MUSIKREZENSION
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Publikationsdatum
15. Juni 2026
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Schock für die Ohren – oder nur eine Marketing-Übertreibung?

Wer nach den Gründen für den Erfolg und die Reputation des Chiaroscuro Quartet sucht, erkennt mehrere entscheidende Faktoren.

Da wäre einmal das Instrumentarium. Gespielt wird auf Originalinstrumenten aus der Epoche. Die Instrumente sind mit Darmsaiten bespannt, anstelle der heute üblichen Stahlsaiten. Auch der moderne Bogen weicht dem nach oben gekrümmten Barockmodell. Gestimmt wird auf 432 Hz für den Kammerton A (aI), heute üblich sind 440 Hz.

Dies allein ergibt schon ein Klangbild, eine Tonalität, die vom Gewohnten abweicht.

Darauf baut eine Interpretation, welche die Tiefe einer Komposition auslotet, Akzente beleuchtet und mit präziser Spielweise zum genauen Hinhören verleitet. Chiaroscuro: Hier ist der Name Programm. Der Begriff beschreibt eine barocke Maltechnik, die auf dramatische Hell-Dunkel-Kontraste setzt und so das Auge des Betrachters gezielt lenkt.

Und da wäre Tonmeister Oscar Torres, der anstelle eines distanzierten, nach Homogenität strebenden Klangbilds die Nähe sucht und so das ungemein facettenreiche Spiel der vier Musikerinnen und die besondere Tonalität des Instrumentariums packend einfängt.

Die Klangcharakteristik von Saiten, Bogen und Stimmung

Instrumente entwickeln sich über die Zeit mit dem Wandel der Musik, durch neue Materialien und Fertigungstechniken. Instrumentenbauer sehen die Limits ihrer Produkte, Musiker haben Wünsche, suchen Spielbarkeit und Ausdrucksmöglichkeiten. So ist eine Böhmflöte in einem grossen Orchester besser hörbar als eine Traversflöte aus Holz; ein Ventilhorn ist leichter zu spielen mit erweitertem Tonspektrum als der ventillose Vorfahre, bei dem chromatische Töne durch Stopfen mit der Hand erzeugt werden müssen.

Stahlsaiten sind lauter, stabiler und setzen sich mit ihrem hellen Klang besser durch. Eigenschaften, die der Darmsaite abgehen. Dafür klingt diese wärmer mit einem anderen Obertonspektrum, geprägt durch Klangfarbenreichtum. Weniger stabil und damit anspruchsvoller als auf Stahl ist das Spiel auf Darmsaiten. Dafür – und besonders, wenn ein Barockbogen dazukommt, mit dem sich die Artikulation feiner steuern lässt – steht dem Spieler ein erweitertes Feld an Gestaltungs- und Interpretationsmöglichkeiten offen.

Ein angespielter Ton auf einer Violine mit Darmsaiten zeigt ein längeres Einschwingverhalten, der Ton ist nicht sofort aufgebaut. Die Haare des Barockbogens erzeugen einen geringeren Druck auf die Saiten, was die Spieltechnik verändert. Insgesamt ergibt sich ein weniger durchsetzungsfähiges Klangbild, was bei grossen Orchesterwerken in grossen Sälen von Nachteil ist. Dafür öffnet sich bei Kammermusik, wie den Beethoven-Streichquartetten, ein faszinierendes Spektrum an klanglichen Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Stimmung ist kein Naturgesetz

Auf welcher Frequenz, das heisst, Tonhöhe, sich der Bezugston A (Kammerton aI), aus dem dann alle Töne und Intervalle abgeleitet werden, genau befindet, war vor 1939 nicht normiert. Zu Beethovens und Mozarts Zeiten konnte die Stimmung von 400 bis 450 Hz variieren. Dominant war der Bereich um 430 Hz. Heute gilt 440 Hz als Standard. 432 Hz findet man oft in Zusammenhang mit historisch orientierter Aufführungspraxis.

8-Hz-Tonhöhendifferenz – macht das klanglich überhaupt einen Unterschied? Ja, und das überraschend deutlich. Im folgenden Video von und mit Fabio Imbergamo ist der klangliche Unterschied zwischen den beiden Stimmungen gut nachvollziehbar.

Eine von Fabios Violinen wurde auf 432 Hz gestimmt. Diese wurde dann einen Monat lang an diese Stimmung akklimatisiert, um anschliessend einige Stücke einzuspielen. Danach wurde die exakt gleiche Prozedur mit 440 Hz durchgeführt.

0:00 INTRO 3:11 Vivaldi Concerto "La Primavera" I 4:20 "La Primavera" III 5:02 Vivaldi "L'Estate" III 5:51 Mozart Sonata K. 305 6:46 Brahms Sonate op. 78 9:26 Massenet Méditation from Thaïs 11:55 Imbergamo "Pensieri d'amore" 11:26 Final opinions
Das Chiaroscuro Quartet in der ersten Zusammensetzung mit dem spanischen Violinisten Pablo Hernán Benedí an der 2. Violine.Das Chiaroscuro Quartet in der ersten Zusammensetzung mit dem spanischen Violinisten Pablo Hernán Benedí an der 2. Violine.

Chiaroscuro – ein HIP-Quartett

Das Chiaroscuro Quartet wurde 2005 am Londoner Royal College of Music von der russischen Violinistin Alina Ibragimova (1. Geige), dem spanischen Violinisten Pablo Hernán Benedí (2. Geige), der schwedischen Bratschistin Emilie Hörnlund und der französischen Cellistin Claire Thirion gegründet. In der aktuellen Formation spielt die Französin Charlotte Saluste-Bridoux die zweite Geige, wodurch Chiaroscuro zum reinen Frauenensemble mutiert.

Das Repertoire, die Diskografie des Ensembles umfasst Musik der Klassik und frühen Romantik, mit Anspruch auf historisch informierte Interpretation und dem Spiel auf konsequent originalem Instrumentarium. Konsequent mit Darmsaiten, Barockbogen und Vibrato als gelegentlichem Ornament, statt Dauerzustand.

Auf originalen Instrumenten mit Darmsaiten und Barockbogen HIP zu spielen (historically informed performance) ist anspruchsvoll, da die Stabilität der Intonation geringer ist als bei modernen Instrumenten. Was besonders im Streichquartett heikel ist. Demgegenüber steht ein obertonreiches Klangspektrum, verbunden mit einem unterschiedlichen Ein- und Ausschwingverhalten im Vergleich zu einem Streichinstrument mit Stahlsaiten und modernem Bogen.

Es erstaunt daher nicht, dass es nur wenige HIP-Streichquartette gibt. Die meisten wurden nach 2000 gegründet. Das Chiaroscuro Quartett gehört zu den führenden Ensembles in dieser Kategorie.

Chiaroscuro und der Beethoven-Zyklus

Im März 2026 erschien das vierte Album des Beethoven-Zyklus mit den ersten zwei der drei Rasumowsky-Quartette, Op. 59 Nr. 1 und Nr. 2.

Komplette Werkeinspielungen erfolgen beim Chiaroscuro Quartet über die Zeit. Beeindruckend ist auch die Reihe mit Haydn-Quartetten, aber auch Schuberts Meisterwerk «Der Tod und das Mädchen» oder Mozarts drei Preussische Quartette.Komplette Werkeinspielungen erfolgen beim Chiaroscuro Quartet über die Zeit. Beeindruckend ist auch die Reihe mit Haydn-Quartetten, aber auch Schuberts Meisterwerk «Der Tod und das Mädchen» oder Mozarts drei Preussische Quartette.

Die besondere Klangsprache des Chiaroscuro Quartet ist sofort hörbar, die Detailarbeit der vier Musikerinnen ist beeindruckend. Mit den drei Rasumowsky-Quartetten hat Beethoven Neuland betreten – nicht nur, was deren Komplexität betrifft. Der stilistische Wandel gegenüber den sechs Quartetten Op. 18 ist offensichtlich. Das damalige Publikum war mit den Werken zunächst überfordert und beurteilte sie denn auch wenig wohlwollend – ein Urteil, das sich mit der Zeit änderte, nachdem Publikum und Kritik die Werke zu fassen vermochten.

Standen im Barock die Noten noch weitgehend ohne Spielanweisungen – Akzentuierungen, Dynamik, Tempi und dergleichen – auf dem Blatt, so finden sich bei Beethoven nun minutiöse Spielvorgaben, eigentliche Ausdrucksbezeichnungen. Diese engen den Interpretationsspielraum der Musiker ein, zugunsten der Intention des Komponisten.

Wie genau halten sich die Musiker nun an diese Vorgaben, wie gestaltet sich die Feinabstimmung untereinander? Was heisst etwa «Mezzoforte-Piano» genau? Mittellaut spielen und sofort ins Piano wechseln – innerhalb einer einzigen Note. Trotz der engen Vorgaben des Komponisten bleiben Details offen, es besteht ein Spielraum.

Der unterschiedliche Umgang der Ensembles mit dieser Ausgangslage und die sich im Lauf der Zeit wandelnden Interpretationsauffassungen führen zu einer grossen Vielfalt an Einspielungen.

Die Chiaroscuro-Maltechnik arbeitet mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten – auf die Musik übertragen heisst das: ein deutliches Herausschälen kompositorischer Feinheiten und Kanten, das Beleuchten von Details, der subtile Aufbau von Spannungsbögen. Zum Klangfarbenreichtum der Originalinstrumente passt das ungemein feine und präzise Spiel der vier Musikerinnen, der zarte Bogenstrich. Das Quartettspiel ist nicht von der ersten Violine oder vom stimmführenden Instrument her ausgerichtet; die Präsenz der vier Instrumente ist ausgewogen – was die Aufnahmetechnik zusätzlich stützt.

Interpretationen im Wandel

Als Gegenüberstellung dient eine Aufnahme der ersten beiden Rasumowsky-Quartette mit dem renommierten Alban Berg Quartett aus dem Jahr 1979. Beim Hörvergleich der beiden Ensembles – die beiden Aufnahmen liegen 47 Jahre auseinander – fällt der unterschiedliche Klang sofort auf. Dies liegt einerseits an der Differenz des Kammertons 440 Hz beim Alban Berg Quartett gegenüber 432 Hz beim Chiaroscuro Quartet. Andererseits sind auch im Ausdruck, im musikalischen Fokus die Unterschiede deutlich. Das Alban Berg Quartett akzentuiert gezielt die starken Kontraste und dominiert in den Höhepunkten. Im Gegensatz dazu steht beim Chiaroscuro Quartet die innere Entwicklung der Komposition im Vordergrund – unterstrichen auch durch die fehlende Dominanz der ersten Violine.

Das Alban Berg Quartett spielt auf langen Noten mit konstantem Vibrato, das Chiaroscuro Quartet ohne. Zu Beethovens Zeit war das Vibrato ein Ausdrucksmittel und kein Dauerzustand – was dem HIP-Anspruch des Chiaroscuro Quartet entspricht.

Interessanterweise spielt das Alban Berg Quartett das Op. 59 leicht schneller als das Chiaroscuro Quartet, was atypisch ist: Tendenziell werden Werke heute schneller, aber dennoch präzise gespielt.

Beethovens erste zwei Rasumowsky-Quartette vom Chiaroscuro Quartet und vom renommierten Alban Berg Quartett aus dem Jahr 1979.Beethovens erste zwei Rasumowsky-Quartette vom Chiaroscuro Quartet und vom renommierten Alban Berg Quartett aus dem Jahr 1979.

Auch bei Beethovens Op. 74, dem sogenannten Harfenquartett, das den Namen durch die markanten Pizzicato-Passagen erhalten hat, ist das oben Gesagte erkennbar. In der Coda, gegen Ende des ersten Satzes (Adagio‑Allegro), steuert das Stück ab Takt 209 (Chiaroscuro ab Min. 7:59, Alban Berg ab Min. 7:54) einem über 37 Takte aufgebauten Höhepunkt zu, bei dem die höhere Stimmung mit Stahlsaiten (Alban Berg) mehr Strahlkraft und Druck am Höhepunkt erzeugt. Beim Chiaroscuro Quartet dagegen liegt der Fokus beim Aufbau zum Höhepunkt, der wärmer und schmelzender klingt.

Dennoch sind die Dynamikunterschiede beim Chiaroscuro Quartet grösser, das Laute-Leise-Spektrum wird stärker als Ausdrucksmittel gewichtet.

Die Aufnahmen

Wie beim Label BIS gewohnt, bewegen sich die Aufnahmen mit dem Chiaroscuro Quartet auf hohem Niveau und liegen im HiRes-Format vor. Allerdings bringt die Samplingfrequenz von 192 kHz gegenüber 96 kHz keinen Mehrgewinn. Wer die Alben als Download erwirbt, wählt die 96-kHz-Variante und spart einige Franken.

Die analoge Aufnahme mit dem Alban Berg Quartett aus dem Jahr 1979 steht qualitativ ebenfalls auf hohem Niveau. Das 2016 erstellte Remaster der alten Bänder ist gelungen. Die Spektralanalyse belegt eine rauschfreie Datei ohne Artefakte.

Der Signalwellenverlauf zeigt die Dynamikunterscheide zwischen dem Chiaroscuro- und dem Alban Berg Quartett.Der Signalwellenverlauf zeigt die Dynamikunterscheide zwischen dem Chiaroscuro- und dem Alban Berg Quartett.
Im hörbaren Bereich ist das Spektrum der beiden Aufnahmen nahezu identisch. Die HiRes-Aufnahme mit dem Chiaroscuro Quartet weist einen Frequenzumfang bis rund 35 kHz auf, das analoge Alban-Berg-Remaster reicht bis 19 kHz.Im hörbaren Bereich ist das Spektrum der beiden Aufnahmen nahezu identisch. Die HiRes-Aufnahme mit dem Chiaroscuro Quartet weist einen Frequenzumfang bis rund 35 kHz auf, das analoge Alban-Berg-Remaster reicht bis 19 kHz.

Fazit

Das Chiaroscuro Quartet bringt eine andere Sichtweise auf bekannte Werke der Quartettliteratur, öffnet die Ohren in eine andere Klangwelt. Die Diskografie des Quartetts umfasst mehrere Haydn-Alben, aber auch Werke von Mozart und Schubert. Ob am Ende die Version des Alban Berg Quartetts in der Spieltradition und Aufnahmetechnik des ausgehenden 20. Jahrhunderts besser gefällt als die «modernere» historisch informierte Spielweise mit Originalinstrumenten ohne Dauervibrato, ist Ansichtssache. Empfehlenswert sind beide und ein Pendeln zwischen den Interpretationen und Stilen hat auch seinen Reiz.

Fritz Fabig Gastautor

Fritz Fabig ist passionierter Musikliebhaber mit Schwerpunkt in der Klassik-Epoche. Nach einer elektrotechnischen Ausbildung und Management/Marketing Weiterbildung erfolgte ein Wechsel in die Audio Branche. Beinahe zwei Dekaden war Fritz Fabig Geschäftsführer der B&W Group Schweiz. Seit Ende 2021 ist er als freischaffender Berater tätig.
STECKBRIEF
Interpret:
Chiaroscuro Quartet
Albumtitel:
Beethoven-Streichquartette Op. 59 Nr. 1 und 2
Komponist:
Ludwig van Beethoven (1770–1827)
Herkunft:
Schweden
Label:
BIS
Erscheinungsdatum:
6.3.2022
Spieldauer:
1h 17m 57s
Tonformat:
FLAC 24Bit/192 kHz – Stereo
Aufnahmedetails:
Aufnahmeort: Wyastone Concert Hall, Monmouth UK
12.-16.1.2025
Tonmeister/Mastering: Oscar Torres
Medium:
Download/Streaming/Hybrid SACD
Musikwertung:
10
Klangwertung:
9
Bezugsquellen