Michi X5.Da gibt es wohlklingende Sicherungen, ausgetüftelte Stromschienen mit hochglanzpolierten Kontaktstellen und Klangschalen, die den Klang mittels wohlklingender Glockenbronze veredeln sollen. Oder dann auch Lautsprecher-Chips, welche gezielt sämtliche Bestandteile einer Lautsprecher-Box und der darin befindlichen Luft beeinflussen sollen. Diese werden innen oder aussen an die Box geklebt. Dann heisst es 10 Minuten warten und dann geniessen.
Das französische "Diapason Hi-Fi Magazin" vergab in seiner April-Ausgabe 2014 sechs von sechs möglichen Sternen in den Kategorien Musikalität und Verarbeitungsqualität und schreibt: "Sagenhaft! Das beste Hi-Fi Zubehör, das wir jemals getestet haben. Setzt materialbeeinflussende Submolekular-Energie-Impulse auf den gesamten elektrischen Strom eines Hauses frei.
Ob das bloss hochgestochener Unsinn oder hörbare Magie ist, muss jeder selber entscheiden...
Ende gut - alles gut
Erfahrungsgemäss wirkt sich so viel Power jedoch nicht nur im dynamischen Grenzbereich vorteilhaft aus. Auch bei geringen und mittleren Leistungsanforderungen (wie sie im Musikalltag vorwiegen) kann sich ein satt dimensioniertes Netzteil positiv in Szene setzen. Es steht einfach mehr Energie zur Verfügung, um elektrische Impulse ansatzlos in Musik umzusetzen. Voraussetzung ist natürlich eine ausgereifte Verstärkerschaltung. Rotel kann tatsächlich auf sehr viel Know-how in der Konstruktion von Verstärkern mit Class-AB zurückgreifen. Man kann sogar behaupten, dass die Firma dieses vergleichsweise stromsparende Verstärkerprinzip über die Jahre stetig optimiert hat. Der Michi X5 ist so gesehen ein Kulminationspunkt in der jahrzehntelangen Vollverstärker-Historie dieses Unternehmens.
Dies untermauert er natürlich auch mit seinen Abmessungen (die reichlich Abstellfläche im Hörraum voraussetzen) und dem satten Gewicht von über 42 kg, welches eine stabile Unterlage erfordert. Der üppige Materialeinsatz beim Michi ist jedoch kein Selbstzweck: Das geöffnete Gerät offenbart einen sehr sauberen, durchdachten Aufbau, bei dem der zur Verfügung stehende Raum gut genutzt wurde. Säuberlich getrennte Endstufenplatinen, DAC- und Vorstufen-Boards hinterlassen optisch einen äusserst servicefreundlichen Aufbau – nicht ganz unerheblich bei einem Gerät, das man gegebenenfalls für Dekaden sein Eigen nennen möchte. Auch punkto thermischer Stabilität ist man auf der sicheren Seite. Genügend Luft zwischen den einzelnen Baugruppen und satt dimensionierte Kühlkörper versprechen reichlich «Coolness», auch bei anhaltendem Lauthören.
Lässt keine Wünsche offen: Die Anschlussperipherie des Michi X5.All inclusive
Der Rotel verdient ohne Wenn und Aber das Attribut «Ausstattungswunder». Wo andere renommierte High-End-Hersteller DAC- und Phonokarten als teure optionale Upgrades anbieten, gilt beim Michi X5 «All inclusive»: So betreibt Rotel beispielsweise bei der Digitalabteilung einen richtig grossen Aufwand und entwickelte für den X5 eigens eine DAC-Platine, die keine Wünsche offen lässt. Ein 32-Bit-Chip vom führenden Hersteller AKM dekodiert Samplingfrequenzen bis zu 384 kHz und entschlüsselt auch DSD-Formate mit bis zu 5,6 MHz.
AKM-Wandlerbausteine sind ja anderenorts Mangelware (avguide.ch berichtete darüber). Rotel hat jedoch als ursprünglich in Japan gegründetes Unternehmen beste Beziehungen zur Industrie und kann – was die Qualität der Bauteile betrifft – generell aus dem Vollen schöpfen. Das ist eben auch ein Vorteil eines waschechten, entsprechend teuren High-End-Geräts gegenüber gutem, aber noch bezahlbarem HiFi. Bei ersterem müssen die Entwickler nicht jeden Franken umdrehen und können sich im Edelbauteile-Regal bedienen.
Die Anschlussperipherie des X5 lässt mit sechs Analog- und sogar sieben Digitaleingängen keine Wünsche offen. Ein Pre-Out und zwei Mono-Subwoofer-Ausgänge bilden sinnvolle Extras. Auch an die Freunde des Vinyls wurde gedacht. Der angebotene rauscharme Phono-Eingang eignet sich sowohl für MM- wie für MC-Tonzellen. Für letztere wird zwar ebenfalls eine Abschlussimpedanz von 47 kOhm angeboten. Die Erfahrung zeigt aber, dass viele Moving-Coil-Abtaster damit gut zurechtkommen. Auch die Eingangsempfindlichkeit von 0,33 mV passt für viele Medium-Output-Zellen. Auf die Integration eines Streamings-Clients wurde beim Michi X5 wohlweislich verzichtet. Die Entwicklung in diesem Bereich ist ja so rasant, dass eine integrierte Lösung bald schon veraltet sein könnte. Kabelloses Musikhören ist dennoch über den eingebauten Bluetooth-Empfänger möglich. Dies dank aptX-Kompatibilität in brauchbarer Klangqualität.
Macht überall eine gute Figur: Das Design des Michi X5 wirkt zeitlos ästhetisch.Über Sinn oder Unsinn der eingebauten Zweitkamera lässt sich streiten. Als Anwendungsbeispiele finden sich im Web einige putzige Filmchen mit der fröhlichen Panasonic-Familie. Vielleicht möchte sich die Firma damit von Mitbewerbern abheben, die sogar Videobeamer in ihre Camcorder-Displays einbauen. Vielleicht gehört es im Zeitalter von Selfies und Bild-im-Bild Videochats einfach dazu.
Bei 4K Video werden die Zweitkamera-Aufnahmen mit dem Hauptbild zusammen aufgezeichnet. Bei der Wiedergabe sieht man also immer beide Bilder gemeinsam. Wen dies stört, schaltet das neue Twin Camera Backup ein. Dabei wird das Hauptmotiv zusätzlich ohne Bild-im-Bild aufgezeichnet. Beide Datenströme liegen dann nur noch in Full HD vor.
Am meisten Spass macht das Zweikamera-Konzept mit der Wireless-Funktion. Dabei wird über WiFi ein Smartphone oder auch eine Action-Cam zur Zweitkamera für Bild-im-Bild-Aufnahmen. So lassen sich mit Hilfe einer zweiten Person auch Motive von zwei unterschiedlichen Orten in einem Video zusammenführen oder eine Szene von aussen und aus der eigenen Perspektive einfangen.
Mittels WiFi und der Panasonic „Image App“ kann der Camcorder direkt oder über einen drahtlosen Zugang (Wireless Access Point) per Smartphone oder Tablet fernbedient, als Babymonitor oder zur Heimüberwachung eingesetzt werden. Die Verbindung klappt dabei am einfachsten mit NFC-kompatibeln Geräten.
Ein Kritikpunkt bei den Vorgängermodellen war vor allem die lange Verzögerung, bis das Bild oder der Befehl per Funksignal am anderen Gerät ankam. Dies hat sich meiner Meinung nach verbessert. Es könnte jedoch auch damit zusammenhängen, dass ich es auf Android- anstatt auf Apple-Geräten ausprobierte.
Design ist natürlich Geschmacksache. Dennoch gilt für ein Gerät mit so üppigen Abmessungen wie den Michi X5, dass er in vielen Wohnumgebungen eine gute Figur machen sollte. So darf man ihm ein rundum geschmackvoll gestyltes Äusseres bescheinigen, das zwar nicht besonders aufregend, dafür ausnehmen edel und vornehm daherkommt. Das schwarze Hochglanz-Design ist wohltuend diskret – dieser Vollverstärker möchte nicht protzen, sondern sich einschmeicheln.
Dazu passt, dass man das nahtlos in die Front integrierte Display dimmen oder ganz abschalten kann. Es zeigt auf Wunsch die Ausgangsleistung (Peak) an oder informiert über den gewählten Eingang und die Lautstärke. Auch die Samplingrate wird bei digitalen Quellen angezeigt. Ansonsten findet man auf der Gerätefront nebst Eingangswahlschalter und Lautstärkesteller nur noch die Ein/Aus-Taste sowie den Kopfhörerausgang. Somit ist der Michi X5 im Grunde genommen kinderleicht zu bedienen.
Ausnehmend gelungen: Handliche und übersichtliche Fernbedienung des Michi X5.Das Gleiche gilt für die ausnehmend übersichtlich gestaltete Vollfunktions-Fernbedienung, über die man auch an fortgeschrittene Funktionen wie die individuelle Beschriftung der Eingänge sowie an die Klangregelung herankommt. Punkto Ergonomie verdient der Michi X5 alles in allem Bestnoten.
Souveräne, emotional packende Klangvorstellung
Der Michi X5 hat ja erst kürzlich im Zusammenspiel mit der famosen Bowers & Wilkins 804 D4 seine klanglichen Meriten unter Beweis stellen können (Test nachzulesen hier). Über diesen Ausnahmelautsprecher sorgte der Rotel für eine ausgewogene Klangbalance mit konturiertem Bass/Grundton, schönen Klangfarben und unaufdringlich feine Höhen. «Charmantes Timbre mit emotionaler Ausdruckskraft – und dies bei aussergewöhnlicher Klarheit und Präzision» – so lautete das Fazit dieser Kombination.
Nun interessierte uns, ob auch ein «bezahlbarer» Lautsprecher von diesem kraftvollen Vollverstärker würde profitieren können: Die Bowers & Wilkins 702 Signature bietet enorm viel Klang fürs Geld und punkten ausserdem mit luxuriöser Verarbeitung. Die neue Version in «Midnight Blue Metallic» passt auch optisch bestens zum ebenfalls wunderschön gestylten Michi X5. Aber nicht nur optisch verträgt sich die Bowers & Wilkins-Rotel-Kombi perfekt, auch klanglich macht die 702 Signature einen verblüffenden Schritt nach vorn und offenbart eine Wiedergabegüte, die man einem Lautsprecher in dieser Preisklasse (CHF 6590) kaum zutrauen würde.
Bei guten Klassikaufnahmen (ab Qobuz in HiRes gestreamt) agierte die Kombi atmosphärisch packend, mit hoher emotionaler Intensität. Bei Vokalmusik gefiel die weiträumige Abbildung mit präziser Ortung von Einzelstimmen und Instrumenten. Auffällig die hohe Klangkultur in den Höhen mit lieblichem Timbre ohne übertriebene Zischlaute. Man hört gebannt zu, ohne dass irgendwelche Effekte Aufmerksamkeit heischen würden. Dies auch bei einem Violinkonzert von Bach: Schöne Klangfarben und authentisches Timbre – so wurde schnell klar, dass man für authentischen Hörgenuss keine Diamantkalotte benötigt.
Tolle Neuaufnahme der 6.Sinfonie von Beethoven mit Jordi Savall.Zum Schlüsselerlebnis wurde Beethovens sechste Symphonie in einer Neueinspielung von Jordi Savall (downloadbar hier). Diese HiRes-Aufnahme verlangt – auch schon nur annähernd in Originallautstärke gehört – einem Lautsprecher alles ab. Unglaublich, zu welcher dynamischen Höchstleistung der Michi X5 die zierliche 702 Signature im vierten Satz («Donner, Sturm») treibt. Der Michi X5 bringt die 702 Signature dynamisch ans Limit, ohne dass die Klangqualität darunter leiden würde. Chapeau! Aber auch die feine Gangart beherrscht die Kombi perfekt. So tönt der fünfte Satz («Hirtengesang») ausgesprochen lieblich mit viel Gefühl, dabei nie billig oder gar angestrengt.
Akustischer Jazz gehört zum Lieblingsrepertoire der 702 Signature – über den Michi X5 gehört mit extra-tiefen, wunderbar druckvollen und konturierten Bässen sowie perlendem Diskant des Flügels. Zweifellos ein Hochgenuss. Dies gilt auch für die Wiedergabe guter Blues- und Folkaufnahmen wie Keb’Mos «Good to be …»
Keb'Mos charakteristische Stimme und sein typisches Gitarrenspiel tönen über die Kombi aus Rotel Michi und 702 Signature sehr authentisch.Äusserst geschmackvoll mit wunderbarer Stimmenwiedergabe und charakteristischem Gitarrenklang sowohl bei gezupfter Akustik- wie bei Slidegitarre. Ein Klangfest für die Ohren feiert auch Jethro Tulls neues Album «The Zealot Gene» (Anspieltipp: «Jabob’s Tales»). Über den Michi X5 gehört, mit enormer Klangfülle und hohem Detailreichtum – ohne billige Strohfeuer-Effekte.
Wenn man der Kombination von Michi X5 und 702 Signature etwas vorwerfen wollte, dann höchstens, dass sie nie zu richtig aggressiver Spielweise zu verleiten war. Hardcore-Rockliebhaber könnten etwa auf Steve Vais neuem Album «Inviolate» bei harten Gitarrenklängen etwas Biss vermissen. Die andere Seite der Medaille: Man kann mit der Kombi sehr laut hören, ohne zu ermüden.
Richtig harte Gitarrenklänge sind nicht das Metier der Bowers & Wilkins 702 Signature. Dafür agiert sie einfach zu kultiviert.Fazit
Klare Sache: Der Michi X5 von Rotel kann mit separaten Vor-Endverstärkern der Topklasse mühelos mithalten. Dies sowohl in Bezug auf Grob- und Feindynamik wie auch allgemein punkto Klangkultur. Von der tonalen Charakteristik her agiert er eher auf der wohltemperierten Seite mit ausnehmend schönen Klangfarben und feinem Timbre. Damit passt er perfekt zu modernen, eher brillant abgestimmten Lautsprechern. Zwar gibt es Verstärker, die noch mehr räumliche Transparenz herausschälen – punkto Emotionalität der Musikwiedergabe dürfte der Michi X5 in seiner Preisklasse nur schwer zu toppen sein.
Schönes Gespann: Die Signature 702 von Bowers & Wilkins passt im Farbton Midnight Blue Metallic perfekt zum Michi X5 von Rotel.
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