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Publikationsdatum
27. April 2017
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Wenn ich die Haustüre offenstehen lasse, dann wird meine Privatsphäre damit nicht verletzt, aber ich riskiere deren Verletzung. Besser, ich schliesse die Haustüre. Dann kann solches nicht passieren. Wenn wir verhindern, dass man auf unsere IT-Geräte via Internet zugreifen kann, dann kann unsere Privatsphäre nicht verletzt werden, weil wir es nicht zulassen.

Wir können aber in beiden Fällen auch nicht in die Welt hinaus blicken. Deshalb lassen wir zu, dass man in unsere Welt hineinblicken kann. Man kann nicht spähen, ohne erspäht oder ausgespäht zu werden. Ob wir uns nun mit Privatsphäre-Einstellungen dagegen schützen oder nicht, es gibt immer jemanden, der Zugriff hat oder haben muss. Missbrauch ist immer möglich.

Die Digitalisierung der Musikwiedergabe hat in den letzten Jahren Audiogeräte hervorgebracht, die Grossartiges leisten. Aber es sind keine Audiogeräte mehr. Es sind Computer, die konstant mit dem Internet in Verbindung stehen, um zu funktionieren. Sie sehen nur wie Audiogeräte aus. Es sind Streaming-Clients. Sie sind das Tor zur Welt unendlicher Mengen von Musikmaterial für uns, aber sie sind auch eine offenes Tor in unser Privatleben.

Die Hersteller stellen uns Apps zur Verfügung, um unsere Audiogeräte zu steuern und zu nutzen. Damit haben sie aber auch Zugriff zu unserer Musik, die wir hören. Das geschieht meistens mit unserem Einverständnis, seit Jahren schon. Wir tolerieren den Zugriff, indem wir die Nutzungsbestimmungen akzeptieren, ohne sie jemals gelesen zu haben, obwohl wir das gekonnt hätten und auch getan haben sollten.

Der Eingriff in unsere Privatsphäre ist meistens harmlos.

Es mach Sinn, wenn sich ein Audiogerät nach dem Einschalten schnell mit dem Hersteller verbindet und uns dann mitteilt, dass die Firmware aktualisiert werden muss. Daran haben wir ein Interesse. Es geschieht aber ohne unser Zutun und trotzdem regen wir uns selten darüber auf. Im Gegenteil, wir finden das cool.

Ein Musikstreaming-Dienst erfasst in Summe die georderten Streams und analysiert unsere Musikpräferenzen. Das dient der Optimierung des Angebots, im Sinne des Anbieters. Es wäre im Fall des Missbrauchs kein Problem, die Präferenzen eines jeden Nutzers individuell zu erfassen. Dem Anbieter würde das kaum dienen, aber vielleicht Dritten, die daran ein Interesse hätten und dafür bezahlten.

Die Wireless-Verbindung zwischen unserem Kopfhörer und dem App-gesteuerten Audiogerät verbindet uns auch gleich mit der Aussenwelt, selbst wenn wir Schallplatten damit hören. Alles ist möglich und alles Mögliche geschieht irgendwann.

Wer auch immer Interesse daran hat, Missbrauch zu betreiben, sei es aus kommerziellen oder politischen Gründen, aus primären Interessen oder quasi als Zulieferer: Die Musik, die wir hören und alles andere, was wir hören, gibt sehr viel von uns preis. Und es lässt sich bestimmt mit geeigneten Algorithmen erfassen, ohne dass ein Mensch uns abhören muss. Es lässt sich auswerten, welche Sprachen wir bevorzugen, welche Kulturen uns interessieren und welche Religionen in unserem Leben eine Bedeutung haben. Man kann uns einordnen und man kann es zuordnen, denn wir haben uns in irgendeiner Form kenntlich gemacht, uns registriert.

Vielleicht schliessen wir unsere Haustür wieder vermehrt. Wir wissen ja, wie das geht.

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