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MUSIKREZENSION
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Publikationsdatum
12. März 2016
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Der blutjunge Cellist hat innert kurzer Zeit eine unglaublich erfolgreiche Karriere gemacht und schreibt zu den Aufnahmen des Albums Giovincello (zu deutsch scherzhaft "Jüngling") folgenden Text:

"Dieses neue Album gibt mir Gelegenheit, mit einem Barockrepertoire an die leichteren Stücke von meinem Debut-Album 'Play' anzuknüpfen. Die Zusammenarbeit mit Riccardo Minasi und Il Pomo d'Oro war für mich eine ausgesprochen bereichernde Erfahrung. Das herrliche italienische Kloster Lonigo, wo wir während einer Woche – manchmal bis zum Morgengrauen – die kleinsten Details erarbeitet haben, bot die ideale Kulisse für die Begegnung beider Welten: Meiner eigenen, der eines jungen Cellisten, der gewisse stilistische Hindernisse zu überwinden sucht, und der des Orchesters, das in der Musik dieser Epoche bewandert ist und sich durch die Achtung vor dem überlieferten Text auszeichnet."

Gerade der Teil mit "gewisse stilistische Hindernisse zu überwinden sucht", lässt aufhorchen. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass Moreau in Sachen authentischer Interpretation barocker und klassischer Werke ein noch mehr oder weniger unbeschriebenes Blatt ist, dessen Ansichten über die "richtige" Aufführungspraxis solcher Werke noch nicht ganz gefestigt sind. Und das ist auch sehr gut so, denn wer weiss, ob der routinierte und in Sachen authentischer Spielweise wohlbewanderte Dirigent Riccardo Minasi tatsächlich richtig liegt? Wie heisst es doch so schön: Die Erkenntnisse von heute sind die Irrtümer von morgen.

In Sachen authentischer Interpretation kann man heute wahrhaft geteilter Meinung sein. Sogar Starmusiker wie Joshua Bell geben offen zu, dass sie gerne "nicht authentisch" musizieren, sondern so, wie sie es im Innersten fühlen – und nicht so, wie es ihnen die Musikwissenschaftler vorschreiben wollen.

Was mir persönlich den Angstschweiss auf die Stirne treibt, ist das von Nikolaus Harnoncourt erstmals salonfähig gemachte Nachdrücken der Töne. All meine Musiklehrer (Violine, Trompete und Kontrabass) haben dies als eine absolute Geschmacklosigkeit bezeichnet und mir damals strikte verboten, diesen "rülpsenden" Musikstil in ihrer Gegenwart zu zelebrieren. Somit bin ich also zugegebenermassen durch frühe Prägung den neusten Erkenntnissen gegenüber eher unzugänglich, was ich noch so gerne zugebe.

Doch genug der tiefsinnigen Gedanken – lassen wir erst mal die Referenzanlage warmlaufen, die da besteht aus einem MacBook Pro samt AudirvanaPlus-Player, KingRex UD 384 DAC mit Akkuspeisung, Vintage IGBT-Transistor-Amps Forte Audio mit der F44-Vorstufe und der Model-6-Endstufe sowie – last but not least – einem Paar Piega Coax 10.2, im Tiefstbass ergänzt durch den Subwoofer P SUB 1.

Bereits beim Intro des Cello-Konzertes Hob.VIIb.1 in C-dur von Haydn lässt der Dirigent die Katze aus dem Sack und betört die Anhänger der nachgedrückten Töne. Ich schlucke erst mal leer und versuche tolerant zu sein. Doch ich gebe zu, der Dirigent macht wohl auf authentisch, dies aber gemässigt und nicht penetrant! Ganz auf meiner Seite steht jedoch der junge Cellist, der bezüglich Interpretation ganz und gar nicht auf der "authentischen Schiene" fährt ... sorry: spielt. Es fällt ihm nicht im Traum ein, Töne nachzudrücken.

Meiner Ansicht nach spielt er einfach "richtig", lässt sich nicht so leicht gehirnwaschen und von interpretatorischen Mätzchen beeinflussen. So entsteht ein gewisser Stilbruch. Auf der einen Seite steht der Dirigent und seine an und für sich hervorragend aufspielende Gefolgschaft. Auf der anderen Seite dann ein erstklassiger Solist, der nach guter alter Schule und seinen unbeeinflussten Empfindungen absolut meisterhaft aufspielt und im Grunde genommen alle Diskussionen bezüglich Interpretation als absolut nichtig erscheinen lässt.

Und gerade deshalb liebe ich diese Aufnahmen. Die Vitalität und Spielfreude Edgar Moreaus überstrahlt alles und reisst die ihn begleitenden Musiker mit. Hinzu kommt eine erstklassige Leistung des Aufnahmeteams, bestehend aus Producer Giulio D’Alessio, Recording Producer & editing Florent Ollivier, Recording engineer & mixing Florent Ollivier und Recording assistant Ignace Hauville.

Der Klang dieser flac-24/96-Aufnahmen ist hochaufgelöst, damit fein definiert und zudem extrem dynamisch. Da kann es sein, dass die Streicher auch mal etwas brutal zur Sache gehen. Das kann aber auch Live so sein, wenn die Musiker in Ekstase ganz tüchtig zupacken. Also Lautstärke auf livgerechten Pegel aufgedreht und die Referenz-Anlage spielt – nach leider vielem HighResolution-Schrott – endlich wieder einmal grossartig zum Konzert auf. Absolut begeisternd, wie hier auch feinste Details – wie zum Beispiel die sehr leisen Impulse des Begleit-Cembalos – mit fantastischer Feinzeichnung und unglaublichem Obertonreichtum zu Gehör gebracht werden.

Beim Vivaldi-Cello-Konzert RV 419 in a-moll ist man sich dann bezüglich Interpretation absolut einig. Solist und Orchester verschmelzen zu einer Einheit und man tobt sich in typischer Vivaldi-Manier aus. Da wird virtuos geraspelt, aber auch innig geschluchzt, dass es eine wahre Freude ist und man in Vivaldis barocke Musikwelt in Venedig entschwebt ...

Es folgen Cello-Konzerte von Giovanni Platti (1697–1763), Luigi Boccherini (1743–1805,) Carlo Graziani (1710–1787). Bei letztgenanntem Werk gesellen sich im Orchester Bläser wie Oboen, Klarinetten und Hörner hinzu. Der somit vielschichtige und hervorragend aufgenommene Klang von Cello und Orchester kann echt begeistern.

Fazit: Stilistisch nicht ganz einheitliche, aber dennoch grossartige Aufnahmen – mit einem blutjungen Starsolisten, der sich nicht so leicht gehirnwaschen lässt.

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