Januar ist wohl die beste Zeit, um Ferienprospekte zu studieren. Man soll ja früh genug planen. Und dann sieht man auch die verführerischen Bilder von weissen Sandstränden mit Palmen, dem türkisblauen Meer und glücklichen Menschen: Ferien in der Karibik! Das wäre doch genau das Richtige, wenn es bei uns grau und kalt ist.
Leider ist dieser Traum für die meisten unter uns nicht zu verwirklichen. Doch zumindest können wir uns etwas karibische Atmosphäre ins Wohnzimmer holen. Meine Empfehlung: Arturo Sandovals «Rhythm & Soul». Eingängige, schöne Melodien, mitreissende Rhythmen, typische Gesangseinlagen, grandiose Instrumentalsoli und über allem die herzerwärmenden Klänge von Sandovals Trompete. Sandoval?
Arturo Sandoval
Artemisa, ein damals kleines Dorf in der Provinz von Havanna, Kuba, begrüsste am 6. November 1949 einen neuen Erdenbürger, der auf den Namen Arturo getauft wurde. Die Sandovals waren arm, doch es gab in der Gemeinde ein Orchester und Instrumente zum Ausprobieren. Klein Arturo war von Musik begeistert und probierte alle Instrumente, die zur Verfügung standen, aus.
Mit 13 wurde er Mitglied des Dorforchesters und spielte jeweils das Instrument, das gerade benötigt wurde. Bald entschied er sich definitiv für die Trompete und verdiente ein paar Pesos als Strassenmusikant.
1964 begann der 15-jährige Arturo ein klassisches Musikstudium an der Cuban National School of Arts. Sandoval war fasziniert von Charlie Parker, Clifford Brown und Dizzy Gillespie, deren Musik jedoch in Kuba als dekadent klassiert und deshalb geächtet war.
Nach drei Jahren wurde er in die «Nationale All-Star Band» aufgenommen, war an deren Wandel zum «Orquesta Cubana de Música Moderna» beteiligt, das unter der Leitung des Pianisten Chucho Valdés 1973 zur Band Irakere umgeformt wurde und bereits 1980 den ersten Grammy für das beste Latin-Album gewann. Diese Band wurde von der kubanischen Regierung geduldet, da sie Devisen ins Land brachte.
1982 ging Arturo mit Dizzy Gillespie, der schon 1977 von seinem Spiel begeistert war, auf eine ausgiebige Tournee. Dizzy wurde sein Freund und Mentor.
Arturo Sandoval und Dizzy Gillespie.Sandoval wurde von 1982 bis 1984 dreimal hintereinander zum besten kubanischen Instrumentalisten gewählt und spielte als Gast sowohl beim BBC- als auch beim Leningrad Symphony Orchestra.
1989 ermöglichte Gillespie Arturo eine Mitgliedschaft im «United Nations Orchestra». Nach einem Auftritt in Athen half Dizzy Arturo, der auf all seinen Auslandreisen vom kubanischen Geheimdienst überwacht wurde, in der US-Botschaft um Asyl zu ersuchen und seine Frau und seinen Sohn via London in den Westen zu schleusen.
Weitere neun Jahre später wurde Sandoval offiziell US-amerikanischer Bürger. In Miami (Fl) spielte er Latin Jazz und kubanische Musik mit Grössen wie Paquito D'Rivera und Tito Puente, während er in England und Deutschland vorwiegend klassische Musik interpretierte.
Doch Trompete und Flügelhorn waren nicht die einzigen Instrumente, die Arturo Sandoval perfekt beherrschte: Neben (vor allem kubanischen) Perkussionsinstrumenten war das Klavier für ihn von grosser Bedeutung (Columbia Album «My Passion for the Piano») und es war auch das Instrument für all seine Kompositionen, Filmscores und Arrangements. Zwischen 1981 und 2024 erschienen über 35 Alben unter seinem Namen und auf über 100 weiteren wirkte er mit. Er schrieb die Musik für mehr als 20 Filme, hatte 19 Grammy-Nominationen, von denen er 10 gewann, erhielt 2013 von Präsident Obama die «Presidential Medal of Freedom» und wurde im Dezember 2024 mit den «Kennedy Center Honors» geehrt (diese Veranstaltung ist in voller Länge auf Youtube zu sehen).
Sandoval ist auch ein exzellenter Pianist.«Rhythm & Soul»
Wer schon einmal das Glück hatte, Ferien auf einer Karibikinsel zu verbringen – hoffentlich abseits der seit den 90er-Jahren wie Pilze aus dem Boden schiessenden Hotelkomplexen und ausserhalb der Hurricane Season – weiss, dass Musik und Gesang in den verschiedensten Formen und Farben (jedoch immer mit diesem ansteckenden Rhythmus) zum Alltag der Einheimischen gehört. Auf «Rhythm & Soul» hat es Arturo Sandoval geschafft, diese sich auf alles übertragende Fröhlichkeit perfekt mit Jazzelementen und Improvisationen zu kombinieren, ja auszuschmücken.
Mein erster Kontakt mit diesem Album war einmal mehr via Internetradio: Die Melodie von «Someone Like You» hatte sich dermassen in meinen Hirnzellen festgekrallt, dass ich unbedingt wissen musste, woher dieses Stück stammte. Denn (für mich) ist der einzige Weg, eine mich verfolgende Melodie loszuwerden, sie mehrmals anzuhören.
Es war gar nicht so einfach, an die Melodie, geschweige denn an das Album heranzukommen (siehe Bemerkungen unten), doch dann geriet ich in dessen Bann. Bestimmt hat es damit zu tun, dass ich mehrmals mit einer Filmcrew diverse Karibikinseln besuchen durfte und mich die Musik dieser Region von Anfang an fasziniert hatte. Doch zuletzt war es die musikalische Qualität des Albums, die mich völlig überzeugte. Alle Musiker sind spitze, sind nicht nur begnadete Solisten, sondern leben diesen elektrisierenden Rhythmus mit jeder Note mit. Und ja, der Bongo-Spieler Andy Garcia ist DER Andy Garcia, der, seitdem er die Hauptrolle in der (für mich etwas zu amerikanischen) HBO-Produktion «For Love or Country: The Arturo Sandoval Story» übernommen hatte, gleich weiterhin mit Sandoval Musik machen wollte – allerdings nicht als schauspielender Trompeter, sondern als Perkussionist.
Arturo Sandoval in einer Studio Session 2022.Die zwölf Stücke haben alle ihren eigenen Charakter, unterscheiden sich nicht nur rhythmisch, sondern eben auch durch ihre meist eingängigen Melodien voneinander. «Soca Beat» und das Schlussstück «Timba De La Buena» sind wohl die «kommerziellsten» im Strand-Groove, mit Gesang und Zwischenrufen. Daneben gibt es auch melancholische Klänge wie «El Pecoso» (die Sommersprossige) und «Solitude». Doch ist es vor allem Arturo Sandovals Trompete, und in den langsameren Stücken das Flügelhorn, die mit musikalischer Wärme und Exaktheit und eben doch wilden, freiheitlichen Licks freudiges Staunen aufkommen lassen.
Und neben all den eingängigen Melodien und den vielen, unterschiedlichen Rhythmen (Latin: Salsa, Merengue, Samba, Rumba usw.) müssen die Soli von Michael Tucker und Will Brahm nochmals hervorgehoben werden … absolute Meisterklasse. Was beinahe vergessen lässt, was für eine superbe Rolle der Pianist Max Hamer spielt, der in jedem Stück den Rhythmus und die Stimmung mitkreiert und z. B. in der Ballade «Until You Went Away» das Abschiedsgefühl perfekt unterstützt.
Sound
Das Album ist dermassen gut aufgenommen und geschmackvoll abgemischt, dass die «nur CD-Qualität» dem positiven Eindruck keinen Abbruch tut. Es ist wahrscheinlich, dass eine der Streaming-Plattformen «Rhythm & Soul» in einer höheren Auflösung anbietet. Doch ehrlich: Spielt die Auflösung wirklich noch eine Rolle, wenn die Musik stimmt?
Fazit
Puristen diverser Couleur mögen dieses Album (oder zumindest Teile davon) als zu kommerzialisiert kritisieren. Für mich strahlt es einfach pure Lebensfreude aus, holt mich aus dem (Jahreszeiten-abhängigen) tristen Grau heraus, hebt mich aus dem Sofa und animiert mich, mitzutanzen.
Arturo Sandoval ist ein absoluter Meister der Trompete, überzeugt auf vielen Jazzalben mit seiner Musikalität, Improvisationsfreude und unglaublicher Technik. Doch auf «Rhythm & Soul» spielt er «seine» Musik, offenbart er seine Wurzeln, seine Herkunft.

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