Übersichtliche Musikbibliothek: Schallplatten, CDs und Spulentonbänder.Im Bild oben eine übersichtliche Musikbibliothek: Schallplatten, CDs und Spulentonbänder. Diese Vintage-Anlage mit Quad-ESL-63-Elektrostaten mit integrierten Gradient Subs ist ein echter Hingucker. Suchen und finden geht hier schnell. (Bild: Ed Tenzen Germanov)
Um der Endlosschleife des Altbekannten zu entkommen, bieten die Streamingdienste kuratierte Playlisten und füttern ihre Sites kontinuierlich mit Neuerscheinungen. Wie übersichtlich und strukturiert sich das Angebot von Tidal und Qobuz präsentiert, wollen wir in ersten Teil dieses Artikels klären. Ob und wie Zusatzdienste oder spezialisierte Genre-Plattformen die Aufgabe besser meistern, werden wir später im zweiten Teil in Erfahrung bringen.
Das gigantische Musikangebot auf einer Streaming-Plattform wie Qobuz oder Tidal wird mittels einer App (Apple iOS, Android) oder einer Desktop-Applikation (PC, Mac) durchforstet und gespielt. Die persönliche Musikauswahl wird in einer oder mehreren Playlisten gespeichert. So entfällt die wiederholte, umständliche Suche nach den vertrauten Favoriten.
Etwas vom Spannendsten bei Streaming-Plattformen ist das Suchen nach neuer, unbekannter Musik, Bands, Komponisten, aber auch Musikstilen sowie das Gleiten durch musikalische Epochen, Genres oder Weltregionen. Doch schnell verirrt man sich im Labyrinth des immensen Angebotes.
Die meisten Apps der Geräteanbieter, die eine Tidal/Qobuz-Integration bieten, machen das Neuentdecken zur schwerfälligen Übung. Da bieten die Tidal/Qobuz-Apps eindeutig mehr. Doch auch dort kommt man an Grenzen. Und wie sieht es aus mit weiterführenden Informationen, wenn man mal beim Musikschürfen auf ein Goldnugget gestossen ist?
Breites Anspruchsfeld
Nicht jeder Musikhörer stellt die gleichen Anforderungen ans Bedienkonzept und den Funktionsumfang einer Steuerapp. Der Anspruch hängt im Wesentlichen von zwei Faktoren ab, die durchaus in Wechselbeziehung zueinander stehen: Wie stark ist das Interesse an Musik und wie komplex kann, darf, soll Musik sein? Mit anderen Worten: Bin ich eher ein Hintergrundhörer oder höre ich bewusst hin, nehme Musik intensiv auf? Das Marktangebot orientiert sich an diesen Ansprüchen, respektive an den Erwartungen der verschiedenen Zielgruppen.
Was bieten die einzelnen Plattformen und Tools?
Welche Streaming-Plattform erfüllt meine Ansprüche am besten und welche Zusatzprogramme könnten mein Musikerlebnis durch Vorschläge, Hinweise zusätzlich bereichern? Dabei stehen weniger die Musikkataloge von Tidal und Qobuz im Vordergrund, denn die sind heute nahezu identisch. Auch klanglich besteht bei der Datenanlieferung kein Unterschied – seit sich Tidal von diesem umstrittenen und technisch belegbar schlechteren MQA-Codec verabschiedet hat.
Die Unterschiede liegen im strukturellen Aufbau der Site, den Zusatz- und Hintergrundinformationen, den vorgeschlagenen, kuratierten Playlisten. Setzt man zusätzlich KI ein, entstehen aufgrund des eigenen Musikgeschmacks abgestimmte Playlisten aus unbekanntem Musikmaterial.
Essenziell ist auch, ob eine Suchfunktion mehrere Begriffe gleichzeitig verarbeiten kann. Welche Resultate liefert die Suchfunktion, wenn wir mehrere Stichworte aufs Mal eingeben, wie: «Paul Simon, You can Call me Al, Anniversary Edition» oder «Beethoven 8. Symphonie, Antonini, Allegro vivace»?
Tidal
Tidal-Startseite.Tidal setzt auf exklusive Inhalte wie Live-Auftritte, Musikvideos und teilweise ausführliches Hintergrundmaterial. Die Startseite (Home) orientiert sich stark am Profil des Nutzers und dessen Nutzungsverhalten. Es wird eine Fülle von Informationen bereitgestellt zu eigenen Playlisten, kürzlich gespielten Titeln, neuen Uploads und Alben, Tidal Mixes, personalisierten Mixes, favorisierten Künstlern, dem eigenen Hörverlauf, Playlisten anderer Nutzer usw. Das Ganze ist wenig übersichtlich. Weniger wäre mehr. Tidal pflegt den Community-Gedanken: Man kann Playlisten auch gegenseitig teilen.
Tidal scheint sich an ein eher jüngeres Publikum zu richten, weniger an den Sammler-Freak, der eine strukturierte Bibliothek und stilles Geniessen bevorzugt. Tidals Fokus liegt auf der Titel-Ebene und weniger auf der Einheit Album. So sind Songtexte und detaillierte Angaben zur Aufnahme (Künstler, Aufnahmeteam) abrufbar. Ein starkes Merkmal für Song-Liebhaber.
Umfangreichen Listen und Stichworte direkt auf der Startseite.Ein interessantes Tidal-Feature ist die Möglichkeit, eine Ordnerstruktur mit selektierten Playlisten anzulegen. So lassen sich Wiedergabelisten für unterschiedliche Genres (z.B. Pop, Jazz, Klassik) elegant in verschiedene Ordner packen, um so eine übergeordnete Ebene zu schaffen.
Playlisten und Ordner, die wiederum Playlisten beinhalten, schaffen Übersicht.Die Tidal-Suchfunktion hat bei mehrteiligen Stichwörtern Mühe. «Paul Simon, You can Call me Al, Anniversary Edition» (Interpret, Titel, Album) ergibt «keine Suchergebnisse gefunden». Lässt man das Stichwort für die Albumvariante weg, kommt das korrekte Resultat. Auch mit der Suche nach dem Beethoven-Album mit Antonini (Beethoven 8. Symphonie, Antonini, Allegro vivace, also Komponist, Dirigent, 4. Satz) ergibt als Resultat zwar Beethovens 8. Symphonie, aber zeigt eine komplett andere Einspielung.
Die Audioauflösung wird bei Tidal zunächst rudimentär angegeben: niedrig (MP3), Hoch (CD-Qualität 16/44,1) und Max (bis 24/192). Wird beim Spielen des Titels in der Transportleiste die Auflösungsanzeige angetippt, wird das Dateiformat und die technische Auflösung in kHz/Bits angezeigt.
Auf der Wiedergabeseite lässt sich die technische Auflösung eines Musiktitels anzeigen, anstelle der wenig aussagekräftigen Kategoriebezeichnungen niedrig, hoch und max.Sollen Lautstärkeunterschiede zwischen Titeln ausgeglichen werden, kann dies bei Tidal die automatische Lautstärkenormalisierung übernehmen (Menu/Audio-Einstellungen).
Qobuz
Qobuz setzt auf ein grosses Angebot an HiRes-Alben und ein Magazin mit Hintergrundinformationen.Qobuz ist eine Multifunktionsplattform: Sie bietet Streaming und Download, und richtet sich an den strukturierten Musikhörer und Sammler. Die Startseite (Home) ist übersichtlicher gegliedert als bei Tidal. Es geht primär um Informationsvermittlung über neue Alben, von der Presse ausgezeichnete Alben, Album-Charts, Vorschläge für eine Referenz-Bibliothek und ebenfalls kuratierte Playlisten. KI-generierte Playlisten, die sich am gespielten Inhalt orientieren, hat Qobuz kürzlich eingeführt – zunächst bei den Mobile-Apps. Auf die Anzeige von Songtexten, wie sie Tidal bietet, muss man bei Qobuz verzichten. Dafür sind Album-Booklets als PDF verfügbar – sofern sie die Labels liefern. Was bei Klassik-Alben fast durchgängig der Fall ist. Bei Pop und Jazz sind Booklet-Beigaben eher selten.
Das fundierte Qobuz-Magazin bietet umfangreiche Hintergrundinfos zu Alben und Künstlern. Zum Informationsumfang gehören Albumkritiken, Biografien, Interviews, Artikel über Audiotechnik, digitale Booklets und Credits, die beteiligte Künstler und Aufnahmeteams benennen. All das ist für Musikliebhaber, die tiefer in die Materie eintauchen wollen, ein echter Mehrwert.
Im Qobuz-Magazin (deutsch) finden sich News-Artikel, Interviews und viel Informationen rund um Künstler, Musik und Audiotechnik.
Auch Testberichte und News zu Produkten finden sich im Qobuz-Magazin.Das zentrale Genre-Filter auf der Qobuz-Startseite rechts oben steuert alle oben erwähnten Kriterien. Wird ein Filterkriterium (oder mehrere) ausgewählt, werden in allen Themenbereichen der Startseite nur noch dem Genre entsprechende Inhalte angezeigt. So findet der Reggae-Liebhaber nur noch Reggae-Titel, -Playlisten, -Charts, -Presseauszeichnungen usw. Ein starkes Feature, das erstaunlich gut funktioniert. Jedoch können sich falsch getaggte, artfremde Alben in eine solche Liste einschleichen.
Bei Qobuz sind die Filter ein starkes Werkzeug zur individuellen Anzeige des oder der bevorzugten Genres.Qobuz bietet keine Lautstärkenormalisierung. Eigentlich schade, obwohl der Autor als primärer Klassik-Hörer dieses Feature nicht vermisst. Bei Klassik werden mehrheitlich zusammenhängende Werke gehört. Die unterschiedlichen Sätze haben kompositorisch bedingte Lautstärkeunterschiede, die man nicht ausgleichen muss und darf. Aber nicht jeder hört klassische Musik. Bei Tidal lässt sich diese Funktion bei Bedarf nutzen. Es gäbe auch die Möglichkeit, wahlweise eine Inter-Track- und Inter-Album-Normalisierung anzubieten.
Die beiden Suchbegriffe «Paul Simon, You can Call me Al, Anniversary Edition» (Interpret, Titel, Album) und «Beethoven 8. Symphonie, Antonini, Allegro vivace» (Komponist, Dirigent, 4. Satz) findet die Qobuz-Suchfunktion korrekt. Allerdings kann die Reihenfolge der einzelnen Begriffe einen Einfluss auf das Suchresultat haben. Die Audioauflösung wird bei Qobuz immer im technischen Format angezeigt, HiRes-Alben sind mit einem Label gekennzeichnet.
Playseite mit Detailangaben. Auf dieser Ebene können auch die Album-Booklets angezeigt werden.Fazit
Ob Qobuz oder Tidal die richtige Wahl ist, muss jeder Musikfreund selbst beurteilen. Wer eine klare Struktur und fundierte Zusatzinformationen rund um ein Musikthema sucht, wird sich bei Qobuz schnell zurechtfinden. Hier geht das Entdecken über selbst definierbare Pfade, die leiten. Was aber auch weniger dazu führt, dass man in einem gänzlich unbekannten, aber dennoch reizvollen Terrain landet. Das Tidal-Konzept zeigt eine eher wirre Struktur. Gezieltes Suchen steht hier nicht im Vordergrund, eher das zufällige Entdecken, das flüchtige Kennenlernen und Weiterziehen. Ein interessantes Konzept für Jüngere, die noch auf der Suche nach ihrem favorisierten, persönlichen Musikstil sind.