Enzo Favata.Natürlich ist alles, was wir konsumieren, Geschmackssache. Und wenn ich mich durch die nach einer wohl auch klimabedingten Sommerflaute erneut unzähligen Neuerscheinungen des momentanen Musikangebots durchhöre, gibt es immer weniger Produktionen, die mich auf Anhieb zu einer Rezension motivieren: Mal ist es eine Gesangsstimme, die mich nicht anspricht, mal Aufgewärmtes, schon x-mal Gehörtes, oder dann einfach Musik, die für meinen Geschmack gar nicht erst hätte produziert werden müssen.
Deshalb ist es umso erfreulicher, wenn mich schon wenige Takte eines neuen Albums zum Dranbleiben animieren.
Enzo Favata
Der 1956 in Alghero auf Sardinien geborene Saxofonist und Klarinettist Enzo Favata war mir bisher nicht aufgefallen, hatte jedoch bereits etwa mit Dino Saluzzi, Enrico Rava, Dave Liebman und dem Art Ensemble of Chicago gespielt, Musik für Film und TV-Serien geschrieben und zudem viele sardische Blasinstrumente zumindest akustisch «am Leben erhalten».
Mit aus Sardinien (oder zumindest Italien) stammenden Freunden hatte er 1999 das Quinteto Atlantico gegründet und um die Jahrtausendwende ausgedehnte Tourneen vor allem nach Südamerika unternommen, nicht zuletzt auf der Suche nach den vielen italienischen Einwanderern, die Mitte des 19. Jahrhunderts in den südlichen Staaten des Kontinents eine neue Heimat gefunden hatten.
In «Ritornare» kehren die fünf Musiker in Gedanken und Erinnerungen in diese Welten zurück, die sie erstmals vor 25 Jahren besucht hatten, indem sie «Heimat», wo immer die sich auch befinden mag, aufleben lassen.
Das Quinteto Atlantico (von links): U.T. Gandhi, Marcello Peghin, Daniele di Bonaventura, Enzo Favata, Salvatore Maltana (Foto: © Attila Kleb/ECM Records).«Ritornare»
Zum einen ist es die ungewohnte Instrumentierung, die aufhorchen lässt:
Das Bandoneon wird, obgleich 1845 von Heinrich Band in Deutschland aus der Konzertina entwickelt, meist in argentinischer Musik verwendet. Es hat im Gegensatz zum Akkordeon keine voreingestellten Akkorde, sondern nur Einzeltöne, wie das Klavier.
Die zehnsaitige Konzertgitarre hat ebenfalls eine lange Geschichte, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. 1964 stellte der Gitarrenbauer José Ramírez ein eigenes Modell her, das unter anderem auch von Andrés Segovia verwendet wurde. Welches Modell auf diesem Album von Marcello Peghin gespielt wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Der sanfte, volle Klang unterscheidet sich jedoch klar von einer sechsaitigen Gitarre.
Bei Enzo Favata ist es vor allem die Bassklarinette, die man in dieser Art Musik eher selten zu hören bekommt.
Auch das Schlagzeug von U. T. Gandhi unterscheidet sich von üblichen Drumsets durch eine Vielzahl von Becken, Glöckchen und zusätzlichen Perkussionseffekten. Auch spielt er meistens mit Paukenschlägen, was die Sanftheit der Musik unterstreicht.
U. T. Gandhi bleibt trotz seines ausgedehnten Perkussionsarsenals dezent im Hintergrund.Diese ungewöhnliche Mischung zum Teil selten eingesetzter Instrumente ist denn auch einer der Faktoren, der die Musik des Quinteto Atlantico so speziell und doch so einschmeichelnd, vertraut macht.
Ausser U. T. Gandhi haben alle zwei oder mehr Kompositionen beigesteuert, die Arrangements wurden gemeinsam erarbeitet. Laut Notizen wurde das gesamte Album an einem einzigen Tag, am 21. Januar 2026, in München aufgenommen.
Die kleinen Unexaktheiten (z. B. wenn zwei Instrumente das Arrangement nicht völlig synchron spielen) geben dieser Musik zusätzliches Leben und sind für mich positiv zu werten.
Was mich jedoch ab und zu störte, sind einzelne «unreine» Töne des Sopransaxofons. z. B. auf «Donde nace el viento» (Einsatz nach 2:02) sind die «e» für meine Ohren zu tief. Diese meinen Genuss unterbrechenden Kleinigkeiten bewogen mich, die Bewertung der faszinierenden Musik um einen Punkt zu reduzieren.
Klang
Im Allgemeinen ist der Klang dieses Albums ausgezeichnet. Den hervorragenden Eindruck leicht getrübt haben einige Passagen, in denen das Sopransax zu stark in den Vordergrund drängte, im Gesamtvolumen zu durchdringend wurde und auf einer kleineren Abhöre sogar Verzerrungen erzeugte.
Ergänzung zu U. T. Gandhi
Aus der italienischen Presse erfuhr ich bei meinen Recherchen Folgendes (frei übersetzt):
Die Musikwelt trauert um U. T. Gandhi (Künstlername von Umberto Trombetta), einen Jazz-Schlagzeuger und Perkussionisten, der weit über die Grenzen der Region hinaus bekannt war. Der Musiker starb heute, am 10. August 2026, im Alter von 66 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit in seinem Haus in Osoppo. Mit seinem Tod verliert der friaulische Jazz eine seiner bedeutendsten Persönlichkeiten. Er blickte auf eine fast vier Jahrzehnte umspannende Karriere zurück, geprägt von Konzerten, Aufnahmen, der Zusammenarbeit mit führenden Musikern, Lehrtätigkeiten und Tourneen, die ihn auf die Bühnen zahlreicher Länder der Welt führten.
Fazit
Wie eingangs erwähnt: Kunst, in diesem Fall Musik, ist persönliche Geschmackssache. Für mich ist «Ritornare» eine echte Perle in einem täglich wachsenden Musiküberangebot. Auch wenn es durchwegs eine besinnlich-traurige Perle ist – im Gegensatz zu Arturo Sandovals «Rhythm & Soul» – wird auch «Ritornare» einen festen Platz in meiner Sammlung erhalten.
