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Test Recording im Landberghaus.Test Recording im Landberghaus.
Erwartungen voll erfüllt

Vielen Klassikliebhabern dürften die «Living Stereo»-LPs aus der «goldenen Ära» der Tonaufnahmen ein Begriff sein: RCA Victor lancierte mit dieser Marke im Jahre 1954 die neue stereofone Technologie. Es wurde viel Wert auf exzellente Qualität gelegt, welche auf den ganzen RCA-Konzern ausstrahlen sollte. Deshalb engagierte man für viel Geld die damaligen Stars der Klassik-Szene, etwa Geigenvirtuose Jasha Heifetz, die Pianisten Arthur Rubinstein und Vladimir Horowitz, den Dirigenten Fritz Reiner mit dem Chicago Symphony Orchestra.

In einem längeren Interview aus dem Jahr 1996 erwähnt der damalige Produzent Jack Pfeiffer auch die bewusste Einfachheit der Tontechnik. Wenige, präzise im Saal aufgestellte Mikrofone sollten den Klangkörper möglichst echt einfangen. Jedes Mikrofon fange jedes Geräusch im Saal auf; zu viele Mikrofone würden nur Phasenfehler und ein schreckliches Durcheinander verursachen. Man würde nicht mehr wissen, was man tue. Es wurde bis Mitte der 60er-Jahre viel experimentiert, doch dem Grundsatz der Einfachheit blieb man treu. Meist kamen 4–5 Mikrofone zum Einsatz, davon 3 für die Frontkanäle plus Stützmikrofone.

Promofilm für Living-Stereo-Aufnahmen, 1958.

Andere Firmen wählten ähnliche Ansätze. Decca ersann den «Decca-Tree» und nannte die Aufnahmen ffss (full frequency stereophonic sound), Mercurys Serie hiess «Living Presence». Bis heute gelten die Aufnahmen aus dieser Zeit als «Gold Standard». Originalpressungen erzielen Höchstpreise auf Sammlerbörsen. Interessierte finden im Netz viel Dokumentationen. Die Techniken wurden selten auch für Pop und Jazz eingesetzt. Berühmt geworden ist etwa die Aufnahme von Harry Belafonte in der Carnegie Hall.

Dokumentarfilm Mercury Living Presence, 2015.

Zwingend für eine erfolgreiche Aufnahme nach diesem Muster: eine hervorragende Akustik und sattelfeste Musiker, welche ihre Stücke beherrschen. Denn eine Postproduktion ist quasi inexistent. Die Aufnahmen sind Mitschnitte. Üblich war, die Stücke in einem Take aufzunehmen. Mit dem Aufkommen grösserer Mischpulte und Multitracking wurde dieses starre Muster Mitte der 60er-Jahre sukzessive aufgegeben.

Immer mehr Mikrofone wurden eingesetzt und der Klang entstand am Mischpult in der Tonregie. Die dadurch viel grössere aufnahmetechnische Freiheit wurde in der U-Musik sofort genutzt. In der E-Musik, welche das Ideal des konzertanten Erlebnisses in realen Räumen kennt, dauerte es länger. Aber auch grosse Orchester lassen sich auf diese Weise flexibler aufnehmen und der Klang künstlich gestalten. Weil es ein Ideal gibt, wurde bis heute meist versucht, auch Mehrspuraufnahmen danach zu orientieren – mit oft zweifelhaften Ergebnissen.

OSS-Technik (Optimales Stereo-Signal)

Der langjährige Tonmeister des Radio Studio Basel, Jürg Jecklin, ersann Anfang der 80er-Jahre die OSS-Technik als Gegenentwurf zur Mehrspurtechnik und wollte damit eine Diskussion über sinnvolle Aufnahmeverfahren auslösen. Sein Ansatz: Wenn in einem Konzertsaal der Klang schon optimal vorhanden ist, weshalb fängt man ihn nicht gleich optimal ein?

Zwei Mikrofone für zwei Stereokanäle müssten dazu ausreichen. Die üblichen Methoden für solche Zwecke genügten ihm jedoch nicht. Die sogenannte Klein-A/B-Technik lieferte einen natürlich ausgewogenen Klang, aber eine mangelhafte Qualität der Abbildung. Bei der ORTF-Technik verhielt es sich gerade umgekehrt.

AB-Mikrofonanordnung (Kugelcharakteristik).AB-Mikrofonanordnung (Kugelcharakteristik).
ORTF-Mikrofonanordnung (Nierencharakteristik).ORTF-Mikrofonanordnung (Nierencharakteristik).

Die Lösung war eine Scheibe von der Grösse einer LP, die er beidseitig akustisch bedämpfte. Seitlich davon montierte er zwei Kondensatormikrofone mit Kugelcharakteristik, welche klanglich ideal sind. Die Mikrofone richtete er in einem Winkel von jeweils 30° von der Scheibe weg, sodass die Membranen einen Abstand von 32 cm hatten. Damit gelang eine plastisch-präzise Abbildung. Die Idee fiel auf fruchtbaren Boden, jedoch weniger bei den Berufstonmeistern, sondern vor allem bei Hobby-Toningenieuren.

Während die Profis ihrer komplexen Mittel beraubt waren und die Scheibe im besten Fall als Hauptmikrofon einsetzten, hatten die Hobbyisten plötzlich ein Werkzeug in den Händen, mit dem sie ohne grosse Vorkenntnisse und mit geringem Aufwand gute Ergebnisse erzielten. «Eine Scheibenaufnahme klingt kaum je schlecht», meinte Jecklin. Damit sie wirklich gut klingt, sind aber eine Reihe von Voraussetzungen nötig. Wie bei den «Living Stereo»-Aufnahmen zählen dazu die gute Saalakustik, sowie eine optimale Position der Scheibe und der Musiker im Raum. Geduld der Beteiligten beim Herausfinden der Positionen ist also gefragt. Und schliesslich gilt für die Aufnahme: One Take!

Jecklin-Scheibe bei Probeaufnahmen im Landenberghaus.Jecklin-Scheibe bei Probeaufnahmen im Landenberghaus.

Jecklin wusste viele Geschichten zur Scheibe zu erzählen. Etwa diejenige eines Tonmeister-Kollegen, der ihm anvertraute, dass er immer parallel zu seinen Aufnahmen auch mit der Scheibe aufnehmen würde. Diese diene ihm zur Kontrolle für die Güte seiner Arbeit. Auf Jecklins Hinweis, dass er ja gleich die Aufnahme mit der Scheibe machen könne, überlegte sein Kollege kurz. Der Gedanke war nicht verkehrt. Er blieb aber bei seiner Methode.

Live-Recording-Sessions mit der Jecklin-Scheibe

Als wir am Tag der offenen Tür zum ersten Mal im neuen Konzertsaal des Landenberghauses standen und den Streicherklängen des verantwortlichen Akustikers Eckhard Kahle lauschten, da wussten wir, dass dieser Saal ein Geschenk fürs Klangschloss ist. Kahle lief mit seiner Bratsche ruhig spielend durch den Saal und erläuterte zwischendurch das akustische Konzept. Kahle Acoustics gehört zu den renommiertesten Akustikspezialisten weltweit und kann so bekannte Referenzen vorweisen wie die neue Philharmonie in Paris. https://kahle.be/de/referenzen.html

Konzertsaal im Landenberghaus

Jürg Jecklin war auch dabei. Er bemerkte trocken: «Der Saal hat eine ausgezeichnete Akustik, vielleicht fehlt ihm etwas der Charme». Für Aufnahmen sei er jedoch perfekt geeignet. Vor einem Jahr haben wir Probeaufnahmen im Saal mit dem Ensemble Fratres & Hanspeter Oggier gemacht. Nach einem halben Tag Positionswechsel von Mikrofonen und Musiker fanden wir schliesslich das optimale Setup.

Die Musiker hatten sichtlich Spass daran und waren ausdauernd. Durch die im Saal aufgestellten Monitore konnten sie nach dem Spiel das Stück gleich anhören – die Debatte über das Ergebnis konnte losgehen. Auffallend war, dass kleinste Änderungen der Position hörbar wurden. Wie eine Lupe zoomte die Scheibe die Musik heran. Verblüffend wenig änderte sich jedoch der Raumeindruck, wenn man sich vor den Monitoren hin und her bewegte.

Auch bei stark seitlichen Hörpositionen blieb dieser stabil, ganz anders als bei Multimikrofonieaufnahmen. Jecklin erläuterte dies mit der exakten Kombination von Laufzeit- und Intensitätsstereofonie, die für eine echte Stereofonie wesentlich ist, die aber nur mit puristischen Aufnahmemethoden gelingt. Mischpulte sind nicht eingerichtet, um Laufzeitdifferenzen auszugleichen.

Jecklin war bei den Testaufnahmen pandemiebedingt per Video zugeschaltet und erhielt die Files der Proben zugesendet. Rasch war er mit Ratschlägen zur Stelle, welche für das Ergebnis wesentlich waren. Die beiden eingespielten Stücke können übrigens kostenlos aus dem Klangschloss-Shop heruntergeladen werden. So können alle Interessierten nachvollziehen, wie gute Scheibenaufnahmen klingen. Jecklin erteilte den Segen. Der Saal sei für solche Aufnahmen ideal geeignet und wäre er noch berufstätig, so würde er fortan den Saal immer für Aufnahmen buchen!

Ensemble Fratres & Hanspeter Oggier.
Johann Pachelbel, Kanon in D-Dur, P.37.

Rein zweikanalige Aufnahmen sind aktuell wieder im Trend, vor allem durch die Binaural-Technik, also optimale Aufnahmen für Kopfhörer. Diese bieten aber auch für Lautsprecher ähnliche Vorteile wie die Scheibe. Ein grosser Freund der Binaural-Technik ist David Chesky. Mit seinem Label Chesky Records vertrat er seit der Gründung vor 35 Jahren die Idee einer minimalistischen Aufnahmetechnik, um ein maximales Gefühl des Dabeiseins zu vermitteln.

Spitzentechnik für analoge Perfektion

Um die Qualität auf die Spitze zu treiben, wird das verwendete Equipment bei den Sessions erstklassig sein. Wenige, aber beste Zutaten sollen die Basis für klangliche Perfektion werden. Die Mikrofone wurden von Jecklin spezifiziert: Es müssen die Bruel&Kjaer-Kondensatormikrofone Typ 4003 sein, mit Diffusfeldaufsatz.

Pawel Acoustics spendet eine vor längerer Zeit entwickelte Röhren-Mikrofonvorstufe der Spitzenklasse. Aufgenommen wird mit der legendären Bandmaschine Nagra IV-S mit QGB-Adapter, ein Präzisionsinstrument und Kleinod.

Nagra stellt auch das Gerät für die parallel dazu laufenden Digitalaufnahmen, das Nagra Digital 6. Verkabelt wird alles mit den exklusiven «Klangleitern» von Vovox in Solid-Core-Technik. Für die Stromaufbereitung steht ein Trenntrafo von Torus Power zur Verfügung.

Auf dieser Basis darf man sehr gespannt sein auf die «straight2tape»-Doppel-LP, welche im Klangschloss 2023 vorgestellt wird. Geduld ist leider gefragt, denn die Presswerke sind im Moment komplett überlastet, die Wartezeiten riesig.

Handgemachte Musik aus Klassik, Folk und Jazz

Bei allen aufnahmetechnischen Feinheiten bleibt das Wichtigste die Musik. Den Auftakt am Freitag macht das Streichertrio Ensemble Fratres, ergänzt vom Panflötisten Hanspeter Oggier. Die exotische Kombination lässt bekannte Werke von Barock bis Filmmusik in neuem Licht erscheinen.

Am Samstag folgt das Trio Anderscht aus dem Appenzellerland mit zwei präparierten Hackbrettern und jazzigem Kontrabass. Urige Schweizer Volksmusik darf man bei dem programmatischen Namen nicht erwarten, jedoch eine musikalische Reise durch Klassik, Tango bis zu Rock. Ergänzt wird das Trio durch die Zürcher Violonistin Bettina Boller. Sie überrascht uns zudem mit einem raumgreifenden Solostück.

Am Sonntag fetzt die Saxophonistin Nicole Johänntgen mit ihrer Projektband Henry los. Ihr jazzy New Orleans Style Sound wird den Saal ganz schön zum Beben bringen. Mit nur zwei Mikrofonen aufgenommen zu werden, ist für alle Bands Neuland und sorgt bestimmt für Hochspannung.

Nicole Johänntgen testet die Akustik des Konzertsaals im Landenberghaus.

Auseinandersetzung über Musikaufnahme und -wiedergabe

Zwei der jeweils fünf 20 Minuten dauernden Sessions pro Tag werden live über sämtliche ausgestellten Musikanlagen der Messe wiedergegeben. Die Übertragung erfolgt digital in HiRes ins Schloss und analog im Landenberghaus. Damit kann unmittelbar beurteilt werden, wie gut ein musikalisches Ereignis eingefangen und wiedergegeben werden kann.

Es wird auch hörbar, wie stark die Wiedergabe von den unterschiedlichen Räumen und Anlagen geprägt wird. Die puristische 2-Kanaltechnik ist auch diesbezüglich optimal, denn sie suggeriert, dass die Lautsprecher quasi wie Periskope einen direkten Blick in den Konzertsaal erlauben. Die Debatte, die Jürg Jecklin mit der Erfindung seiner Scheibe anstossen wollte, wird im Klangschloss um ein Kapitel erweitert.

Live Recording Sessions à 20 Minuten:
Freitag, 8. April: 14/15/16/17/18 Uhr
Samstag, 9. April: 13/14/15/16/17 Uhr
Sonntag, 10. April: 12/13/14/15/16 Uhr

Live Broadcast à 20 Minuten:
Freitag, 8. April: 15/17 Uhr
Samstag, 9. April: 14/16 Uhr
Sonntag, 10. April: 13/15 Uhr

Session-Tickets:
https://www.klangschloss.ch/tickets 

Gratis-Download und Doppel-LP-Vorbestellung:
https://www.klangschloss.ch/shop

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