18. August 2017 | seit 1999
TESTBERICHT
Seite 1 / 8
ARTIKEL
Publikationsdatum
18. Juni 2017
Themen
Drucken
Teilen mit Twitter
MEDIEN

Welche Kamera soll mit ins Reisegepäck? Brauche ich überhaupt noch eine Digicam? Mein Smartphone macht genauso schöne Bildli. Und das habe ich sowieso immer dabei.

Tatsächlich wird es für kleine digitale Kameras immer enger. Die Fotofunktion der neusten Smartphones überzeugt sowohl bei der Auflösung wie auch bei der Bildqualität. Sofern man damit nicht digital zoomt.

Genau hier können die Fotokameras noch punkten. Beim optischen Zoom wird im wahrsten Sinne des Wortes der Unterschied sichtbar. Hier sind die Smartphones wegen ihrer flachen Bauweise praktisch chancenlos. So können auch die aktuellen Geräte mit Dualkameras, etwa das iPhone 7 Plus, maximal 2-fach optisch zoomen. Dabei wird einfach zwischen Tele- und Weitwinkelobjektiv umgeschaltet.

Alles, was darüber hinausgeht, wird digital vergrössert. Die vorhandenen Bildpunkte werden so gut wie möglich interpoliert und grösser dargestellt. Das fällt beim Betrachten auf dem Handy-Bildschirm bis zu etwa 5-fachem Zoom noch nicht speziell auf. Bei grösserem Zoomfaktor sind die Qualitätseinbussen im Bild aber deutlich sichtbar. Grobe und unscharfe Konturen wie auch stärkeres Bildrauschen weisen darauf hin, dass die Smartphone-Kamera an ihr Limit kommt.

Darüber würden die Fotokameras nur mit den Schultern zucken, wenn sie könnten. Kein Vergleich mit ihren bis zu 40-fachen optischen Brennweiten. Und genau dank diesen Superzooms erfreuen sich Digicams für die Ferien nach wie vor grosser Beliebtheit.

Mit der riesigen Reichweite dieser Brennweiten lässt sich von der Landschaft über die gesamte Fassade der grossen Kirche bis hin zum kleinsten Detail an der Turmspitze alles ablichten. Und dies bequem in einem kleinen Gerät, ohne Objektivwechsel, Telekonverter oder schwerem Zubehör.

Wer hingegen mit dem Smartphone sein Objekt der Foto-Begierde ohne digitale Bildverluste näher heranholen möchte, muss mit dem Turnschuh-Zoom vorliebnehmen. Also tüchtig auf seinen eigenen Füssen herumlaufen. Okay, der gesundheitliche Aspekt ist dabei auch nicht zu verachten.

Es gab schon mehrere Versuche, den Leuten sogenannte Camphones, also Kamera-Smartphones mit ausfahrbaren Objektiven schmackhaft zu machen. Zum Beispiel die Galaxy-Zoom-Reihe von Samsung mit ihren 10-fachen optischen Zooms. Aber seien wir mal ehrlich, so richtig cool sieht man beim Telefonieren damit kaum aus.

Vorteil der Digicams: Mit ihren grossen optischen Brennweitenbereichen fangen sie Landschaftsbilder und Nahaufnahmen ohne digitale Qualitätsverluste ein.

Auflösung und Sensorgrösse

Der zweite "Noch"-Unterschied zwischen Smartphone und Digicam ist die Grösse ihrer Bildwandler. Alle fünf Fotokameras in diesem Vergleich besitzen einen 1/2,3-Zoll-Sensor mit einer Fläche von 29 Quadratmillimetern. Das ist zwar auch nur 3,3 Prozent der Fläche eines Kleinbild-Vollformat-Sensors, bietet aber einen akzeptablen Kompromiss zwischen Bildauflösung und Sensorgrösse.

Die meisten Smartphones haben eine Hauptkamera in 1/3-Zoll-Grösse. Das sind rund 17 mm2 Fläche. Die Frontkameras sind oft noch kleiner. Darauf werden dann zwölf, respektive fünf oder acht Megapixel gequetscht.

Beim Fotografieren in der Dämmerung und generell bei ungünstigen Lichtverhältnissen muss der Kameraprozessor dann schnell elektronisch nachhelfen. Je nach Algorithmus des Smartphones funktioniert das mehr oder weniger erfolgreich. Griesseln im Bild, verpixelte Farbflächen oder künstlich anmutende Fotos sind oft die Folge.

Der erwähnte "Noch"-Unterschied zu Fotokameras deshalb, weil Anbieter wie etwa Sony bereits Kameras mit 1/2,3-Zoll-Sensoren und 23 Megapixel Auflösung in ihre Smartphones einbauen. Damit sind sie gleichwertig oder übertreffen gar die Digicams in Sensorgrösse und Auflösung.

Bokeh-Simulation

Eine weitere Domäne, die bislang vor allem Kameras mit grossen Sensoren und lichtstarken Objektiven vorbehalten war, ist der Tiefenschärfe-Effekt. Zum Beispiel ein unscharfer Hintergrund bei Porträtaufnahmen. Oder bewusst eingesetzte Schärfenbereiche mit schönen, weichen Unschärfe-Kreisen, den sogenannten Bokehs.

Da Smartphones mit Mini-Bildwandlern und Weitwinkel-Objektiven die Aufnahmen generell von vorne bis hinten scharf abbilden, wird dieser Unschärfe-Effekt mit innovativen Funktionen zu simulieren versucht. Dabei wird die Unschärfe gleich bei der Aufnahme aus zwei Fotos berechnet oder erst später aufs Bild angewendet. Die Ergebnisse fallen je nach Handy-Marke und Motivabstand unterschiedlich gut aus. Hier ist noch Verbesserungspotenzial vorhanden, was auch die "Beta"-Einblendung beim iPhone 7 Plus zu verstehen gibt.

Wie oft man diesen Effekt anwendet, sei nun mal dahingestellt. Möchte man seine Urlaubsbekanntschaft in den Mittelpunkt stellen, ist ein verschwommener Hintergrund durchaus gewünscht. Sollen tolle Landschaft plus tolle Bekanntschaft gemeinsam aufs Selfie, muss wieder alles scharf sein.

Unschlagbar ist das Smartphone beim sofortigen Weiterleiten, dem "Teilen" der Fotos. Vor allem die junge Generation möchte ja jedes aufgenommene Bildchen unbedingt Freunden und Feinden zeigen. Bei der Digicam muss dazu erst mehr oder weniger umständlich eine Verbindung übers Smartphone hergestellt werden.

Nebenbei protokolliert das Handy automatisch, wo jedes Foto aufgenommen wurde. Und die Datensicherung läuft meist unbemerkt im Hintergrund in die Cloud, auch in den Ferien übers Hotel-WLAN. Hoffentlich, denn wenn das Smartphone mal verloren geht oder geklaut wird, sind auch alle Fotos weg. Dann ist in der Regel auch der finanzielle Schaden weit grösser als beim Verlust einer kleinen Fotokamera.

Optisch zoomen: Smartphones mit herausfahrenden Objektiven sieht man kaum mehr. Dafür wird versucht, den Unschärfe-Effekt per Software oder mit zwei Kameralinsen zu simulieren. Wie hier rechts beim iPhone 7 Plus im Porträt-Modus. (Bilder: Samsung, Apple)