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Publikationsdatum
22. April 2002
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«Tragischerweise hat die Vielzahl und Vielfalt von Radiostationen zu einer Einfalt vom Musikprogramm in der Schweiz geführt, weil nur noch die Rentabilität vom Investment das Ganze regiert. Dies führt zu einer Verblödung der Musik», wettert Yello-Multitalent Dieter Meier, der sichtlich aufgebracht ist. Er steht nicht allein. Viele Schweizer Musikfans ärgern sich über den Einheitsbrei, der von den meisten Kanälen und deren Chefköchen serviert wird. Die Quote regiert, und das Programm wird häufig aufgrund demografischer Begebenheiten per Computer errechnet. Und am schlimmsten: Die einheimische Musik fristet mehr und mehr ein Schattendasein im grauen Radioalltag.
Swiss Music News meldeten letzthin, dass im Jahr 2000 deutlich weniger Titel von Schweizer Komponisten und Textautoren gesendet worden seien als in den Vorjahren. Die je drei SRG-Sender in der Deutsch- und Südschweiz sowie die vier Programme der Westschweiz spielten durchschnittlich nur noch 6,4 Prozent einheimische Musik. Dies gehe aus Statistiken hervor, welche die Urheberrechtsgesellschaft SUISA vorlegte. Insgesamt betrage der Rückgang im Vergleich zum Vorjahr 15% – im Vergleich zu Spitzenwerten Ende der 80er würden die aktuellen Anteile gar um
die Hälfte tiefer liegen. Für die Schweizer Kultur, deren Schaffende und die Musikindustrie sind das schlechte News: «Wenn es so weitergeht, wird die Schweizer Musikindustrie in Zukunft beim Signen von nationalen Künstlern noch vorsichtiger sein müssen als bisher», meint Bruno Huber, Vizedirektor von BMG.
Ein Lichtblick aber ist das Swiss Music Radio, welches von George Wismer, dem Mitinitianten von Radio Sunshine und Mit-Entwickler der bekannten Digimedia Broadcast Software von Studer, lanciert wurde.

Auf Granit beissen

Dieter Meier von Yello: Die Vielzahl von Radiostationen hat zu einer Einfalt vom Musikprogramm in der Schweiz geführt.
Dieter Meier von Yello: Die Vielzahl von Radiostationen hat zu einer Einfalt vom Musikprogramm in der Schweiz geführt.
Alles begann mit einer San-Pellegrino-Idee. George sass mit Michael Buholzer (Ex-Technik-Chef bei VIVA Swizz und Ex-Förderband) und Jean-Claude Frick am Tisch beim Italiener. Gemeinsam kamen sie auf die Idee eines Sparten-Programms mit Schweizer Musik, weil sie selber grosse CH-Popfans sind.
Dass das BAKOM George Wismer noch von Radio Sunshine her kannte, half die Kabelkonzession zu erhalten. Da diese aber ohne die Zusage der Kabelbetreiber wertlos war, entschied man sich, über einen Satelliten zu senden, was aber in der Schweiz viel zu teuer zu stehen kam.
Eines Tages kam George eine ähnliche Idee, wie sie vor ihm schon mal ein anderer gehabt hatte. Er fragte sich: «Wieso nicht in Italien versuchen, was in der Schweiz nicht machbar ist?» Und siehe da: Die Kosten betrugen dort ein Drittel weniger. Ergo musste man die Konzession wieder ändern und auf internationale Bestimmungen umschreiben, was gelang. Darauf produzierten die Schweizer Popfreaks ein Jinglepacket und ein Testprogramm.
Jetzt war man gerüstet, auf die Kabelnetzbetreiber loszugehen. George erzählt: «Die einen sagten ja, die anderen nein. Einer sagte sogar: "Wir haben nur noch vier freie Kanäle. Davon können wir euch keinen geben." Es war schlicht katastrophal. Wir wollten einen Schweizer Sender mit Schweizer Musik machen und bissen voll auf Granit.»
Schlussendlich gab aber jemand viel Wichtiger grünes Licht: die CableCom. Seit dem 1. März kann nun das Programm von Swiss Music Radio in den meisten grossen Städten der Deutschschweiz per Kabel empfangen werden.

100% Schweizer Musik

«Wir machen ein Spartenprogramm, das locker mit den anderen mithalten kann, weil wir vielfältiger sind», meint George. «Im Vordergrund steht die Musik. Moderationen interessieren niemanden mehr. Um uns klar von der Konkurrenz zu unterscheiden, setzen wir auf ein Musikprogramm und senden keine News.» Ein Netz von lokalen Korrespondenten, die auf die heissesten Events der verschiedenen Regionen der Schweiz aufmerksam machen werden und per Internet mit dem Sender verbunden sind, wird jetzt aufgebaut.
Im Powerplay rotieren 200 Songs, alte und neue. Zusätzlich verfügt man über beinahe das ganze noch auf CD erhältliche Schweizer Pop-Repertoire. Klassiker wie «Heavenly Club» von den Sauterelles, der Nummer-eins-Hit von 1968, stellen sich neben ganz Neues von Gotthard oder Popmonster.
George schwärmt: «Bei uns kann man den ganzen Tag Schweizer Musik hören, und es wird nie langweilig, denn es geht die Post ab. Das Radio ist relativ rockig, aber wir spielen auch HipHop, Alternative, Pop, zwischendurch ein paar Liedermacher für die Dynamik usw.»
Ganz unumstritten ist die Idee eines Radioprogramms mit ausschliesslich Schweizer Musik nicht. Bruno Marty, Geschäftsleiter der Action CH-Rock, die den medienpoltischen Vorstoss «idée suisse – wir wollen Taten hören» lanciert hat, meint: «Grundsätzlich finde ich die Idee super, aber 100% Schweizer Musik ist mir zuviel. Unsere Musik war immer offen, und wir haben immer viel assimiliert. Vor allem in den Zeiten der Globalisierung ist es wichtig, dass wir uns nicht zu sehr abgrenzen.» Und trotzdem ist es nicht nur als Künstler wichtig, seine Wurzeln zu pflegen.

Hitmacher im ehrenamtlichen Einsatz

Bruno Marty: Darf sich ein gebührenfinanziertes, öffentliches Radio, das nur 9% Schweizer Musik sendet, idée suisse nennen?
Bruno Marty: Darf sich ein gebührenfinanziertes, öffentliches Radio, das nur 9% Schweizer Musik sendet, idée suisse nennen?
Enthusiasmus ist selbstverständlich für George «Motormouth» Wismer. Viel Eigenleistung ist von ihm und seiner Mannschaft gefragt: Bisher bezahlte man alles aus der eigenen Tasche. «Wir machen alles ehrenamtlich», verrät er.
Ein Sender wie Radio 24 muss wegen der News Millionen reinholen. «Wir müssen das nicht», atmet George auf. «Wir können experimentieren und brauchen nur 200000–300000 Franken pro Jahr. Dafür benötigen wir drei Sponsoren, und wenn wir die nicht finden, dann müssen wir aufhören. Wir müssen jetzt Geduld haben, aber ich bin zuversichtlich.»
Die Ziele bis Ende Jahr sind klar definiert: vollständige Aufschaltung auf allen Kabelnetzen der Deutschschweiz, eine zufriedene und treue Hörerschaft und die Gewährleistung der Sponsorenbeiträge.
Ganz risikofrei ist das Projekt nicht. Der Medien- und Musikwirtschaftsexperte Frank Hänecke mahnt: «Grundsätzlich finde ich das SMR natürlich toll, aber es gibt zwei Faktoren, die über den Erfolg von SMR bestimmen werden: die Professionalität und die Empfangbarkeit des Programms. Der Markt ist extrem hart, und man hat nicht auf diesen Sender gewartet.»
George ist sich zwar der Härten des Business bewusst, äussert aber seinen persönlichen Ehrgeiz: «Wir wollen, dass sich die Umsätze mit Schweizer Musik verdoppeln, dass auch die anderen Stationen in der Schweiz doppelt soviel Schweizer Musik spielen, und wir wollen, dass die Musikredaktoren Songs bei uns hören und diese Titel in ihr eigenes Programm einbauen.»
Swiss Music Radio war die erste Station, die «Looking At You» von Gotthard spielte, bevor es ein Riesenhit wurde. Die Zukunft wird zeigen, wie viele Schweizer Hits durch SMR geprägt werden.

«Stehts i truure»

George Wismer: Bei uns kann man den ganzen Tag Schweizer Musik hören, und es wird nie langweilig, denn es geht die Post ab
George Wismer: Bei uns kann man den ganzen Tag Schweizer Musik hören, und es wird nie langweilig, denn es geht die Post ab
Swiss Music Radio steht quer im Schweizer Äther. Die Risikofreudigkeit der übrigen Programmacher hat sich im harten Überlebenskampf in Luft aufgelöst. In der Schweiz ist es beinahe nicht mehr möglich, etwas Neues im Radio zu entdecken. Mit Wehmut denkt man zurück, wie damals plötzlich fremde Klänge Einzug in die Schweizer Radiowelt hielten, als Roger «Jamaika» S. seine kleine Medienrevolution anzettelte. Heute sind die Privaten zu dem geworden, was die Piraten früher mit ihrem Programm bekämpft hatten. Noch schlimmer aber verhält sich heute der Programmauftritt der SRG-Radios.
«Verrückterweise sind die SRG-Radios auf den Quoten-Trend aufgesprungen und erfüllen ihren Auftrag nicht mehr. Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten nicht die Quantität der Hörer verfolgen, sondern Qualität», ärgert sich Yellomann Dieter Meier: «Man sollte sich vehement dagegen einsetzen, dass die SRG den Leuten diesen Einheitsbrei zu fressen gibt. Sie haben einen Kulturauftrag, einen menschlichen Auftrag, einen Auftrag, den sie zu erfüllen haben. Es ist eine Schweinerei.»

«idée suisse – wir wollen Taten hören»

Die Schweiz liegt in Europa an letzter Stelle, wenn es um einheimische Musik in Radios geht. An der Schweizer Musik liegt das nicht, denn das schweizerische Musikrepertoire der letzten 50 Jahre kann sich ohne Scham hören lassen. Die ganz eigene Melange der vier Kultursprachen der Schweiz ergibt interessante Konstellationen, die vor allem in Zeiten der Globalisierung von internationalem Interesse sein könnten.
Die Situation bei der SRG hat sich spätestens seit der Sanierung des ehemaligen amtlich bewilligten Störsenders enorm zugespitzt: Bei DRS 3 kümmert man sich nur noch um Image und Quoten. Der Vergleich mit dem Ausland ist nichts als peinlich: In Italien wird freiwillig 50% italienische Musik gespielt, und in Frankreich kann mit einer Quotenregelung über 40% französische Musik gehört werden. Und hier setzte die 98er-Petition der Action CH-Rock an, die von den Privatsendern eine 20%-Quote forderte.
Bruno Marty, von der Action, ein in Bern wohnender Urner, sagt: «Ich finde es sehr trist und unendlich schade. Die Schlagwörter "idée suisse" und "service public" werden von der SRG ins Land hinausposaunt. Doch nur 9% Schweizer Musik in den SRG-Radios ist dafür schlicht zuwenig. Für über eine Milliarde Konzessionsfranken an die SRG SSR idée suisse genügt das absolut nicht. Die SRG-Radios senden ca. 70% Musik in ihren Programmen: Da muss mehr CH-Musik drinliegen!» Die Action CH-Rock und die Verbände/Organisationen fragen: «Darf sich ein gebührenfinanziertes, öffentliches Radio, das nur 9% Schweizer Musik sendet, idée suisse nennen?» Im Rahmen der Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) lancierte die Action den medienpolitischen Vorstoss «idée suisse – wir wollen Taten hören». Darin wird eine angemessene Beachtung einheimischer Musik in den Radioprogrammen der SRG gefordert. Seit der Einreichung stellten sich Parteipolitiker verschiedenster Parteiherkunft hinter die Initianten. Seither ist der Dialog mit den Verantwortlichen viel sachlicher geworden.
Marty erzählt: «Im April 2001 bezogen wir Stellung zu dem Gesetzesentwurf des RTVGs. Seither ist vieles passiert. Jetzt geht es darum, alle Beteiligten auf breiter Basis zu informieren. Dazu publizieren wir eine grosse Zeitung mit einer Auflage von über 100 000 Stück.»
Im September 2002 geht die Gesetzesvorlage in die vorberatenden Instanzen des National- und Ständerates. Hier findet die Detailberatung statt. Die Initianten werden zu diesem Zeitpunkt mit weiteren Aktionen auf die Misere aufmerksam machen und das Bewusstsein bei ParlamentarierInnen anregen, das zu einer Gesetzesänderung führen könnte.

Umstrittene Quotenregelung

Frank Hänecke: Der Wirtschaftszweig der Musikindustrie bildet mit seinen etwa 500 Mio. Franken Umsatz pro Jahr nur den Kern.
Frank Hänecke: Der Wirtschaftszweig der Musikindustrie bildet mit seinen etwa 500 Mio. Franken Umsatz pro Jahr nur den Kern.
Die Quotenregelung ist aber umstritten. George vom SMR meint: «Ich bin generell dagegen. Es darf keine Einschränkungen geben. Angebot und Nachfrage müssen ungehindert spielen können. Die meisten Privaten im Tessin und in der Romandie würden dezimiert, und z. B. in der Region Basel gäbe es nicht mehr drei, sondern nur noch einen, weil die internationale Konkurrenz an den Grenzorten einfach zu erdrückend ist. Eine Schweizer Quote macht die Grossen wie Gölä und Gotthard nur noch fetter, und die Kleinen würden ignoriert.»
Es liegt auf der Hand, wieso George so argumentiert: Wenn plötzlich alle mehr Schweizer Musik spielen würden, wäre die Notwendigkeit eines SMR in Frage gestellt. Vielleicht aber würden so mehr Schweizer Hits gemacht werden, und der ganze Musik-Kreislauf würde gestärkt.
Frank Hänecke meint: «Eine gesetzliche Quote will man eigentlich nur, wenn die Sendeverantwortlichen nicht einlenken.» Mit dem Goodwill der Radiomacher zu rechnen führt aber offenbar nirgends hin. Und Bruno Marty fügt hinzu: «Solange wir keine Taten seitens der SRG hören und sehen, fordern wir die 20%-Quotenregelung.»

Fazit

Equipment: Studer OnAir-2000,Suder A3-Monitore, Studer DigiMedia Broadcast Software, Pioneer CAC V3000 CD-JukeboxenEquipment: Studer OnAir-2000,Suder A3-Monitore, Studer DigiMedia Broadcast Software, Pioneer CAC V3000 CD-Jukeboxen
Seit 1998 ist der Rückhalt der Action CH-Rock enorm gestiegen, und eine grosse Interessengemeinschaft ist herangewachsen. Die Allianzen sind geschlossen. Was weiter passieren wird, steht in den Sternen, denn die Medienpolitik kann man nicht prognostizieren.
«Diese Radiomisere hat generell nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine wirtschaftliche Komponente», sagt Frank Hänecke. «Der Wirtschaftszweig der Musikindustrie bildet mit seinen etwa 500 Mio. Franken Umsatz pro Jahr nur den Kern. Der ganze Wirtschaftsbereich, der von der Musik profitiert, ist um ein Vielfaches grösser.»
Wenn man den Kulturkreislauf anregt, fördert man automatisch auch die Wirtschaft. Wirtschaftsförderung und Kulturförderung sollten gleichberechtigt betrieben werden, denn sie ergänzen einander und sind untrennbar ineinander verflochten. Man sollte sich bewusst werden, welchen Wirtschaftsboom die Streetparade in Zürich ausgelöst hat.

Wo ist Swiss Music Radio überall empfangbar?

Primär ist SMR auf dem Kabelnetz, sekundär per Satellit empfangbar. Es sind rund 1000000 Kabelhaushalte in der Deutschschweiz: Zürich, Bern, Luzern, St. Gallen, Winterthur, Biel, Chur und über 400 Ortschaften. Die Romandie und das Tessin müssen vorerst noch warten. Die Frequenzen der Ortschaften findet man unter:
www.swissmusicradio.ch/kabelnetze.htm
Auf allen Kabelnetzen der Cablecom und der Telezug ersetzt SMR das im November 2001 eingestellte Radio 24 plus und ist über den ehemaligen Programmplatz von Radio 24 plus zu empfangen. Radiogeräte mit Radio Daten System (RDS) zeigen zur Erleichterung des Auffindens die Senderkennung SWISSMUS.
Swiss Music Radio sendet sein Programm digital unverschlüsselt in der Norm DVB-S über den Satelliten Eutelsat Hotbird 13° Ost auf der Frequenz 12,220 GHz mit der Symbolrate 6,161 MSymbols/s, FEC 3/4 und horizontaler Polarisation.

Action CH-Rock und «idée suisse – wir wollen Taten hören»

In der Schweiz hatten die Musiker keine Lobby wie die Literaten oder die Filmer. Über 10 grosse Verbände und Gesellschaften haben sich mit der Action CH-Rock zusammengeschlossen: darunter die SUISA, die ASMP (Association OF Swiss Music Producers), die IG Volkskultur, die Schweizerische Interpretengesellschaft (SIG), das Schweizer Musik Syndikat (SMS) oder die Schweizerische Vereinigung der Musikverleger und Musikproduzenten (SVMM). Die Initianten sind gerüstet auf die Detailberatungen der National- und Ständeräte zum neuen RTVG.
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