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Publikationsdatum
1. März 2026
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Schlanke Boxen – schlanker Klang. Fette Boxen – fetter Klang. Röhrenverstärker klingen warm, so wie Lautsprecher aus Holz und so wie Schallplatten. Vintage-Anlagen transportieren uns in andere musikalische Epochen. HiFi lebt von visuellen Codes, welche die Geräte aussenden und die wir anhand von Wissen und Gefühlen interpretieren. Wir schaffen mit unseren Geräten eine eigene Welt, in der wir uns wohlfühlen und die zu unseren musikalischen Vorlieben passt.

Im Klangschloss wagen wir ein Experiment: Wir verteilen Augenbinden, die man normalerweise benutzt, um von visuellen Reizen unbeeinflusst gut schlafen zu können. Damit schalten wir die visuellen Reize, die von den Geräten ausgehen, aus und garantieren eine neue Hörerfahrung! Wir verraten nicht, welche Geräte spielen, sondern geben an jedem der drei Tage der Messe ein Thema vor, das erhört wird. Moderiert werden die Hörsessions unter anderem von Claudio Zeni, einem HiFi-Liebhaber, der seit Geburt blind ist.

Dimension (Freitag, 27.3.)
Wie gross schätzen wir die Lautsprecher der vorgeführten Musikanlagen ein?

Alter (Samstag, 28.3.)
Aus welcher Zeit stammen die vorgeführten Gerätschaften?

Preis (Sonntag, 29.3.)
Wie viel kosten die vorgeführten Musikanlagen?

Die Auflösung, wie die vorgeführten Anlagen zusammengestellt sind, erfolgt am Abend auf klangschloss.ch/blinddate. Dort erfahren Sie auch den Namen des Sponsors des Tages, der die Geräte zur Verfügung gestellt hat.

Erwartungshaltung beim Musikhören

Wie sehr wir uns beim Musikhören leiten lassen, was wir glauben zu hören, untersuchte der Musikpsychologe Klaus-Ernst Behne in den 1990er-Jahren. Er stellte in einer blind durchgeführten Hörstudie mit knapp 200 Personen fest, dass bis auf vier Personen niemand durchgängig heraushören konnte, ob die Musik ab CD oder Schallplatte abgespielt wurde. Jedoch war eindeutig, dass, sobald jemand glaubte, dass die CD oder die Schallplatte abgespielt wird, die Person typische Charakteristika nannte, die man gemeinhin diesen Tonträgern zuordnet. Die Studie wurde in avguide.ch vorgestellt und diente dazu, das in der Psychologie bekannte Phänomen der «hypothesengeleiteten Wahrnehmung» zu untersuchen.

Einleitend erwähnte Behne einen bekannten Test mit zwei Gruppen von Studierenden, die eine Vorlesung eines Dozenten beurteilen sollten. Beim Briefing wurde der ersten Gruppe der Dozent deutlich positiver dargestellt als der zweiten Gruppe, was sich in der Folge eindeutig in den Beurteilungen spiegelte.

Zum Thema Psychoakustik ist auch ein Video sehr empfehlenswert, das auf dem Youtube-Kanal «HiFi-Anonym» erschienen ist. Es enthält zudem weiterführende Links.

Blind Dates statt Blindtests

Blindtests und Doppel-Blindtests gehören zum Arsenal des kritischen Musikhörens mit wissenschaftlichem Anstrich. Das Netz ist voll von Untersuchungen, die belegen, wie schwierig es ist, Klangunterschiede eindeutig festzumachen. Besonders geblieben ist mir aus der Zeit vor dem Internet die Titelstory «Kabelzauber» aus der legendären Schweizer Fachzeitschrift «Electronic Sound», dem Vorläufer von avguide.ch. Darin waren Fachhändler chancenlos, im Blindtest eine Cinch-Beipackstrippe von einem High-End-Kabel zu unterscheiden. Die Folge waren geharnischte Leserbriefe über mehrere Ausgaben hinweg, Abo- und Inseratekündigungen, sodass das Thema nie wieder aufgegriffen wurde.

Legendärer Blindtest «Kabelzauber».Legendärer Blindtest «Kabelzauber».

Blindtests sind umstritten, weil sie nicht der realen Hörsituation entsprechen und auch eine Anspannung wie in einer Prüfung verursachen können. Man ist beim Hören gestresst, «richtig» zu hören. Während der «Blind Dates» im Klangschloss wollen wir keine Prüfungen abhalten, wer wie gut spitzfindige Unterschiede hören kann. Es werden auch keine Blätter mit Multiple-Choice abgegeben, noch werten wir wissenschaftlich Resultate aus. Niemand soll sich blamieren.

Wir möchten vielmehr die Besucherinnen und Besucher einladen, mit geschlossenen Augen Musik zu hören, vorurteilsfrei, und diese Hörerfahrung auf sich wirken zu lassen. Der Hörsinn soll im Zentrum stehen, so wie es für einen blinden Menschen normal ist. Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn man nur hören kann? Welchen Einfluss hat die Wahl der Musik? Während der Darbietungen sind auch Diskussionen möglich. Die Veranstaltung soll ein lustvolles Experiment sein, das wir je nach Ausgang im Folgejahr ausbauen können.

Klangschloss 2026 vom 27. bis 29. März.

Markus Thomann Gastautor

Markus Thomann war als Architekt tätig, bevor er 1997 seine Passion für Audiotechnik professionalisierte und die Firma Klangwerk gründete. Unter diesem Label stellt er exklusive Lautsprecher her und betreibt in Zürich ein Fachgeschäft. Jeden Frühling organisiert er zudem das «Klangschloss», eine Audiomesse im Schloss Greifensee.