In der schnelllebigen High-Fidelity-Welt stellt die britische Manufaktur Audio Note (UK) eine Anomalie dar. Unter der Leitung von Peter Qvortrup gibt es selten neue Produkte, stattdessen verfolgt man die Philosophie der evolutionären Perfektionierung. Der Vollverstärker Oto SE bildet seit 1991 das Fundament von Audio Note und gilt als einer der meistverkauften Single-Ended-Röhrenverstärker weltweit. Das Gerät markierte damals den Einstieg in die Welt der reinen Class-A-Verstärkung ohne Gegenkopplung – ein Prinzip, dem Audio Note bis heute treu bleibt.
Die nun lancierte 35th Anniversary Edition ist keine Neukonstruktion, sondern eine konsequente Materialveredelung. In der Hierarchie des Herstellers, die Produkte in «Levels» einteilt, schliesst dieses Jubiläumsmodell die Lücke zwischen dem Standard-Oto und den deutlich kostspieligeren Meishu-Modellen.
Die konstruktive Basis der 35th Anniversary Edition bleibt das bewährte Parallel-Single-Ended-Layout mit vier EL84-Leistungsröhren, die eine Ausgangsleistung von etwa 10 Watt pro Kanal im reinen Class-A-Betrieb bereitstellen sollen. Entscheidend bei diesem Jubiläumsmodell ist die massive Aufwertung der passiven Bauteile, die massgeblichen Einfluss auf die Signalreinheit haben. Anstelle der Standardkomponenten kommen hier die hauseigenen Audio-Note-Kupferfolienkondensatoren sowie Tantalum-Widerstände zum Einsatz. Die Schaltung verzichtet, wie bei Audio Note üblich, vollständig auf eine globale Gegenkopplung, was eine extrem präzise Fertigung der Ausgangsübertrager voraussetzt. Diese Transformatoren werden für die Anniversary Edition nach engeren Toleranzen gewickelt und nutzen einen hochwertigeren Kern aus M6-Stahl-Laminat.
Die Stromversorgung wurde ebenfalls überarbeitet und soll eine höhere Stabilität bei dynamischen Lastspitzen bieten. Das Gehäuse behält das klassische, fast schon spröde Design der Neunzigerjahre bei, verfügt jedoch über eine massiv gefertigte Frontplatte aus schwarzem Acryl oder gebürstetem Aluminium mit vergoldeten oder verchromten Bedienelementen.
Auf der Rückseite finden sich fünf Hochpegeleingänge sowie eine Tape-Schleife. In der Phono-Version ist ein dedizierter MM-Eingang integriert, der auf zwei ECC83-Röhren basiert und eine passive RIAA-Entzerrung nutzt.
Das Bedienkonzept ist rein manuell; auf digitale Schnittstellen, Displays oder eine Fernbedienung verzichtet der Hersteller konsequent – sie könnten potenzielle Störquellen darstellen. Die Lautsprecherklemmen sind für 4- und 8-Ohm-Lasten separat ausgeführt.
Im direkten Wettbewerbsumfeld wirkt der Oto SE 35th Anniversary Edition wie ein Anachronismus. Während moderne Hybrid-Verstärker von Marken wie Unison Research oder Vincent deutlich mehr Leistung und Komfortfunktionen bieten, setzt Audio Note auf eine kompromisslose Spezialisierung. Die geringe Ausgangsleistung von 10 Watt limitiert die Auswahl der Lautsprecher drastisch; ein Wirkungsgrad von über 90 dB ist in der Praxis nahezu zwingend erforderlich. Als ähnlich konzipierten Konkurrenten könnte man noch den Luxman SQ-N150 anführen.
Der Wert der Audio-Note-Verstärker liegt in der handwerklichen Tiefe und der klanglichen Textur durch das Single-Ended-Konzept. Kritisch zu hinterfragen bleibt der Verzicht auf jeglichen Komfort; eine Fernbedienung für die Lautstärke wäre im modernen Alltag auch für Puristen ein Gewinn. In der Schweiz ist die Audio Note Oto SE 35th Anniversary Edition exklusiv bei Ouir je nach Ausführung (Line oder Phono) für 6450 CHF oder 7800 CHF erhältlich.
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