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TESTBERICHT
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Publikationsdatum
29. Januar 2007
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Rein äusserlich ist der CL 90 X nicht anzusehen, dass in ihr Werte schlummern, die regelrecht erlitten werden mussten.

Dabei kam nicht nur das Entwicklungsteam bei Piega im wahrsten Sinne des Wortes an die Kasse, sondern auch die Firma Alcan im Walliser Chippis mit ihrer gigantischen 7500-Tonnen-Alupressanlage, der es erst im dritten Anlauf gelang, die ausgefallenen Wünsche des Piega-Teams umzusetzen.

Die CL 90 X reiht sich nahtlos in das Piega-Sortiment ein und fällt, trotz ihres sehr beachtlichen Gewichts von 75 kg, rein optisch keineswegs aus dem Rahmen.

Wie andere Boxen von Piega besitzt sie ein säulenartiges Gehäuse mit der typischen C-förmig abgerundeten Rückwand. Dies ergibt von oben gesehen eine Form, die einer Laute nicht unähnlich ist.

Und diese Form, die auch andere Lautsprecherhersteller benutzen, hat in der Tat grosse Vorteile, denn sie sieht nicht nur attraktiv aus, sie verhindert zudem stehende Wellen im Inneren des Gehäuses und trägt wesentlich zur Versteifung des auf Hochglanz lackierten Gehäuses bei.

Kostspieliges Lehrstück

Das Gehäuse besteht aus einem Stück gepresstem Aluminium. Die Hohlkammern sind mit Sand gefüllt und zusätzlich mit Idikel bedämpft. Oben sichtbar: Auslass des rechteckigen Bassreflexkanals.

Laut Kurt Scheuch kostet die Herstellung einer Pressform für die Produktion seiner neuen Gehäuse rund 250'000 Franken.

Piega ist an diesen Kosten anteilsmässig beteiligt.

Beim ersten Pressversuch soll es das Werkzeug regelrecht zerrissen haben, und beim zweiten produzierte die 7500 Tonnen Presse wohl eine «Handorgel», aber kein sauberes, glattes Profil.

Erst beim dritten Versuch mit drastisch verbessertem Werkzeug klappte es, und die Produktion einer neuen Gehäuseart konnte beginnen.

Weitere Infos, das Gehäuse betreffend, sind im Interview "Neues Konstrukt" mit Kurt Scheuch zu erfahren.

Noble Bestückung

Wie bei allen Piega-Boxen mit der Typen-Zusatzbezeichnung «X» kommt auch bei der CL 90 X der kleine koaxiale Bändchen-Mittel-Hochtöner zum Einsatz. Das etwas grössere koaxiale Bändchen-System ist nach wie vor dem Piega-Flaggschiff CL 40 vorbehalten.

In tieferen Frequenzlagen unter 400 Hz musizieren zwei 22 cm Bässe in MOM-Technologie (Magnetic Optimized Motor). Dank ihrer Schnelligkeit harmonieren sie mit dem High-Speed-Bändchen bestens.

Anstelle preisgünstiger Bassreflexrohre setzt Piega vermehrt abgewinkelte und baumässig aufwändige Kanäle ein, und erhält so gegenüber konventionellen Rohren rund 2 dB mehr an Bass-Effizienz.

Bei den Frequenzweichen setzt man auf bewährte Technik und trennt die Chassis frequenzmässig mit Linkwitz-Filtern vierter Ordnung. Ein weiterer innerer Wert ist die kostspielige Verdrahtung mit den OPUS1 Kabeln von Piega.

Toleranzen

Eine CL 90 X entsteht: Die MDF-Frontplatte dient nur noch zur Aufnahme der Chassis. Im Inneren ist die Box teilweise mit Dämm-Material gefüllt.

Das koaxiale Bändchensystem wird hauptsächlich von Aldo Ballabio, der sich auf diese Tätigkeit spezialisiert hat, hergestellt.

Vom grossen Bändchensystem für die CL 40 schafft er, wenn er «gut im Schuss» ist, zwei Systeme pro Tag. Dabei handelt es sich natürlich nicht um die gesamte Herstellung, sondern um die Endmontage mit dem Aufziehen der Folie in den Rahmen, Verklebungen, Bedämpfungen und dem Verdrahten.

Sein Sohn Mario eifert ihm mit Erfolg nach und schafft es, in einem Tag rund 7 der kleineren Koax-Systeme zu montieren.

Bei der ganzen Geschichte gilt: Fehlertoleranz 0! Das heisst, ein einziger Fehler und das System ist unbrauchbar!

Das Gehäuse hingegen kann ab Alu-Presswerk Toleranzen in den Abmessungen von bis zu +/- 2 mm aufweisen. Grund ist der extrem aufwändige Pressvorgang.

Doch laut Entwickler Scheuch haben diese Toleranzen, die lediglich bei den Übergängen von Gehäuserückwand zu den oberen und unteren Deckplatten noch sichtbar sein können, keinerlei Einfluss auf den Klang.

Kompetenz beweisen

Eine CL 90 X herzustellen ist schlussendlich arbeitsintensiver als ursprünglich angenommen. Rund 35 Mannstunden allein benötigt der Aufbau von einem Paar dieser HiTech-Konstruktionen. Das erhöht die Kosten und reduziert den Gewinn. Doch ist eine CL 90 X eher ein Produkt, mit dem Piega seine Kompetenz unter Beweis stellen als viel Geld verdienen will.

Von Mozart bis Rammstein

Heisser Vergleich: Die Piega CL 90 X im Vergleich zur bewährten TC 70 X. Rechts: Elektronik von Neukomm made in Thalwil. Links: Kurt Scheuch mit Daniel Raymann.

Bevor wir das Klanggeschehen in einzelne Bereiche zerstückeln und beginnen, so genannt analytisch zu hören, sei erwähnt, dass der neuste Wurf von Piega sehr sympathisch und angenehm klingt. Mit diesem natürlichen, von den Boxen völlig gelösten und überaus weiträumigen Klangbild, lässt es sich leben, zurück lehnen und in höhere geistige Ebenen entschweben …

In dieser Qualitätsklasse gibt es auch keine speziell für Klassik oder Rock geeigneten Systeme mehr. Ein Klangartist in dieser Meisterklasse beherrscht alle Stilarten von hard bis soft, von pianissimo bis fortissimo und so eben auch von Mozart bis Rammstein.

Dieser klangliche Höhenflug findet aber nicht nur an einem einzigen Ort statt. Dank dem nach allen Seiten hin praktisch identischen Abstrahlverhalten, für das der Koax-Treiber hauptsächlich verantwortlich zeichnet, ist die optimale Stereo-Hörzone erstaunlich breit, aber – und das ist in Anbetracht der doch recht unterschiedlichen Sitzhöhen sehr wichtig – auch in der Vertikalen weit.

Aus einem Guss

Die Klangdefinition ist, wie man sich das vom bekannten koaxialen Bändchen bereits gewohnt ist, fabelhaft. Die CL 90 C lässt die Streichinstrumente brillant und sehr fein gezeichnet erklingen. Der Koax verschweigt auch nicht das feinste klangliche Detail.

Umso erstaunlicher ist es, dass die so genannten Kolophonium-Kratzgeräusche nicht heran gezoomt werden, sondern lediglich den Klangcharakter dieser so enorm heiklen Instrumente unterstreichen. Zudem klingen auch die hohen Lagen der Violinen auf der stählernen E-Saite nie aggressiv wie auf so vielen hoch-analytisch klingenden Schallwandlern, sondern hell, aber beileibe nicht grell.

Zum Schluss dieser klassischen Weisen das Wichtigste: Der Klang ist absolut homogen und kommt wie aus einem Guss. Es ist weder ein Bass- noch ein Mittel-Hochtonbereich einzeln heraus zu hören. Der Schallanteil dieser beiden so extrem unterschiedlichen Wandlersysteme verschmilzt perfekt zu einem äusserst differenziert wirkenden Gesamtklang.

Unlimited Bass Power

Während der Bassbereich der CL 90 X auch von anspruchsvoller Klassik bisher noch nicht hart auf die Probe gestellt wurde, folgte bei der Wiedergabe David Sanborns SACD «Time again» eine deutlich härtere Gangart.

Im Track 7 mit dem sinnigen Namen «Tequila» geht es bekanntlich darum, das Kontra-C des Bass-Players nicht nur hörbar zu machen, sondern es mit absolut gleichem Druck und Pegel wie die obere Oktave zu bringen! Während dies bisher nur mannshohen Boxen mit unzähligen Litern Inhalt gelingt, spielt sich die filigrane CL 90 X in das Herz jedes Bassfreundes. Dieser Bassbereich reicht fundamental tief in den Frequenz-Keller und ist zudem hoch präzise.

Er kann auf Wunsch und bei genügender Verstärkerleistung den Abhörraum und die Zwerchfelle der Hörer ganz tüchtig erzittern lassen. Die Blasgeräusche aus der Reflexöffnung sind auch bei fundamental tiefen Synthesizer-Solo-Bässen (!) minimal. Ganz klar ein Verdienst des optimal dimensionierten Bassreflex-Kanals.

Präzisionsinstrument

Der Koax bewährt sich auch bei perkussiven Instrumenten und Bläsern. Extreme Feinzeichnung verbunden mit hervorragender Dynamik lassen ihn als idealen Spielpartner zum äusserst potenten Bassbereich erscheinen. Wie es nur einem Koax-System gelingt, reproduziert es nicht nur Klangfarben, sondern auch die räumlichen Verhältnisse einer Aufnahme präzise und ohne eigene Zutaten.

Gute, gelungene Aufnahmen lassen die CL 90 X auch so erklingen, während schlechte mit einer Ehrlichkeit gebracht werden, wie man das nur von erstklassigen, professionellen Abhörmonitoren her kennt.

Dank optimalem Zusammenspiel von dynamischen Bässen und Koax-Bändchen im praktisch perfekten Gehäuse ist die CL 90 X nicht nur ein grossartiger musikalischer Freudenspender, sondern auch ein Präzisionsinstrument zum Beurteilen von Aufnahmen.

Fazit

Der neuste Wurf aus der Horgener High-End Klangschmiede kann in der Tat praktisch alles, was heute als machbar erscheint. Ohne Zweifel ist die CL 90 X einer der besten Lautsprecher des heutigen Marktes. Dies nicht zuletzt dank dem Erfindergeist von Kurt Scheuch und den Schweizer Alcan-Aluspezialisten, welche die Lautsprecher-Gehäusetechnik um ein gutes Stück weiter gebracht haben.

Infos

Preis pro Paar: 25'800 Franken
www.piega.ch
+41 44 725 90 42
STECKBRIEF
Modell:
CL 90 X
Profil:
State of the Art - Lautsprecher mit neuartiger Gehäusekonstruktion und phänomenalem Klang.
Pro:
State of the Art in jeder Beziehung
Contra:
nicht gerade billig;nicht gerade klein
Preis:
25,800.00 CHF
Hersteller:
Jahrgang:
2008
Vertrieb:
Masse:
280 x 1130 x 380 mm
Gewicht:
75 kg
Farbe:
Aluminium
Bass:
2 x 22 cm MOM-Bässe
Bauprinzip:
3-Wege-System Standlautsprecher
Empfohlene Leistung:
20 -250 Watt
Frequenzgang:
24 - 50'000 ± 3dB
Hochton:
1 x C2 Koaxial Bändchen
Impedanz:
4 Ohm
Wirkungsgrad:
92 dB
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