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Publikationsdatum
3. Januar 2002
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Die Geschichte ist nicht mehr neu und dennoch fallen immer wieder Leute darauf herein: Auf der Strasse versuchen raffinierte "Boxenlieferanten", leichtgläubigen jungen Leuten mit einer dubiosen Story Boxen in zweifelhafter Qualität anzudrehen.

Hugo fällt rein...

Rrrring....das Telefon läutet. Es ist Kollege Hugo M. (Name geändert), den ich lange Zeit nicht mehr gesehen und gehört habe. Er hätte soeben einen sagenhaften Boxen-Kauf, je geradezu das Schnäppchen des Jahres, auf der Strasse getätigt. Das kommt mir doch sehr bekannt vor, denn vor rund 2 Jahren bat mich der Kassensturz, eine Expertise über Boxen zu machen die jungen Leuten auf der Strasse angedreht wurden. Ich rate also Hugo, zu uns ins Labor zu kommen, um die Qualität der jetzt aktuellen Super-Boxen zu überprüfen.
Doch zunächst frage ich ihn, wie denn alles abgelaufen sei. Hier seine Geschichte.

Hugo M. berichtet

Die ganze Sache geschieht am hellichten Tage in Schwamendingen (Zürich). Ich habe dort parkiert und komme gerade von einer Verabredung zurück. Als ich in mein Auto steigen will, sprechen mich zwei Typen an, die auf der anderen Strassenseite ihren Lieferwagen parkiert haben. Einer frägt mich, ob ich an Boxen interessiert sei. Zuerst wehre ich ab und sage ihm, ich hätte kein Geld. Doch er will mir unbedingt die Boxen zeigen und bemerkt, dass sie für eine Ballettschule die Boxen liefern müssten. Es sei alles schon bezahlt, aber bei der Sendung seien zwei Boxen zuviel geliefert worden.

Der Chef darfs nicht wissen

Aufgepasst: Audiofile bedeutet nicht audiophile!
Aufgepasst: Audiofile bedeutet nicht audiophile!
Ich frage ihn, ob hier alles mit rechten Dingen zugehe. Er sagt, alles sei legal, und sie würden die Boxen jetzt einfach privat verkaufen. Der Chef dürfe das jedoch auf keinen Fall wissen. Wieviel ich denn zahlen könne? Er beginnt mit 800 Franken. Ich sage, das sei zuviel. Der Typ meint, die Boxen kosteten neu 1800 Franken. Er fragt mich erneut, wieviel ich denn zahlen könnte und zeigt mir die ausgepackten Boxen. Ich sage ihm, dass ich höchstens 400 Franken bezahlen und jetzt erst mal eine Box kaufen könne. In einem Monat wäre ich bereit, die zweite Box zu kaufen.

Auf zur Bank...

Die beiden Typen schauen sich eine Zeit lang an und meinen: ok. Einer folgt mir zu einem Geld- Automaten. Ich hebe das Geld ab. Nachdem ich den Fahrausweis eines der Typen gesehen und mir seine Adresse und Telefonnummer notiert habe, gebe ich den beiden das Geld.

Die zweite Box wird gekauft

Wie abgemacht, versuche ich später, einen der Typen zu erreichen und wir treffen uns dann im Letten an der Migrol Tankstelle. Als einer der beiden den Lieferwagen aufmacht, sind seltsamerweise gleich viele Boxen drin wie beim ersten Mal. Er offeriert mir nun für einen Tausender gleich drei Boxen, dann könne ich Quadrophonie machen. Leider fehlt mir das Geld und ich lehne ab. Er lädt mir die Boxe ins Auto, und ich gebe ihm das Geld, natürlich ohne Quittung.

Ein neuer Fisch an der Angel
Gleichzeitig beginnt sein anderer Kollege mit einem jungen Typ ein Gespräch und versucht, ihm Boxen anzudrehen. Ich mache mich aus dem Staub, ohne zu wissen, ob und wie der neue Deal zustande kommt oder nicht.

Die Blender

Imposante Optik, mangelhafter Klang: Schlampig gebaute Boxen aus China
Imposante Optik, mangelhafter Klang: Schlampig gebaute Boxen aus China
Die Boxen mit dem vielversprechenden Markenname Audiofile vom Typ SDA 3.8 sehen auf den ersten Blick mit ihrer imposanten Grösse und den vielen Chassis gar nicht übel aus. Kein Wunder also, dass junge Typen auf sie reinfallen. Auch die Verpackung und das Manual mit dem Aufdruck "Digital Ready" machen einen seriösen Eindruck. Zudem erhält der Käufer einen Garantieschein. Die Anschrift in den USA: Warranty Department. P.O.Box. 2655, City of Industry, CA 91746. In der Schweiz steckt eine Firma LDI in 3052 Zollikofen dahinter.

Auf der Testbank

Frequenzgang Audiofile bei 1 Meter. Extrem welliger Verlauf. Oberhalb 10 kHz steiler Abfall.(50Hz-Peak=Raumresonanz)Frequenzgang Audiofile bei 1 Meter. Extrem welliger Verlauf. Oberhalb 10 kHz steiler Abfall.(50Hz-Peak=Raumresonanz)
Die damals beim Kassensturz getesteten Boxen schienen fast identisch mit den "audiophilen" Audiofile-Boxen SDA 3.8 zu sein. Beim Anklopfen des Gehäuses ist ein hohler, unbedämpfter Klang zu vernehmen. Dazu gesellt sich ein Scheppern, welches von nicht ordentlich befestigten Chassis stammt. Schraubt man einen Tieftöner weg, so bemerkt man, dass sogar ein Dichtungsring zwischen Chassis und Gehäuse fehlt. Ein Blick in das Gehäuse zeigt eine winzig kleine, wackelig montierte Frequenzweiche und zur Dämpfung lediglich ein dünner Lappen.
Aber noch schlimmer sollte die Messung des Frequenzganges ausfallen. Bei gewissen Tönen ratterte die ganze Box. Der Frequenzgang, welcher ja möglichst geradlinig sein sollte, gleicht einem Schweizer Alpenpanorama, und bereits ab 10 kHz ist Schluss.

Hörtest

Der Aufdruck
Der Aufdruck "Digital Ready" auf dem Manual garantiert für nichts...
Dass es sich nicht um klanglich hochwertige Boxen handelt, hört jeder, der etwas von Sound versteht. Es kann jedoch durchaus sein, dass Leute ohne die leiseste Ahnung von HiFi und ohne Vergleichsmöglichkeit zu ordentlichen Boxen den Klang akzeptieren. Doch für auch nur einigermassen sensible Ohren klingen die Boxen miserabel. Sie limitieren die Dynamik und verschmieren harte Impulse. Feine perkussive Klänge werden zu einem unartikulierten Fauchen verunstaltet. Stimmen wirken farblos, gewisse Töne dröhnen ordinär. Allerdings muss man den Boxen zugestehen, dass sie - frei nach Donald Duck - "nicht schön, aber laut" spielen können.

Der reelle Wert

Gespart an allen Enden: Keine Dichtringe, mangelhafte Dämpfung, mickerige, wackelig montierte Frequenzweiche
Gespart an allen Enden: Keine Dichtringe, mangelhafte Dämpfung, mickerige, wackelig montierte Frequenzweiche
Was sind diese Boxen tatächlich wert? Vergleichbare Exemplare mit solch grossen Abmessungen in einer dermassen schlampigen Qualität zu finden, ist schwierig. Sie nehmen da eine einmalige Stellung ein. In Anbetracht der gebotenen Qualitäten könnten maximal 200 Franken pro Boxe als angemessen erscheinen. Doch muss man feststellen, dass kein seriöser Hersteller in einen Lautsprecher so viele Mängel einbauen würde.

Hans Jürg Baum von avguide sucht den Kontakt

Die Boxenverkäufer werden über die Qualität ihrer Produkte aufgeklärtDie Boxenverkäufer werden über die Qualität ihrer Produkte aufgeklärt
Natürlich reizte es mich, diese modernen Wegelagerer persönlich kennen zu lernen. Und auch Hugo hatte Lust, diesen Typen einen Denkzettel zu verpassen.
Dazu greifen wir zu einer List: Hugo ruft seinen bekannten Typ per Telefon an und teilt ihm mit, er wolle noch ein Paar dieser Boxen kaufen. An der Autobahnraststelle Köllikon wolle man sich zur Übergabe treffen. Während Hugo das Gespräch beginnt, fotografiere ich Lieferwagen und Typen. Anschliessend übernimmt Sohnemann Felix, der vor allem als Bodyguard angeheuert ist, das Amt des Fotografen. Wer kann wissen, wie die Typen auf eine unangenehme Konfrontation reagieren? So staunen die Strassenverkäufer nicht schlecht, als ich plötzlich aus dem Nichts auftauche und ihnen klar mache, dass wir ihre zweifelhafte Verkaufstaktik durchschaut hätten und ihre Produkte Schrott seien.

Die Messung überzeugt

Als ich den beiden Typen den Frequenzschrieb der Boxen in doppelter Ausführung aushändige, werden sie nachdenklich. Explizit erkläre ich ihnen die Mängel der Boxen und die Tatsache, dass man solche Systeme in China für weniger als 20 Dollar kaufen können. Der Transport in einem grossen Container sei dann nicht mehr allzu teuer. Die beiden Jungs schauen sich an, und plötzlich sagt einer:" Dann verdient sich unser Chef ja dumm an uns, denn wir müssen ihm pro Paar 570 Franken bezahlen".

"Pass auf, da geht was ab!"

Als Felix mit der Kamera sichtbar wird, meint einer zum anderen: "Pass auf, da geht etwas ab!" Eine Minute später erscheint "zufälligerweise" ein Streifenwagen, der langsam an uns vorbeirollt. Genau mustern uns die Hüter des Gesetzes und schauen mit Luchsaugen, was da abgeht. Einer der Boxenverkäufer meint zu uns: "Ihr seid aber wirklich Profis". Die Streife rollt vorbei, ohne anzuhalten. Die beiden audiofilen Jungs atmen auf. Jetzt wendet sich aber doch die Stimmung. Einer gibt sogar zu, dass die Geschichte mit den überzähligen Boxen ein cleveres Verkaufsargument, aber doch eigentlich gar nicht so stark gelogen sei. Etwas später meint sein Kollege sogar, dass ihn sein Anwalt vor diesem Job gewarnt habe. Er müsse wissen, ob er seinen guten Namen riskieren wolle. Doch hätten sie wirklich nicht gewusst, dass diese Boxen so schlecht seien... Es wird auch zugegeben, dass die Boxen aus China stammen, denn bei der Anlieferung hätten sie einen "Made in China"-Kleber, der dann entfernt werde.

Geld zurück oder...

Ich dränge auf eine Entscheidung - sie sollen die Boxen zurücknehmen und Hugo das Geld zurückbezahlen. Doch wir werden belehrt, dass dieses Begehren schriftlich an die Firma LDI erfolgen müsse, die das Geld dann zurückerstatten werde. Auf die Frage, ob das Geld überhaupt irgendwann mal kommen werde, meinen sie: "Wenn wir etwas nachhelfen und drücken, kommt das Geld, sonst kann man tatsächlich lange warten. Hugo holt die beiden Boxen aus seinem Auto und sie verschwinden im Lieferwagen. Es wird noch ein wenig geplaudert. Eigentlich ist man sich einig. Zum Schluss gibt man sich sogar gut gelaunt die Hand.
Ob das Geld wirklich jemals kommt, oder ob es eine zweite Folge und eine Never Ending Story gibt, wird sich zeigen....

Fazit

Wer auf der Strasse auf das überzählige Schnäppchen reinfällt und kauft, ist selbst schuld. Er beteiligt sich an einem scheinbar kriminellen Akt - der Chef darfs nicht wissen! - und wer da mitmacht, hat es verdient, übers Ohr gehauen und von schlechtem Sound bestraft zu werden.

Kommentar: Doris Huber vom Beobachter

BEOBACHTER-BERATUNGSZENTRUM
Fachbereich Konsum
Doris Huber

Im Beobachter kennen wir diesen Strassenverkauf von Boxen seit längerer Zeit; immer wieder erhalten wir Anfragen, Beschwerden von Leuten, die auf diesen Trick hereingefallen sind.

Man kann die Firmen unter Umständen schon wegen Betrugs oder unlauteren Wettbewerbs anzeigen. Das bringt den Geschädigten aber nicht viel. Denn diese Firmen richten sich aufs kurzfristige Geschäft ein. Global Audio Network beispielsweise, eine Firma, die uns aus Anfragen bekannt war, meldete 1998 Konkurs an.

Rechtlich ist die Kundschaft, die auf diese Weise auf der Strasse
überrumpelt und zu einem Kauf überredet wird, zwar abgestützt. Gemäss Haustürgesetz kann sie den Vertrag widerrufen und den Kaufpreis zurückfordern. Aber auch das scheitert in der Praxis; Rückforderungen sind generell schwierig durchzusetzen, in solchen Fällen sind sie praktisch chancenlos.
Wettbewerb