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Publikationsdatum
26. November 2000
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Die Surround Sound Technik fasst langsam auch in der Musikbranche Fuss. Mit der DVD-Audio steht seit kurzem erstmals ein geeignetes Medium bereit, um den Surround Sound auch dem HiFI-Fan zugänglich zu machen. Mangelware sind weiterhin Mehrkanalaufnahmen. Die wenigen bisher erhältlichen oder angekündigten DVD-Audio bieten jedoch Surroundsound als wesentliches Verkaufsargument. Tonmeister Albrecht Gasteiner gehört zu den eifrigsten Verfechtern des Mehrkanalverfahrens. Parallel zu einer Stereo-Produktion für Radio DRS2 erstellte er anlässlich der Orpheum Musikfesttage in der Tonhalle Zürich eine fünfkanalige Surround Sound Aufnahme. avguide hatte vor dem Konzert Gelegenheit sich mit Albrecht Gasteiner zum Thema „Surround Sound für Audio“ zu unterhalten.

«Surround Sound ist keine neue Erfindung»


avguide: Steht uns ein historisches Ereignis bevor: Die erste Fünfkanal-Aufnahme der Schweiz in der Tonhalle Zürich?

Gasteiner: Die erste ist es nicht ganz. Wenn ich im Archiv wühle, finde ich meinen ersten Vortrag zu Surround Sound 1970; die ersten kommerziellen Aufnahmen, die auch von mir stammen, datieren mit 1973. Damals hiess das noch Quadrophonie. Surround Sound ist eigentlich keine neue Erfindung. Neu ist heute Surround Sound mit den Mitteln, die uns die Digitaltechnik in die Hand gibt. Mehrkanalprojekte lassen sich nun mit ökonomischem Aufwand in vorzüglicher Qualität realisieren, einfach vervielfältigen und dem Kunden nach Hause bringen. Das konnte man früher nicht. Man benötigte Vierspur-Bandgeräte oder verkoppelte zwei Radiosender, wie das in der Schweiz auch schon gemacht wurde. Auf Schallplatte war das damals nicht wirklich sauber zu machen. Mit der DVD haben wir jetzt natürlich ein fantastisches Medium, dass dem Surround Sound endlich den Stellenwert geben wird, den er verdient.

avguide: Herr Gasteiner, eine ketzerische Frage, braucht es die Erweiterung von Stereo zu Fünfkanal-Audio überhaupt..?

Gasteiner:Ganz klar: Ja. Immer wieder kommen Leute mit dem Argument, wir hätten ja auch nur zwei Ohren. Nur, wenn wir in einem Raum was hören, hören wir nicht nur den Direktschall, sondern auch all die tausendfachen Reflexionen von Decke, Fussboden und Wänden. Der Schall erreicht das Ohr also von allen Seiten, mit unterschiedlichen Verzögerungen und Frequenzgängen. Das gibt uns das Gefühl, nicht in einem schalltoten Raum zu sitzen - das klänge ja auch ganz schrecklich-, sondern „eingehüllt“ zu sein in ein Schallereignis.

Das konnte die Stereophonie nur sehr ungenügend wiedergeben, den in der Stereophonie hängt der Klang flach wie ein Bild vor Ihnen an der Wand. Das gesamte Raumereignis können Sie damit nicht wiedergeben. Stereo ist wie, wenn Sie in einer Loge sitzen, wo Sie links und rechts ganz enge Wände haben. Nur durch den kleinen Ausschnitt vorne in der Loge hören Sie in den Konzertsaal hinein.
Im Surround Sound brechen wir nun diese seitlichen Wände und und gleich auch noch die Rückwand weg und setzen den Zuhörer wirklich mitten in den Saal, so dass er das gesamte akustische Erlebnis, das sich in diesem Raum ereignet, voll aufnehmen kann. Er ist also involviert in das musikalische Geschehen und erlebt alles, was in diesem Raum an Klang vor sich geht. Und das ist ein ganz, ganz gewaltiger Fortschritt.

«Den Unterschied von Stereo zu Surround Sound hört jeder»

Im Hintergrund die Tascam 24-Bitrecorder für Surround- und StereoaufnahmeIm Hintergrund die Tascam 24-Bitrecorder für Surround- und Stereoaufnahme

avguide: Ist der Raumklanggewinn denn auch für Konsumenten ohne speziell teure Gerätschaft im normalen Wohnzimmer hörbar?

Gasteiner: Immer wieder erlebe ich es an Vorträgen, wo ich Surround Sound demonstriere: Der Unterschied zwischen gut Stereo und hervorragend Stereo hören nur ganz wenige Leute mit ganz bestimmter Musik, unter ganz bestimmten Hörverhältnissen und bei allerhöchster Konzentration. Davon lebt ja auch eine ganze Industrie, um irgendwo vielleicht noch ein Promille Klangqualität rauszukitzeln, oder bisweilen auch nur Placebos zu verkaufen. Der Unterschied von Stereo zu Surround Sound hört jeder augenblicklich, denn dieser Unterschied ist dramatisch. Das ist ein ganz gewaltiges zusätzliches Erlebnis.

avguide: Eignet sich denn das Filmmedium Dolby Digital wirklich auch für Audio? Lässt sich die Technik nun 1:1 auf die Audiowelt übertragen oder müssen Kompromisse eingegangen werden.

Gasteiner: Tatsächlich hat nicht die Musikindustrie zur Popularisierung von Surround Sound geführt , sondern die Filmindustrie. Die nützt die faszinierenden Klangmöglichkeiten seit vielen Jahren sehr virtuos. Die Leute wollen nun dieses profunde, raumfüllende Erlebnis auch bei sich zu Hause haben. Surround Sound und die DVD liefern das. Wobei man grossen Wert auf die Unterscheidung von Dolby Surround, Dolby Digital und Surround Sound legen muss.

Dolby Surround ist ein veraltetes, analoges System, das mühsam und vergeblich versuchte, aus zwei Stereokanälen irgendetwas Räumliches zu destillieren. Dolby Digital arbeitet mit Datenreduzierung was überraschend gut klingt, aber für Musik halt doch nicht optimal.
Surround Sound für High Fidelity ist was ganz anderes! Mit der DVD-Audio haben wir sauber getrennte Kanäle. Alle Kanäle mit exakt der selben Klangqualität. Und nur damit erreicht man den Mehrkanalsound, von dem wir hier reden.

avguide: Entscheidend wird sein, ob sich der Konsument vom klanglichen Zusatznutzen überzeugen lässt. Wie sieht es mit der Bereitschaft der Toningenieure aus?

Gasteiner: Es ist wie zu Anfang der Stereozeit. Da gab es eine neue Technik und die Tonmeister brauchten Jahre, um sie wirklich in den Griff zu kriegen und zu musikalisch sinnvollen Resultaten zu führen. Es gab groteske Stereoaufnahmen. Genau dasselbe erleben wir heute nochmal. Aber es gibt eben auch gute, die wirklich zeigen, in welche Richtung die Entwicklung der High Fidelity gehen könnte. Weg von der flachen Zweidimensionalität der Stereophonie hin zu einer spannenden, faszinierenden Abbildung des gesamtem akustischen Geschehens in einem Raum.

«Nur Surround Sound kann die High Fidelity weiterbringen»

Der Surround Sound wurde mit fünf Mikrofonen eingefangen. Im Bild die vorderen drei Surroundkanäle sowie das parallele Stereopaar.Der Surround Sound wurde mit fünf Mikrofonen eingefangen. Im Bild die vorderen drei Surroundkanäle sowie das parallele Stereopaar.

avguide: Für viele Leute sind die minimal fünf Lautsprecher, die es für Surround Sound braucht, die grosse Hürde. Manch einer ist nicht bereit, weitere Lautsprecher ins Wohnzimmer zu stellen. Könnte dies zur Achillesferse für Surround Sound werden?

Gasteiner: Vielfach höre ich, ja fünf Lautsprecher, dass ist ja viel zu laut! Das Gegenteil ist der Fall. Der einzelne Lautsprecher kann leiser betrieben werden und trotzdem erhält man ein raumfüllendes, sattes Klangerlebnis. Eine Stereoanlage, die zu leise betrieben wird, tendiert dazu, den Klang in sich zusammen sacken zu lassen - wie Salzburger Nockerln, wenn sie kalt werden - und dann klingt es wie eingeschlafene Füsse. Eine Surround Anlage hingegen klingt auch bei geringer Lautstärke noch rund und voll.

Zum Argument der fünf Lautsprecher: Sie brauchen nicht fünf grosse Lautsprecher. Bei Surround Sound kann der einzelne Lautsprecher viel kleiner sein, als dies bei Stereo der Fall gewesen ist. Ganz einfach, weil sich die in den Raum zu transportierende Schallenergie auf fünf Lautsprecher verteilt, kann der einzelne Lautsprecher deutlich geringer dimensioniert sein, als dies bei der Stereofonie notwendig war, um zu einer gewissen Fülle zu gelangen. Fünf Kleinlautsprecher liefern ein attraktiveres Ergebnis als zwei grosse Hundehütten.

Letztlich möchte ich aber doch auf die Wichtigkeit der Surroundlautsprecher hinweisen. Nehmen Sie nicht irgendwas Primitves, das gerade so rumliegt und friedlich vor sich hin gammelt. Die Surround Kanäle können eben den gleichen Frequenz- und Dynamikumfang aufweisen wie die Frontkanäle, daher sollte man auch für die Surrround Lautsprecher gute Lautsprecher wählen. Nicht riesige, aber gute.

Ideal wären fünf identische Lautsprecher, was wohl in der Regel nicht zu realisieren ist. Wenn immer möglich sollten aber alle Lautsprecher zur selben „Familie“ gehören und eine verwandte Klangcharakteristik aufweisen. Dann erlebt man mit Surround Sound ein absolut phänomenales, neuartiges und zukunftsweisendes Klangerlebnis.

avguide: Stellt sich nur die Frage, ob da auch der Konsument mitmacht, schliesslich muss er in den gesteigerten Hörgenuss investieren und gewillt sein, adäquate zusätzliche Lautsprecher im Wohnzimmer unterzubringen. Die Mini-SurroundSound-Lautsprecher, wie sie jetzt schon angeboten werden, dürften kaum ein Fortschritt sein.

Gasteiner: Persönlich bin ich überzeugt und auch die Erfahrung zeigt, wenn man jemandem Musik, die er mag, in einer guten Aufnahme in Surround Sound vorführt, dann ist er völlig perplex. Dieser Unterschied von der Flächigkeit der Stereophonie zum involviert hineingezogen sein in den Klang des ganzen Raumes ist gewaltig. Die DVD-Audio kann uns das nun in exzellenter Form liefern. Nur Surround Sound kann die High Fidelity weiterbringen. Wer es einmal erlebt hat und wer Musik wirklich liebt, der findet auch Platz für die zusätzlichen Lautsprecher.

«Alle grossen Plattenfirmen haben sich hochoffiziell für die DVD-Audio und damit Surround Sound ausgesprochen»

Feintuning der Mikrofonposition vor der Aufnahme.
Feintuning der Mikrofonposition vor der Aufnahme.

avguide: Wie sieht die Bereitschaft der UE-Industrie aus, die Verbreitung von Surround Sound voranzutreiben?

Gasteiner: Meinen Sie jetzt die Hardware- oder die Softwareindustrie?

avguide: Beide ...

Gasteiner: Für die Hardware ist es klar, bis Ende Jahr werden sicherlich ein Dutzend DVD-Audio taugliche Abspielgeräte vorhanden sein. Kombiplayer werden ab nächstem Jahr den Normalfall darstellen. Bei der Softwareindustrie ist es so, dass alle grossen Plattenfirmen sich hochoffiziell für die DVD-Audio und damit Surround Sound ausgesprochen haben. Teldec, Erato, Warner, Philips, die Deutsche Grammophon-Gesellschaft, Decca, Sony und so weiter. Die ersten Titel kommen gerade jetzt auf den Markt und auf www.dvd-forum.ch kann man schon sehen, was es in den nächsten Monaten alles geben wird.

Man darf jetzt nicht den Fehler machen, aus dem noch kleinen Angebot an Tonträgern darauf zu schliessen, das werde nichts mit der DVD-Audio. Auch bei der CD haben wir erlebt, dass zu Anfang nahezu keine Tonträger vorhanden waren. Das wird mit der Nachfrage kommen.

«Wir leben eben nicht mehr im HiFi-Zeitalter. Multimedia ist das neue Schlagwort »

Der gelungne Konzertabend der Orpheum Musikfesttage 2000 eingefangen in Surround Sound.Der gelungne Konzertabend der Orpheum Musikfesttage 2000 eingefangen in Surround Sound.

avguide: Die SACD setzt mindestens in bezug auf das Format einen gewissen Kontrapunkt und zudem ist Sony gleichzeitig auch ein Major der Plattenindustrie.

Gasteiner: Die SACD besitzt mit DSD ein technisch ganz vorzügliches Format. Schade ist, dass man die SACD nicht gleich von allem Anfang an als Mehrkanalsystem lanciert hat. Bis jetzt gibt es leider keine Mehrkanalproduktionen oder Mehrkanal-Abspielgeräte. Bitter auch, dass die bis jetzt erstandenen, recht teuren SACD-Player nicht auf Surround Sound upgraded werden können, den es ja auch bei der SACD irgendwann einmal geben wird... Das war nun mal eine Marketingentscheidung in Japan, auf die wir hier keinen Einfluss haben.

avguide: Besteht nicht die Gefahr, dass sich die grossen Konzerne erbittert um einen eventuellen zukünftigen Markt streiten, während sich der Konsument angesichts des Wirrwarrs um Formate und Systeme von High Fidelity und Surround Sound ganz abwendet.

Gasteiner: Ich glaube nicht, dass es da eine so grosse Konkurrenz gibt. Die Super Audio CD versucht die Musik-CD in eine neue Generation zu überführen. Die DVD-Audio ist hingegen etwas ganz anderes. Sie ist eine Multimediaplatte, die auch dazu gemacht ist, auf dem Computer zu laufen. Später sollen auch Aufnahmen auf die DVD möglich werden, was bei der SACD überhaupt nicht vorgesehen ist. Wir leben eben nicht mehr im HiFi-Zeitalter. Multimedia ist das neue Schlagwort und dazu gehören eben auch bewegte Bilder, Texte, Internetverknüpfungen, Video etc., die alle ineinander übergreifen können und sollen. Das wissen auch die Software-Firmen, und daher haben sich praktisch alle bedeutenden Labels weltweit für DVD-Audio als neues Trägermedium entschieden. Die DVD-Video hat sich gerade auch wegen ihrer phänomenalen Audiomöglichkeiten so schnell und umfassend durchgesetzt. Was ja von einzelnen Firmen (ClassicRecords, Chesky, Anm. d. Red.) auch ausgenützt wird. DVD-Audio besagt eigentlich nur, dass noch mehr von der Datenkapazität der DVD für Audio reserviert ist und Video zwar möglich bleibt, aber nicht den Hauptverwendungszweck darstellt.

avguide: Herr Gasteiner, herzlichen Dank für das anregende Gespräch.
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