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Publikationsdatum
4. Mai 2026
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Im Bild oben: das Illusonic-Set-up mit drei Kanälen und Klangwerk-Voce-Lautsprechern, das am Klangschloss 2026 zu hören war. Wer es verpasst hat, kann es an den Illusonic Days vom 8./9. Mai bei Klangwerk an der Wieslergasse 6, 8049 Zürich, erleben.

Was heute selbstverständlich scheint, war es nicht immer: 2-kanaliges Stereo. Als man von Mono- auf die Stereo-Wiedergabe wechselte, arbeiteten namhafte Labels wie Mercury Living Presence und RCA (Living Stereo) an 3-kanaligen Aufnahmemethoden für akustische Musik. Der Center-Kanal war also schon vor der Einführung des 5.1-Filmtons ein Thema in der Musikwiedergabe.

Der Grund ist einfach: Mit 2 Kanälen ist eine räumliche Simulation mit stabil ortbaren Phantomsignalen nur auf der Mittelachse zwischen den Lautsprechern hörbar. Sobald man sich aus der Mitte bewegt, wandert etwa die Phantommitte zum näherstehenden Lautsprecher – und zwar egal, welches Lautsprechersystem man verwendet und wie man es aufstellt. Ein gutes System bzw. eine gute Aufstellung zeichnen sich dadurch aus, dass der Effekt weniger ohrenfällig und die optimale Hörzone grösser wird. Auch die Aufnahme trägt ihren Anteil dazu bei. Aber das Phänomen ist systembedingt.

Vermeintliche Problemlösung: ein diskreter 3. Kanal

Zahlreiche Aufnahmen aus der Frühzeit der Stereofonie von den erwähnten Labels sind 3-kanalig aufgezeichnet worden, zum Beispiel das berühmte Konzert von Harry Belafonte in der Carnegie Hall in New York (RCA Living Stereo). Damit gelang es, Belafontes Stimme in den Mittenkanal zu mischen, wodurch er wie heute beim Filmton von allen Positionen im Raum auch mittig gehört werden kann. Verglichen mit der von Audiophilen geliebten 2-Kanal-Version klingt dies ungewohnt, aber es entspricht einer Live-Situation, bei welcher Stimmen und Instrumente aus allen Richtungen klar verortbar bleiben.

Mercury-Tonmeister Bob Fine begann 1951 mit einer Ein-Mikrofon-Technik für Mono-Aufnahmen. Er experimentierte ab 1954 mit Stereo, fand eine reine 2-Mikrofon-Lösung aber unzureichend – es entstand entweder ein «Loch in der Mitte» oder die Tiefen- bzw. Seitendarstellung war nicht überzeugend. Die Konsequenz: Ab 1955 nutzte Mercury drei omnidirektionale Mikrofone und nahm auf 3-Spur-Band auf. Die Technik war eine Erweiterung des Mono-Verfahrens – die Mitte blieb das zentrale Element. Erst nachdem das Center-Mikrofon eingerichtet war, wurden die Seiten so platziert, dass sie Tiefe und Breite ergaben.

Leider war es nur ab Band möglich, 3-kanalige Aufnahmen wiederzugeben. Die Schallplatte als Hauptmedium erlaubt aber nur 2-kanalige Aufnahmen. Auch macht ein dritter Lautsprecher das Set-up umständlicher. So wurden die 3-Spur-Master für LPs auf 2 Kanäle runtergemischt. Damit starb die echte 3-Kanal-Wiedergabe noch vor ihrem Start und mit dem Abgang von Bob Fine und seinem Team im Jahre 1967 auch als Aufnahmemethode. Heute sind einige dieser Aufnahmen auf ausgesuchten Surround-SACDs in den originalen 3-Kanal-Versionen verfügbar.

Dvořák: Cello-Konzert / Bruch: Kol Nidrei – Janos Starker, LSO/Dorati, Mercury SR90303 (Aufnahme: Juli 1962, Watford Town Hall, 3-Spur 35mm + Halbzollband, drei Schoeps/Telefunken-201-Mikrofone.Dvořák: Cello-Konzert / Bruch: Kol Nidrei – Janos Starker, LSO/Dorati, Mercury SR90303 (Aufnahme: Juli 1962, Watford Town Hall, 3-Spur 35mm + Halbzollband, drei Schoeps/Telefunken-201-Mikrofone.

Klipsch 3 Speaker Master Stereo System – 3 Kanal aus 2 Kanälen

Die Limitierungen waren auch dem legendären Paul Klipsch bewusst, speziell mit seinem berühmten Klipschorn. Als Eckhörner wurden diese oft weit voneinander aufgestellt, was die Phantommitte schwammiger und die Limitierungen von 2-Kanal noch ohrenfälliger werden liess. So ersann er 1957 das Modell «Heresy» als kompakten Mittenlautsprecher, welcher mit einer relativ einfachen Schaltung einen Monomix des linken und des rechten Kanals zugespielt erhielt.

Dieses 3-Kanal-System mit einem «Bridged Center Speaker» galt als State of the Art und wurde von Klipsch folgendermassen beworben:

«Präzise räumliche Werte: Um die virtuellen (wiedergegebenen) Schallquellen in ihren ursprünglichen räumlichen Beziehungen lokalisieren zu können, sind drei weit auseinanderstehende Lautsprecher erforderlich, unabhängig von deren Grösse oder Typ; damit diese Qualität über einen grossen Hörbereich erhalten bleibt, müssen die seitlichen (L/R) Lautsprecher nach innen ausgerichtet werden. Dies sind grundlegende Erkenntnisse der Bell Telephone Laboratories.»

«Die seitlichen Lautsprecher sind nach innen gedreht: Diese Eindrehung wird bei Ecklautsprechern von Natur aus gewährleistet. Dadurch wird die Verschiebung der virtuellen Schallquelle bei unterschiedlichen Hörpositionen verringert. Nur so lässt sich ein breiter Hörbereich erzielen (eine weitere Erkenntnis der Bell Telephone Laboratories).»

Klipsch 3 Speaker Master Stereo System.Klipsch 3 Speaker Master Stereo System.

«The Grand Unveiling of Stereophonic Sound»

Das erste grosse Happening der Geschichte von Stereoton fand allerdings schon am 27. April 1933 in der Constitution Hall in Washington statt, wo geladene Gäste erleben konnten, wie Tonsignale aus der Academy of Music in Philadelphia über Telefonleitungen dorthin übertragen wurden. Das Experiment wurde technisch von Harvey Fletcher geleitet, dem Kopf der Akustikforschung der Bell Laboratories. Musikalisch stand ihm Leopold Stokowski zur Seite, ein führender Dirigent mit grosser Faszination für technische Entwicklungen.

In der Constitution Hall standen für die Wiedergabe drei riesige Lautsprecher bereit. Diese wurden diskret angespielt, um die räumliche Wiedergabe für alle im Saal erlebbar zu machen. Das Experiment muss auf die Gäste eine nachhaltige Wirkung gehabt haben. Die Anwesenden erlebten, wie es möglich gemacht wurde, derart echt wirkende Klänge über eine so grosse Distanz zu übertragen. Instinktiv wurden somit schon in der Stereo-Frühzeit drei statt nur zwei Kanäle verwendet.

Harvey Fletcher von Bell Labs und Dirigent Leopold Stokowski übertrugen 1933 Live-Orchesterklang von Philadelphia nach Washington – räumlich auf drei Kanälen.Harvey Fletcher von Bell Labs und Dirigent Leopold Stokowski übertrugen 1933 Live-Orchesterklang von Philadelphia nach Washington – räumlich auf drei Kanälen.

3-Kanal mit dem Illusonic-Prozessor

Im digitalen Zeitalter stehen Möglichkeiten zur Verfügung, um die Limitierungen von 2-Kanal-Stereo zu überwinden. Der Filmton macht davon schon lange Gebrauch, und 5-Kanal plus Effektkanal für die tiefen Frequenzen sind Standard. Für die retrofokussierte Musikwiedergabe ist man aber zwei Kanälen treu geblieben. Die ganze HiFi-Industrie ist darauf ausgelegt.

Trotzdem erschien es der innovativen Firma Illusonic aus Greifensee als reizvoll, als Nischenprodukt einen Prozessor zu entwickeln, der ein 2-Kanal-Signal auf drei und mehr Kanäle hochskalieren kann. Die grösste klangliche Herausforderung war dabei der Centerkanal, wie ihn schon Klipsch forderte. Die grundlegende Idee ist, mittige Signale aus dem 2-Kanal-Signal akustisch herauszuoperieren, um sie dann über den Mittenkanal abzuspielen. In der Praxis verläuft der Skalierprozess wesentlich komplexer und das Feintuning wurde über Jahre optimiert. Der Effekt ist jedenfalls frappierend, denn nun bleiben Stimmen und Instrumente an ihrem Ort hörbar, egal wo man sitzt. Erst jetzt werden einem die Limitierungen von 2-Kanal bewusst, an die man sich «faute de mieux» so sehr gewöhnt hat.

Neben der echteren Raumdarstellung wirken bei 3-Kanal-Stereo gerade mittige Quellen prägnanter, weil die Wahrnehmung einer echten Schallquelle deutlicher ist als diejenige einer Phantomschallquelle. Auch kann die Basisbreite deutlich vergrössert werden, ohne dass ein «Loch in der Mitte» entsteht. Das Klangbild wird einhüllender.

Voce – ein optimaler Lautsprecher für 3-Kanal

Die Verteilung eines 2-Kanal-Signals auf drei Kanäle stellt an die Homogenität der Lautsprecherwiedergabe grössere Anforderungen als das Set-up beim Filmton. Dort ist der Centerkanal aus Platzgründen meist liegend gebaut und strahlt ganz anders ab als der linke und der rechte Kanal. Weil er im Mix meist die Stimmen erhält und die Musik über links-rechts verteilt wird, fallen klangliche Unterschiede nicht so sehr ins Gewicht.

Das Optimum für 3-Kanal-Stereo sind identische Lautsprecher, zumindest für den Bereich oberhalb von ca. 80 Hz. In einem Raum würde ein zusätzlicher mittiger Lautsprecher in klassischer Bauart eines linken und eines rechten Lautsprechers optisch tendenziell als störend wahrgenommen. Insbesondere die Anforderung, die «Lautsprecher auf Ohrhöhe zu platzieren», rückt ihn direkt ins Blickfeld.

Voce ist deshalb als betont niedriger Lautsprecher ausgelegt und verschwindet stärker aus dem Blickfeld. Der Aufbau ist zweiteilig. Das stark geneigte Kopfteil kann wahlweise auf einen kleinen Sockel montiert werden, der den Bassreflexkanal enthält. Oder es wird auf einen Unterbau montiert, der zwei zusätzliche, seitliche Tief-Mitteltöner enthält für eine voluminösere Basswiedergabe. Als Kompaktmodell findet Voce gut auf einem mittigen Lowboard Platz, wogegen die Standversion für links-rechts prädestiniert ist.

Voce ist ein passiver Lautsprecher, kann aber auch als aktive Version bestellt werden: mit externer Frequenzweiche, wofür wiederum der Illusonic-Prozessor verwendet werden kann. Selbstverständlich macht Voce auch als reines 2-Kanal-Set-up eine gute Figur. Und Voce kann mit allen bestehenden Klangwerk-Lautsprechern kombiniert werden.

Voce von Klangwerk: links die Standversion mit Unterbau und seitlichen Tief-Mitteltönern, rechts die Kompaktversion. Bewusst niedrig gebaut – ideal als Center für 3-Kanal-Stereo.Voce von Klangwerk: links die Standversion mit Unterbau und seitlichen Tief-Mitteltönern, rechts die Kompaktversion. Bewusst niedrig gebaut – ideal als Center für 3-Kanal-Stereo.

Illusonic Days

Nach der Premiere im Klangschloss wird das 3-Kanal-System bei Klangwerk in Zürich vorgestellt, und als Schmankerl mit der Erweiterung von Surround-Kanälen. Christof Faller von Illusonic und Markus Thomann geben Einblicke in ihre Arbeit.

Freitag, 8. Mai, von 13 bis 18 Uhr
Samstag, 9. Mai, von 12 bis 17 Uhr

Anmeldung: info@klangwerk.ch

Klangwerk GmbH

Wieslergasse 6
8049 Zürich

Markus Thomann Gastautor

Markus Thomann war als Architekt tätig, bevor er 1997 seine Passion für Audiotechnik professionalisierte und die Firma Klangwerk gründete. Unter diesem Label stellt er exklusive Lautsprecher her und betreibt in Zürich ein Fachgeschäft. Jeden Frühling organisiert er zudem das «Klangschloss», eine Audiomesse im Schloss Greifensee.