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Publikationsdatum
15. August 2001
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In der Firma Precide in Morbio Inferiore werden nicht nur Ergo-Kopfhörer, sondern auch Heil-Lautsprecher produziert, die ganz spezielle Hochtöner besitzen. Neben der Swiss Made Produktion importiert man Produkte von Castle (Lautsprecher), Copland und Primare (Elektronik aus Schweden), sowie Klimo Röhrenverstärker und Sudgen-Produkte aus England.

Besuch im verregneten Tessin

Hans Dürrenmatt bei der Bestückung eines Heil Aulos Lautsprechers
Hans Dürrenmatt bei der Bestückung eines Heil Aulos Lautsprechers
Hat sich was mit sonnigem Ticino. Als der Intercity Zug den Gotthard-Tunnel bei Airolo verlässt, begrüsst mich ein grauer Himmel und eine frustrierende, trostlose Stimmung. Wehmütig denke ich an den vor kurzer Zeit passierten Urnersee mit seinen in der Sonne herrlich blinkenden Schaumkronen. Doch meine Stimmung bessert sich, als mich ein leicht hämisch lachender Martin Dürrenmatt am Bahnhof Chiasso abholt, ein Paar Bemerkungen zum miesen Wetter macht und mich zu seiner Produktionsstätte im nahen Morbio Inferiore bringt.

Swiss made

Aulos: Ein kompakter Lautsprecher, bestückt mit dem Heil Air Motion Transformer
Aulos: Ein kompakter Lautsprecher, bestückt mit dem Heil Air Motion Transformer
Martin Dürrenmatts Bruder Hans ist gerade daran, eine Serie von Aulos Lautsprecher mit Tief-Mittelton-Chassis und Heil-Hochtönern zu bestücken.

Martin Dürrenmatt zeigt mir seine Prüfstätte für Kopfhörer mit seinem mit Mikrofonen bestückten Dummy-Kopf. Hier werden die Ergo Kopfhörer geprüft und sorgfältig ausgemessen. In einem Gestell liegen haufenweise elektrostatische Membranen für die legendären Jecklin Floats. Die Produktionsstätte Dürrenmatts ist gut bestückt. Sogar die Magnete werden hier mit einer eigenen Hochstromvorrichtung magnetisiert.

Bei Precide arbeiten sieben Leute. Sie produzieren rund 600 Lautsprecher und 2400 Kopfhörer pro Jahr und machen einen totalen jährlichen Umsatz von über 1000000 Franken.

Neben den eigenen Produkten wie Heil-Lautsprecher, Ergo-Kopfhörer und MDM-Kabel, vertreibt Precide folgende Marken: Copland, Primare, Sugden, Tandberg, Klimo, Castle, Klipsch, Garrott, dazu Lautsprecherständer von Natural Foundation und B-Tech-Zubehör wie Wandaufhängungen für Lautsprecher. Die Heil- und Ergo Produkte werden in der Schweiz entwickelt und montiert. MDM wird in Zusammenarbeit mit einem japanischen Kabellieferanten teilweise auch in der Schweiz gefertigt. Auch die Endkontrollen erfolgen bei Precide. Die Gehäuse für Heil kommen von Italien, die Chassis stammen von Eminenz und Vifa.

Mit feinen Ohren entwickelt

Martin Dürrenmatt hört auf seine Frau...
Martin Dürrenmatt hört auf seine Frau...
Nach der Besichtigung der Entwicklungs- und Produktionsabteilung führt mich Martin Dürrenmatt in das Musikzimmer, wo seine Frau Mieko gerade ihr Instrument meisterhaft erklingen lässt. Mieko spielt bei der klanglichen Auslegung der Heil- ,Ergo- und MDM-Produkte ein wichtige Rolle. Ihr superfeines Gehör signalisiert, wenn eine Entwicklung oder eine sogenannte Produkteverbesserung ein Fehlschlag ist. Verweigert Mieko ihren Segen für ein Produkt, wird es entweder nicht gebaut, oder solange verbessert, bis sie ihr ok gibt. Martin vertraut ihren Ohren denn auch hundertprozentig und der Erfolg und die Anerkennung seiner Produkte bei einer sehr kritischen Hörerschaft gibt den beiden recht.

Genialer Transformator

Zieht sich die vorhangähnlich gewellte Membrane zusammen, so wird die Luft mit hoher Geschwindigkeit aus der Falte gepresst.
Zieht sich die vorhangähnlich gewellte Membrane zusammen, so wird die Luft mit hoher Geschwindigkeit aus der Falte gepresst.
AMT steht für Air Motion Transformer. Dieses System wurde von Dr. Oskar Heil erfunden und erstmals in den legendären ESS Lautsprechern in den siebziger Jahren in Kalifornien verbaut. Zusammen mit dem 1995 verstorbenen Dr. Oskar Heil hat Martin Dürrenmatt diesen Schallwandler verbessert und setzt ihn nun bei seinen Heil-Lautsprechern Kithara und Aulos, sowie dem Ergo AMT Kopfhörer mit Erfolg ein.

Dr. Heils Schallwandler besitzt eine vorhangähnlich gewellte und mit Leiterbahnen bestückte Membran, die sich in einem permanenten Magnetfeld befindet. Fliesst nun ein Signalstrom durch die Leiterbahnen, so verengen oder erweitern sich die Falten der Membran. In der Folge wird Luft ausgestossen oder angesaugt. Der Witz an der ganzen Konstruktion liegt darin, dass die Luft fünfmal schneller aus den Falten ausgestossen oder angesaugt wird, als sich die Membran selber bewegt. Durch diese Geschwindigkeitstransformation ergibt sich ein exzellentes Impulsverhalten. Zudem haben Dr. Oskar Heil und Martin Dürrenmatt neue Materialien eingesetzt, welche das berüchtigte Knistern der ersten AMT-Typen nicht mehr aufzeigen.

Ähnliche Systeme werden inzwischen auch von anderen Herstellern wie Elac, Isophon und Burmester eingesetzt.

Interview mit Martin Dürrenmatt

Martin Dürrentmatt mit seinem ersten selbst produzierten Hörer, dem Jecklin Float (auf rotem Dummy) und dem neusten Ergo AMT.
Martin Dürrentmatt mit seinem ersten selbst produzierten Hörer, dem Jecklin Float (auf rotem Dummy) und dem neusten Ergo AMT.
Vom US-Schlachtschiff in den Ticino

avguide: Was haben Sie vor der Precidezeit gemacht?
Martin: Ich war bei Naafexco. Das war eine Vertriebsfirma für die US Navy und Air Force und habe dort unter anderem Reparaturen gemacht.

avguide: Haben Sie da etwa Flugzeugträger repariert?
MD: Nein, aber diese Matrosen haben Hi-Fi-Geräte von Dual, Tandberg, Revox, Marantz etc. von Naafexco gekauft und diese mussten z.T. unter Garantie repariert werden. Von der Atlantikküste bis zur Südtürkei war ich pro Monat rund drei Wochen unterwegs, um auf diesen Schiffen meiner Arbeit nachzukommen.

avguide: Wie lange machten Sie das?
MD. Ich war damals etwa 22 Jahre alt und habe dieses abenteuerliche Leben ganze 4 Jahre so durchgezogen. Danach arbeitete ich 2 Jahre für Koss in Mailand als Europa-Manager.

avguide: Was waren die ersten Aufgaben für Precide?
MD: Wir haben zuerst genau dasselbe gemacht wie Naafexco, den amerikanischen Militärmarkt auch mit Geräten von Sanyo, Teac, Philips, Yamaha, und Klipsch versorgt und gewartet.

avguide: Wann haben Sie angefangen, selber Swiss made-Geräte zu produzieren?
MD: Das war im Jahre 1979. Nachdem Jürg Jecklin seine Kopfhörerproduktion stoppte, haben wir die Lizenz übernommen.

avguide: Wann kamen dann die ersten Eigenentwicklungen?
MD: 1987 als Dr. Heil uns zwei neue Membranen in San Matheo (Kalifornien) vorgeführt hat, beschlossen wir, diese zu produzieren.

avguide: Wie hiess das erste Produkt?
MD: Das war der Heil Kithara welcher 1990 auf dem Markt kam.

avguide: Konnten Sie in dieser Zeit vom Wissen Dr. Heils profitieren?
MD: Ich habe sehr viel gelernt von Oskar Heil. Auch von Jürg Jecklin habe ich viel über Kopfhörer und ganz allgemein lernen können.

avguide: Wann kamen weitere Produkte?
MD: Zwei Jahre später produzierten wir den kleineren Aulos. Dann gründeten wir die Marke Ergo mit dem Ziel, einmal ein Heil AMT-System einzubauen. Doch zuerst kamen zwei dynamische Modelle. Neuerdings stellen wir auch den Kopfhörerverstärker Ampli 1 her.

avguide: In welche Länder exportiert ihr?
MD: In ganz Europa, USA, Canada und Australien und neu auch Malaysia, Singapore, Japan, Taiwan.

avguide: Besten Dank für das Gespräch.

Interview mit Mieko Dürrenmatt

Mieko Dürrenmatt, eine bekannte Geigerin mit feinen HiFi-Ohren
Mieko Dürrenmatt, eine bekannte Geigerin mit feinen HiFi-Ohren
Liebe auf den ersten Ton

avguide: Wo sind Sie aufgewachsen?
Mieko: In der Nähe des japanischen Meeres bei Nigata.

avguide: Wann und bei wem haben Sie begonnen, Geige zu spielen?
Mieko: Vater, ein begeisterter Amateurmusiker, wollte zuerst, dass mein Bruder Violine spielt. Der machte mit dem Geigenbogen aber nur Samureispiele und hatte kein Interesse zu dieser Zeit. Mittlerweile wurde mein Bruder aber vom Staat für seine Verdienste bei der musikalischen Erziehung der Jugend in Japan ausgezeichnet. Mein Vater hat mir die Grundlagen des Geigenspiels beigebracht. Ich war gerade mal 7 Jahre alt. Mein Weg war dann vorgezeichnet: Musikstudium in Japan, Orchester in Tokyo und dann 3 Jahre zusätzliches Studium in Hannover mit einer Ausbildung zur Solistin.

avguide: Weshalb kamen Sie in die Schweiz?
Mikeo: In der Musikerzeitschrift habe ich ein Stelleninserat vom Radio Sinfonieorchester Basel gesehen, und sie gaben mir nach einem Probespiel die Stelle.

avguide: Sie wirken ja auch bei der klanglichen Auslegung der Precide-Produkte mit. Was sind da so ihre Erfahrungen?
Mieko: Bei Verbesserungen der Produkte nur mit stärkeren, teureren und moderneren Einzel-Bauteilen resultiert oft nicht der gewünschte klangliche Fortschritt. Es ist meist das Zusammenspiel der Komponenten das verbessert werden muss, damit sich eine höhere Klangqualität einstellt.

avguide: Weshalb gibt es praktisch keine weiblichen HiFi-Freaks? Wie hören Frauen Musik?
Mieko: An erster Stelle steht Schönheit, Klangfarben und Interpretation. Frequenzgänge und sogenannte Auflösung, oder wieviele Watts und Technik sind eher zweitrangig. Die Geräte müssen so einfach wie möglich sein. Auch eine kratzende Schallplatte stört uns nicht.

avguide: Wie lernten Sie Ihren zukünftigen Mann kennen?
Mieko: Wir lernten uns über einen Orchesterkollegen von mir kennen, der ein HiFi-Fan ist.

avguide: Ihr habt Euch also über High Fidelity kennen gelernt? War es etwa Liebe auf den ersten Ton?
Mikeo: Ja das kann man so sagen.


Kontakt:
Precide SA, 6834 Morbio Inferiore. 091 683 17 34,
Wettbewerb