25. September 2018 | seit 1999
BLOGPOST
ARTIKEL
Publikationsdatum
4. Februar 2018
Themen
Drucken
Teilen mit Twitter

Man nimmt an, dass wir alle unterschiedlich hören. Die Ursache wird bei der individuellen Hörerfahrung geortet. Jeder Mensch entwickelt über die Jahre eine individuelle Hörerfahrung. Darunter versteht man die Entwicklung der akustischen Wahrnehmung im Gehirn.

Da wir alle unterschiedlich hören, ist unser Qualitätsempfinden individuell, einmal abgesehen von eindeutig hörbaren Fehlern wie Verzerrungen oder Klangverfärbungen. Was dem einen gefällt, mag den anderen nicht gleichermassen zu überzeugen. Es erstaunt aber, dass wir trotz dieser Erkenntnis immer wieder die Bestätigung suchen, einen Konsens für das Gehörte. Wir sind unsicher. Erst wenn uns jemand bestätigt, dass wir «richtig» liegen, dass er gleicher Meinung ist, sind wir überzeugt. Dabei verunmöglicht das individuelle Qualitätsempfinden eine zuverlässige Bestätigung Dritter.

Dazu gesellt sich noch der Aspekt der Meinungsführerschaft. Meinungsführer und -folger in einer Gruppe beeinflussen die individuelle Urteilsfähigkeit. Das ist ein gruppendynamisches Phänomen. Klangvergleiche sollten nicht in der Gruppe durchgeführt werden, sondern nur individuell.

Wir erfahren manchmal eine gezielte Beeinflussung, zum Beispiel bei Vorführungen an Messen oder Workshops. Die präsentierende Person beeinflusst uns mit seiner eigenen Überzeugung oder, weit schlimmer, ohne eigene Überzeugung. Wir werden in beiden Fällen manipuliert. Zweck solcher Klangvergleiche ist die Verkaufsförderung. Das teurere Kabel siegt meistens.

avguide.ch meint

Das individuelle Klangempfinden erschwert den Konsens.

Wie widerstehen wir der Erfüllung unserer Erwartungen?

Es ist klug, unsere Erwartungen zu unterdrücken, denn wir haben oft eine deutliche Erwartungshaltung. Das Phänomen ist psychologischer Natur. Werden unsere Erwartungen nicht erfüllt, entsteht eine Enttäuschung. Die Erwartungshaltung gründet auf Beeinflussung: Fachbeiträge, Testberichte, Erfahrungsberichte aus Foren oder Blogs – das Werk vieler Influencer.

Da wir individuell hören und urteilen, können die Meinungen der Influencer für uns, die Individuen, im Grunde keine Gültigkeit haben. Wir sollten uns also auf den Standpunkt stellen, dass sie falsch liegen, bis wir aus eigener Wahrnehmung gegebenenfalls zustimmen können. Mit diesem «Mindset» bekämpfen wir unsere Erwartungshaltung und urteilen individuell, für uns richtig.

Wir müssen aber auch urteilsfähig bleiben. Zu viel Abwehr gegen die Meinung anderer beeinträchtigt unsere Urteilsfähigkeit ebenso. Im Endeffekt ist die richtige Einstellung eine Gratwanderung. Am besten respektiert man eine Meinung, versucht sie nachzuvollziehen und urteilt am Schluss für sich selbst.

Sind Blindvergleiche besser?

Der Blindvergleich ist unbestritten die ehrlichste Art des Vergleichs, weil wir nicht beeinflusst werden. Die Komponenten sind nicht erkennbar und anonymisiert. Unser Urteil ist unbeeinflusst von optischen Eindrücken, Meinungen, Präferenzen (z. B. von Marken) und Vorurteilen. Wir können uns an nichts festhalten. Der Blindvergleich ist eine gute Sache, und dennoch ist er unbeliebt. Erneut wollen wir, dass sich unsere Erwartungen erfüllen. Bei einem Blindvergleich ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses nicht geschieht, viel grösser.

Da wir Angst vor dem eigenen Irrtum haben, suchen wir etwas, woran wir uns festhalten können. Bei einem echten Blindvergleich ist das unmöglich. Bei einem echten Blindvergleich von Audio-Komponenten wird auch die Reihenfolge nicht offengelegt. Man weiss nur, dass z. B. drei Komponenten mit unterschiedlichen Musikbeispielen in mehreren Durchgängen verglichen werden. Die Reihenfolge kann sich ändern. Erst die Auswertung ergibt, welches Produkt am besten beurteilt wird – und das ist sehr oft nicht eindeutig und manchmal widersprüchlich.

Erfahrungsgemäss führen Blindvergleiche also zu weniger eindeutigen Beurteilungen als offene Vergleiche. Das ist von Vorteil, wenn wir bereit sind, etwas Wichtiges zu akzeptieren:

Wenn wir einen Unterschied nicht reproduzierbar erkennen können, dann gibt es keinen Unterschied.

Bei Blindvergleichen werden auch weit weniger Urteile gefällt als bei anderen Vergleichen. «Besser» oder «schlechter» kommen seltener vor. Beschreibungen der Eindrücke hingegen öfter. Das ist vorteilhaft, denn man kann und soll nicht immer ein Urteil fällen. Beschreibungen von Klangeigenschaften ermöglichen es, unsere individuellen Eindrücke überhaupt erst zu vergleichen.

avguide.ch meint

Wenn wir einen Unterschied nicht reproduzierbar erkennen können, dann gibt es keinen Unterschied.

Klangvergleiche sind Momentaufnahmen

Wenn wir Klangvergleiche als Entscheidungsgrundlage für einen Kauf nutzen, dann empfiehlt sich eine längere Hörprobe nach dem Vergleich. Nach einer Stunde kann man gut beurteilen, wie man sich dabei fühlt. So viel Zeit muss sein. Zu Hause wird dann ja auch nicht mehr verglichen.

Bei Klangvergleichen konzentrieren wir uns auf die Unterschiede. Dabei sind wir konzentriert und vielleicht nicht so entspannt. Beim längeren Hören ohne Vergleich entspannen wir uns und lassen den Klang auf uns einwirken.

Alle lieben ihre eigene Musik

Wenn ich Klangvergleichen beiwohne, nehme ich nie eigene Musikbeispiele mit. Ich höre, was gespielt wird. Die meisten Musikhörer sind anderer Meinung. Sie wollen Musikbeispiele, die sie «im Ohr» haben. Aus meiner Erfahrung führt das gerne zur Überbewertung kleiner Details, die man dann übermässig gewichtet. Man verliert das Gefühl für den Gesamteindruck, für das Ganze. Man betrachtet das Alpenpanorama quasi mit dem Mikroskop.

Hörgeschmack und Hörgewohnheiten

Eigentlich sind Geschmack und Gewohnheit dasselbe, aber Geschmack ist positiv besetzt und Gewohnheit eher negativ. Die Hörgewohnheit präferiert einen gewohnten Klangeindruck. Das ist vergleichbar mit dem Lieblingsgericht im Lieblingsrestaurant. Man kommt nicht weiter, wenn man sich an eine Hörgewohnheit klammert – so man denn überhaupt weiterkommen will. Bezüglich Hörgewohnheit kann eine Zweitmeinung wichtige Erkenntnisse bringen. Sie kann helfen, individuelle Präferenzen zu hinterfragen.

avguide.ch meint

Hörgewohnheit ist wie das Lieblingsgericht im Lieblingsrestaurant.

Unter dem Strich

Der differenzierten Betrachtung zum Trotz: Klangvergleiche machen auch Spass. Sie sind Teil des Hobbys. Wenn es um mehr geht, als nur Spass zu haben, dann ist es vor allem wichtig, dass man sich im eigenen Urteil sicher ist. Diese Sicherheit erlangt man mit etwas Erfahrung und damit, dass man sich nicht zu stark von anderen beeinflussen lässt. Musik hören ist eine grossartige, erfüllende Beschäftigung. Unsere emotionalen Empfindungen sind individuell.

Wenn Klangvergleiche und Hörproben bei Händlern zu Aufträgen führen, dann meistens emotional und spontan. Kunden, die spontan entscheiden, sind in den meisten Fällen anschliessend extrem zufrieden. Sie hatten einen emotionalen «Habenwollen-Kick». Irgendetwas hat sie umgehauen, und das hält dann an. Wer nur auf Details fixiert ist, findet immer ein Haar in der Suppe und verliert den Überblick auf das grosse Ganze.

Hörvergleiche dürfen von beeinflussenden Personen, z. B. Händlern, keinesfalls manipuliert werden. Der Kunde soll sich einen Eindruck verschaffen. Wenn er Begeisterung zeigt, kann man getrost einstimmen und noch die letzten Zweifel ausräumen. Blindvergleiche sollten vermehrt angeboten werden. Es ist ganz erstaunlich, was dabei herauskommt.

Ich wage die Behauptung, dass in 75 % aller Hörräume und Wohnzimmer ganz andere HiFi-Geräte stehen würden, wenn deren Kaufentscheid aufgrund eines Blindvergleichs erfolgt wäre.

Wettbewerb