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TESTBERICHT
ARTIKEL
Publikationsdatum
1. September 2008
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Jahrelang, ja geradezu Jahrzehntelang haben unzählige Musikfreunde nach einem kompakten, portablen und drahltlosen In-Ear-Kopfhörer-System für den sportlichen Einsatz gedürstet.

Vor rund zwei Jahren führte Sennheiser als Novität das neue "Twist to fit" In Ear-System ein. Offenbar hat es sich bewährt, und nach dem Motto "Let's Twist again" arbeitet auch das Digital Wireless System MX W1 Sennheiser, welches die Musik sogar in CD-Qualität überträgt.

Qualität ist nie billig

Wenn man realisiert, was alles in jeden der beiden Mini-Hörer verpackt werden muss, damit diese Dinger völlig drahtlos funktionieren, wird zunächst mal leer geschluckt.

In ein möglichst kompaktes Gehäuse müssen neben dem eigentlichen Schallwandler noch folgende Komponenten eingebaut werden: Empfängerelektronik samt Antenne, D/A-Wandler, Verstärker und nicht zuletzt noch ein leistungsfähiger Akku! Ohne eine Meisterleistung der Miniaturisierung geht das nicht. 

Auch der Sender, den man ganz simpel mittels eines Gummibandes an den MP 3 Player schnallt, ist sehr kompakt und utraleicht geraten. Sennheiser hat gut daran getan, nicht ein eigenes proprietäres Übertragungssystem zu schaffen und übernimmt den "Kleer drahtlos Standard", von dem man in Zukunft noch einiges hören wird.

David gegen Goliath?

Während der Funkbetrieb nach dem Kleer Standard erfolgt, arbeiten die Hörer nach dem Twist to Fit-System.

Kleer ist eine in Kalifornien beheimatete Halbleiterfirma, die sich mit ihrer neuen, drahtlosen Audiotechnologie, dem "Kleer drahtlos Standard", direkt mit Bluetooth vergleicht und anlegt. Siehe auch www.kleer.com.

Die Kleer-Funkarchitektur arbeitet mit unkomprimierter, also verlustloser digitaler Übertragung im 2.4 GHz-Band und kann somit die ganze Qualität des CD-Standards übertragen. Diese Technologie ermöglicht zudem den absolut sicheren Betrieb von zwei vollkommen getrennten Ohrhörenr, so dass der Partner, aber niemand anders (!) mithören kann. Zudem konsumiert die Kleer-Technik extrem wenig Energie und ermöglicht Sennheiser in ihren Hörern die momentan kleinste wiederaufladbare Knopfzelle der Welt zu benutzen.

In Zukunft ist zu erwarten, dass MP3 Player und andere Geräte auf den Markt kommen, bei denen Kleer-Sender bereits integriert sind. Alle diese Gerät sind untereinander kompatibel. Damit die Übertragung absolut sicher ist, müssen sie bei Inbetriebnahme gepaart werden und kommunizieren dann nur noch untereinander. So können die Hörerkapseln des MX W1 in Zukunft mit allen Geräten mit dem Kleer drahtlos Standard verwendet werden. Und das wird, falls eine digitale Quelle benutzt wird, sogar noch etwas besser klingen, denn es entfällt die in diesem Falle unnötige A/D-Wandlung im Senderteil des MX W1.

Ob sich der Kleer drahtlos Standard auf breiter Front durchsetzen wird, steht in den Sternen geschrieben. Die Vergangenheit hat gelehrt, dass sich nicht das bessere, sondern (leider) das am weitesten verbreitete System jeweils durchsetzt - warten wir ab.

Das System

Viel Material für nicht gerade wenig Geld: Sender, Hörer, Tasche, Ladestation, Netzgerät, zahlreiche Adapterstücke, Kabel...

Das MX W1 besteht aus 4 akkubestückten Komponenten: Den beiden Hörern, einem Sender und einer Ladestation.

Während die Hörer eine Spieldauer von rund 3 Stunden bieten, arbeitet der Sender mit einer Akku-Füllung rund 10 Stunden. Zum Laden der Komponenten wird ein Ladekabel mit Netzteil geliefert. Das eine Ende dieses Kabels besitzt einen USB-Stecker, der entweder ans Netzteil oder an einen PC angeschlossen werden kann.

Aber aufgepasst: Um eine eventuelle Beschädigung der USB-Schnittstelle des PCs durch Überlastung zu verhindern, sollte man das gleichzeitige Laden aller Komponenten nur mit dem Netzgerät vornehmen. Die portable Station kann, wenn sie voll geladen ist, die Hörer bis zu dreimal laden, nicht aber den Sender, der ja eine dreimal längere Betriebsdauer mit einer Akku-Füllung hat.

Dass sich Sennheiser nicht zur bedingungslos gehorsamen Gefolgschaft von Apple gesellen will, zeigt die Tatsache, dass der Sender nicht direkt an den mehrpoligen Dockanschluss eines iPods angeschlossen werden kann. Der Sender kann generell keine digitalen, sondern lediglich analoge Musik-Signale via Kopfhörerausgang eines Quellgerätes aufnehmen und muss diese zur drahtlosen Übertragung zu den Hörern wieder digitalisieren.

Let's Twist again

Mittels unterschiedlich grosser Adapterscheibchen kann das Twist to Fit System der jeweiligen Ohrform angepasst werden. Schaumstoffpölsterchen für Hörer nicht vergessen zu montieren!

Twist-to-fit- Hörer besitzen Hörerkapseln wie die bekannten Stöpsel-Kopfhörer. Doch ist bei dieser Sennheiser-Spezialität ein Stopper-Element angeformt.

Der Hörer wird mit einer Drehbewegung ans Ohr "getwistet" und hält bei passender Ohrform (!) perfekt und ohne lästig zu wirken am Ohr. Mittels dreier unterschiedlich grosser Adapterscheibchen kann der Hörer bis zu einem gewissen Grade der Ohrform individuell angepasst werden.

Das Twist-to-Fit-System sass bei den meisten männlichen Testpersonen wie angegossen. Nicht aber so bei der holden Weiblichkeit. Offenbar gehören auch die Ohren zu denjenigen Körperteilen, die sich bei Männlein und Weiblein mehr oder weniger stark unterscheiden. So passte des Twist-to-Fit-System nicht bei allen weiblichen Testpersonen perfekt ans Ohr. Wenn das System aber passt, sitzt es unverrückbar am Ohr und drückt auch nur geringfügig.

Der Klang des MX W1 ohne Ohrpölsterchen ist eher dünn, die Mitten resonieren. Also nicht vergessen, die beigelegten Schaumstoff-Ohrpölsterchen auch wirklich zu montieren! Bei extrem hefigen Bewegungen kann ein nicht ganz optimal eingesetzter drahtloser Twist to Fit-Hörer vom Kopfe fallen und dann hält ihn auch kein Kabel! Also aufgepasst bei entsprechenden Situationen...

Nicht ganz unproblematisch...

Zur Erprobung wurde die Sendereinheit - wie im Manual abgebildet - mittels Gummiband auf die Rückseite eines iPod Classics geschnallt. Nun lag die Vermutung nahe, dass dieser relativ grosse Player mit seinem Metallgehäuse die Abstrahlung des Senders beeinträchtigen könnte.

Einen absolut unbefriedigenden Betrieb ergab sich bei der Montage der Einheit am Gurt mit einem zum Körper hin zeigenden Sender. Rund die Hälfte der Zeit setzte der Betrieb aus. Besser klappte die Übertragung, wenn die Einheit umgedreht wurde, das Display des Players somit nach innen, der Sender jedoch nach aussen zeigte.

Aber auch so waren je nach Körperbewegung und Haltung gelegentlich kurze Aussetzer zu vernehmen. Der beste Betrieb ergab sich, wenn sich die Player-Sende-Einheit auf Brusthöhe - zum Beispiel in der Brusttasche - mit nach aussen gerichteten Sender befand. In dieser Betriebskonfiguration waren nur noch ganz selten kurze Unterbrüche zu vernehmen.

Weiter erhob sich sich die Frage, wie weit man sich von der Sendeeinheit entfernen kann, ohne dass der Empfang abbricht, was je gerade für einen Zweithörer wichtig ist. In kleineren und mittelgrossen Räumen waren auch bei einer Distanz von bis zu 5 Metern vom Sender entfernt keine Störungen zu vernehmen. Anders im Freien, wo es bereits ab 2 Metern Distanz zum Sender je nach Position und Bewegung der Hörerperson kurze Aussetzer gab.

Klingt nicht übel.

Die akkubestückte portable Ladestation kann die Hörer bis zu dreimal unabhängig von jeglicher Steckdose aufladen.

Wohl niemand erwartet von einem drahtlosen In-Ear-System eine high-end-mässige Klangqualität. Wer mit einem solchen System liebäugelt, hat meist andere Prioritäten. Trotzdem ist es interessant, einen Vergleich zu einem Spitzen-Kopfhörer und einem aus dem gleichen Hause stammenden Twist-to Fit-Hörer anzustellen, denn Wunder sind ja nicht ganz auszuschliessen. Zudem verspricht Sennheiser in Sachen Soundqualität beim MX W1 ja auch einiges.

Das klangliche Resultat eines MX W1 ist nicht ganz einfach zu beschreiben, denn es ist ganz klar von der Ohrform und dem jeweiligen Sitz abhängig. Je nachdem, wie man den Hörer einsetzt, kann das Klangbild mal etwas mehr oder weniger Bass haben. Im Vergleich zum HD 600 von Sennheiser klingt der MX W1 ganz klar magerer, die Mitten tendieren etwas aufdringlich zu wirken, was gerade bei kritischen Klängen wie etwa einer Oboe oder einem Saxophon gut zu hören ist.

Auch der Vergleich zum Sennheiser Twist to Fit-Hörer Style MX 90 VC fällt zugunsten des drahtgebundenen Hörers aus. Der MX 90 wurde sowohl vom Tragekomfort wie auch vom Klang her als angenehmer beurteilt, denn er lieferte ein volleres und ausgewogeneres Klangbild als der MX W1.

Wer die etwas mageren Bässe des MX W1 mittels Bassboost am Quellgerät aufpeppt, wird aber mit einem Sound von durchaus akzeptabler Qualität belohnt. Dann macht es grossen Spass mit "vollem Rohr" zu den aus den 60er Jahren stammenden Klängen "Lets Twist again" mit Chubby Checker zu zweit im ganzen Raum herumzudancen ohne jemanden zu stören...

Fazit

Mit dem Digital Wireless System MX W1 bringt Sennheiser ein vollkommen drahtloses In-Ear-Kopfhörer-System, das, wenn man gewisse Dinge berücksichtigt, recht gut funktioniert. Das MX W1 erreicht zwar die Klangqualität drahtgebundener Twist to Fit-Systeme nicht ganz, liefert jedoch mit einem gewissen Bassboost am Player einen gefälligen, satten Sound. Für das Twist to Fit-System gilt nach wie vor: Mit Vorteil an den eigenen Ohre erproben...
STECKBRIEF
Modell:
MX-W1
Profil:
Vollkommen drahtloses Kopfhörersystem, das mit dem "Twist to fit" - System arbeitet.
Pro:
vollkommen drahtloses Kopfhörersystem; verluslose Übertragung nach Kleer Standard; Twist to Fit-System;
Contra:
benötigt etwas Bass-Boost am Player;Sender akzeptiert nur analoge Signale;je nach Position des Senders gelegentliche Aussetzer;
Preis:
500.00 CHF
Hersteller:
Jahrgang:
2008
Vertrieb:
Masse:
0 mm
Gewicht:
2 x 0,01 kg
Farbe:
schwarz/silber
Bauprinzip:
intraaurale Ohrankopplung
Wettbewerb