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TESTBERICHT
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Publikationsdatum
17. November 2003
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Mit rund 260 Gramm und einem stabilen Outlook ist der erstklassig verarbeitete HD 650 ein rechter Brocken. Da kommen Zweifel bezüglich des Tragekomforts auf.

Doch wie steht es mit den ultrakleinen und federleichten Minikopfhörern? Tatsache ist, dass ein am Ohr aufliegender Hörer, auch wenn er noch so klein ist, auf die Ohren drückt und bei längeren Hörsessions Schmerzen bereiten kann.

Ein relativ schwerer Hörer mit ohrumschliessender Kapsel, ist auf die Dauer angenehmer zu tragen.

Offenes System

Akustisch gesehen gehört der HD 650 zu den offenen Hörern, weil er keine luftdicht abschliessende Kuppel besitzt.

Damit schirmt er zwar die Umgebungsgeräusche nur geringfügig ab, lässt jedoch die Luft an heissen Tagen besser um das Ohr zirkulieren.

Hoher Aufwand

Die Klipsch RF-7 MK2 verarbeitet einen grossen Dynamikumfang. Eindrucksvoll, wie schnell Dynamiksprünge, auch in grossem Umfang, reproduziert werden. Wenn es bei Nightwish mit dem Song „Sahara“ nach einem kurzen Intro zur Sache geht, enttäuscht die Klipsch nicht und stellt die Dynamiksprünge in der gebotenen Deutlichkeit in den Raum. Auch in der Feindynamik überzeugt der Lautsprecher mit beachtlicher Differenziertheit. Die Klarheit und Durchhörbarkeit des Klangbildes im Stück "Think Twice" von Celine Dion gefällt besonders. Detailreich wird der Mitten- und Hochtonbereich wiedergegeben.

Die Hochtonwiedergabe ist klar durchzeichnet. Der Mitteltonbereich fügt sich gut ins Gesamtbild ein, obwohl die Mitten im Vergleich zu den Höhen und Bässen leicht zurückgenommen sind. Die Vokalklänge von Celine Dion möchte ich nochmals erwähnen: Fein austariert steht die Stimme im dichten Klangbild.

Wer es gerne Effekt betont mag und einer geballten Ladung an Basswiedergabe nicht widerstehen kann, der wird mit dem Klipsch-Lautsprecher auf seine Kosten kommen. Aber auch wer lieber ein Orchester hört oder ein Solo eines Kontrabassisten, wie von Sergei Kussewizki, der wird von der Klipsch nicht enttäuscht. Neben dem kraftvollen Tiefgang überzeugt der Lautsprecher mit einer hohen Präzision. Dank ihrer Pegelfestigkeit muss sich die RF-7 MK2 nicht verstecken, denn auch enorme Pegel werden souverän und grandios wiedergeben. Gut gezeigt hat sich dies bei Jeckyll & Hyde mit "Frozen Flame“ und Rocco mit “Street Knowledge“. Der Klang löst sich sehr gut von den Boxen.

Hohe Erwartungen

Die Klipsch RF-7 MK2 mit und ohne Frontabdeckung.
Von einem neuen Kopfhörer erwartet man in der Regel mehr Feinzeichnung, mehr Raum, brillantere Höhen etc.

In der Vergangenheit haben diverse Hersteller zu einem Trick gegriffen: Dem teureren und "besseren" Kopfhörer hob man nach dem zweifelhaften Motto "mehr ist besser" ganz simpel den Hochtonbereich an, und schon waren die Leute zufrieden.

Leider nicht lange, denn das durch den überzogenen Hochtonbereich mit der Zeit genervte Gehör begann zu rebellieren und liess schon nach kurzer Zeit den Wunsch nach einem angenehmer klingenden Hörer aufkommen.

So verschwanden viele überbrillante Superhörer relativ rasch wieder von der Bildfläche.

Auch bei Sennheiser war eine interessante Klangveränderung festzustellen: Nach einer Zeit mit sehr brillant klingenden Hörern kam die Generation der Lautheitsdiffusfeld entzerrten Hörer, die sehr ausgewogen klangen und keinerlei Tendenz zur Betonung der höheren Lagen zeigten.

Das "Non plus Ultra"

Wer einen Hörer mit überzüchteter Brillanz erwartet und befürchtet hatte, konnte sich nach dem Aufsetzen des HD 650 beruhigt und wohlig in den Sessel zurücklehnen, die Beine lang ausstrecken und geniessen.

Klangschönheit und Feinzeichnung ohne jegliche Tendenz zur Schärfe, sind die Haupttugenden dieses Hörers.

Die Wiedergabe der Streicher ist schlicht superb und frei von jeglicher unnatürlicher Aggressivität. Mit natürlicher Brillanz und Wärme schmettern Trompeten und Posaunen ihre Fanfaren. Unerhört schön auch das Klangtimbre der Holzbläser wie Oboen und Klarinetten.

Der Tiefstbass bei Orgel verblüfft: Obwohl man ja gerade Bässe im tiefen Frequenzkeller auch mit dem Körper hört, bot der HD 650 bei Orgelmusik ein überwältigendes Klangvolumen.

Stimmen erscheinen glockenrein, ohne jegliche unnatürliche Kehligkeit. Bei Rebecca Pidgeons Sammelwerk "Retroperspective " auf SACD zeigte der Hörer sein ganzes Potential an Klangschattierungen.

Hohe Dynamik

Preis der offenen Bauweise: Umgebungslärm wird nicht bedämpft.
Preis der offenen Bauweise: Umgebungslärm wird nicht bedämpft.
Bezüglich der Räumlichkeit des Klangbildes kann der Sennheiser die Grenzen der konventionellen Kopfhörer nicht sprengen.

Auch er liefert die sogenannte "im Kopf-Lokalisation". Das heisst, der Klangkörper befindet sich im Kopf, was als nicht sehr natürlich empfunden wird.

Doch daran kann man sich gewöhnen. Zudem können die anderen Tugenden des Hörer diese nicht gerade positive Eigenschaft durchaus wettmachen.

Bei knallhartem Rock fehlte für gewisse Freaks ein gewisser "Paniksound". Der HD 650 ist für diese Hörerschaft sicher nicht der richtige Hörer, denn Zischen, Fauchen und brachiale Knalleffekte sind weniger seine Domaine als eben Klangkultur und Homogenität.

Dies heisst aber noch lange nicht, dass er bei impulsivem Jazz müde und schlapp wirkt. Ganz im Gegenteil: Big Band Jazz swingt mit herrlichen Klangfarben und hoher Dynamik.

Auch bei höheren Pegeln bleibt das Klangbild lupenrein und impulsiv.

Beim berüchtigten "Boxenkiller" der Test Record "Impression", brachte der HD 650 eine eindrückliche Impulsorgie mit Pegeln, die einem gesunden Gehör völlig ausreichten.

Durchlässig

Auffallend war, dass der Hörer aufgrund seiner offenen Bauweise einen gewissen Schallanteil auch nach aussen abgibt.

So war bei normalem Hören in rund 2 bis 3 Metern Distanz die Musik noch deutlich, wenn auch leise zu hören.

Umgekehrt schirmt der Hörer Umgebungsgeräusche kaum ab. Dies ist der Preis, den man für das offene System mit seinem "luftigen" Klang bezahlen muss.

Fazit

Der HD650 zeigt einen echten Sprung nach vorne. Seine unerhörte Klangschönheit und natürliche Wiedergabe entzückte nicht nur die Testhörer der klassischen Richtung. Auch für Jazz- Fans und Freunde gemässigt rockender Klänge war dieser Hörer das "Non Plus Ultra".

Lautheitsdiffusfeldentzerrung

Gibt es ein schöneres Wort als "Lautheitsdiffusfeldentzerrung"? Es beseitigt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit letze Reste von Klarheit.

Doch Spass beiseite. Nach diesem Verfahren werden heute nicht nur bei Sennheiser Kopfhörer entwickelt, die "gehörrichtig" klingen.

Lange Zeit wurden Kopfhörer wie Lautsprecher mittels Messmikrofonen und "künstlichen Ohren" ausgemessen und auf Linearität getrimmt.

Diese Messungen entsprachen jedoch nicht den Eigenschaften des Gehörs. Deshalb gab es viele sogenannt "lineare" Kopfhörer, die schrecklich klangen.

Bei der Lautheitsdiffusfeldentzerrung strahlen in einem reflexionsarmen ("schalltoten") Messraum viele Lautsprecher unabhängig voneinander Testsignale ab.

Im mittleren Bereich des Messraums treffen diese Schallinformationen aufeinander und überlagern sich zu einem "Diffusfeld", in dem nicht mehr festzustellen ist, aus welcher Richtung der Schall kommt.

Diese Testsignale in verschiedenen Tonhöhen werden nun abwechselnd über die Lautsprecher und den zu messenden Kopfhörer wiedergegeben.

Eine grosse Zahl von Versuchspersonen beurteilt nun den Lautstärkeunterschied zwischen räumlichem Testsignalen und denjenigen über Kopfhörer.

Der angestrebte Idealzustand ist der gleiche Lautstärkeeindruck zwischen Diffusfeld und Kopfhörer
STECKBRIEF
Preis:
595.00
Profil:
Erstklassig verarbeiteter Spitzenkopfhörer mit traumhaft schönem Klang
Pro:
Hervorragende Klangqualität, erstklassige Verarbeitung, guter Tragkomfort
Contra:
geringe Abschirmung nach aussen / von aussen
Ausstattung:
System: dynamisch, offen
Technische Daten:
Gewicht: 260 Gramm,Frequenzgang Lautheitsdiffusfeld entzerrt
Wettbewerb