Mit dem P9 Signature bietet B&W nun einen Kopfhörer für 975 Franken an.Das ist mal mutig: Um 400 Franken positionierte Bowers & Wilkins seinen bisherigen Top-Kopfhörer P7 – ein schmucker, bequem zu tragender und ausserordentlich angenehm klingender Begleiter, dem Autor seit zwei Jahren bestens vertraut und als dynamischer, geschlossener Hörer als eine Art Referenz dienend.
Und jetzt schicken die britischen Schallwandler-Spezialisten mit dem P9 einen gleich mehr als doppelt so teuren Ohr-Lautsprecher ins Rennen. 975 Franken sind für den Hörer zu berappen, der sich sogar mit dem hochedlen Namenszusatz "Signature" schmückt. Der ist Fans, Kunden und Testern von alters her bekannt als Auszeichnung für die ganz besonderen Produkte des Hauses.
Apropos Alter: Bowers & Wilkins feiert heuer sein 50-jähriges Firmenjubiläum. Doch da lassen die geschichtsbewussten Engländer nicht nur die Korken knallen am Firmensitz in Worthing. Sondern sie lassen eben auch ein paar noble Neuheiten vom Stapel: Denken wir nur an den neuen Top-Lautsprecher, den 800 D3. Und jetzt macht sich der P9 Signature anheischig, direkt am Ohr das ganze halbjahrhundertalte Know-how der High-End-Manufaktur zu edelstem Klang zu wandeln.
Exzellente Verarbeitung
Das Zubehör umfasst einen Adapter, ein langes Anschlusskabel, die Bedienungsanleitung und eine edle Tasche.Der Kunde erwirbt den P9 – im Folgenden wollen wir "Signature" immer mitdenken, aber aus Komfortgründen nicht jedes Mal mitschreiben – in einer ähnlich aufwendigen Schatulle wie den P7. Diese birgt im oberen Stockwerk in samtartig ausgelegtem Kunststoff den kunstvoll zusammengelegten Hörer, an dem neben seiner braunen Hautfarbe sofort die minimal grösseren Ohrmuscheln und das deutlich andere Bügeldesign auffallen.
Die Erstentnahme offenbart dann doch recht anspruchsvolle Masse: Mit knapp über 400 Gramm Lebendgewicht spielt der P9 schon einmal in einer deutlich höheren Gewichtsklasse als der kleine Bruder. Da fragt man sich dann schon, ob der Einsatzzweck nun tatsächlich die gute Unterhaltung unterwegs sein soll. Als Begleiter beim Joggen oder auf dem Velo kann man ihn sich so wenig vorstellen wie einen englischen Butler beim Servieren an der Stehtribüne am Fussballplatz. Dann schon eher als tönenden Kopfschmuck in der ersten Klasse bei der Bahnfahrt durch verträumte Schweizer Winterlandschaften. Und noch viel eher als intimen Beschaller an der heimischen HiFi-Anlage.
Das erste Aufsetzen setzt den sehr guten Anfass-Eindruck fort. Die schaumstoffgepolsterten, mit feinem Saffiano-Leder überzogenen, ohrumschliessenden Ovale liegen stabil, aber nicht druckvoll auf. Das gleiche gilt für den sanft verschiebbaren Bügel, dessen Aluminiumkern seine Entwickler akustisch von den Schallerzeugern im Innern der Muscheln entkoppelten. Finger und Augen gleiten wohlwollend über die sanft schraffierte Oberfläche des Leders, die Ohren registrieren schon einmal eine sehr gute Isolierung vom schnöden Schall der Umwelt – da lässt es sich leicht auf die Musik konzentrieren.
Gute Ausstattung
Natürlich gehört auch ein Kabel dazu – speziell für Apple-Geräte, inklusive Fernbedienung.Doch bevor es so weit ist, wollen wir einen Blick in das Untergeschoss der Verpackung werfen. Da fällt zunächst die luxuriöse Alcantara-Tragetasche ins Auge. In diesem Behältnis kann man den Edel-Hörer standesgemäss transportieren. Die Bedienungsanleitung ist bei einem Kopfhörer nicht der Rede wert, doch klärt sie den Nutzer leicht verständlich über den Wechsel der beiliegenden Anschlusskabel auf.
In die linke Muschel mündet im Auslieferungszustand ein Verbinder mit der winzigen Hülsen-Fernbedienung für Apples mobile Unterhalter der inzwischen älteren Generation und dem typischen vierpoligen 3,5-Millimeter-Stecker. Apropos älter und Stecker: Da sich der US-Gigant mit dem Apfel-Logo in seiner typischen selbstlosen Art entschlossen hat, seine Kunden nicht mehr mit einer entsprechenden Buchse zu belästigen, wird B&W für diese demnächst ein Kabel für die verbliebene Lightning-Schnittstelle anbieten. Der Service soll kostenlos sein für diejenigen B&W-Kunden, die sich registrieren lassen.
Nicht-Apple-User werden sich freuen über die beiliegenden Kabel mit dreipoligem 3,5-mm-Stecker. Eines ist knapp einen Meter lang, das andere fünf Meter. Der P9 zählt schliesslich zu den Hörern, die noch (vom P7 gibt es inzwischen eine "Wireless"-Version) auf Signalzulieferung per Strippe angewiesen sind. Und mit dem beiliegenden Adapter auf 6,3-Millimeter-Stecker klappt das dann auch an entsprechenden Buchsen von Heimgeräten. Was wir vermissen: ein zweites Paar Ohrpolster zum Austausch oder für schwitzende Zweitnutzer. KundInnen mit zum Nachfetten neigendem oder gar frisch gefärbtem Haupthaar hätten sich womöglich über ein Fläschchen Reinigungsflüssigkeit für das edle Leder gefreut. In dieser Preisklasse möglicherweise zu Recht.
Starke Technik
Die Ohrpolster sind aus italienischem Saffiano-Leder gefertigt. Sie lassen sich dank Magnet-Befestigung leicht abnehmen.Nichts vermissen lässt die eingebaute Wandler-Technik. Pro Ohr schwingt eine 40-Millimeter-Membran aus Verbundwerkstoff im Takt der Musik, wobei dies eine ausgeklügelte Nylon-Bedämpfung verfeinert und eine ebenso ausgeklügelte Aufhängung erleichtert. Eine Finite-Elemente-Analyse der Umgebung sorgt für einen möglichst nebenschwingungsarmen Einbau. Der Antrieb obliegt einer feisten Schwingspule aus kupferumwickeltem Aluminiumdraht (CCAW) sowie einem besonders potenten Magneten.
Diesen guten theoretischen Voraussetzungen folgen gute Werte für die Praxis. Der Abschlusswiderstand ist mit 22 Ohm ausreichend niedrig auch für die oft schwächlichen Ausgänge von batterie- oder akkuversorgten Mobil-Unterhaltern. Vor allem aber liegt der Wirkungsgrad mit von Kollegen gemessenen 103 Dezibel Schalldruck bei einer Leistungszufuhr von einem Milliwatt sehr hoch: Aus wenig Leistung macht der B&W P9 also ordentlich Lautstärke.
Kraftvoller Klang
Das feine Klangspektrum analoger Schallplatten ist wie gemacht für die Qualitäten des P9 Signature.Diese Eigenschaft fiel natürlich auch auf beim probeweisen Einsatz am – selbstverständlich nach heutigen Massstäben hoffnungslos veralteten – iPhone des Autors. Die wenige dort gespeicherte Musik, vorwiegend Rock in vernachlässigbarer Auflösung, schob der P9 mit erkennbar sattem Grundton an die Trommelfelle. Das war schon erstaunlich, was da an Druck und Pegel ankam. Vor allem: sauber und bis zu strammen Lautstärken unverzerrt.
Doch ebenso schnell wie diese Erkenntnis wuchs diejenige, dass dieser Hörer nicht für die tosende Umwelt des Outdoor-Einsatzes gebaut wurde. Jedenfalls nicht in erster Linie. Wer würde schon einen Porsche ausschliesslich zum Getränke-Einkauf nutzen?
Nein, der P9 will sich an grossen Aufgaben messen. Also wurde er an langer Leine an die grosse Heimanlage angestöpselt, um dort seine Reserven auszutesten, seine Fähigkeiten zu beweisen und seinen Anspruch einzulösen, in die Top-Klasse vorzudringen.
Der Autor rezensiert ein weites Spektrum an Musik, am liebsten entweder hochauflösend digital oder feinstmechanisch auf Vinyl gespeichert. Und da lief Bowers’ neues Flaggschiff zu grosser Form auf. Gerade hat Audio Fidelity die 1975er Produktion von Weather Reports "Tale Spinnin’" auf Stereo-SACD herausgebracht.
Zum Klangvergleich mit dem betagten Vinyl zog der Autor nun also den P9 heran. Tatsächlich deutlich besser als der P7 arbeitete dieser die markigen Basslinien von Alphonso Johnson heraus, widmete sich mit mehr Nachdruck den Drums von Ndugu, liess das Sopran-Saxophon von Wayne Shorter kräftiger strahlen. Nicht unbedingt heller – der P9 zählt mit seiner eher zahmen Abstimmung in den obersten Höhen nicht unbedingt zu den Brillanz-Vortäuschern dieser Welt.
Aber er konnte durchaus die Nuancen aufzeigen, mit denen sich etwa Beckenschläge im alten analogen und im neuen digitalen Medium unterschieden. Doch auf die Dauer war die penible Analyse feinster Strukturen nicht sein Job. Sein Job war vielmehr, das langzeittaugliche Geniessen zu fördern. Die fast komplette Abwesenheit von nervtötenden Verzerrungen prädestinierte ihn auch zum Durchören ausladender Progressive-Rock-Werke wie Dream Theaters "Metroplis Part 2".
Das braucht Pegel, aber nicht Klirr – und der P9 gab das eine und verweigerte das andere. Dass die virtuosen Schlagzeug-Attacken von Mike Portnoy genauso ihre beeindruckende Wucht wahrten wie die unfassbare Gitarrenarbeit von John Petrucci ihre Nuancen – das war dem britischen Edel-Hörer hoch anzurechnen. Sein kraftvoller Klang baut vor allem auf einem glaubhaft starken Grundtonfundament auf.
Auf diesem Fundament konnte er auch grossartige Orchesterklänge mauern. Die erhabene Klangkathedrale einer Bruckner-Sinfonie erwuchs wie selbstverständlich mit durchaus originalnaher Lautstärke. Wir wollen aber nicht verschweigen, dass zu diesem Langzeitgenuss auch ein kapitaler Kopfhörerverstärker gehört. Am Ausgang eines normalpreisigen CD-Spielers oder unterdurchschnittlichen Vollverstärkers fühlt sich der B&W-Hörer weniger wohl. Der Klang dickt ein, wirkt bemühter, weniger selbstverständlich. Ein kraftvoller "Headamp" hilft da schon mächtig auf die Sprünge.
Der doch recht massige Hörer trug sich auch über längere Hördistanzen mühelos. Natürlich wurde es unter den Muscheln mit zunehmender Dauer auch recht warm, aber nach kurzem Belüften zog man sich ohne Widerwillen nur zu gerne wieder die Ledermuscheln über.
Einzig die Offenheit und Spritzigkeit sehr teurer elektrostatischer Hörer geht dem geschlossenen, dynamischen P9 ein wenig ab. Aber die kosten ja auch gleich nochmals mehr, brauchen ein Speiseteil und sind nur bedingt reisefertig.
Fazit
Die flexiblen, umschliessenden Ohrmuscheln haben eine ganz eigene Prägung.Mit dem P9 Signature hat Bowers & Wilkins sich und seinen Kunden einen grossartigen dynamischen Kopfhörer gebaut. Verarbeitung und Klang liegen auf sehr hohem Niveau, der Tragekomfort ist für diese Gewichtsklasse erstaunlich hoch. Ein idealer Begleiter für lange Abende auf der heimischen Couch wie auf ausgedehnten Reisen. Er erfüllt die hohen Ambitionen: High-End am Ohr.