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Publikationsdatum
26. Mai 2002
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Die Frage ob "Firmensitz oder Ferienkolonie" drängt sich jedem Besucher auf, der vor dem Verwaltungsgebäude der Firma Canton steht. Rundherum ist freie Natur, und das kleine, verschlafene Dorf Niederlauken liegt dort im Taunusgebirge versteckt, wo sich die Füchse und Hasen gute Nacht sagen. An frischer Luft mangelt es der Canton-Belegschaft gewiss nicht. Und wer sich mit diesen Leuten unterhält, bemerkt, dass in dieser Firma in der Tat alles andere als dicke Luft herrscht.

Von der Vision zur Realität

Wo, in aller Welt, liegt Niederlauken? Dort wo sich Füchse und Hasen gute Nacht sagen
Wo, in aller Welt, liegt Niederlauken? Dort wo sich Füchse und Hasen gute Nacht sagen
Canton wurde vor dreissig Jahren von drei HiFi-Experten gegründet, die von der Firma Heco abgesprungen waren und eine Vision einer eigenen Lautsprecherproduktion hatten. Dabei waren sie weniger Geschäftsleute, die innerhalb kurzer Zeit viel Kohle scheffeln wollten, als eben HiFi-Fans, die ihre Zeit lieber mit Tonaufnahmen und Hörsitzungen "vetrödelten".

Gedacht, getan und in Niederlauken im Taunusgebiet richtete man sich ganz bescheiden im frei stehenden Schulhaus erst mal ein. Die Produktion begann mit acht Ex-Heco-Leuten und weiteren Werktätigen, die sich aus der nahen Umgebung rekrutierten. Zarte Frauenhände wickelten Spulen, Techniker entwickelten Chassis und Schreiner bauten Gehäuse. Nach relativ kurzer Zeit stand eine kleine, aber hochwertige Lautsprecherpalette zum Anhören und Verkaufen bereit.

Ausgezeichnete Tests

Fertigung im eigenen Hause. Montieren der Lautsprecher-Chassis.
Fertigung im eigenen Hause. Montieren der Lautsprecher-Chassis.
Relativ rasch kam der grosse Auftritt bei der damals führenden Testzeitschrift HiFi-Stereophonie, wo der damalige "HiFi Papst", dipl. Physiker Karl Breh, aus dem Canton Sortiment vier Boxen auswählte und einen Vergleichstest mit Lautsprechern von etablierten Marken wie Heco und Braun startete. Die Newcomer wurden von der Testjury hervorragend beurteilt und landeten auf den ersten vier Plätzen. Damit war der Startschuss geglückt - der Verkauf der Boxen gesichert.

Innere Stabilität

Prüfung auf Her(t)z und Nieren: Jeder Frequenzgang muss der Soll-Kurve entsprechen, sonst geht die Box zurück.
Prüfung auf Her(t)z und Nieren: Jeder Frequenzgang muss der Soll-Kurve entsprechen, sonst geht die Box zurück.
Die Leute der ersten Stunde sind heute nicht in alle vier Winde zerstreut, sondern praktisch alle in leitenden Funktionen bei Canton. Dies gibt der Firma eine Stabilität, ohne die sie gewiss nicht 30 Jahre ohne besondere Probleme funktioniert hätte.

Der Betrieb wächst

Hochpräzises Stellwerk: Frequenzweiche für den Bassbereich und Mitten-Höhen
Hochpräzises Stellwerk: Frequenzweiche für den Bassbereich und Mitten-Höhen
Als es zu eng wurde, mietete man jedes leer stehende Gebäude des Dorfes und mogelte sich so mit viel Improvisationsgeschick über die ersten zwei Jahre. Mit einem Gabelstapler und einem kleinen Anhänger wurden die fertigen Boxen zweipalettenweise quer durchs ganze Dorf in eine kleine Scheune gebracht, die, laut Firmenmitbegründer Günther Seitz, sogar abschliessbar und wasserdicht war. Doch dann kam der Moment, als die alte Schule endgültig zu klein wurde und man baute gleich nebenan ein Fabrikgebäude

Die Produktion

Bei tiefen Bässen sind grosse Auslenkungen der Membranen gefragt.
Bei tiefen Bässen sind grosse Auslenkungen der Membranen gefragt.
Nicht alles wird im eigenen Haue gebaut. Aufwendige Teile für Chassis etc. lässt man mit eigenen Werkzeugen beim Spezialisten herstellen. Die Frequenzweichen werden in Heimarbeit von Frauen gelötet und in der Firma geprüft. Dann erst gehen sie zur Montage. Canton hat sehr viele Prüfvorgänge eingebaut, denn es gilt, die Fehler frühzeitig und nicht erst in den Endprodukten zu erkennen.

Number One in Germany

Hören: Der Test-Hörraum entspricht akustisch einem durchschnittlichen WohnraumHören: Der Test-Hörraum entspricht akustisch einem durchschnittlichen Wohnraum
Canton beliefert heute nicht weniger als 1800 Fachhändler in Deutschland und hatte beim Fachhandel und den Lautsprecherspezialisten letztes Jahr einen Marktanteil von 26,4%. Jeder vierte Euro, der in Deutschland für Boxen ausgegeben wurde, landete bei Canton. So ist die Firma Canton die Nummer 1 unter den Lautsprecherspezialisten geworden.

Neue Referenzbox

Der Schöpfer und sein Werk: Frank Göbl und die neue Spitzenbox Karat Reference 2DC für 7500 Euro das Paar.
Der Schöpfer und sein Werk: Frank Göbl und die neue Spitzenbox Karat Reference 2DC für 7500 Euro das Paar.
Die Karat Reference 2DC ist der neue Canton Superstar. Das Paar wird 7500 Euro kosten. Die Wände der Box sind asymmetrisch, was stehenden Wellen im Gehäuse das Leben schwer macht. Das Hybrid-Gehäuse, mit 22 mm-MDF-Platten verbunden mit 10 mm- Weichfaserplatten, ist aufwendig versteift und praktisch frei von Vibrationen. Je ein riesiger, aktiver und ein passiver Woofer verleihen der Box eine gewaltiges Bassfundament. Die zentrierungslose Membran des Passivstrahlers kann bis zu 73 mm (!) Hub ausführen. Im Mittel- Hochtonbereich arbeiten optimierte Chassis mit Neodym-Magneten. Alle Chassis sind auf niedrigsten Klirr optimiert.
Der Klang fasziniert: Man glaubt punkto Räumlichkeit eine 5.1-Anlage zu hören. Abgrundtief legt die Bass-Sektion ein gewaltiges aber lupenreines Fundament unter das unglaublich transparente und exzellent definierte Klanggeschehen.

Interview mit Günther Seitz

Günther Seitz mit einem der ersten Canton-Lautsprecher überhaupt, der LE 250
Günther Seitz mit einem der ersten Canton-Lautsprecher überhaupt, der LE 250
avguide sprach mit Günther Seitz, Mitbegründer der Firma Canton

avguide: Woher stammt der sonderbare Firmenname Canton?
Seitz: Der Name Canton setzt sich zusammen aus dem lateinischen "cantare" und "Ton"

avguide: Wer waren die Gründer von Canton?
Seitz: Wir waren drei HiFi-Enthusiasten. Alphabetisch gesagt waren es Otfried Sandig, Wolfgang Seikrit und der Günther Seitz. Für uns junge Burschen war das ein grosses Abenteuer.

avguide: Wo und wie habt ihr mit der Fertigung begonnen?
Seitz: Meine Aufgabe war es, den Standort auszusuchen. Ich bin im Taunus geboren und Canton befindet sich heute inmitten in Deutschland. Mir war bekannt, dass in Niederlauken die damalige Dorfschule leer stand. Ich bin damals zum Bürgermeister gegangen und habe ihm unsere Idee unterbreitet. Die ersten vier Monate haben wir hier zur Miete gewohnt und später konnten wir die Schule kaufen.

avguide: Weshalb baut Canton keine superteuren High-End-Lautsprecher?
Seitz: Wir wollten von Anfang an möglichst in die Breite gehen. Nicht etwas Elitäres, Highendiges herstellen, sondern möglichst vielen Leuten Spass machen. Also Mittelklasse, obere Klasse und Spitzenklasse, aber zu Preisen, die wir uns auch als junge Leute hätten erlauben können. Das haben wir bis heute beibehalten.

avguide. Ich habe damals die Situation verfolgt und festgestellt, dass ihr bei HiFi-Stereophonie über Jahre hinweg immer Spitzenplätze bei Tests belegten.
Seitz: Weil Karl Breh auch erkannt hatte, da sind junge Leute, die Spass an der Musikwiedergabe haben und nicht das Ding drehen, um ein Geschäft zu machen. Wir wollten gute Produkte für möglichst viele Leute machen und das ist uns voll gelungen.

avguide: Gab es auch Flops und Fehlentwicklungen?
Seitz: Die bleiben nicht aus. Uns ging's relativ schnell sehr gut und schon kam die Idee auf, es müsste Elektronik hinzu kommen. Und wir haben uns in das Abenteuer gestürzt, einen Receiver modernster Art mit sehr viel Leistung zu machen. Der wurde in England mit befreundeten Leuten entwickelt und sollte in England produziert werden. Es kam auch zur Produktion und es wurde sehr viel Geld für Werkzeuge ausgegeben. Auf einer Messe haben wir 3000 Receiver mit 6000 Boxen dazu verkauft. Das Übel kam danach: Es hat kaum ein Receiver richtig funktioniert. Der Handel hat relativ rasch erkannt, dass wir nicht liefern konnten und wenn wir geliefert haben, dass die Teile nicht in Ordnung waren. Wir haben dann spontan entschieden, das ganze einzustellen. Das war finanziell das dickste Ei, das wir uns ins Nest gelegt haben. Da haben wir viel daraus gelernt.

avguide: Wieso hatte Canton in den letzten 30 Jahren so viel Erfolg?
Seitz: Wir machen möglichst wenig Fehler und haben eine breite Produktelinie, die bei 120 Euro beginnt und bei 3000 Euro endet. Wir decken also nahezu und nahtlos alle Preisklassen ab und versuchen - und bei vielen Dingen gelingt es uns auch - in jeder Preisklasse zu den Besten zu gehören.

Technik

Dipl. Ing. Göbl simuliert das Verhalten einer Tieftonmembran am Computer.
Dipl. Ing. Göbl simuliert das Verhalten einer Tieftonmembran am Computer.
Für die Technik ist seit geraumer Zeit der junge Ingenieur Frank Göbl zuständig. Anlässlich meines Besuches zeigte er mir, wie heute bei Canton Lautsprecher entwickelt werden. Wo man früher versuchte, eine Idee handwerklich zu realisieren, geschieht die Entwicklungsarbeit beim Start zu 90% am Computer. Zu Beginn macht man eine Simulation mit verschiedenen Softwaretools und hinterher wird das Projekt aufgebaut. In einem Nach-Analysesystem wird nachgeprüft, ob das errechnete Verhalten tatsächlich der Praxis entspricht. Canton hat viel in Magnet-Schwingungssystemprogramme investiert um damit den mechanischen Aufbau der Treiber zu optimieren. Mittels geeigneter Programme lässt sich herausfiltrieren, ob die Fehler eines Chassis auf der Zentrierungsseite oder auf der Antriebsseite liegen. Wo man früher mit komplizierten Frequenzweichen versuchte, die Fehler der Chassis zu verstecken, lässt man die Fehler heute gar nicht erst entstehen.
Gemessen werden die Boxen im schalltoten Raum, welcher linear bis zu 150 Hz hinunter geht. Darunter macht man denn einen Nahfeld-Fernfeldvergleich, was eine Messung bis in den tiefsten Frequenzkeller erlaubt. Klanglich beurteilt werden die Boxen dann in einem speziellen Hörraum, mit asymmetrischen Wänden und geringen Resonanzen, der aber über alles gesehen doch einem durchschnittlichen Wohnraum entspricht. Mittels einem Helmholzresonator werden die stärksten Bassresonanzen eliminiert. So ist der Raum im Bass linear und lässt eine sehr genaue und objektive Beurteilung des Bassbereiches einer Box zu.