Videokameras für engagierte Amateurfilmer, oft als Prosumer bezeichnet, sind rar geworden. Die Hersteller verweisen auf ihre filmenden Fotokameras und bieten höchstens noch Actioncams oder einfache Familien- und Feriencamcorder mit "Babyfunktion" an.
Diese Lücke versuchte Panasonic schon vor drei Jahren mit dem Prosumer-Modell HC-X1000 zu schliessen. Dieser Camcorder nimmt die Bilder über einen 1/2,3-Zoll-BSI-Sensor auf. Damit erzielt er eine fantastische Detailschärfe und Tiefenwirkung, hat jedoch Probleme bei ungünstigen Lichtverhältnissen. Dann erscheinen vor allem im Automatikmodus schnell Rauschen und Bildgrieseln auf den Aufnahmen.
Das neue Modell HC-X1 löst dieses Problem mit einem für Videoverhältnisse grossen Ein-Zoll-MOS-Sensor. Dadurch ist es lichtstärker, erzielt schöne Hintergrundunschärfen ("Bokehs") und lässt sich dennoch schnell und präzise scharfstellen.
Damit reiht sich die HC-X1 in die Riege der "Einzöller" ein, die diese Chipgrösse als besten Kompromiss zwischen Bauform, Schärfe und szenischem Filmen mit unscharfem Hintergrund ansehen. Und muss sich gleichzeitig den Mitbewerber wie etwa Sonys FDR-AX100, PXW-X70, der neuen PXW-Z150 oder der Bridgekamera F2000 und der bald erscheinenden Systemkamera Lumix GH5 mit noch grösserem Sensor aus dem eigenen Haus stellen.
Bewährtes übernehmen
Die Herkunft vom HC-X1000 ist unverkennbar. So wurde die Handgriff-Bauform mit den Einstell-Ringen am Objektiv und den versetzt angeordneten XLR-Anschlüssen ebenso übernommen wie die eingebauten ND-Filter und die doppelten Speicherkarten-Einschübe.
Die neue Kamera ist länger geworden und kommt wuchtiger daher. Sie hat meiner Meinung nach durch etwas zu viel Kunststoff ein "plastikhaftes" Aussehen und verliert durch den auffälligen, hinteren "Gummi-Schutz" an Profi-Feeling. Mit einem Gewicht von 2460 Gramm ist sie rund 800 Gramm schwerer als die HC-X1000 und gehört definitiv nicht mehr in den Amateur-Bereich.
Dies zeigen auch die unabhängig voneinander arbeitenden Zoom-, Fokus- und Blendenringe am Objektiv und weitere Schalter und Regler am Gehäuse. Dann gibt es insgesamt 13 Favoriten-Tasten, die der Nutzer mit seinen bevorzugten Einstellungen schnell belegen und auswählen kann. Ausserdem verfügt der neue Camcorder über Hilfsfunktionen, um schnell und präzise manuell scharfstellen zu können.
Ein 8,9 cm (3,5 Zoll) grosses, um 270 Grad drehbares LCD-Display dient als hochauflösender Monitor mit 1,2 Millionen Bildpunkten und als Touchpanel für Kamerabedienung und Menünavigation. Wird es nicht benötigt, lässt es sich komplett in den Haltegriff einschieben. Dann kann die HC-X1 komplett über den mit 1,8 Megapixel hochauflösenden OLED-Sucher und den Kameratasten bedient werden. Der Sucher erleichtert die Bildkontrolle auch draussen im Sonnenlicht und liefert eine ausgezeichnete Farbwiedergabe.
Im Objektiv des HC-X1 sind drei optische ND-Filter eingebaut, um die einfallende Lichtmenge zu reduzieren. So sind auch bei hellstem Sonnenschein lange Belichtungszeiten oder grössere Blendenöffnungen möglich.
Gegen Überhitzung besitzt die Kamera einen Ventilator, dessen leichtes Rauschen in ruhiger Umgebung deutlich zu hören ist. Dies sollte man bei leisen Tonaufnahmen berücksichtigen.
Nicht zu übersehen: Die etwas aufgesetzt wirkende "Gummi-Schutz"-Verlängerung hinten links am HC-X1.Ausstattung satt
Brennweiten-Riese: Der 20-fache optische Zoom vom Vorgänger wurde übernommen, neu hingegen ist der 1-Zoll-MOS-Sensor, der mit mehr Lichtreserven ein deutlich sichtbarer Qualitätsgewinn darstellt.Der HC-X1 ist mit einem Leica-Dicomar-4K-Objektiv ausgestattet. Der 20-fache optische Zoom reicht im Telebereich bis auf 480 mm. Im Weitwinkelbereich hat es eine sensationelle Anfangsbrennweite von 24 mm. Diese ist jedoch nur beim Filmen im Cinema-4K-Format (4096 x 2160 Pixel) nutzbar.
Im normalen 4K-UHD-Modus mit 3840 x 2160 Pixel und bei Full-HD sind es noch 25,4 mm. Der Unterschied erscheint zwar gering, doch vor allem bei Innenaufnahmen ist man oft um jeden weiteren Millimeter Weitwinkel dankbar.
Der optische Zoom kann mit der Funktion [i.Zoom] bei Full-HD-Aufnahmen auf 30-fach erhöht werden, ohne dass die Bildqualität darunter leidet. Zusätzlich stehen digitale Zoomvergrösserungen bis Faktor 10 bereit, die man am besten ausgeschaltet lässt, da sie nur das Bild verschlechtern.
Der neue 1-Zoll-MOS-Sensor sorgt gegenüber dem 1/2,3-Zoll-Sensor des Vorgängers HC-X1000 für mehr Spielraum bei der Schärfentiefe sowie eine exzellente Balance zwischen Bildqualität und Empfindlichkeit. Besonders bei weniger Licht ist hier ein deutlicher Qualitätsgewinn sichtbar. Die Anfangsblende der neuen Optik beträgt f/2,8, voll eingezoomt noch f/4,5. Beim Vorgänger waren es f/1,8 bis f/3,6.
Der Korrekturbereich des optischen Bildstabilisators (O.I.S) wurde gemäss Panasonic auf ungefähr 900% des bisherigen Bereichs ausgeweitet. Eine 5-Achsen-Bildstabilisierung (Hybrid O.I.S) im Full-HD-Modus nimmt die elektronische Stabilisierung mit hinzu und kann dadurch horizontale und vertikale Verschiebung und auch die Rollbewegung bei Bildverwacklungen ausgleichen.
Dies funktioniert in der Praxis tatsächlich verblüffend gut, wenn man sich mit den verschiedenen Stabilisierungsparametern befasst und sie entsprechend einstellt. So lassen sich die Art der Kameraerschütterung wie auch deren Frequenz der jeweiligen Aufnahmesituation anpassen. Man optimiert den Stabilisator auf seine eigene "Zitterfrequenz".
Nur schade, dass der Hybrid O.I.S. im 4K- und UHD-Videomodus nicht funktioniert. Hier sind durch die hohe Auflösung Zittern und Verwacklungen im Bild besonders gut sichtbar. Ein Stativeinsatz ist deshalb bei 4K-Aufnahmen, vor allem im Telebereich, wärmstens empfohlen.
Variable Aufnahmeformate
Bei den Videoformaten überrascht die HC-X1 mit vielen Auflösungen und Formaten, die auch teurere Profigeräte oder filmende Fotokameras nicht zu bieten haben. Allen voran steht die Möglichkeit, in UHD (3840 x 2160 Pixel) mit bis zu 60 Bildern pro Sekunde zu filmen. Damit kommen auch schnell bewegte Motive ohne Ruckeln und Stottern in bester Qualität aufs Bild.
Selbst das Cinema-4K-Format mit 4096 x 2160 Pixeln und 24 Vollbildern steht für Filmproduktionen zur Verfügung. Und in Full-HD (1920 x 1080, bis zu 60p) darf auch im All-Intra-Format mit einer Datenrate von 200 Megabit pro Sekunde aufgenommen werden. Als Dateiformate stehen MOV (Quicktime), MP4 und AVCHD zur Verfügung und bieten flexiblen Einsatz von Kinoproduktionen bis zur Online-Content-Erstellung.
Im neuen Aufnahmemodus VFR (Variable Frame Rate) lassen sich nun die Bildfrequenzen in zehn Stufen von 2 auf 60 B/s einstellen. Dies ermöglicht beispielsweise Zeitraffer- und sanfte Zeitlupeneffekten.
Was den absoluten Bildqualitätsfanatiker oder Profi stören könnte: Die HC-X1 arbeitet intern mit 8-Bit-4:2:0-Aufzeichnung. Der externe HDMI-Ausgang liefert nur bei Full-HD und bis UHD 30p ein 8-Bit-4:2:2-Signal, bei UHD 50p und 60p erfolgt die Ausgabe mit 8-Bit 4:2:0. Wird gleichzeitig in der Kamera aufgenommen, sinkt die externe Ansicht auf Full-HD. Eine 10-Bit-Ausgabe ist nicht möglich, eine SDI-Buchse fehlt.
Dafür zeichnet die Kamera auf günstige SDXC-Karten auf, benötigt also keine speziellen herstellereigenen Aufnahmemedien. Gleich zwei Kartenschächte sind vorhanden, die sich variantenreich einsetzen lassen. So können Aufnahmen nahtlos von Karte eins auf Karte zwei weitergeführt werden. Bei der gleichzeitigen Aufnahme wird das Video auf beiden Karten, zum Beispiel als Sicherung, parallel aufgenommen.
Bei der Hintergrundaufnahme zeichnet eine Karte ununterbrochen auf, während auf der anderen nur die Start/Stopp-Sequenzen gespeichert werden. Der Dual-Codec-Modus schliesslich erlaubt zwei Aufnahmen in verschiedenen Videoformaten.
Panasonic empfiehlt für UHD-Aufnahmen in bester Qualität SDXC-Speicherkarten mit Geschwindigkeitsklasse UHS 3 und mit mindestens 64 GB Kapazität.
Auch die Tonabteilung des HC-X1 gibt sich professionell. Sie verfügt über zwei XLR-Audiobuchsen zum Anschluss externer Mikrofone oder zum Line-in-Recording. Für professionelle Kondensatormikrofone lässt sich eine 48-V-Phantomspeisung zuschalten. Die Tonregelung und Quellenwahl geschieht direkt an der Kamera, man muss dazu nicht erst ein Menü aufrufen.
Ergonomisch sinnvoll: Die XLR-Buchsen sitzen nicht wie üblich nebeneinander, sondern sind versetzt angebracht. Eine vorne am Haltegriff, die zweite hinten unter den Anschlüssen. So kommen sich die Kabel nicht in die Quere.
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