Rega Aethos. Wer sich mit einem Budget von 4000 bis 5000 CHF nach einem integrierten Verstärker umsieht, der hat sehr viel Auswahl. Man bekommt viel für das Geld – und vor allem auch viel Funktionalität. So viel Funktionalität, dass die wichtigen Tugenden des Verstärkers (oder der Verstärkung) etwas verschwimmen, weil man im Zuge der Integration von DACs und digitalen Eingängen im Multipack (wie Streaming und digitale Signalprozessoren) gerne mal den Durchblick verliert.
«Funktionalität» ist gewiss das, was einen Vollverstärker seit Entstehung des Begriffs HiFi definiert. Wer sich höheren Sphären der Klangtugend zuwenden wollte, griff zu einem Vorverstärker und einer Endstufe. Das war vor allem gut für die Hersteller, welche diese Hierarchie erfunden hatten und sie mit Hilfe ihrer Absatzpartner und der Fachmedien den Musikbegeisterten eintrichterten. Handkehrum haben Beispiele immer wieder gezeigt, dass kompromisslose Vollverstärker mit den Vor/Endstufen-Kombinationen durchaus mithalten können.
Die Eigenschaft der Kompromisslosigkeit im audiophilen Sinn setzt die Entscheidung voraus, den Karren nicht zu überladen. Das scheint jedenfalls ein gangbarer Weg zu sein und wurde von Rega mit dem Vollverstärker Aethos beschritten. Der Aethos ist der kleinere von zwei Referenz-Vollverstärkern von Rega neben dem Osiris. Es ist ein reiner Line-Verstärker ohne Phono- oder gar Digital-Eingänge. Der einzige Luxus – also das, was man nicht zwingend braucht – ist ein Kopfhörer-Vorverstärker mit 6,3-mm-Jack-Buchse für hochwertige Kabel-Kopfhörer.
Extrem hochwertige Komponenten und Platinen im Aethos von Rega. Dazu ein sehr potenter Ringkern-Transformator in der Stromversorgung.Filigraner Bolide
Der Aethos-Vollverstärker bringt 17,5 kg auf die Waage. Verantwortlich für dieses Lebendgewicht sind der grosse Ringkern-Trafo und das massive Gehäuse. Die seitlichen Kühlkörper sind sehr solide verarbeitet; Bodenplatte wie Topplatte ebenfalls sehr massiv. Alles wirkt wie aus dem Vollen gefräst. Man beachte auf den Bildern auch die massiven «Eckpfeiler» am Gehäuse.
Die maximale Leistung beträgt 2 x 156 Watt bei 6 Ohm Impedanz. Dem gegenüber steht eine maximale Leistungsaufnahme von 415 Watt, bemessen bei 124 Watt Ausgangsleistung an typischen 8 Ohm Impedanz. Da gehen also ca. 167 Watt in Form von Wärme weg. Als ich den Hörraum betrat, lief der Aethos schon Stunden im Standby und fühlte sich trotz problemloser Belüftung schön handwarm an. Der Hersteller weist darauf hin, dass bei konstant hohen Pegeln und bei 6 Ohm Last (oder kleiner) eine Temperatur von über 40° C erreicht werden kann, was dann die thermische Schutzschaltung aktivieren würde. Der Aethos wurde auf herzerwärmend getrimmt und nicht auf cool bleibend ...
Nebst den 5 Line-Eingängen (von links) bietet der Aethos auch einen direkten Eingang an seine Endstufe und verschiedene Ein/Ausgänge für Aufnahmegeräte.Der Aethos ist als Verstärker auch auf Aufnahmegeräte getrimmt: Ein Recording-Input/Output und ein zusätzlicher ungeregelter Link-Output (zum Beispiel für einen separaten Kopfhörer-Verstärker) stehen für Aufnahmegeräte zur Verfügung und erlauben mit der Recording-Taste auf der Frontplatte die Hinterbandkontrolle – also die Umschaltung vom Quellensignal zum Signal der Aufnahme.
Was früher mit Analogaufnahmen selbstverständlich war, ist heute wieder im Kommen – wenn auch Bandaufnahmen trotz ihrer steigenden Popularität noch immer eher selten gemacht werden. Die Tonband-Fans kaufen sich eher fixfertige Bandkopien von Masterbändern oder von Produktions-Mastern. Und doch: Man kann mit dem Aethos zwei Aufnahmegeräte anschliessen und von einer Quelle gleichzeitig aufnehmen ... wenn ich das richtig verstanden habe.
Der direkte Eingang führt von einer Quelle direkt an die Endstufe des Aethos. Der Eingang wird in der Regel für die Homecinema-Integration verwendet (man verwendet den Aethos und Top-Lautsprecher links und rechts in einem kombinierten Homecinema/HiFi-System) und ist mit 840 mV @ 50 kOhm deutlich weniger empfindlich als die Line-Eingänge mit 224 mV @ 17k Ohm.
Interessant ist Netzstrom-seitig der Class-2-IEC-Stecker ohne Erdleiter: Die Erdung des Aethos läuft also über die Masse der Verbindungskabel via Quellengeräte und damit eben nicht doppelt, wie es sonst oft der Fall ist. Somit können Brummschlaufen besser vermieden werden. Probleme mit Netzbrumm bei Phono-Betrieb dürften mit dem Aethos nicht vorkommen. Wer die Rega-Plattenspieler ohne Massekabel und die Phono-Vorverstärker kennt, der weiss, dass es damit einfach nie brummt.
Minimalistische Bedienung: Die 5 Line-Eingänge und der Direct-Eingang werden mit der Input-Taste einfach «durchgezappt». Dazu kommt die Mute-Taste und besagte Record-Taste sowie der Ein/Aus-Schalter links neben der Record-Taste.Kompromissloser Verstärker
Der Aethos hat ein durchgängiges Dual-Mono-Design. Abgesehen vom gemeinsamen Gehäuse und der Stromversorgung sind die zwei Verstärkerpfade konsequent getrennt. Die Endstufen können sehr hohe Ströme für kurze Zeit bereitstellen. Die Eigenschaft ist eine wichtige Voraussetzung für hohe Dynamik und Stabilität an verschiedenen Lasten/Lautsprechern. Für die Endverstärkung arbeiten pro Kanal jeweils vier Sanken-Leistungstransistoren.
Als ich den Hörraum betrat, lief der Aethos schon Stunden im Standby und fühlte sich trotz problemloser Belüftung schön handwarm an.Der Kopfhörerverstärker verspricht ebenfalls von höchster Güte zu sein. Er ist auf nahezu alle dynamischen Kopfhörer mit den üblichen Impedanzen von 32 bis 300 Ohm spezialisiert. Wenn man einen Verstärker wie den Aethos besitzt, sollte man nicht noch einen separaten Kopfhörerverstärker kaufen müssen.
Hörtest
Als einzige Quelle für den Hörtest diente der Aurender A10 (5990 CHF) mit seinem hervorragenden DAC. Ein Musikserver mit Bestand: avguide.ch testete den A10 bereits im Jahr 2017. Als Lautsprecher kamen die Spendor A7 (3990 CHF/Paar) zum Zug und am Ende zum Vergleich noch die Classic 100 von Spendor (10'990 CHF/Paar). Mit dem Rega Aethos für 4290 CHF und der günstigeren Lautsprecher-Variante ergibt sich ein Systempreis von 14'270 CHF ohne Kabel. Die verwendeten Kabel, vorwiegend Cardas, beförderten den Systempreis dann auf knapp unter 20'000 CHF. Das ist eine realistische Investition für High-End-Audio.
Als Quelle leistete der A10 von Aurender ausgezeichnete Dienste. Wir hatten das Spitzengerät von Aurender schon 2017 im Test.Ich musste schmunzeln: Auf dem Aurender A10 war noch eine Playliste von mir gespeichert, von 2017, als ich den A10 getestet hatte. Wenn man sich beruflich viel mit Musikwiedergabe beschäftigt, ändert man seine Gewohnheiten und Präferenzen dann und wann. Mir ergeht es jedenfalls so. Und plötzlich fand ich viele der alten Tracks wieder, die ich schon länger nicht mehr präsent hatte.
Zum Beispiel «She Makes Me Feel so Good» von Lyle Lovett (Album: «Joshua Judges Ruth») oder die Nummer «Back to Back» der Montgomery Brothers (Album: «Groove Yard»). Und wenn es für mich ein Jazz-Album gibt, das «Groove» verkörpert, dann jenes. Die Nummer ist so gut, dass sie fast immer gut herüberkommt, egal wo man sie abspielt, sogar auf Kopfhörer (hihi ...). Doch steckt der Teufel im Detail: Die Präsenz und die im Raum entstehende Aura der Instrumente (gesungen wird da nicht) war nahezu unvergleichlich, eigentlich nie gehört. Ich war echt platt und dachte, die Klangbühne hätte eine vierte Dimension. Ein unsinniger Erklärungsversuch.
Dann weiter die Violinsonate Nummer 10 von Ludwig van Beethoven auf einer Aufnahme von Wilson Audio mit David Abel. Man findet sie übrigens auf Qobuz in HiRes (Hier der Link). Auch bei dieser Kammermusikaufnahme war der Raum durchschreitbar und nicht bloss erkennbar. Man hatte fast Boden unter den Füssen. Die Symphonie Imaginaire von Jean Philippe Rameau, eine imaginäre Komposition aus seinem barocken Werk (er war der J. S. Bach Frankreichs) präsentierte sich mit enorm viel Verve und eben auch so raumfüllend und einnehmend.
Mit der Spendor Classic 100 ging es dann noch in die Vollen mit «Partition» von Beyoncé. Es ging dabei mehr um Basskontrolle als um Schönheit. Der Aethos ging ungebremst ans Werk, will heissen, dass Kontrolle nichts mit Bremsen zu tun hatte – eher mit Beschleunigung. Die Bass-Impulse waren sehr exakt und ausgesprochen realistisch.
Fazit
Insgesamt kann man den Aethos von Rega so beschreiben: Der Verstärker macht einen unverschämt guten Raum (oder Bühne) und klingt tonal sehr musikalisch und geradezu süffig. Er scheint mit unterschiedlichen Lautsprechern keine Mühe zu bekunden und weiss, wie man mit der elektroakustischen Energie beim Bass umgeht. Der Aethos ist hervorragend gebaut und verkörpert gleichzeitig pures Understatement. Ob sich Rega damit einen Gefallen tut, ist nicht sicher. Der berühmte britische Hersteller hat ein wenig dieses «Einsteiger-Image» mit dem Attribut von viel Qualität fürs Geld. Ein Vollverstärker wie der Aethos braucht sich jedoch vor diesen übertriebenen US-Protzkisten nicht zu verstecken. Er ist einfach für Leute gemacht, denen es um die Musik geht.
Persönlich gefällt mir die bescheidene Zurückhaltung dieser Rega-Referenzgeräte. Understatement.