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Publikationsdatum
20. April 2020
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Ich habe mir als Anbieter perfekt klingender High-End-Audio-Systeme eine kurze Auflistung der häufigsten «Ausreden» angelegt. Ausreden von Leuten, die sich dem Thema verweigern, es als unbedeutend oder nicht relevant abtun. Leute, über die ich mich ärgere. An oberster Stelle der Ausreden steht dabei die Fähigkeit, die hohe Qualität, wie ich sie einmal nenne, überhaupt hören zu können.

Typische Aussagen sind: «Ich höre in meinem Alter wahrscheinlich auch nicht mehr gut genug» oder «meine Ohren sind zu wenig ausgebildet, um solche feinen Unterschiede wahrzunehmen» oder so ähnlich.

Eine spezifische und auch analytische Hörfähigkeit hinsichtlich der verschiedenen Dimensionen von Raum und Wohlklang braucht man als Musikgenuss-Mensch natürlich genauso wenig zu erwerben, wie der Weingeniesser, der das umfangreiche Wissen des Sommeliers oder Weinkritikers nicht benötigt, um den Rebensaft zu lieben. Viele tun es mit der Zeit zwar, weil sie sich intensiv damit befassen, aber eine Voraussetzung für Genuss ist es keineswegs. Expertenwissen ist allenfalls Voraussetzung für die richtige Wahl.

Dasselbe gilt wohl auch für den Gutbetuchten, der sich gerade mit der Anschaffung des Sportwagens befasst: Auch er oder sie dürfte kaum in der Lage sein, die Performance des begehrten Schlittens auch nur ansatzweise zu nutzen. Das lassen weder Strassenverkehrsgesetz noch die fahrerischen Fähigkeiten der Sportwagenbesitzer zu. Formel-1-Fahrer betrachtet man im Fernsehen – und nicht im Spiegel.

Daraus kann man viel lernen: Bei Wein und Sportwagen scheint es kein Hindernis zu sein, sich den Genuss und die Freude am Thema trotz fehlender Kompetenz dennoch zu gönnen. Auch auf dem Golfplatz legt niemand den Schläger zur Seite, nur weil er Zeit seines Lebens nicht an den Pro herankommen wird, geschweige denn, an die echten Pros, die er im Fernsehen sieht.

Besonders drollig ist das (häufige) Argument, dass der Betreffende mit Ende 50 «wahrscheinlich» nicht mehr so gut hört, wie einst. Sie nehmen sich aus dem Spiel. Da lachen sich meine Ü-60-Kunden tot. Und jene, die das glauben, müssten sich der «wahrscheinlichen» Hörschwäche zuerst einmal mit professioneller Hilfe annähern, bevor sie den Teufel heraufbeschwören. Wenn es dann doch nicht so schlimm ist, dann kann man sich auch einmal mit der weit grösseren Hörerfahrung älterer Leute im Vergleich zu jungen Leuten befassen. Dieser Unterschied stellt beginnende und leichte Defizite der Hörfähigkeit locker in den Schatten, wenn es um die Fähigkeit geht, Musik zu Hause zu geniessen.

Ein ebenso häufig gehörtes Argument ist die Zeit: Man hat keine Zeit, sich dem Musikhören zu widmen. Also macht es keinen Sinn, sich mit der Anschaffung einer hochwertigen HiFi-Anlage und deren Nutzung zu befassen.

Wer sich als erfolgreicher Mitbürger inszeniert, darf auf keinen Fall Zeit haben. Zumindest nicht für Beschäftigungen, die nicht direkt die Karriere fördern oder das Leistungsgebot des fördernden und fordernden Familienvaters betreffen. Wer Zeit hat, ist ohnehin ein Loser, einer, der zu wenig tut oder das Falsche.

Wer sich mit CVs in Bewerbungsdossiers auskennt, der weiss um die inflationäre Häufigkeit verschiedener Sportarten unter «Hobby und Freizeit». Kaum ein Dossier, dass nicht den ehrgeizigen Spitzensportler suggerieren würde. Ein wenig Genuss kommt bei den verwegenen Verfassern ihrer Bewerbungsdossiers manchmal auch vor, aber nur im Rahmen des Verständlichen und Gesellschaftsverträglichen: Theater statt Kino und ausgesuchte Weine statt Sauftouren mit den Kumpels. Klassik- oder Jazz-Konzerte und vielleicht noch ein Open-Air-Festivalbesuch in der VIP-Lounge. Musikhören mit HiFi? Darüber liest man kaum in einem CV. Das klingt nach introvertiertem Nichtstun.

Die ehrlichen Argumente aber, die hört man selten: «Ich habe kein Interesse daran» oder «ich habe nicht das nötige Geld dafür». Kein Interesse und kein Geld sind nicht Argumente, die den Menschen einfach über die Lippen gehen, aber sie treffen den Kern der Sache. Ausreden sind unvermeidlich, sie sind nicht persönlich gemeint, sie sind maskierte Argumente. Deshalb sind Ausreden wertvoll.

Fazit?

Mit HiFi von hoher Qualität (Begriffsvermeidung von High-End) kommt man näher ans Ideal/Original als mit Sportwagen an die Rennstrecke oder mit den Golfschlägern an Tiger Woods. Man kommt auch nahe an eine verehrte Vergangenheit, an die Beatles oder an David Oistrach oder David Bowie. Ist das nicht cool? Ist das nicht der Kern der Sache? Das gilt es zu vermitteln und zu erfahren. Ausreden hin oder her.