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TESTBERICHT
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Publikationsdatum
5. November 2007
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Im Lyric Ti 120 Vollverstärker soll die Röhrentechnik des 21. Jahrhunderts stecken. Dank der Möglichkeit, verschiedene Röhrentypen mit unterschiedlicher Gegenkopplung benutzen zu können, werden den Besitzern eines Ti 120 auch lange Winterabende zu kurz erscheinen, um diesem Universalgenie alle möglichen klanglichen Finessen zu entlocken.

Schwergewichtig

Wer gerade glücklicher Besitzer eines Lyric Ti 120 geworden ist und daran geht, das Gerät mit gebeugtem Rücken aus der Verpackung zu nehmen tut gut daran, einen Kollegen oder die gut durchtrainierte Frau/Freundin um Hilfe zu bitten, das schwergewichtige Ding auf sein Podest zu hieven.

So gute 28 Kilogramm Lebendgewicht sind auch für eine gesunde Wirbelsäule kein Pappenstiel. Steht dieses State of the Art - Kunstwerk erst mal an seinem Ort, heisst es gut durchatmen, Gelenke und Muskeln zu lockern und die Gehörnerven auf ein Erlebnis ganz besonderer Art vorzubereiten.

Engineering und Fertigung

Während die Entwicklung des Gerätes zu 100% in Deutschland durch den Musiker und Röhrenspezalisten Stefan Noll erfolgte, wird das Gerät in China gefertigt. Laut Entwickler Noll sollte es momentan unmöglich sein, das Gerät zu einem einigermassen erschwinglichen Preis in Deutschland oder irgendwo in Europa zu fertigen. Die von den Chinesen gelieferte Qualität sei tadellos und das kann man denn auch leicht selber nachprüfen.

Chrom und Flammen

Das attraktive Gerät hinterlässt aussen wie innen einen tadellosen Eindruck.

Das viele Chrom zeigt natürlich gnadenlos alle Fingerabdrücke. Aber wie man weiss, ist auch das Reinigen einer chromglänzenden Harley Davidson ein Vergnügen ganz besonderer Art.

Anstelle von hell leuchtenden Flammen, bieten die Röhren ein dezentes Glimmen. Sie können dabei ganz offen zur Schau gestellt, oder bei Bedarf durch eine Verkleidung geschützt werden.

Geradezu gigantisch und vor allem für das hohe Gewicht verantwortlich, sind die riesigen, speziell für den Lyric Ti 120 gefertigten Transformatoren. Bei ihrer Auslegung wurde Wert auf geringste magnetische Streuung, breiten Frequenzgang und niedrigen Widerstand gelegt.

Im Innern des Gerätes findet man den klassischen, "fliegenden Aufbau" - auch "Point-to-point-Verdrahtung" genannt - mit ausschliesslich hochwertigen Bauteilen wie BHC Elektrolyt- und Mundorf M Caps Kondensatoren oder das motorgetriebene Lautstärkepotentiometer von Alps, das die Lautstärkeregelung via Fernsteuerung ermöglicht. Dass hier sauber gelötet wurde, zeigen all die vielen, hochglänzenden Lötstellen.

Komfortabel

Dieser Vollverstärker verfügt über 4 Line-Eingänge plus einen Tape-Ausgang, aber leider über keinen Phonoeingang.

Für Vinyl-Freunde bietet Lyric zwei externe Röhren-Phonostufen für MM und MC an.

Zum erstklassigen Finish passt die schlicht gestylte und mit einem stabilem Metallgehäuse versehene Fernsteuerung.

An ihr können alle Eingänge, die Lautstärke und sogar die Art der Gegenkopplung gewählt werden.

Welche Röhre darf's denn sein?

Während die in Russland gefertigten Doppeltrioden vom Typ 12AX7 die zarte Eingangs-Signalspannung hochpegeln, stabilisiert die Doppeltriode 6SN7, ebenfalls made in Russia, die Versorgungsspannung der Eingangs- und Treiberstufe.

Doppeltrioden vom Typ 12AU7 übernehmen die Aufgaben von Treiberstufen zum Ansteuern der Endröhren. Die eigentliche Kraft für die Lautsprecher kommt von den Leistungspentoden.

Der Umschalter mit den Stellungen "KT88-EL34" deutet es bereits an: Der Besitzer eines Ti 120 kann zwischen diesen beiden Röhrentypen, ja sogar unter sämtlichen Oktalsockel-Endröhren wie KT88, KT66, 6550, EL34 oder 6L6 wählen und das Gerät entsprechend abgleichen.

Beachten muss man, dass ein Betrieb mit der 6L6 nur die Hälfte der möglichen Leistung von rund 70 Watt pro Kanal bringt. Das Gerät wird mit KT 88 ausgeliefert. Doch es gibt auch Röhrenfans die auf die EL 34 schwören und die will man nicht enttäuschen.

Ein echtes Vergnügen - auch für technisch unbelastete User - ist es, den Bias der Röhren mittels eines kleinen Schraubendrehers an den entsprechenden Reglern hochpräzise einzustellen. Wenn beide LEDs neben den jeweiligen Röhren leuchten, stimmts!

Variable Gegenkopplung als Klangregler

Der Ti 120 bietet nicht, wie andere Röhrenverstärker, die Umschaltung von Pentoden- zum Triodenverstärker. Sein Klangtimbre lässt sich auf ganz andere Art und Weise variieren.

Der Ti 120 tut dies mit unterschiedlich starker Gegenkopplung. So gibt hier zwei Betriebsarten: Feedback "grün" (Der Hersteller spricht zwar im Manual von "gelb", doch wir sahen "grün"!) und Feedback "rot".

Die Stellung "rot" bedeutet wenig Gegenkopplung, "grün oder gelb" arbeitet hingegen mit mehr Gegenkopplung. Der Klangunterschied zwischen diesen beiden Betriebsarten ist, wie die Hörsessions es deutlich zeigen werden, überraschend gross.

Sound of Tubes

Nach einer Warmlaufphase hatte der Ti 120 an den Magneplanar XYZ, sowie konventionellen dynamischen Lautsprechern eine erste Kostprobe seines Könnens zu geben. Ein Blick auf die LEDs der Bias-Einstellung zeigte: Optimal vom Hersteller auf die KT 88 eingemessen - keine Nachregulierung notwendig! Bereits die ersten Höreindrücke im Feedbackmodus "grün", zeigte die hohe Klasse unseres Lyrikers.

Genau so stellt man sich die idealen Röhrenklänge vor und entzückte Hörer bezeichneten die Wiedergabe eines Streichquartetts mit "warm, vollmundig, homogen und räumlich eingebettet". Traumhaft schön dann auch die Klangfarben bei Choraufnahmen. Hinzu gesellte sich eine fantastische Räumlichkeit. Man verzeihe dem Autor die Schwärmereien, aber was hier an Klangschönheit und Raumklang aus nur zwei Lautsprechern geboten wurde, ist im heutigen High-Tech-Zeitalter zur Seltenheit geworden! Egal, ob Kammermusik, sakrale Orgelklänge oder ein wuchtiges sinfonisches Konzert - der Ti 120 vermittelte eine bezaubernde Live-Atmosphäre.

Doch bei jazzigen und rockigen Sounds hätte man sich doch ein Quäntchen mehr Druck und Vitalität gewünscht. Ein Alleskönner ist unser Lyriker also doch nicht! Oder doch? Hatten wir da nicht etwas vergessen? Ja klar! Es fehlten ja noch die Hörerfahrungen im Modus Feedback "rot"!

Also wurde der Feedbackschalter kurzerhand auf "rot" gestellt und plötzlich sassen die Hörer in einem ganzen anderen Film - pardon, Konzert. Jetzt fetzten strahlend helle Beckenimpulse und knallende Snare-Trommeln durch den Abhörraum. Die Sounds begannen zu rocken, die Stimmung zu knistern. Vorbei wars mit sanften, glockenreinen Klängen. Mit unerhörtem Punch kamen Gittarren-Riffs, die Stimmen wirkten kraftvoll-rauchig. Der E-Bass präsentierte sich nun als wahres Kraftpaket und setzte unter das ganze Klangspektakel ein gewaltiges und verblüffend stabiles Bassfundament. Und wieder mal war bewiesen, dass Rockmusik und Röhrenverstärker eben eine unzertrennliche Einheit sind...

Egal, ob Flächenstrahler mit geringer Empfindlichkeit oder konventioneller dynamischer Schallwandler, die Leistung des Lyric 120 reichte für beeindruckende Klangorgien völlig aus.

Zu den beiden Betriebsarten mit unterschiedlich starker Gegenkopplung ist zu sagen, dass sich "Feedback grün" ganz klar besser für feine klassische Klänge eignet, während die Stellung "rot", die Rock 'n' Roll Position ist und mit viel Punch - aber deutlich weniger Feingefühl - tüchtig zur Sache geht.

EL 34 in Concerto

2 Röhrentypen - 2 unterschiedliche Klänge: links KT 88, rechts EL 34

Nach diesem ersten Konzert, folgte eine kurze Verschnaufpause und die KT 88 Pentoden wurden durch EL 34 ersetzt. Nach der notwendigen Warmlaufzeit meldeten die LEDs zur Einstellung des Bias, aber auch deutlich hörbare Verzerrungen, dass eine Neueinmessung der Röhren notwendig wurde.

Bereits nach kurzer Hörzeit waren sich die Hörer einig: Dieses Klangbild ist auch auf der Stellung "Feedback grün" deutlich härter und analytischer, als mit den KT 88. Die Wiedergabe von Streichern erhielt auf "Feedback rot" denn auch von der Jury die rote Karte. Je nach Klangtimbre der verwendeten Lautsprechers können klassische Klänge deutlich zu hart erscheinen.

Andrerseits bieten die EL 34 gerade bei härteren musikalischen Gangarten ein Klangspektakel ganz besonderen Art. Von anderen Hörsessions war jedoch zu hören, dass dort die EL 34 generell bevorzugt wurde. Offenbar spielen hier Faktoren wie Raumakustik, Klangtimbre der Lautsprecher, Verkabelung, Schallquellen, Hörgewohnheiten und Wahl des Feedbacks eine gewichtige Rolle.

So ist es für den Besitzer eines Ti 120 eine wunderschöne Aufgabe, die für ihn optimale Röhrenkombination mit der passenden Stellung für die Gegenkopplung zu finden.

Fazit

Der Lyric Ti 120 zeigt in jeder Beziehung absolute Spitzenklasse. Er ermöglicht auch Röhren-Lovers mit sehr unterschiedlichen klanglichen Idealvorstellungen, musikalische Höhenflüge. Alles in allem ein Verstärker, der zwar was kostet, dafür die musikalischen Herzen seiner Besitzer(innen) auf lange Dauer höher schlagen lässt.

Info

Preis: 5790 Franken

Vertrieb: API Alps AG, www.novisgroup.ch , 043 355 75 35

 

STECKBRIEF
Modell:
Lyric Ti 120
Profil:
State of the Art-Röhrenverstärker, der die perfekte Anpassung sowohl an unterschiedlichste Lautsprecher, als auch persönnliche Klangvorstellung bietet.
Pro:
hervorragende Klangqualität; hohe Ausgangsleitung; erstklassige Verarbeitung; verschiedene Röhrenbestückung möglich ; Gegenkopplung wählbar; fernsteuerbar
Contra:
kein Phonoeingang;
Preis:
5,790.00 CHF
Hersteller:
Jahrgang:
2007
Vertrieb:
Masse:
44 x 22 x 39 cm mm
Gewicht:
28 kg kg
Farbe:
Chassis Chrom, schwarz , Frontblende: Schwarz, Silber
Verstärkerleistung 4 Ohm:
2 x70 Watt
Verstärkerleistung 8 Ohm:
2 x70 Watt
Wettbewerb