Praxis & Hörtest
Die Q110 stehen auf einem Metall-Fussgestell. Spikes, Unterteller und Gummifüsse liegen bei, je nach Boden wählt man die passende Ankopplung. Die Gehäuse sind mit robuster Vinylfolie bezogen, wahlweise in mattem Schwarz, mattem Weiss oder heller Eiche. Das ist im Alltag weniger heikel als Klavierlack. Die Verarbeitung ist makellos, die Abdeckungen aus schönem Stoff halten magnetisch. Die Q110 standen bei mir rund 20 cm vor der Rückwand. Für viele Bassreflex-Lautsprecher wäre das zu nah, die geschlossenen Q110 sind genau dafür ausgelegt. Alles, was ich im Hörtest über den Bass schreibe, gilt für diese wohnzimmertaugliche Aufstellung.
Solide Spikes auf hartem Boden, die Q110 stehen ruhig und festSeide, Rost und Leder
«Loser» ist kein audiophiler Track. Aber genau dieses Lied bringt Anlagen an ihre Grenzen. Es besteht aus drei Schichten. Am Anfang steht die helle, energiegeladene und doch luftige Gitarre, dann kommen die groben, rostigen und wuchtigen Drums und schliesslich Becks raue Stimme.

Seide, Rost und Leder. Je besser ein Lautsprecher diese drei Stoffe auseinanderhält, desto eher glaube ich ihm, dass er die Musik so abspielt, wie sie aufgenommen wurde. Volltreffer. Die Saiten der Gitarre sind klar herauszuhören, die Drums wirbeln förmlich Staub auf. Und Beck klingt wie gewohnt, als müsste er gleich kräftig husten. Drei Stoffe, drei Klangfarben, keine Verfärbungen, keine Schönfärberei.
Danach Beethovens Tripelkonzert in C-Dur, op. 56, erster Satz, mit Anne-Sophie Mutter, Yo-Yo Ma und Daniel Barenboim, der vom Klavier aus das West-Eastern Divan Orchestra leitet. Ich habe diese Aufnahme mindestens hundertmal gehört. Ich kenne jeden Einsatz der Geige und weiss, wie tief der Bass in jeder Passage hinunterreichen muss.

Ich war gespannt, ob ein so schlanker Lautsprecher dieser Preisklasse ein Konzert gleichzeitig seidenfein und wuchtig abbilden kann. Er kann. In den leisen Passagen bleibt die Geige seidig, wenn das Orchester anschiebt, reicht der Bass so tief, wie ich es von der Aufnahme kenne. Die Q110 sind nicht gigantisch, aber sie schlagen zu, wenn die Musik es verlangt. Ich bin kein Leisehörer, aber auch bei geringer Lautstärke funktionierten sie gut.

Dann wird es laut. Mein Stresstest ist kein Yello-Klassiker, sondern das Album «The Eye». Boris Blanks Handschrift ist überall zu hören, und für mich ist es bis heute das beste Yello-Album. Es ist ein Stress- und Finesse-Test zugleich. Auf mehreren Tracks lädt sich der Bass enorm auf, während sich im Hochton gleichzeitig feine räumliche Details abspielen. Das belastet das ganze Frequenzspektrum, bei mir auch noch mit hohem Pegel.
Viele Lautsprecher knicken hier ein oder werden oben herum scharf. Die Q110 nicht. Sie spielen mit Gelassenheit, die Details bleiben auch bei hohem Pegel erhalten, und der Bass zieht ordentlich mit. Wohlgemerkt an 50 Watt Class D.
Zwei Arten, Musik zu hören
Können die Q110 auch räumlich abbilden?«Humble Stance» in der Live-Version vom Album «In Transit» ist das, was man heute einen Banger nennt. Der Synthesizer oben herum verbindet sich nahtlos mit dem Mitteltöner, die Wucht ist körperlich spürbar. Das Publikum klatscht weit hinten im Raum. Spätestens hier hört man die Tiefe der Q110.

Ja, sie bilden räumlich ab. So extrem wie meine Wilson Audio Watt/Puppy 5.1? Nein. Ist das ein fairer Vergleich? Auch nein. Dazu muss man wissen, dass mein privates Set-up auf zwei Dinge ausgerichtet ist: Dynamik und räumliche Abbildung. Ich bin entsprechend selten beeindruckt, wenn es um Räumlichkeit geht.
Umso mehr hat mich überrascht, was die Q110 leisten, die viele Preisetagen tiefer liegen. Die Bühne erstreckt sich vor allem nach hinten, aber auch weit nach links und rechts und leicht nach oben. Was fehlt, ist die Projektion nach vorne. Das Gefühl, dass Michael Sadler direkt vor mir in der Raummitte steht, hatte ich nicht. Gestört hat es nicht, und die Q110 versuchen es auch gar nicht. Sie wollen einem nicht ins Gesicht springen, und das ist gut so. Der Freiraum vor den Lautsprechern zieht einen in die Musik hinein.
Weniger Projektion heisst übrigens nicht weniger Kraft. Ich konnte lange laut hören. Sehr lange, sehr laut.
Couch oder Sog
Wie anders man Lautsprecher bauen kann, zeigt die Vestlyd V12C aus Dänemark. Sie setzt auf einen 12-Zoll-Koaxialtreiber mit Kompressionshochtöner, Bassreflex und 93 dB Wirkungsgrad. Ihr Versprechen ist Konzertpegel im Wohnzimmer, und das hält sie. Die V12C drückt einen in die Couch.
Wie man gerne Musik hört, ist Geschmackssache. Lieber die volle Wucht oder doch zum Entspannen?Die Q110 machen das Gegenteil. Bei ihnen fällt man eher in den Lautsprecher hinein, man wird von der Musik umschlungen statt angesprungen. Das ist eine andere Art, Musik zu hören, die eher der Idee von High Fidelity entspricht. Welche Art einem besser gefällt, ist Geschmackssache.
Was mich stört
Die grössten Kritikpunkte betreffen nicht den Klang. Man kann sie also als Geschmackssache abtun. Erwähnen will ich sie trotzdem.
Sonos, Sonoro und jetzt Sonox? Ich bin kein Marketing-Experte. Aber dass der Name so nah an zwei Marken liegt, die eher für Lifestyle- und Multiroom-Audio stehen als für audiophilen Lautsprecherbau, finde ich unglücklich. Ob daraus Verwechslungen entstehen, kann ich nicht beurteilen.
Dazu kommt der Auftritt. Das Sonox-Icon auf der Website und auf Instagram wirkt frisch und durchdacht, mit modernem Metall-Look. Der weisse Schriftzug auf dem Lautsprecher selbst hat davon nichts. Er ist unauffällig und ohne eigene Identität. Vermutlich will man nicht aufdringlich sein, aber das Design kippt so eher in die Langeweile.
Dass es anders geht, zeigt Rowen selbst. Der Refyn ist erfrischend neu gestaltet, absolut untypisch für die Marke und richtig cool. Sonox hätte auch mit Farben spielen dürfen. Die schlanken Q110 würden zum Beispiel in Rot oder Orange hervorragend aussehen. Stattdessen gibt es Schwarz, Weiss und helle Eiche. Nicht alles muss ein Statement sein. Aber am Ende des Tages sind die Q110 einfach viel mehr, als sie nach aussen zeigen.
Fazit
Die Q80 hatten eine Lücke, die Q110 haben sie geschlossen. Was auf dem Papier nach drei zusätzlichen Subbässen aussieht, macht im Hörraum den Unterschied zwischen einem guten und einem vollständigen Lautsprecher. Die Feinheit der kleinen Schwester bleibt, dazu kommt der Körper, der ihr gefehlt hat. Und das an einem 50-Watt-Verstärker, laut und über Stunden, ohne dass es je anstrengend wird.
Wer mit der Q80 liebäugelt, sollte deshalb noch etwas sparen. Der Sprung zur Q110 lohnt sich definitiv. Die Q80 klingt gut, die Q110 klingt fertig.
Die Bühne rückt nicht nach vorne in den Raum, und das Design verkauft die Q110 unter Wert. Das eine ist Charakter, das andere Geschmackssache. Wer einen Lautsprecher sucht, der einem das Konzert ins Gesicht drückt, ist mit einer Vestlyd V12C besser bedient. Wer lieber in die Musik hineinfällt, sollte die Q110 unbedingt anhören. Für CHF 2'200 pro Paar bieten sie ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Schade nur, dass man ihnen das von aussen nicht ansieht.


