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MUSIKREZENSION
ARTIKEL
Publikationsdatum
24. Januar 2001
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Diese Orgelaufnahme hatte ich zunächst mal ohne das Booklet zu studieren einfach in den DVD-Audio-Player geschoben und war schockiert! Da hatte doch ein Tonmeister die verrückte Idee, eine riesige Orgel auf fünf Kanäle - der Subwooferkanal wird nicht benutzt - aufzuteilen. Das Resultat war, dass meine hoffnungslos überlasteten, kleinen, aber hochwertigen Kef-Rearboxen fast von ihren Wandhalterungen fielen und sich zwischen vorne und hinten ein völlig unharmonischer Klangeindruck ergab: Vorne Kirchenorgel - hinten Leierkasten.

Zunächst dachte ich an etliche dubiose DVD-Audio-Mehrkanalaufnahmen, bei denen aus jedem der Kanäle, also auch von hinten, irgend ein Instrument plärrt und sich überhaupt kein harmonischer, zusammenhängender Klangkörper einstellt. Leider musste ich auch erkennen, dass das Bassmanagement-System, das bei Dolby Digital so perfekt funktioniert und bei der Verwendung von kleinen Rearboxen deren Bassanteil zum Subwoofer leitet, bei DVD-Audio nicht funktioniert. Bei DVD-Audio bekommt jeder Kanal den vollen Tonbereich von höchsten Diskant bis zum tiefsten Basston.
Interessante Infos erhielt ich dann beim Lesen des Booklets. Bei der Kirche handelt es sich um die Basilika St. Johann in Saarbrücken. Die Hauptorgel auf der Empore sitzt im oberen, hinteren (!) Teil des Gebäudes. Zu beiden Seiten des Altarbereichs befinden sich weitere Orgelanlagen, 2 französische Orgeln auf der linken Seite und eine spanische Orgel auf der rechten Seite. Die gesamte Orgelanlage mit ihren Erweiterungen wird vom Hauptspieltisch bedient. Bei der Wiedergabe in Stereo werden die 2 hinteren (Hauptorgel) der 5 Kanäle verwendet.

Also hat hier der Tonmeister versucht, die originalen räumlichen Gegebenheiten mit den fünf zur Verfügung stehenden Kanälen zu übertragen. Die grosse Hauptorgel wird somit über die Rearboxen gebracht. Was dies bei meiner Abhöranlage bewirkte, wurde bereits erwähnt: Die grosse Hauptorgel kommt über die kleinsten, die kleinen Orgeln über die grossen Boxen. Soviel ich weiss, bezeichnet man solche Missstände mit "worst case".

Aber da war ja noch mein aktiver Piega Subwoofer, der bei dieser Aufnahme arbeitslos herumstand. Kurzerhand griff ich zu einer Notlösung und schloss den vorne plazierten Basslautsprecher an die Cinch-Anschlüsse der Rearkanäle beim AV-Receiver. Nach sorgfältigem Pegel- und Phasenabgleich des Subwoofers zu den Rearboxen kam von hinten ein Schwall von Orgelklängen, der sich mit den Frontkanälen zu einer gigantischen Klangorgie vereinte. Aufgrund der Tatsache, dass Tiefstbässe schlecht ortbar sind, störte es kaum, dass der Bassanteil der hinteren Kanäle vom vorne aufgestellten Subwoofer kamen. Besser wäre es natürlich gewesen, ich hätte den recht gewichtigen Subwoofer nach hinten geschleppt, was aber aus Platzgründen ein schwieriges Unterfangen gewesen wäre.

Sogar meine Frau, die gerade von der Mitwirkung als Flötistin von einem Gottesdienst heimkam und den Orgelklang noch lebhaft in Erinnerung hatte, war mehr als beeindruckt. Leider habe ich diese Aufnahme noch nicht über eine Anlage mit fünf absolut gleichen grossen Standboxen anhören können. Ich stelle mir aber vor, dass der Klangeindruck dieser hervorragenden, mit 48 kHz und 24 Bit erstellten Orgelaufnahme dann noch um einiges eindrucksvoller ist.

Tatsache ist, dass mich gerade diese Aufnahme und generell die DVD-Aufnahmen dazu zwingen, grössere Fullrange-Rearboxen aufzustellen, was in meinem relativ kleinen Abhörraum fast unmöglich ist, oder mir zu meinen kleinen Rearboxen einen zusätzlichen Subwoofer zu leisten. Dieses Thema ist noch nicht abgeschlossen und wird noch einiges zu Diskutieren geben.

Der ausgezeichnete Organist Bernhard Leonardy interpretiert die sehr unterschiedlichen Orgelwerke mit Bravour.
STECKBRIEF
Albumtitel:
Orgelwerke
Komponist:
J.S.Bach, Händel, Mendelssohn, Liszt und andere
Label:
Nishimura
Jahr:
2000
Bestellnummer:
PIAC-1002
Tonformat:
DVD-Audio 5-Kanal und Stereo
Medium:
DVD-Audio
Musikwertung:
9
Klangwertung:
10
Bezugsquellen
Wettbewerb