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Publikationsdatum
23. März 2026
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Kugellautsprecher: Cabasse

Gemäss der Theorie gilt die (grosse) Kugel als optimale Gehäuseform für einen Punktstrahler. Harry F. Olson hat im Jahr 1951 in einem Paper der AES (Audio Engineering Society) das Abstrahlverhalten eines breitbandigen Lautsprechers in unterschiedlichen Gehäuseformen untersucht. Die Kugel gewinnt, weil der Übergang von hohen Frequenzen, bei denen das Gehäuse als unendliche Schallwand erscheint, zu niedrigen Frequenzen, bei denen das Gehäuse akustisch verschwindet, am ausgewogensten ist.

Der französische Traditionshersteller Cabasse hat sich das Kugelprinzip seit 1993 mit der Einführung des Modells Atlantis zu eigen gemacht. Als dynamisches Mehrwegsystem bedingt die Kugel einen koaxialen Aufbau, was selbst entwickelte, spezielle Chassis erfordert. Optimal umgesetzt ist dies in einem Aktivsystem, um das Signal auch zeitlich zu optimieren und mit geringen Gehäusevolumina arbeiten zu können. Die Kugel ist als Gehäuseform per se sehr steif und benötigt keine dicken Wände.

Beim französischen Hersteller Cabasse schwört man auf das Kugelprinzip. Hier das Modell La Sphère EVO.Beim französischen Hersteller Cabasse schwört man auf das Kugelprinzip. Hier das Modell La Sphère EVO.

Im Klangschloss bespielt Cabasse mit ihrem vollaktiven Referenzsystem «La Sphère EVO» den Landenbergsaal, also einen sehr grossen Raum. Darin ein hochwertiges System zu erleben, entspricht nicht der Wohnraumsituation, gehört aber zu den besonderen Hörerfahrungen, weil Reflexionen viel später und Raummoden tieffrequenter auftreten. Nach den Landenberg Sessions spielt Soundengineer Ralph Zünd einige Tracks der Aufnahmen ab, was die Aufnahme selbst hörbar macht und in einen Bezug zur gehörten Live-Musik im Saal setzt. Zwischen den Sessions werden die Kugeln mit einer Playlist von Qobuz vorgeführt.

Flächenstrahler: Clarisys Audio

Während die allermeisten Lautsprecher mehr oder weniger Punktstrahler sind, setzen die Flächenstrahler diesem Prinzip die Vorteile einer grossen, schallabstrahlenden Fläche entgegen. Um Schall abzustrahlen, muss sich die grosse Membranfläche viel weniger bewegen. Auch nimmt der Schallpegel über die Distanz weniger schnell ab. Entfernt man sich von der Fläche, wirkt diese in grösserer Distanz nur wenig leiser, ähnlich wie bei einem Orchester. Ist die Fläche hoch, also manns- bzw. raumhoch, so ergibt sich auch eine starke Richtwirkung in der Vertikalen, womit der Schall an Boden und Decken weniger stark reflektiert wird. Anspruchsvoll ist hingegen die horizontale Abstrahlung, da breite Quellen gegen hohe Frequenzen stark bündeln, was den Sweet Spot verkleinert. Jeder Hersteller hat eigene Prinzipien, um dieses Problem einzugrenzen.

Weil die meisten Flächenstrahler kein Gehäuse haben, arbeiten sie als Dipole, strahlen den Schall also achterförmig ab mit einer Keule nach vorne, einer um 180° phasenverschobenen Keule nach hinten und einer stark eingegrenzten Abstrahlung zu den Seiten, dies über den gesamten Frequenzbereich. Damit regen sie im Tiefton die Quermoden weniger stark an, jedoch regen sie den Raum insgesamt stärker an, was die Aufstellung anspruchsvoller macht und einen deutlichen Abstand zu der Rückwand erfordert.

Die Membranen der Flächenstrahler sind meistens Folien, welche entweder nach dem elektrostatischen, magnetostatischen oder Bändchenprinzip dem Musiksignal folgen. Sie tun dies sehr exakt, da die Membranen sehr leicht sind und mehr oder weniger vollflächig angeregt werden. Durch das fehlende Gehäuse entstehen gar keine parasitären Effekte desselben. Es versteht sich von selbst, dass die klangliche Wirkung ganz anders sein muss als bei einem Punktstrahler. Für die Liebhaber gilt: einmal Fläche, immer Fläche!

Der Schweizer Hersteller Clarisys Audio hat sich dem Bändchenprinzip verschrieben, in Anlehnung an die Vollbereichs-Bändchenlautsprecher von Apogee, welche von 1981 bis 2001 produziert wurden und immer noch einen sagenhaften Ruf haben. Clarisys führt diese Geschichte mit neuen, konstruktiven Ideen und Modellen weiter und perfektioniert den Aufbau. Für die Apogee bieten sie Restaurationen an.

Flächenstrahler von Clarysis Audio.Flächenstrahler von Clarysis Audio.

Quader 1: Zeiler Audio

Mit Abstand die beliebteste Bauform für Lautsprecher ist der schlichte Quader, in allen Varianten, Proportionen und Bauformen. Darin werden die dynamischen Lautsprecherchassis frontseitig eingebaut, je nach Prinzip, Tief-/Mittel- und Hochtöner. Der Quader hat mehrere Vorteile: Er wirkt im Raum mit einer üblichen Möblierung geometrisch unauffällig. Die Herstellung kann komplex, aber auch einfach sein und die Wahl der Oberflächen ist fast unbegrenzt. Zwei Schulen des Gehäusebaus stehen einander gegenüber. Die einen Hersteller schwören auf schwere und hochversteifte Gehäuse, um deren klangliche Einflüsse zu minimieren. Die anderen Hersteller nehmen bewusst einen Eigenklang in Kauf (weil er sich nie ganz vermeiden lässt), verschieben aber die Gehäuseresonanzen und andere Einflüsse in gehörmässig unkritischere Bereiche.

Im Klangschloss stehen exemplarisch für hochsteife Gehäuse die Hersteller Wilson Audio (spezieller Materialmix), Airplain (Stahlgehäuse) und Stenheim (Aluminium), wogegen die Fraktion der «angenehm» klingenden Gehäuse durch Graham Audio (dünnwandige, selektiv bedämpfte Gehäuse gemäss BBC-Studie), Zeiler Audio (Prinzip Bootsbau mit innerem Fachwerk und relativ dünnen, vorgespannten Wänden) und Boenicke Audio (ausgefräste Vollholzgehäuse) vertreten ist.

Der Schweizer Hersteller Zeiler Audio, der sich an Legenden von Tannoy und Altec anlehnt, führt exemplarisch den Nutzen des Quaders vor: Will man einen wirkungsgradstarken Lautsprecher bauen, dessen Pegel erst im Tiefbass unter 40 Hz langsam abfällt, steigt das Volumen rasch an und lässt sich fast nur mit einem Quader effizient bauen und zurückhaltend gestalten, um in einem Wohnraum nicht zu sehr aufzufallen. Erst ein solcher Lautsprecher kann mit wattarmen Röhrenverstärkern sinnvoll betrieben werden und damit einem speziellen Hörideal entsprechen. Wie beim Vorbild Tannoy (das später im Artikel nochmals erwähnt wird) spielt bei Zeiler ein koaxiales Chassis, also dasselbe Prinzip wie beim Kugellautsprecher von Cabasse, aber technisch anders umgesetzt.

Den schlichten Quader gibts in unterschiedlichsten Materialien und von diversen Herstellern – zum Beispiel vom Schweizer Hersteller Zeiler Audio.Den schlichten Quader gibts in unterschiedlichsten Materialien und von diversen Herstellern – zum Beispiel vom Schweizer Hersteller Zeiler Audio.

Vortrag von Derek Hughes und Paul Graham zum «Thin Wall Principle» im Klangschloss.

Die erwähnten Vorteile von dünnen Gehäusewänden wurden durch eine Studie der BBC in den 70er-Jahren erforscht. Die Referenten waren daran beteiligt und erläutern den Ansatz. Bis heute führen mehrere britische Firmen dieses Erbe erfolgreich weiter, darunter die ausgestellten Lautsprecher von Graham Audio.

Freitag, 27.3., um 13 Uhr im Analog-Bistro der AAA (in Englisch)

Derek Hughes (links) und Paul Graham.Derek Hughes (links) und Paul Graham.

Quader 2: Livebox

Ein unauffälliges Gehäuse mit akustisch auffälliger Wirkung ist die an eine übergrosse Soundbar erinnernde Livebox des Schweizer Digitalpioniers Weiss aus dem benachbarten Uster. Die in Zusammenarbeit mit dem Monitorhersteller PSI Audio und den Akustik-Spezialisten Illusonic entstandene All-in-One-Lösung nutzt den Effekt des «Crosstalk-Cancelling». Dabei wird durch gezielte Auslöschungen der Schallwellen erreicht, dass der linke Stereo-Kanal viel stärker nur am linken Ohr und der rechte Kanal vor allem am rechten Ohr ankommt, fast wie bei einem Kopfhörer. Das bei Lautsprechern übliche Übersprechen wird also minimiert. Der Effekt ist ein Klang, der sich in Breite und Tiefe auf magische Art vom Lautsprecher löst und einen immersiven Klangraum schafft. Er ist aber nur genau vor der Livebox hörbar. Daneben schrumpft die akustische Breite auf die Grösse der Soundbar, kommt im Unterschied zu einem 2-kanaligen Set-up aber immer von vorne und nicht von den Seiten.

Nach jahrelanger Entwicklungsarbeit ist die Livebox nun serienreif und erinnert daran, dass im Audiobereich immer noch fundamentale Neuerungen möglich sind. Der formale Entscheid für den trotz seiner Grösse unauffälligen Quader lenkt auf die inneren Werte statt auf optische Extravaganz.

Die Livebox ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Weiss Engineering, PSI Audio und Illusonic. Die Livebox ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Weiss Engineering, PSI Audio und Illusonic.

Quader 3: Tannoy Vintage PA

Studiomonitore und PA-Lautsprecher sind fast durchgehend Quader. Sie lassen sich einfach hinstellen und stapeln und prägen bis heute das Bild, das wir von einer «richtigen Lautsprecherbox» haben: ein Quader mit frontseitig eingebauten Membranen. Was als funktionales Design gilt, ist in Wahrheit vor allem praktisch und kosteneffizient herzustellen, gerade wenn die Volumina gross sind. Dass Studiomonitore fast immer Quader sind mit ihrem typischen Klang, hat für alle Boxen dieser Bauart den Vorteil, dass ihr Klang immer relativ dicht am Werkzeug ist, das der Soundengineer zum Abmischen und Mastern einer Aufnahme verwendet. Dagegen wird ein Flächenstrahler immer anders klingen.

Im Raum der AAA-Schweiz im Landenberghaus veranstaltet die Gruppe @younghifi Listening Sessions mit einem aktiven Vintage-PA-System von Tannoy, einem kultigen Gebirge von Quadern und einem schönen Beispiel, welchen Sound ein dynamisches System mit viel Membranfläche generiert.

Das aktive Vintage-PA-System von Tannoy.Das aktive Vintage-PA-System von Tannoy.

Lautsprecher im direkten Klangvergleich

Wer in früheren Zeiten ein HiFi-Geschäft betrat, stand oft vor einer «Wall of Sound», einer Wand voll mit Lautsprechern, und konnte dann von dem einen zum anderen Modell umschalten. Dieser Vergleich suggeriert einen fairen Vergleich, ist aber praxisfremd und heute überholt. Die Lautsprecher sind auf diese Weise nie so aufgestellt wie später im eigenen Wohnraum – und meist nicht in der Art, wie sie konzipiert wurden. Weiter wurden kaum je die Pegel ausgeglichen, und je nach Standort regen die Lautsprecher den Raum unterschiedlich an.

Klangvergleich verschiedener Lautsprechermodelle: die Wall of Sound beim HiFi-Händler. Klangvergleich verschiedener Lautsprechermodelle: die Wall of Sound beim HiFi-Händler.

Wer heute in einem HiFi-Geschäft Lautsprecher vergleicht, hört meist ein Paar, sauber aufgestellt, danach ein anderes Paar am selben Standort, oder sie sind nebeneinander aufgestellt. Auch dies entspricht zwar nicht dem Klangerlebnis zuhause, weil die Akustik eine andere ist, kommt diesem aber viel näher. Genau prüfen lässt sich das Ergebnis nur zuhause.

Im Klangschloss veranstalten wir seit der Einführung der Landenberg Sessions im Jahr 2022 einen aussergewöhnlichen Klangvergleich. Die erste Aufnahmesession des Tages, die man im Landenbergsaal besuchen kann, wird etwas später parallel über alle Systeme wiedergegeben. So vergleicht man unmittelbar, wie Systeme in ihren Räumen mit derselben Musik klingen. Diese hat man zudem im «Original» gehört, wenn auch nicht dort, wo die Mikrofone stehen. Der Vergleich zeigt auch, welchen Einfluss Räume auf ein Lautsprechersystem haben, denn gerade deshalb sind die Unterschiede beträchtlich.

Klangvergleich mit Qobuz-Playlist

Die Popularität dieses Vergleichs hat uns bewogen, anschliessend an die übertragene Aufnahmesession während knapp 30 Minuten eine von den Ausstellern kuratierte Qobuz-Playlist über alle Systeme abzuspielen. Wer sich aufs Klangschloss vorbereiten will, hört die Stücke zuhause selbst an. Es wird aus zeitlichen Gründen aber nur eine Auswahl gespielt.

Welche Lautsprecherform klingt denn nun am besten? Die Frage kann jede Person nur für sich selbst beantworten, denn die Beurteilung ist zwangsläufig subjektiv. Die Reaktionen aus früheren Jahren bestätigen dies, denn noch nie schwang ein System durchwegs obenaus in der Beurteilung. 

Klangschloss 2026 vom 27. bis 29. März

Schloss Greifensee

Markus Thomann Gastautor

Markus Thomann war als Architekt tätig, bevor er 1997 seine Passion für Audiotechnik professionalisierte und die Firma Klangwerk gründete. Unter diesem Label stellt er exklusive Lautsprecher her und betreibt in Zürich ein Fachgeschäft. Jeden Frühling organisiert er zudem das «Klangschloss», eine Audiomesse im Schloss Greifensee.