MUSIKREZENSION
ARTIKEL
Publikationsdatum
6. Juli 2026
Themen
Drucken
Teilen mit Twitter

«Dieses Album ist all den Jazzgrössen gewidmet, deren Musik, Weisheit und Grosszügigkeit mein Leben verändert haben.» Ihr Traumprojekt, Musik für eine 17-köpfige Big Band zu komponieren und zu arrangieren, konnte Helen Sung dank der Guggenheim-Stiftung verwirklichen: Sie war 2021 eine von 184 für ein Fellowship ausgewählten Personen und erhielt einen ansehnlichen Betrag in der Sparte «Music Composition». Während ihrer Arbeit an diesem Grossprojekt behauptete sie dann, dass dies ihr erstes und letztes Big-Band-Album sei, was jedoch von ihren Bewunderern und Freunden bezweifelt wird.

Helen Sung

Geboren in Houston (TX) in eine Familie chinesischer Einwanderer, schloss Helen Sung ihre Ausbildung in klassischer Musik (Schwerpunkt Klavier) mit einem Master an der University of Texas at Austin ab. Während jener Zeit kam sie auch zum ersten Mal mit Jazz in Kontakt, wurde in die erste Klasse des damals neu gegründeten Thelonious Monk Institute of Jazz Performance (heute Herbie Hancock Institute of Jazz Performance) aufgenommen.

Während ihrer Zeit am Jazz Institute erhielt Helen konkrete Ratschläge, z. B. von Ron Carter: «Wenn du im Jazz deine persönliche Stimme finden willst, musst du eigene Musik schreiben und spielen», was für die Pianistin mit Ausbildung in klassischer Musik eine völlig neue Betrachtungsweise war. Und Jimmy Heath erklärte ihr die demokratische Idee des Jazzorchesters, wo jeder sein Bestes gibt für die Gruppe, damit er (oder sie) sich selbst frei entfalten kann.

So spielte sie denn mit und lernte von Jazzgrössen wie Clark Terry, Wayne Shorter, Ron Carter, Wynton Marsalis and the Jazz at Lincoln Center Orchestra, Dee Dee Bridgewater, Regina Carter und vielen anderen. Sie gewann verschiedene Preise, unter anderem die «Mary Lou Williams Jazz Piano Competition» des Kennedy Centers.

Heute lebt sie in New York, unterrichtet jedoch sowohl am Konservatorium in San Francisco als auch als «Associate Professor» an der Columbia University. Dort ist sie zudem an einem Projekt beteiligt, das die Analogien zwischen Jazz und Neurowissenschaften erforscht.

«Oracles»

Eine Big Band zusammenzustellen ist auch heute, wenn man genügend gute Musiker kennt, die man überzeugen kann, und über grössere finanzielle Mittel verfügt, keine Hexerei. Es gibt immer noch und immer wieder diverse, zum grössten Teil hervorragende Big Bands, die jedoch meist stationär arbeiten, also kaum mehr auf längere Tourneen gehen.

Oft wird auch für ein zeitlich begrenztes Projekt eine Gruppe Musiker zusammengetrommelt, wie dies bei «Oracles» der Fall war. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir «Oracles» jemals live erleben können, ist gering. Also lasst uns das Ergebnis als (hervorragende) Aufzeichnung geniessen.

Was mich bei «Oracles» bereits beim ersten Kontakt aufhorchen liess, ist der neuartige Weg, wie die Big Band eingesetzt wird: Viele Passagen klingen eher nach einer Combo, die dem Bläsersatz etwas vorspielt, der diese Phrase dann übernimmt und weiterentwickelt. Auch wird der Improvisation viel Freiraum gegeben, in welchem sich die Solisten so richtig entfalten können.

Helen Sung hat ihre Big Band vom Flügel aus voll im Griff.Helen Sung hat ihre Big Band vom Flügel aus voll im Griff.

Das Eröffnungsstück «Convergence» beginnt nicht mit einem Knall, sondern wird dem Titel entsprechend nach und nach aufgebaut. Doch nachdem die gesamte Band vollzählig spielt, geht die wilde Fahrt gleich mit einem fulminanten Trompetensolo erst richtig los, gefolgt von einem nicht minder rasanten Pianosolo und einem ebensolchen Saxsolo, dezent unterstützt von Big-Band-Einwürfen, um dann mit einem Tutti zum Höhepunkt zusammenzufliessen.

Auf das traditionell-progressive «Convergence» folgen im weniger als eine Minute dauernden «Samba Da Gumz» unerwartete Brassklänge – Helens Kurzarrangement des 1975 von Clark Terry and his Jolly Giants aufgenommenen Hits –, die nun nahtlos in das Intro von «Positively C.T.» übergehen, Helens vorerst locker swingenden Hommage an den grossartigen und immer zu Spässen bereiten Flügelhornisten Clark Terry, der im tempoverdoppelten Mittelteil mit ausgedehnten Trompeten-/Flügelhornsoli in seinem Stil gewürdigt wird.

Die folgenden zwei Stücke sind Wayne Shorter gewidmet: «Diana» ist ein freies Zwiegespräch zwischen Helen Sung auf einem E-Piano (klingt für mich weder nach Rhodes noch nach Wurlitzer) und John Ellis am Sopransaxofon. Helens Komposition «Wayne’s World» ist sowohl rhythmisch als auch harmonisch enorm komplex und verlangt mit ihrem ausgeklügelten Arrangement sowohl der Band als auch den Solisten (vorwiegend wiederum John Ellis) eine Menge ab. Es sind auch die zwei progressivsten Nummern des Albums.

Um ihren Mentor, den Bassisten Ron Carter, in ihr Werk einzubeziehen, ist das Werk «Mr. Virtuoso» ganz den tieferen Registern gewidmet, mit Soli von Andrew Gutauskas am Baritonsaxofon und Gina Benalcázar López an der Bassposaune. Nach einem Tutti geht's beinahe nahtlos weiter mit Carters Komposition «R. J.», einer wilden Aufholjagd zwischen Klavier und Big Band.

Helen Sung posiert am Flügel.Helen Sung posiert am Flügel.

Sungs Komposition «A Little Bird Watchin’», die sie dem Saxofonisten Jimmy Heath widmet, lässt der Tenorsaxofonistin Nicole Glover viel Raum für ein von der Band hervorragend unterstütztes, überzeugendes Solo. Und auch der Bassist Vicente Archer kommt kurz zum Zug. Eine erfrischend swingende Einlage mit Überraschungen.

In drei «Pianism» ehrt Helen Sung drei ihrer pianistischen Vorbilder; zuerst Barry Harris, dann etwas ruhiger und am E-Piano Kenny Barron (garniert mit einem überzeugenden Trompetensolo) und zuletzt, in einem komplexen Arrangement, Herbie Hancock.

Mit ihrer Version der Horace-Silver-Komposition «Peace» beschliesst Helen Sung dieses Album, völlig auf Solisten verzichtend.

Fazit

«Oracles» ist kein «Rasch mal reinhören»-Album. Zwar lösen bereits die ersten paar Takte Aufmerksamkeit aus, doch dann muss man sich schon hinsetzen und alle Ablenkungen weglegen. Zusätzlich zu der faszinierenden Musik mit den vielseitigen und abwechslungsreichen Kompositionen und Arrangements sowie überraschenden Soli ist auch der Klang dieses HiRes-Albums überzeugend.
Eine rundum gelungene Produktion.

STECKBRIEF
Interpret:
Helen Sung
Besetzung:
Helen Sung - piano
Tatum Greenblatt - lead trumpet, flugelhorn
Mike Rodriguez - trumpet, flugelhorn
Alex Norris - trumpet, flugelhorn
Nathaniel Williford - trumpet, flugelhorn
James Burton III - lead trombone
Sara Jacovino - trombone
Willie Applewhite - trombone
Gina Benalcázar López - bass trombone
Dave Pietro - first alto sax, doubles
Alejandro Aviles - second alto sax, doubles
John Ellis - first tenor sax, soprano sax, doubles
Nicole Glover - second tenor sax, doubles
Andrew Gutauskas - baritone sax, bass clarinet)
Vicente Archer - bass
Adam Cruz - drums
Samuel Torres - percussion
Alan Ferber - conductor
Albumtitel:
«Oracles»
Komponist:
Helen Sung und andere
Herkunft:
USA
Label:
Sunnyside
Erscheinungsdatum:
12. Juni 2026
Spieldauer:
52:47
Tonformat:
FLAC 24-Bit/96 kHz Stereo
Medium:
Download/Streaming
Musikwertung:
10
Klangwertung:
10
Bezugsquellen