MUSIKREZENSION
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Publikationsdatum
4. April 2026
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In den 60er-Jahren war der Hunger nach neuen Sounds gross: 1964 erfand Ernst Zacharias für den deutschen Musikinstrumentenhersteller Hohner verschiedene elektromechanische Musikinstrumente, darunter das Clavinet, das bald von Funkartisten entdeckt wurde. 1965 schaffte das Fender Rhodes Electric Piano den Durchbruch.

Doch das waren erst die Appetizer: Die 70er-Jahre überhäuften uns mit nie dagewesenen Klängen aus analogen Synthesizern, die man zum grössten Teil selbst programmieren musste. Die mitgelieferten Presets waren recht limitiert … und wer wollte schon einen Sound benutzen, der bereits eine andere Produktion dominierte. Klangtüftler waren gefragt. Einer davon war der vielseitig begabte Tastenmann Herbie Hancock.

Herbie Hancock

Am 12. April 1940 kam Herbert Jeffrey Hancock in Chicago zur Welt. Seine Eltern waren zwar Musikliebhaber, doch weder die Mutter noch der Vater hatten musikalische Ambitionen. Mit sieben begann Herbie, Klavier zu spielen. Und da sein Talent rasch entdeckt wurde, durfte er Klavierunterricht in klassischer Musik besuchen. Bald galt er als Wunderkind: Er spielte als Elfjähriger an einem Nachwuchskonzert mit dem Chicago Symphony Orchestra den ersten Satz von Mozarts Klavierkonzert Nr. 26 in D-Dur.

In seinen Teenagerjahren faszinierten ihn die neuartigen Harmonien des Jazz. Er hörte oft Aufnahmen der Jazz Messengers und von Miles Davis sowie von der Gesangsgruppe «The Hi-Lo’s», die seit 1953 harmonisch komplexe Arrangements ihres langjährigen Pianisten Clare Fischer interpretierten.

1960 schloss Hancock seine Studien in Elektrotechnik und Musik am Grinnell College in Iowa ab und zog zurück nach Chicago. Bereits 1962 konnte er sein erstes Album für Blue Note Records aufnehmen: «Taking Off», das seine Komposition «Watermelon Man» enthielt. Miles Davis wurde durch dieses Album auf Herbie Hancock aufmerksam. Hancock wurde engagiert und bildete zusammen mit dem Schlagzeuger Tony Williams und Ron Carter am Bass das rhythmische Fundament des neuen Miles Davis Quintetts, das, nach diversen Wechseln, mit Wayne Shorter am Tenorsaxofon komplettiert wurde.

Während seiner fünf Jahre mit Davis fand Hancock Zeit und Gelegenheit für unzählige Recording Sessions für Blue Note Records, zum Teil unter seinem Namen, zum Teil als Tastenmann für Grössen wie Grant Green, Bobby Hutcherson, Sam Rivers, Donald Byrd, Kenny Dorham, Hank Mobley, Lee Morgan, Freddie Hubbard und Eric Dolphy. Und er hatte noch genügend Energie, um dazwischen die Filmmusik zu Antonionis Film «Blow Up» zu schreiben, den ersten von vielen Soundtracks aus seiner Feder.

Herbie Hancock, 1976.Herbie Hancock, 1976.

Um 1967 begann Miles Davis Rock- und Pop-Elemente in seine Musik zu integrieren, und Hancock, obgleich zuerst nicht begeistert ob der Idee, begann, elektronische Keyboards zu spielen; vor allem das Fender Rhodes, auf dem Davis beharrte, was sich im Nachhinein für die Fortsetzung seiner Karriere als wegweisend erwies.

1968 verliess Hancock die Davis Band und wechselte ein Jahr danach auch seine Schallplattenfirma. Bei Warner Bros. waren es vorwiegend von R&B inspirierte Kompositionen, die, teils für TV-Serien geschaffen, in überarbeiteter Version auf LPs veröffentlicht wurden.

Mehr und mehr faszinierten Hancock elektronische Instrumente. Der Synthesizer-Pionier und Programmierer Patrick Gleeson wurde das siebte Mitglied in Hancocks neuer Band. Neben den ARP-Synthies machte er Hancock auch mit den Moog-Produkten und dem Mellotron, einem Vorgänger der später so beliebten Sample Player (jedoch auf Tonbandschlaufen basierend), bekannt.

1973 gründete Herbie Hancock die Headhunters (Besetzung siehe unten). Ihr Album «Head Hunters» war ein Grosserfolg. Kurz nach der Veröffentlichung der LP wurde der Schlagzeuger Harvey Mason durch Mike Clark ersetzt.

Hancock konnte nie lange an einem Ort verharren. Es folgte ein Duett-Album mit Chick Corea (1978) und mehrere Alben, die nur in Japan veröffentlicht wurden, unter anderem das Soloalbum «The Piano» (1979).

In den 80er-Jahren waren die LP «Futur Shock» mit der Single «Rockit» (Grammy-Gewinner) mit dem dazugehörigen Musikvideo und der Gewinn der eben geschaffenen MTV Music Awards besonders erwähnenswerte Höhepunkte.
Doch hier alle weiteren Stationen und Erfolge Herbie Hancocks aufzuzählen, würde zu weit führen, denn bis heute gehört er zu den vielseitigsten und erfolgreichsten Komponisten, Tastenpersonen und Produzenten überhaupt und wird weltweit mit Anerkennungen und Preisen überhäuft.

Die Headhunters 1974, hier bereits mit dem neuen Schlagzeuger Mike Clark.Die Headhunters 1974, hier bereits mit dem neuen Schlagzeuger Mike Clark.

«Head Hunters»

Das etwas mehr als 40 Minuten dauernde Album umfasst nur vier Stücke, wobei drei davon speziell für «Head Hunters» komponiert wurden. Nur «Watermelon Man», das schon auf dem Hard-Bop-Album «Takin’ Off» (siehe oben) zu hören war, wurde hier nun vollständig auseinandergezupft und neu zusammengesetzt. Und die fehlende, dem Stück die afrikanische Identität vermittelnde Hindewho-Flöte, wie sie von der Urbevölkerung in Zaire (heute Demokratische Republik Kongo) verwendet wird, wurde vom Perkussionisten Bill Summers mit einer leeren Bierflasche nachgeahmt.

Der synthetische Basslinien-Einstieg in «Chameleon» schubst einen unwillkürlich in diese neue Headhunter-Welt mit unbekannten Klängen, langen Soli und nicht enden wollenden Wiederholungen (was typisch war für Produktionen jener Zeit).

«Sly» (zu Ehren von Sly and the Family Stone) ist die wohl freiste und wildeste Achterbahnfahrt dieser Produktion. Hier wird das Clavinet zur harmonischen Untermalung des Rhythmus eingesetzt.

«Vein Melter» (Venenschmelzer) ist dann wesentlich ruhiger gehalten und voller Überraschungen. Doch irgendwie erinnert mich der von den Drums akzentuierte Rhythmus an bedrohliche Marschmusik, hinterlässt bei mir ein eher mulmiges Gefühl.

Interessant ist die Tatsache, dass das bereits im Vierspurformat aufgezeichnete Album im Folgejahr (1974) für die damals neue, kurz aufblühende Quadraphonie sowie die (ebenso kurzlebigen) 8-Spur-Kassetten neu gemischt wurde.

Fazit

Für mich war das Wiedereintauchen in die «Head Hunters» eine Zeitreise. Als die LP damals veröffentlicht wurde, spielte ich im Quartett des Keyboarders Willy Bischof, und bald eiferten wir «Chameleon» nach.

Nach all den Jahren ist «Head Hunters» immer noch ein eher aufwühlendes, bestimmt nicht beruhigendes Album, das man nicht in jeder persönlichen Stimmung gleichermassen geniessen kann. Doch es ist eben auch ein wesentliches Zeichen der Zeit, der Beginn einer Klangfindungs-Ära, die sich mit all den Synthesizern, Samplern und Romplern über beinahe zwei Jahrzehnte weiterentwickeln konnte, doch danach langsam, aber stetig ausklang. Was übrig blieb, war und ist der funky Rhythmus.

avguide.ch meint

Dieser Artikel wurde zu 100 Prozent ohne Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz von einem Menschen verfasst.

STECKBRIEF
Interpret:
Herbie Hancock
Besetzung:
Herbie Hancock – Fender Rhodes electric piano, Hohner Clavinet D6, ARP Odyssey and ARP Pro Soloist synthesizers
Bennie Maupin – tenor saxophone, soprano saxophone, saxello, bass clarinet, alto flute
Paul Jackson – bass guitar, marímbula
Harvey Mason – drums
Bill Summers – agogô, balafon, cabasa, congas, gankogui, log drum, shekere, surdo, tambourine; beer bottle on «Watermelon Man»
Albumtitel:
«Head Hunters»
Komponist:
Herbie Hancock
Herkunft:
USA
Label:
Columbia – Legacy
Erscheinungsdatum:
13.10.1973
Spieldauer:
41:44
Tonformat:
FLAC 24-Bit/96 kHz stereo / DSD
Medium:
Download/Streaming
Musikwertung:
7
Klangwertung:
8
Bezugsquellen