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Publikationsdatum
8. September 2019
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Der technologische Wandel bei Geräten für Musikwiedergabe hat sich in den vergangenen 20 Jahren vorwiegend auf Mobilität und Bedienungsfreundlichkeit fokussiert und weniger auf High Fidelity (Hohe Treue). Das ist bekannt. Die Wahrnehmung von Hi-Fi bei Leuten auf der Strasse hat sich gewandelt, und viele Menschen wissen nicht mehr, um was es eigentlich geht. Selbst Stereo, bereits in den 1960er-Jahren ein bestens bekanntes Prinzip, wird von vielen Menschen nicht mehr verstanden.

Ich bekomme das immer zu spüren. Besonders deutlich, wenn ich gefragt werde, was ich beruflich so mache. Ich beneide dann die Anwälte, Ärzte und Architekten oder auch Apotheker. Sie können einfach sagen, sie seien z. B. Anwalt und erhalten dann stillschweigende Anerkennung und Respekt. Kaum jemand fragt nach dem Fachgebiet. In meinem Fall stösst meine Berufsdeklaration eher auf Unverständnis und Skepsis.

Kein Breitensport

Hi-Fi war nie ein Breitensport. Aber was man darunter versteht, brauchte man vor 30 Jahren kaum jemandem zu erklären. Viele Haushalte hatten eine passable Stereoanlage in der Stube und man wusste auch, wo noch eine Bessere steht. Man konnte so etwas auch kaufen, und zwar in jedem grösseren Dorf.

Heute ist das ganz anders. Hi-Fi und High-End-Audio für Audiophile hat massiv an Bekanntheit und Wertschätzung eingebüsst. Während der Porsche und die teure Schweizer Markenuhr mit mechanischem Uhrwerk sehr bekannt sind und begehrt werden, werden hochwertige Hi-Fi-Anlagen eher als Spinnerei und Geldverschwendung wahrgenommen. Das Prestige von Hi-Fi hat gelitten.

Prestigeverlust?

Man macht dafür meistens die Hersteller verantwortlich oder den Handel. Sie bedienen einfach diejenigen, die den Laden betreten, wird ihnen nachgesagt. Man kann es ihnen nicht verübeln. Sie sind kaum in der Lage, im grossen Stil Nachfrage und Interesse zu erzeugen. Sie bewegen sich immer in den gleichen Kreisen.

Die High-End-Hi-Fi-Händler kümmerten sich vorwiegend um ihre Stammkunden, die immer wieder mal etwas an ihrer Hi-Fi-Anlage verbessern wollten. Mit 200 Stammkunden konnte man vor 20 Jahren gut leben. Es kamen auch Neue dazu, aber immer weniger, und die Stammkunden werden mittlerweile auch immer weniger.

Und die Hersteller? Die schauen vor allem in Richtung Asien.

Schlechte Botschafter

Die Hauptschuldigen sind aber eigentlich die Hi-Fi-Konsumenten, die Musikhörer. Sie sind schlechte Botschafter geworden. Wer eine Hi-Fi-Anlage hegt und pflegt, tut dies viel zu oft im Verborgenen. Das hat auch mit der Nutzung zu tun: Man zieht sich ins Musikzimmer zurück oder sucht sich eine ruhige Stunde, zurückgezogen im Wohnzimmer. Und wenn einmal Gäste kommen, lässt man Hi-Fi gar nicht zum Thema werden, spielt Musik ein wenig im Hintergrund oder setzt die Anlage gar nicht in Betrieb – ausser man ist unter Seinesgleichen.

Damit tut man der Sache keinen Dienst. Man begeistert niemanden mit nichts. Das ist unverständlich, denn die Passion ist doch so gross. Das muss man doch auch leidenschaftlich kommunizieren. Fast jeder liebt Musik, kennt aber das enorme Potenzial der Musikwiedergabe nicht.

Wir sind Eigenbrötler.

Egoisten sind wir auch ein wenig. Was bringt es mir, wenn ich jemanden dafür zu begeistern suche? Es bringt auch fürs Ego mehr als man denkt: Bewunderung, Anerkennung, Staunen … das alles kann man mit ein wenig Extrovertiertheit bewirken – und das tut doch gut, nicht wahr?

Konkret: Wie vorgehen?

Wenn wir bei uns zuhause Gäste erwarten, dann suche ich eine Playlist und stelle die Musik relativ laut, kurz bevor die Gäste eintreffen. Wenn sie dann eintreten, dann spüren sie die Präsenz der Musiker, als wäre sie hier. Ich spreche das kurz an und stelle dann die Musik leise, damit wir uns unterhalten können. Der erste Eindruck hat gesessen. Manchmal wird das ignoriert, aber meistens kommen die Gäste darauf zurück und manchmal mache ich dann später eine kurze Demo, spiele Musik, welche die Gäste besonders gerne hören. Ich erkläre, was mich am Thema so begeistert, und der Funke wird überspringen. Wichtig: Ihr Partner oder Ihre Partnerin muss mitspielen. Es braucht eine kleine Absprache.

An diesem Beispiel möchte ich veranschaulichen, dass wir aus eigener Initiative sehr viel bewirken können. Wir outen uns und wir bestimmen die Show. Wenn wir das alle bewusst tun, auf unsere individuelle Weise, dann tragen wir dazu bei, dass Hi-Fi wieder bekannter wird und an Prestige gewinnt. Davon profitieren wir: Wir kriegen ein wenig Anerkennung für unsere Passion und fühlen uns nicht wie die einsamen Wanderer in der Wüste audiophiler Ignoranz.

avguide.ch meint

Bekannte oder Freunde von Musikhörern mit hochwertigem Hi-Fi werden zu dem, was man heute Influencer nennt. Sie geben ihre Erfahrungen weiter. Dafür brauchen sie nicht zu bloggen und sich auf Social Media zu outen und dafür sogar berühmt zu sein. Es geht um die glaubhafte Empfehlung. Im digitalen Marketing wird die Empfehlung oder das Influencing aus dem weiteren Bekanntenkreis heute – in Bezug auf Kaufentscheide – am höchsten gewichtet. Und jeder von uns Audiophilen kann mitwirken!