Die 600er-Serie kann auf eine stolze Ahnenreihe zurückblicken: Die Anfänge reichen zurück bis 1995, als Kevlar in die günstige Preisklasse Einzug fand. 1999 wurde unter anderem der Hochtöner überarbeitet: Eine rückwärtige Schallableitung in Nautilus-Manier sorgte für eine besonders resonanzarme Wiedergabe.
Die neue 606 macht sowohl als Regal-Box wie auch frei im Raum auf einem Ständer platziert eine gute Figur.Das populärste Modell aus der Serie hörte auf den Namen DM602 und kann als ideelle Vorgängerin der hier getesteten 606 gelten. Die Kombination aus 18-cm-Kevlar-Tiefmitteltöner mit 26-mm-Metallkalotte rockte richtig gut, zumal sie in einem üppig dimensionierten Bassreflexgehäuse Platz nehmen durfte. Dieses Konzept war so erfolgreich, dass es in den folgenden Jahren durch leicht modifizierte S2- und S3-Generationen weitergeführt wurde.
2007 wurde unter anderem der Hochtöner durch den Einsatz von Neodymium-Magneten und besseren Kalotten runderneuert. So klang das Modell 685 im Hochtonbereich überhaupt nicht mehr «metallisch», sondern ausgesprochen sanft, ohne jeglichen Anflug von Härte. Klassik-Liebhaber waren begeistert, während Pop- und Rock-Anhänger doch etwas «Attacke» vermissten.
2014 kam die vorletzte 600er-Generation auf den Markt, wiederum mit einem grundlegend neuen Hochtöner. Dank Einsatz eines Versteifungsrings und einer speziellen Aufhängung konnte die obere Materialresonanz in einen Bereich weit jenseits des hörbaren Spektrums verlegt werden. Der klanglich harte Beigeschmack von Metallkalotten gehört damit endgültig der Vergangenheit an.
Der Hochtöner der 606 ist ein echtes High-Tech-Teil. Neodym-Magnet, Nautilus-Röhre und versteifte Alu-Kalotte sorgen für transparente Höhen ohne metallischen Beigeschmack.Neu mit Continuum-Membrane
Der Hochtöner der letzten Generation war so gut, dass er praktisch unverändert übernommen wurde. Hingegen kommt in der aktuellen 600er-Serie das innovative Membranmaterial Continuum anstelle von Kevlar zum Einsatz. Dabei handelt es sich um eine patentierte Eigenentwicklung aus der Bowers&Wilkins-Forschung. Die geflochtene Membran des Tiefmitteltöners besteht (wie Kevlar) ebenfalls aus einem Aramidfasern-Komposit.
Dank Continuum-Tiefmitteltöner gibt die 606 bei abgenommener Frontbespannung auch optisch was her.Das sogenannte Break-up-Verhalten beim Übergang von kolbenförmigen zu Teilschwingungen soll bei Continuum gesitteter ausfallen, wovon die Wiedergabequalität in den Mitten profitiert. Diesen Beweis haben jedenfalls die aktuellen Serien 700 und 800 von B&W bereits erbracht: Die Klangtransparenz und die Ansprache bei diesen Modellen sind beeindruckend.
Wer nun vermutet, dass sich hinter der silberfarbenen Continuum-Membran ein Chassis aus billigem Stahlblech verbirgt, sieht sich bei der hier getesteten 606 angenehm getäuscht: Schraubt man die Box auf, so wird ein stabiler Aludruckgusskorb sichtbar. Als Tribut an den günstigen Preis kann höchstens gelten, dass anstelle eines Neodym- ein herkömmlicher Ferrit-Magnet zum Einsatz kommt.
Die bewährte Hochtonkalotte ist durch ein filigranes Gitter von neugierigen Kinderhänden geschützt. Im Unterschied zum Vorgängermodell ist die aerodynamisch gestaltete Bassreflexöffnung nun auf der Gehäuserückseite angebracht. Nettes Detail: Die Frontbespannungen werden von (nicht sichtbaren) Magneten gehalten.
Das Finish der 606 ist sauber. Allerdings darf man in dieser Preisklasse keine Wunder erwarten. Die Foliengehäuse gibt es ausschliesslich in mattem Schwarz oder Weiss. Sie erscheinen ausreichend stabil, können jedoch preisbedingt nicht den gleichen Konstruktionsaufwand wie bei der teureren 700er-Serie aufweisen. Passende Originalständer von B&W gibt es für günstige CHF 205.- das Paar.
Allrounder mit hohem Spassfaktor
Wir hörten die B&W 606 in Kombination mit dem Vollverstärker A14 (Testbericht hier) und dem genialen Audioserver Aria Piccolo+. Bei Popmusik machte diese Kombi auf Anhieb sehr viel Spass. Die 606 punktete mit federndem, trockenem Bass und einem guten Schuss angenehmer Brillanz. Man kann ihr eine sehr populäre tonale Abstimmung attestieren, die dank wunderbar definierten Höhen stets innerhalb des guten Geschmacks angesiedelt bleibt. Bis zu achtbaren Pegeln blieb die Wiedergabe dabei recht stabil. Die Intensität im Bassbereich kann man im Übrigen sehr gut mit Variieren des Wandabstands regulieren.
Die B&W 606 eignet sich für sämtliche Musikstile. Auch Analog-Liebhaber werden an dieser Box mit ihrem hohen Spassfaktor Gefallen finden.Bei akustischem Jazz beeindruckte die 606 mit einem fantastischem Impulsverhalten, welches man einer Box in dieser Preisklasse nicht unbedingt zugetraut hätte. Dies gilt fast noch mehr für das hohe Mass an räumlicher Transparenz, welches diese Kompakt-Box in den Hörraum zaubert. So losgelöst erfährt man das musikalische Geschehen bei preisgünstigen Lautsprechern wirklich nur selten.
Bei klassischer Vokalmusik konnte sich die 606 – wohl dank ihres Continuum-Tiefmitteltöners – ganz ausgezeichnet in Szene setzen. Präsenz und Ausdruckskraft sowohl von Männer- als auch von Frauenstimmen sind ganz beachtlich. Die Klangfarben guter Aufnahmen kommen prächtig zur Geltung. Bei grossorchestraler Musik war die mittelgrosse «Regalbox» ebenfalls nicht überfordert. Die räumlich korrekte Aufschlüsslung feinster Klangdetails ist sicher eine ihrer grossen Stärken.
Fazit
Was diese preisgünstige Kompakt-Box im Hörraum entfaltet, ist beeindruckend: Ein solches Mass an klanglicher Offenheit und räumlicher Transparenz ist in dieser Preisklasse sehr selten. Die populäre Abstimmung mit knackigem, impulsschnellem Bass und brillanten, dabei angenehmen Höhen verleiht der B&W 606 zweifelsfrei das Attribut «Everybody’s Darling». So punktet sie bei sämtlichen Musikarten.
Die B&W 606 hat das Zeug zum Langzeitfavoriten und weiss selbst Analog-Liebhaber zu begeistern.Tatsächlich sind die in diesem Lautsprecher eingesetzten Treiber so gut, dass man bedenkenlos selbst teure Elektronik damit kombinieren kann. Die 606 setzt Qualitätsunterschiede beispielsweise von Verstärkern getreulich um (wie die Probe mit einem Rotel RA-1572 anstelle des A14 ergab). Damit hat sie das Zeug zum Langzeitfavoriten: Wer sich diese Box ins Wohnzimmer stellt, wird sie mit Sicherheit nicht so schnell ersetzen. Mehr Lautsprecher für den ungetrübten HiFi-Genuss braucht im Grunde genommen kein Mensch.