Im Test lief das Charisma V2 – das Testgerät trug noch eine Projektnummer statt dem Namen eingraviert – auch am Tangentialtonarm Clearaudio TT5, den avguide.ch bereits getestet hat.Nicht, dass Clearaudio bisher zu wenig Pickups im Portfolio gehabt hätte. Bis hinauf zum absoluten Top-Modell, dem legendären "Goldfinger", offerieren die Spezialisten Tondosen in allen möglichen Angebotsbereichen mit Ausnahme der sehr billigen. Nur: Bislang blieben die oberen Preisklassen ab etwa 1000 Franken den Tonabnehmern mit bewegten Spulen (Moving Coils) vorbehalten, die bewegten Magnete (Moving Magnet) tummelten sich darunter.
Jetzt aber kommen die Erlangener mit einem System nach dem Moving-Magnet-Prinzip, das preislich deutlich über dem bisherigen Spitzenreiter, dem Maestro V2 (um 1000 Franken), liegt. 1670 Franken sind fällig für eine Tondose, die sich rein äusserlich nur wenig von ihren Geschwistern aus der MM-V2-Serie unterscheidet: Performer V2, Artist V2, Virtuoso V2, Maestro V2.
Aber preislich eben doch. Bei den ersten drei macht in erster Linie die Selektion der Bauteile (siehe Technik) die Preisstufung aus. Beim Maestro V2 kommt der Nadelträger aus Bor dazu. Das Röhrchen aus dem ebenso leichten wie verwindungssteifen Halbmetall Bor findet man bei Clearaudio zum Beispiel auch in solchen MC-Preziosen wie dem Stradivari V2 oder sogar in dem besagten Goldfinger.
Doch nun soll also das neue MM-Flaggschiff Charisma V2 für Furore auch in dieser Klasse führen. Von dem preiswerteren Maestro V2 muss ihn mehr als nur die noch strengere Bauteile-Auswahl unterscheiden. Denn sein Generator kann noch etwas mehr Spannung abgeben. In der Tat erwies sich das System auch im Messlabor als kraftvoller Gesell, der elektrisch auch mit weniger empfindlichen Phono-MM-Stufen klarkommt.
Technik: Tonabnehmer
Mikroskop-Aufnahmen (von Clearaudio) des Bor-Nadelträgers. Gut zu sehen ist die präzise Montage der Micro-HD-geschliffenen Abtastnadel.Ein Tonabnehmer hat den Job, aus den mechanischen Schwingungen, die analog dem Schallereignis in den Rillen einer Schallplatte gespeichert sind, elektrische Spannungen zu machen. Die wiederum sind analog dem Schallereignis und ein Verstärker bereitet sie für Lautsprecher auf, die umgekehrt aus Spannungen wieder dem Schallereignis analoge Bewegung, nämlich die ihrer Membranen, erzeugen. Deshalb heissen Medien und verarbeitende Technik auch analog.
Die Analogie von gespeichertem Schall zur Rille einer Vinylschallplatte ist allerdings etwas "verzerrt": Bässe sind stark abgesenkt und Höhen stark angehoben, um erstens Platz zu sparen und zweitens das unvermeidliche Oberflächen-Rauschen zu übertönen. Das elektrische Signal eines Tonabnehmers muss also wiedergabeseitig wieder "entzerrt" werden: Bässe anheben, Höhen absenken. Neben klanglich unbefriedigenden Lösungen wie Kristalltonabnehmern haben sich im HiFi-Bereich so genannte Generatoren durchgesetzt, deren Ausgangsspannungen allerdings so klein sind, dass sie – anders als etwa ein CD-Spieler oder ein Tuner – noch mindestens eine (Vor)Verstärkerstufe benötigen. Man spricht deshalb von Entzerrer-Vorverstärkern, Phono-Stages, Phono Pre, Pre Pre oder Ähnlichem.
Die Abtast-Generatoren bedienen sich des physikalischen Prinzips der Induktion. Das bezeichnet vereinfacht den Zusammenhang zwischen Magnetfeld, Bewegung und Strom beziehungsweise elektrischer Spannung. Das funktioniert im Grossen – in Kraftwerken etwa – und eben im Kleinen. Am Tonabnehmer nimmt die Nadel die Bewegung der Rille auf und leitet sie über den Nadelträger ins Innere weiter. Dort bewegen sich entweder Magneten zwischen feststehenden Spulen (Moving Magnet oder MM-Prinzip) oder Spulen bewegen sich zwischen feststehenden Magneten (Moving Coil oder MC-Prinzip).
Die Bewegung erzeugt – induziert – im Generator elektrische Spannungen, die über Kabel schliesslich in den (Vor)Verstärker geleitet werden. Der Stärke dieser Spannung sind mechanische und elektrische Grenzen gesetzt, schliesslich bewegt sich die Nadel im Mikrometer-Bereich (ein millionstel Meter) – und die Abtastmechanik kann ja nicht beliebig gross und schwer ausfallen.
Das MM-Prinzip lässt sich normalerweise etwas preiswerter umsetzen, weshalb Einsteiger-Tonabnehmer meist MM-System sind. Sie sind in der Regel etwas "lauter" und kommen deshalb mit einer Vorverstärkerstufe aus. Auch die elektrische Anpassung an den Verstärker ist meist problemlos. Einziger Stolperstein: Moderne Normen verlangen von Verstärkern eine hohe Einstrahlfestigkeit gegenüber Störsignalen. Das erfüllen viele Entwickler mit einer hohen Kapazität, auf die wiederum MM-Tonabnehmer mit unregelmässigem Höhenfrequenzgang reagieren. MCs wiederum sind leiser und brauchen deshalb eine zweite, entsprechend rauscharme Vorverstärkerstufe oder einen Umsetzer (Transformator).
Messergebnisse
Dieses MM-System ist aber in der Lage, Dynamik zu entfalten, wie man sie bislang wohl nur MC-Top-Tondosen zugetraut hätte.Der Clearaudio Charisma V2 etwa sollte nicht mit mehr als 400 Picofarad belastet werden. Sein am Normabschluss von Kollegen gemessener Frequenzgang bleibt mit Abweichungen von maximal zwei Dezibel (bei 5 kHz) von der Ideallinie im Hörbereich recht gut, die Kanaltrennung (> 25 dB zwischen 100 Hz und 5 kHz) gleichfalls. Dazu kommt, dass er bereits bei 1,8 Gramm Auflage eine exzellente Tiefenabtastfähigkeit erreicht (90 µm bei 315 Hz) – bei niedrigen Höhenabtastverzerrungen (0,19% 10 kHz Burst).
Hörtest
Das Clearaudio Charisma V2 bringt seinen Moving-Magnet-Generator im abgerundeten Ebenholzgehäuse unter. Resonanzen sollen keine Chance haben.Die im Messlabor ermittelte Ausgangsspannung "erlaubt" zwar den Betrieb des Clearaudio Charisma V2 mit weniger empfindsamen Phonostufen. Aber es wurde im Hörtest sehr schnell klar, dass dieser Tonabnehmer erst mit sehr guten Preamps sein volles Potenzial entfaltet. Wobei er dazu auch eine gewisse Einspielzeit benötigt. Das Testexemplar blühte erst nach einer Reihe von Tagen richtig auf. Dann aber hatten sich Reste von Rauheit und Trägheit restlos aufgelöst. In dieser Zeit hatten sich auch die Voraussage des Messlabors und die Angabe des Herstellers bewahrheitet, dass dieser Pickup mechanisch mit den meisten mittelschweren Tonarmen (und das sind heute fast alle Radialarme) harmonieren dürfte. avguide.ch montierte ihn nacheinander an die neuen Rega-Arme RB 330 (auf dem neuen Planar 3) und RB 220 (auf dem neuen Planar 2) sowie an die Clearaudio Unify und Universal. Besonderen Spass aber hatten wir am ganz ausgezeichneten Tangentialarm Clearaudio TT5.
Im Zusammenspiel etwa mit der Phonostufe des Vorverstärkers Octave HP 500 SE, an dem exzellenten EAR 834P oder dem Accustic Arts Tube Phono II vermochte der Charisma V2 reichlich von dem halten, was sein Name verspricht. Eine solche Feinzeichnung und Auflösung von Klangfarben gelingt auch teuren MC-Abtastern nur selten. Grossorchestrale Kathedralen wie die Sinfonien von Anton Bruckner (unter Günter Wand, erschienen auf Vinyl bei Profil Edition) errichtete er mit solidem Bassfundament, in wunderbar aufgefächerten Räumen und vor allem mit faszinierender Farbfülle. Sehr transparent dokumentierte er auch die subtilen Künste von Schlagzeuger Jack DeJohnette, Ravi Coltrane und Matthew Garrison auf, die mit "In Movement" (ECM) eine der Jazz-Platten des Jahres 2016 vorgelegt haben.
Dieses MM-System ist aber in der Lage, Dynamik zu entfalten, wie man sie bislang wohl nur MC-Top-Tondosen zugetraut hätte. "High Voltage" zündete er sowohl mit der gleichnamigen ganz wundervollen Bigband-LP des Count Basie Orchestra (MPS) als auch mit der Namensbase von AC/DC (Atco). Das ging dermassen gut ab, dass man völlig vergass, wie weit der Lautstärkesteller schon nach rechts gedreht war.
Fazit
Das MM-Prinzip (Moving Magnet).Der Autor war und ist durchaus Fan von MC-Systemen. Doch dieser MM-Tonabnehmer hält locker mit den besten MCs seiner Preisklasse mit. Er beweist mit feinfühliger Transparenz, satter Dynamik und faszinierender Abbildungsstabilität alle Tugenden, die ein echter Highend-Pickup braucht. Clearaudios Wagnis, ein so teures MM zu bauen, hat sich definitiv gelohnt.