Der durchschnittliche Pendler in den öffentlichen Verkehrsmitteln liebt das portable Audiovergnügen. Zumindest, wenn man dem Anblick der zahlreichen Pendler Glauben schenkt, bei denen der eine oder andere Ohrhörer oder Kopfhörer auf dem Weg zur Arbeit nicht wegzudenken ist. Was mich betrifft, ist dieser Audiogenuss mehr als nur Berieselung. Es ist eine «Burnout-Prophylaxe» und Lebenselixier zugleich – wenn in richtiger Menge und Qualität eingesetzt. Demzufolge haben bei mir längst Audioplayer und ein edler Ohrhörer das Mobiltelefon und den unsäglichen weissen Ohrhörer abgelöst.
Da der Erwerb dieser Ausrüstung viel Zeit und Geld von mir beansprucht hat, bieten Veranstaltungen wie die High End oder die Canjam (abgeleitet vom umgangssprachlichen englischen Ausdruck «can» für «Kopfhörer») eine fantastische Möglichkeit, neue Ausrüstung vor einem Kauf auszuprobieren und so sowohl Zeit und Geld zielgerichtet in eine wirkliche Verbesserung des Audioerlebnisses zu bewegen. Dementsprechend schaute ich mit Freude dem Start dieser Messen entgegen.
Vor Ort angekommen erwartete mich ein geordnetes Chaos aus Boxenherstellern, Plattenshops, Kabelherstellern und vereinzelten Perlen des Audiovergnügens für unterwegs. Ich liess mich von meiner Intuition leiten und fand mich innerhalb von nur wenigen Minuten vor dem Stand eines der vielversprechendsten Ohrhörerherstellern in Deutschland.
Das Musterbeispiel Vision Ears
Der Erwerb massgeschneiderter Ohrhörer war immer schon wie der Kauf der metaphorischen Katze im Sack. Dies liegt daran, dass der Käufer in der Regel das fertige Produkt nicht vorab testen kann. Dazu kommt ein äusserst zeitaufwändiger Herstellungsprozess, der keinesfalls ein Garant dafür ist, dass die eigens für den Gehörgang des Kunden abgestimmten Ohrhörer auch passen. Dazu kommt ein nicht unbeträchtlicher Kostenpunkt auf den Kunden zu. Das Hörerlebnis und der langanhaltende Tragekomfort winken allerdings auf der Plus-Seite.
Um einige dieser Kontrapunkte aus dieser komplexen Gleichung zu entfernen, haben findige Hersteller begonnen, einen Mittelweg einzuschlagen, der sich darin auszeichnet, dass das Gehäuse zwar noch nach massgeschneidertem Ohrhörer aussieht, gleichzeitig jedoch die Spitze mit Hilfe marktüblicher Silikon- oder Schaumstoffaufsätze in den Gehörgang eingeführt wird.
Doch nochmal von ganz vorne: Ursprünglich entstand speziell aus den Reihen von Bühnenmusikern das Bedürfnis, einen Ohrhörer zu haben, der während mehrerer Stunden Tragekomfort liefert, gleichzeitig das Gehör durch die perfekte Isolation vor Aussengeräuschen schützt, die Bewegungsfreiheit nicht behindert und die Frequenz der eigenen Instrumente hervorhebt.
Nicht lange dauerte es, bis auch Audiophile und Musikenthusiasten auf den Geschmack kamen. Auch diese Gattung hat ihre individuellen Präferenzen, wobei zuerst die Suche nach dem möglichst unkomplizierten Audionirwana im Zentrum steht. Die Klangabstimmungen der Ohrhörer wurden dadurch in erster Linie dem Hörspass gewidmet. Was dann geschah, kann man simultan am Beispiel von Autos veranschaulichen: Zuerst geht es ums Ankommen – also darum, sicher von A nach B zu kommen. Das ist der pragmatische Ansatz, der jenem der Musiker gleichzusetzen ist. Allerdings geht es bald auch um den Fahrspass und schlussendlich zusätzlich bei einigen darum, ein Statussymbol zu besitzen und damit ein Statement abzulegen. Das gilt auch in der Musikwelt. Das Musterbeispiel dafür ist die Firma Vision Ears, die an der High End München ihren Erlkönig enthüllte.
Im Spannungsfeld von Schein, Sein und Wollen
Diese Thematik findet man selbstverständlich nicht nur an der High End und der Canjam in München. Es gibt genügend Kopfhörerhersteller, die bewusst den Lifestyle oder den Markt der Musik-Enthusiasten anpeilen, ohne in erster Linie an die Riege der Musiker zu denken. Meze Audio ist hierfür ein gutes Beispiel.
So sorgten beispielsweise im letzten Jahr die Debüt-Kopfhörer 99 Classics von Meze bei mir anfänglich für einen herzhaften Lacher. Die Kopfhörer hatten zwar ein sehr schickes Äusseres und sahen aus wie teure Lifestyle-Kopfhörer, stellten sich dann aber klanglich und vom Tragekomfort her im Vergleich zur Konkurrenz als exzellent heraus – und das in ihrem Preisspektrum von 200 Franken.
Auch der aktuelle Prototyp des Empyrean ist viel mehr als nur ein Hingucker – wenn er auch preislich mehr in der Liga spielt, in der er vorgibt zu spielen. Er ist auch technisch sehr interessant: Erstmals wird eine eigens für den Empyrean entwickelte Technologie des Isodynamischen Hybrid-Arrays eingesetzt. Der Magnetostat besitzt einfach erklärt zwei unterschiedlich strukturierte Magnetscheiben, die ihre Arbeit jeweils auf die oberen und auf die unteren Klangfrequenzen aufteilen.
Ein krasser Gegensatz, was das Äussere, den Preis und die Anwendung angeht, ist der DT 240 Pro von Beyerdynamik. Dieser wird nur um die 100 Franken kosten, bläst aber seine Konkurrenz aus dem gleichen Preissegment aus dem Wasser. Allerdings gilt es hier zu erwähnen, dass es sich dabei in erster Linie um ein Arbeitsgerät für Tontechniker oder Youtuber handelt, die auf ihr Budget achten wollen. Für mich klang der DT 240 Pro so gar nicht nach Beyerdynamik. Andere Produkte der Firma haben in meinem Gehirn den Eindruck eingebrannt, klanglich überaus hell und unangenehm scharf in den Höhen zu sein. Insgesamt ist der DT 240 aber ein toll klingendes, klanglich sehr neutrales Arbeitstier, das die Ohren auch in längeren Sitzungen nicht übermüden wird.
Wo will die Gattung der portablen Kopfhörer hin? Die Antwort ist eindeutig, wenn man sich auf der High End umblickt. Wie ein kleiner Bruder, das seinen grösseren Geschwistern nacheifert, versucht der portable Audiomarkt den grossen Boxensystemen nachzueifern. Ein Unterfangen, über dessen Erfolgsversprechen und Sinnhaftigkeit im letzten Teil des Berichts kontempliert wird.
Des Pudels Kern
Der portable Sektor des Audiomarkts ist auch an der High End nicht mehr wegzudenken. Obwohl dieser qualitativ wohl immer ein Stück weit den grossen Boxensystemen nachhinken wird. Sind es doch Jahrzehnte des Vorsprungs sowie komplexere technische und anatomische Faktoren, die es dem portablen Markt erschweren, qualitativ zu den Boxensystemen aufzuschliessen. So scheint es zumindest.
Dabei müssen speziell bei Ohrhörern immer wieder Umwege gemacht werden. Ein komplexes und vielfältiges Feld, das ich hier der Einfachheit halber mit dem Beispiel des Effekts des «Open Ear Gain» anschneiden will.
Dieser Effekt entsteht aus der subjektiven Klangverstärkung durch den äusseren Gehörgang (inkl. Ohrmuschel). Dieser Effekt findet im Bereich zwischen 2 und 5 kHz statt, der für das Hören von menschlichen Stimmen/Gesang substanziell ist. Diese Verstärkung ist bei maximal 20 Dezibel alles andere als gering. Anders als bei Boxensystemen oder Kopfhörern müssen Ohrhörer diesen Effekt künstlich, durch eine Anhebung eben dieses Klangspektrums, erzielen.
Dies führt zu einer wortwörtlichen Effekthascherei, welche im optimalen Fall natürlich klingen kann. Allerdings ist die heutige Technik mittlerweile so ausgereift, dass wie bereits erwähnt Profis auf der Bühne auf Ohrhörer – speziell auf massgeschneiderte – nicht mehr verzichten wollen. «Der kleine Bruder» muss meiner Überzeugung nach seine grösseren Geschwister nicht auf ihrem Terrain einholen, denn er hat bereits seine unersetzbaren, eigenen Qualitäten.
Eine Handreichung oder eine Drohgebärde (je nach Wahrnehmung) für Boxenfanatiker vom (trans-)portablen Feld der Kopfhörer stellt das elektrostatische Kopfhörersystem von Sonoma mit dem simplen Namen Model One dar. Es ist eines der grössten Highlights für mich von diesem Wochenende, das nur ein paar hundert Meter von der High End an der CanJam zu hören war.
Kurz mein Eindruck zusammengefasst: Das Model One bietet eine Klangbühne, die nicht nur realistisch klingt – sie ist es auch! Diese Wahrnehmung vermittelte mir mein Gehirn beim Hören mit unanzweifelbarer Ernsthaftigkeit – etwa dann, wenn ich die zuvor geschlossenen Augen öffnen musste, um zu sehen, dass da keine Bühne vor mir ist, sondern noch immer das besagte Model One und ein Laptop.
Euphorisch bombardierte ich das System mit dem langweiligsten, leblosesten und makellosesten Stück Musik, das ich kenne: «Spanish Harlem» von Rebecca Pidgeon. Und siehe da! Aus der marmornen Elfenstimme von Rebecca Pidgeon wurde eine lebende, atmende, ja sogar von Wärme erfüllte Frau, umgeben von den absolut realistischen und natürlichen Geräuschen und Klängen der Band um sie herum.
Egal ob Kopfhörer- oder Boxenliebhaber, falls Sie die Gelegenheit haben dieses System zu testen: Tun Sie es! Das Model One wird Boxenliebhaber und Ohrhörerfetischisten gleichermassen bezaubern und an einen Tisch bringen. Was bleibt, ist die Freude an der Musik und ihre in der Tiefe des Menschseins verankerte Emotionalität.
Abschliessende Bildeindrücke
Selbst drei Tage haben nicht gereicht, den kleinen, aber wachsenden Markt der portablen Audiogeräte mit Bild Text vollständig einzufangen. Ein Anliegen, das allein durch die Fülle von technischen Neuerungen und neuen Firmennamen zum Scheitern verurteilt ist. Nachfolgend einige Bilder eines sehr ergiebigen Messewochenendes.

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