17. August 2018 | seit 1999
MAGAZIN
ARTIKEL
Publikationsdatum
30. Oktober 2006
Themen
Drucken
Teilen mit Twitter
Es war Ende der sechziger Jahre, als ich als blutjunger Musiker die anfänglich sehr angenehmen Klangverfärbungen meiner US-Boxen endgültig satt hatte und nach klangneutraleren Lautsprechern Umschau hielt.

B&W DM4

Nach langem Suchen fiel die Wahl auf die B&W DM 4. Ich lernte, dass das "DM" bei dieser Firma stets für "Domestic Monitor" steht, also genau das, was ich suchte! Sie war mit einem EMI-Bass, Celestion Mittel-Hochtöner bestückt und überzeugte mich durch ihre sagenhafte Klangneutralität.

Diese Lautsprecher waren noch viereckige "Kisten" und nicht gerade Design-Kunstwerke.Sie standen denn auch für einige Jahre in meinem Musikzimmer und dienten neben genüsslichem Musikhören auch zum Abhören und Beurteilen der von mir damals mit Revox-Bandgeräten und Neumann Kondensator-Mikrofonen gemachten Aufnahmen.

Von da an war es für mich Pflicht, jeweils die neusten Produkte dieser Firma genau anzuhören um festzustellen, wie die Entwicklung im Lautsprecherbau voranschreitet.

DM70

Da mich Elektrostaten schon immer interessierten, war für mich die im Jahre 1970 herausgebrachte DM70, auch "Waschmaschine" genannt, ein ganz besonderes Highlight.

Ihr gebogener elektrostatischer Mittel-Hochtöner brachte eine fantastische Klangdefinition und gute Rundstrahlung.

Die Dynamik war wesentlich grösser als diejenige der von mir ebenfalls hochgeschätzten Quad-ESL-Vollelektrostaten.Der Klang dieses Lautsprechers war ausgesprochen schön und begeistert auch heute noch viele Freunde exotischer Lautsprecher.

Nicht ganz einfach ist die Ansteuerung. Die Ansprüche an die Stabilität des Verstärkers sind recht hoch.

DM6

Ganz anders klang im Jahre 1976 der nächste Hit, den man liebevoll als "schwangeren Pinguin" betitelte und offiziell unter dem Namen DM6 segelte.

Diese Konstruktion unterschied sich von der Waschmaschine entscheidend. In ihr wurden die letzten Erkenntnisse im Lautsprecherbau verwirklicht.

Die besass die 1974 erstmals eingesetzten Kevlar-Membranen.

Das Time Delay der drei Chassis war perfektioniert worden, so dass alle Klangspektren - vom tiefsten Bass bis zum höchsten Diskant - den Hörer gleichzeitig erreichten.

Klanglich war sie extrem "schnell" und auch im Bass hochpräzise. Sie konnte, wenns sein musste, ganz gehörig drauflosknallen und dann und wann mal ohne Schweissausbrüche locker an die 1 kW konsumieren . Das waren dann die glorreichen Zeiten der M60-Monoblöcke von Accuphase.

DM7

Weiter gings rund ein Jahr später mit der DM 7, die - erstmals bei B&W - einen frei auf das Gehäuse aufgesetzten Hochtöner besass.  Dieser konnte ungehindert abstrahlen - die Reflexionen am Gehäuse waren minimal. Das führte zum inzwischen legendären, sehr räumlichen Klang der B&W-Speaker. Die DM7 war eine sehr ausgewogen und ausgesprochen angenehm klingende Box.

Bei diesem Lautsprecher ist auch klar der Trend zur schlanken Standbox erkennbar. Breite und sogenannt "kistenförmige" Lautsprecher waren schon damals nicht mehr gefragt. B&W hat früh erkannt, dass das Design immer wichtiger wird und hat reagiert.

B&W 801

Einer der grössten Hits gelang B&W im Jahre 1979 mit der 801, die sowohl unter Musiclovers als auch in Profikreisen reüssierte.

Auch sie besass das perfekte Time Delay, realisiert durch separate Gehäuse für Mittel- und Hochtöner.

Klanglich war sie damals fast konkurrenzlos und bestach durch ihr extrem präzises und dennoch grundmusikalisches Klangbild.

Die unterschied sich grundlegend von den damals üblichen Monitor-Lautsprechern mit grell-aggressivem Sound.

Kein Wunder, dass sie von vielen namhaften Studios als Ahörmonitor eingesetzt und von Musikfreunden aller Stilrichtungen hochgeschätzt wurde.

Active 1

Die 1984 herausgebrachte Active 1 zeigte alle Vorzüge einer Aktivbox. Sie war ein Ausbund an Genauigkeit ohne aber akademisch oder gar steril zu wirken. Ihr Bass war, trotz kompakten Abmessungen, abgrundtief. Trotz guter Akzeptanz, verzichtete B&W darauf, weitere Aktivboxen zu bauen.

Saxophon-Speaker

Die Emphasis aus dem Jahre 1988 als "elektronisches Saxophon", interessierte mich als Purist weniger. Sie war ganz klar auf Design und nicht auf das letzte Quäntchen Klangneutralität ausgelegt. Trotzdem muss ich zugeben, dass sie klanglich ein Niveau bot, von denen andere Boxen damals nur träumen konnten.

Nautilus

Nicht nur eine Augen- , nein, auch eine Ohrenweide war die schneckenförmige Nautilus, die erstmals 1993 zu hören war.

Die Schneckenform ist kein reiner Design-Gag, sie macht auch akustisch Sinn.

Sie verhindert stehende Wellen im Inneren des Gehäuses, was zu einem praktisch resonanzfreien Klang führt.

Sie musste - und muss auch heute noch - aufwendig mit externen Aktivweichen und hochwertigen Endstufen betrieben werden und bietet dann einsame klangliche Spitzenklasse.

Leider ist die Herstellung dieses Lautsprechers extrem arbeits- und kostenintensiv.

Nautilus 800

Die Nautilus 800 zeigte 1997, wie B&W die 801 weiterentwickelte. Dieses Meisterwerk der Elektro-Akustik überzeugte nicht nur durch klangliche Topleistungen, es konnte auch bezüglich Schallpegel extreme Ansprüche erfüllen. Hier ist also allerhöchste Qualität, verbunden mit ebenso hoher Quantität anzutreffen.

Die Londoner Abbey Road Studios, untrennbar mit den Beatles verbunden, der Ort an dem viele berühmte und hochkarätige Musikaufnahmen aus Klassik, Pop und Film eingespielt wurden, haben ihre Studios im Herbst 2005 mit 33 Classé Mono-Endverstärkern und 40 Lautsprechern der neuesten 800 Serie ausgestattet.

Selbst konnte ich mich in den Abbey Road Studios überzeugen, dass praktisch alle wichtigen Arbeitsräume mit diesen Speakern ausgerüstet waren. Sie werden dabei für Aufnahmezwecke, Remastering etc. in Stereo und auch 5.1 mit mächtigen ASW825 Subwoofern eingesetzt. Daneben gibt es aber auch nicht wenige Musiclovers, welche sich diese Speaker für ihre Heimbeschallung geleistet haben.

Diamant-Hochtöner

Die letzte grosse Neuerung bei B&W ist für mich der Diamant-Hochtöner. Dieser Speaker ist ein mutiger Schritt in Richtung Klangtreue, denn er klingt ganz anders alls alle anderen Kalottenstrahler. Da er das berüchtigte "Ringing" der Alukalotten nicht zeigt, klingt er im ersten Moment scheinbar (!) trocken, ja fast etwas matt.

Doch rasch erkennt man die unglaubliche Klangschönheit und fantastische Feinzeichnung dieses Tweeters, dem jegliche Aggressivität und unnatürliche Härte fehlt.

Es ist zu hoffen, dass diese teure Art von Hochtöner bald auch in preisgünstigeren Boxen eingesetzt werden kann.

Wettbewerb