge Ebene so authentisch und akkurat wie möglich zu gestalten. «Musikalität» kommt vom Interpreten und Klangschönheit von der Aufnahme. Ein transparenter DAC reicht diese Qualitäten ohne dynamische Komprimierung und Interferenzen an die restliche Kette weiter. Das lässt sich wohl nie vollumfänglich erreichen, aber die Annäherung ist das Ziel.

Die jahrelange Optimierung ist dem Bel Canto DAC 2.8 gut anzuhören. Seine Klangentfaltung wirkt ungemein herausgeputzt. Das Gerät macht sofort Spass, weil Musik über ihn vermittelt – sofern es die Aufnahme zulässt – viel Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt – und immer unangestrengt wirkt. Man hört gerne und entspannt Musik mit ihm.

Ein prägendes Merkmal ist, wie wunderbar differenziert und offen er den Grundtonbereich ins Wohnzimmer transportiert. Ein Bereich, in dem viele DACs wenigstens partiell scheitern. Der Bel Canto 2.8 schafft es, wo andere zu einem verquirlten Mitten- und Grundtonbereich neigen, diesen detailliert aufzufächern. Die dynamische Artikulation ist beeindruckend. Phänomenal auch, welchen Raum und Tiefe er freigibt.

Kompakt: der Bel Canto DAC 2.8.Kompakt: der Bel Canto DAC 2.8.

«December Avenue» vom Tomasz Stanko New York Quartett (ECM) passt thematisch zur Adventszeit und zeigte exemplarisch die Qualität des DAC 2.8: Er vermag es, facettenreiche Virtuosität oder intime musikalische Emotionalität eindringlich und packend zu transportieren. Die epischen musikalischen Dialoge zwischen Stankos vollmundigem Saxofon und Virelles weiträumigem Piano, gefolgt vom treibenden Takt der Schlagzeugbecken reproduzierte er faszinierend, ausdrucksstark und eindringlich: ein wunderbares Musikerlebnis. 

Wo immer Feinsinnigkeit und Sinnlichkeit in der Musik liegt, brilliert der Bel Canto DAC 2.8. Das gilt für die traumhafte Anmut von Teodor Currentzis Rezital in Fragments Part 1, «Traviata» genauso wie für mythische Stimmungen in «Autumn Landscapes» von Philip Glass/Arvo Pärt. Immer gelang es ihm, die feinen Stimmungen fesselnd zu vermitteln. Mit dem Bel Canto DAC 2.8 vergisst man schnell mal sein Equipment und taucht mit Leib und Seel in die Musik ein. Genau so soll es auch sein. 

Wo ist der DAC 2.8 einordnen? Wir hatten gleich eine Anzahl Mittelklasse-DACs wie einen Burson Conductor 3, den Denafries Ares 2 oder Madison vom Schweizer Newcomer Wattson für einen direkten Vergleich zur Verfügung. Alle genannten DACs sind etwas preiswerter als der Bel Canto DAC 2.8 und haben ihre Qualitäten. In Bezug auf Dynamik und Weiträumigkeit im Grundtonbreich und Reinheit in der Mittellage konnte sich der DAC 2.8 absetzen. Keiner klang so packend offen und befreit vom digitalen Dunst. Lediglich der Wattson Madison konnte ihm in der Hochtondefinition Paroli bieten. Ein Meitner MA3 – eine Klasse höher – zeigte dann, dass man bei gleicher Anmut noch ein zusätzliches Mass an Klangschattierungen und Details aufzeigen kann.

Fazit

Mit der konstanten Weiterentwicklung von Details frei nach der Devise «Evolution statt Revolution» gelingt es John Stronczer mit Bel Canto immer wieder, ausserordentliche Produkte wie nun den DAC 2.8 zu präsentieren. Die Verarbeitung ist solide und robust, die Handhabung gradlinig und pragmatisch. Man verzichtet auf Gimmicks und brilliert mit aussergewöhnlichen klanglichen Eigenschaften. Der Kunde erhält ein durchdachtes und ausgereiftes Produkt zu einem fairen Preis. Ich kann mir gut vorstellen, dass man mit dem sympathischen Bel Canto DAC 2.8 eine lange Verbindung eingeht.

Übersicht zu diesem Artikel
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STECKBRIEF
Modell:
DAC 2.8
Profil:
Ein DAC/Vorstufe mit zusätzlichem analogem Eingang. Solider und robuster Aufbau. Besitzt die phänomenale Eigenschaft, die ganze Wärme und Klangschönheit von Aufnahmen zu reproduzieren.
Pro:
Hervorragender Klang
Solider und robuster Aufbau
Helles, gut lesbares Display
Analoger Eingang
Contra:
Kein Netzschalter an Front
Kein DSD
Preis:
3,190.00 CHF
Hersteller:
Jahrgang:
2022
Vertrieb:
Masse:
216 x 318 x 88 mm
Gewicht:
6,5 kg
Farbe:
Silber
Lautstärkeregelung:
Ja
Netzwerkanschluss:
Nein
Analog Output:
2 x XLR oder Cinch, variable und fix
Digital Input:
2 x Coax, Toslink, USB, AES
Digitale Wortbreite:
24 Bit
Samplingfrequenz:
192 kHz
Wandlerchip:
PCM1792A