Keine Massenware für jedes Wohnzimmer. Wir wollen Sie nicht erschrecken, aber vielleicht sind Sie schreckhaft veranlagt. Das ist Super-High-End-Audio. Für die meisten ist eine Schweizer Uhr für 150'000 CHF weder erstrebenswert noch zahlbar, genauso wenig wie Monoendstufen für 35'900 CHF pro Stück(!). Oder ein Paar Standlautsprecher für 69'000 CHF.
Nur ist es eben so, dass etwas, das man sich leisten kann, plötzlich auch erstrebenswert wird. Wir machen meistens einen grossen Bogen um Dinge, die weit ausserhalb unserer finanziellen Möglichkeiten liegen und votieren energisch dagegen, tragen die Fahne der «Unvernunft anderer» weit ins Land hinaus. Bis wir dann doch noch ein grösseres Erbe antreten können und unvermittelt einen Aston Martin in unseren Carport stellen.
Der Reiz des Möglichen und des vermeintlich absolut Besten ist verführerisch – und so alt wie die moderne Menschheit. Der Umstand, dass es nur wenigen vergönnt ist, Luxusprodukte der hier beschriebenen Art zu besitzen, kann das Produkt und seine Qualität nicht in Frage stellen. Es lässt noch nicht einmal ein Urteil über die Besitzer zu. Empörung ist überflüssig. Ein kritisches Ohr und ein kritisches Auge hingegen sind es nicht.
Sich einen Traum erfüllen
Dass sich jemand einen Traum erfüllen will, mag auch bei Audio-Herstellern vorkommen. Dan D'Agostino, Mitgründer von Krell, stieg bei der Firma 2009 aus und begann unter eigener Marke zu wirken. Vermutlich musste er nicht, sondern machte es aus freien Stücken. Nicht zu müssen ist eine gute Voraussetzung, um sich einen Traum zu erfüllen. Es sollte besser und schöner werden als alles zuvor.
Als Quasi-Erfinder des US-amerikanischen Verstärkers mit Superklang und hoher Leistung brauchte er sich zumindest über die neue Marke keine grossen Gedanken zu machen. Sein eigener Name war die logische Konsequenz. Dann mussten seine neuen Geräte natürlich auch punkto Design neue Zeichen setzen – und ich muss sagen, das ist ihm gelungen. Ich habe seit «American Art Déco» – und da kenne ich mich aus – kaum ein US-Design gesehen, das mich mehr beeindruckt hätte.
Bei Wilson Audio war die Entwicklung ein Prozess über Jahre. Es gab bei Wilson nie einen Bruch, vergleichbar mit Krell/Dan D'Agostino oder Mark Levinson. Wilson, Inbegriff für Kontinuität, baut Lautsprecher – und dort hat die Form der Funktion zu folgen. Bei Verstärkern braucht man nur ein Gehäuse. Wilson TuneTot, Sabrina, Yvette, Sasha II und Alexia II, sind die zurzeit in der Schweiz vorführbaren Modelle. Ich empfinde sie als gelungen und echt schön, mit hoher Wiederkennbarkeit.
Die beiden Hersteller haben einiges gemeinsam, was nicht von ungefähr kommt. Zurzeit geht es um Energieeffizienz bei D'Agostinos Verstärkern und um Verstärker-Toleranz/Wirkungsgrad bei Wilsons Lautsprechern. Da zielt man natürlich auf Märkte mit entsprechend hoch entwickeltem Bewusstsein und US-Kunden, die anders denken als ihr momentaner Präsident.
Dan D'Agostinos Verstärker sollen dank innovativen Stromversorgungen tatsächlich umweltfreundlich sein, insbesondere hinsichtlich Standby-Leistung. Das klingt ein wenig nachzüglerisch, aber dies ist wohl bei seiner Verstärker-Architektur doch nicht so einfach, wie man denkt. Früher, bei Krell und anderen US-Herstellern, spielte es weder eine Rolle, wie gross die Dinger waren, noch wie warm sie wurden, ohne überhaupt schon Töne von sich zu geben.
Wilsons «Mini Cooper»
TuneTot: Klein, aber Wilson.Natürlich heisst der neue «Mini» von Wilson nicht so. Der TuneTot – Wilson hatte schon immer ein Händchen für ungewöhnliche Namen – ist nun die Antwort auf die Platzfrage, oder vielleicht auch die Antwort auf die Frage, welches Lautsprecherchen Wilson-Besitzer für Ihren Zweitwohnsitz mit engeren Platzverhältnissen in Betracht ziehen würden. Nun denn, die Antwort heisst TuneTot, und das folgende Video zeigt auf, was man wissen oder glauben soll:
Der TuneTot schlägt fürs Zweitheimchen mit 11'500 Franken ins Kontor – aber man gönnt sich ja sonst nichts. Zwei Magnum-Flaschen Château Petrus kosten etwa gleich viel und bringen weniger Lustgewinn, finde ich. Wie gut kann ein winziger Superlautsprecher klingen, der über eine passive Konstruktion, verfügt, die auf ein gewisses Gehäusevolumen angewiesen ist? Die Spannung steigt.
Die Wilson-Gene sind jedenfalls vorhanden: Gehäusematerial, aufwändiger Aufbau, perfektes Finish sowie ein Spike-Satz für die optimale Neigung des Lautsprechers in Abhängigkeit zur Hördistanz. Dazu gibt's noch diese neckische Basis für den TuneTot und zahlreiche Möglichkeiten der kundenspezifischen Konfektionierung.
Gemäss Spezifikation bringt TuneTot eine untere Grenzfrequenz von 65 Hz auf die Bretter. Der Frequenzgang ist bis 23 kHz mit +/- 3 dB Toleranz angegeben. Der Wirkungsgrad ist mit 86 dB @ 1W @ 1m @ 1 kHz für einen so kleinen Lautsprecher wirklich hoch.
Auch die Rückwand ist beim TuneTot eine Schokoladenseite: Unter der massiven Abdeckplatte verbirgt sich die Frequenzweiche in einer separaten Gehäusekammer. Anschlussklemmen und Reflexöffnung sind zurückversetzt.Der TuneTot findet fast überall Platz und macht eine gute Figur dabei. Die Anwendungsbilder von Wilson zeigen die Stossrichtung auf. Stichworte: Home-Office, Office, Küche etc.
Dan strotzt vor Kraft
Die Momentum-M400-Monoblöcke von Dan D'Agostino sind eine Augenweide.Zurück zu Daniel D'Agostino. Er war sicher nicht der einzige, der mit für das «Wettrüsten» im US-High-End-Audio verantwortlich war. Aber er war Teil davon. Immer grössere Verstärkerboliden für immer grössere, leistungshungrigere Superlautsprecher für Wilson und andere wurden gebaut. Die Möglichkeiten bei Krell wurden ihm zu eng, und so entschloss er sich dazu, sein eigenes Ding aufzuziehen.
Die Kombination von Leistung und maximaler Qualität ist nicht einfach zu verwirklichen. Doch Leistung soll nicht von Nachteil sein, im Standby-Modus braucht es sie nicht. Die Momentum M400 sollen deshalb eine weit geringere Verlustleistung und Wärme generieren, wenn kein Signal anliegt, als es früher üblich war. Leistung verlangt auch nicht per se nach grossen Lautsprechern – und grosse Lautsprecher verlangen auch in den USA nicht mehr zwingend nach brachialer Leistung.
Gross sind sie immer noch, und vor allem schwer. 41 kg und fast einen halben Meter tief sind sie, aber sie wirken viel dezenter und edler als frühere Boliden dieser Art. Es gibt keine Kühlkörperoptik mehr. Die massiven Seitenteile aus Kupfer sind zwar Kühlkörper, aber die Wärmeleitfähigkeit von Kupfer ist deutlich besser, zudem ist das Temperaturmanagement sehr ausgeklügelt. Mit 400 Watt @ 8 Ohm (und 1600 Watt @ 2 Ohm) verfügen sie über genügend viel Leistung, doch Leistung scheint hier nicht im Mittelpunkt zu stehen.
Der Momentum M400 Monoblock wurde bereits im Herbst 2016 von Ken Kessler («HiFi News») zum besten Verstärker gekürt, den D'Agostino jemals gebaut hat. Eine wertvolle Einschätzung, schliesslich ist Ken Kessler ist eine wichtige und unabhängige Stimme.
VU-Meter machen Spass, bringen aber kaum einen Nutzen, ausser dass sie die Musik visualisieren. Trotzdem kann sich ihnen kaum entziehen.Nun gibt es den Momentum M400 auch in der Schweiz zu hören.
Wilson-Wunderkiste Alexia II
Die Alexia ist bereits ein Klassiker im Wilson-Universum. Die Alexia Series II ist die logische Weiterentwicklung. Zurzeit ist Alexia Series II der grösste Wilson-Lautsprecher, der in einer Händlervorführung in der Schweiz zu hören ist – und natürlich ein würdiger Spielpartner für die Monoendstufen Momentum 400. Mit ihren 90 dB Wirkungsgrad und 4 Ohm Nominalimpedanz stehen somit 800 Watt Verstärkerleistung bereit. Genug für ein dynamisches Musikerlebnis ...
In der Fotostrecke finden Sie entsprechende Bilder.
Hörgenuss
Edle Zuspieler: Musikserver von Meridian, DA-Wandler von Moon, CD-Spieler und Röhrenvorstufe von Audio Research.Wilsons TunePot wurden vom Moons Ace All in One mit Musik versorgt. Der Ace liefert 50 Watt Leistung. Die TunePots ruhten auf kurzen, improvisierten Ständern mit kurzer Distanz zur vorderen Wand und waren präzise auf den Hörer ausgerichtet.
Aufstellung der TuneTots.Wie immer bei kleinen Lautsprechern schloss ich die Augen, bevor die ersten Takte Musik herüberkamen. Das hilft immer, ein Gefühl der Abbildungsgrösse zu bekommen, ohne vom optischen Eindruck beeinflusst zu werden. Die Klangbühne breitete sich sofort aus, und zwar in einer sehr respektablen Dimension. Der Klang löste sich vollkommen von den Lautsprechern, was natürlich auch erwartet werden darf.
Klaviermusik klingt unglaublich gut mit den kleinen TuneTots. Wunderbar natürlich und aus einem Guss mit viel Feingefühl. Die Illusion war nahezu perfekt. Den untersten Registern fehlte es ein klein wenig an Autorität, vermutlich weil 65 Hz untere Grenzfrequenz bei minus 3 dB nicht den vollen Umfang des Konzertflügels wiederspiegeln können. Das Klangbild wirkte dennoch nicht etwa schlank, sondern bloss in der räumlichen Dimension ein wenig reduziert.
Die grosse Stärke liegt in der Stille zwischen den Tönen. Die Akteure fliessen nicht so stark ineinander, sie bleiben Individuen, jedoch ohne Isolation unter sich. Dementsprechend einwandfrei war der Fokus in der Mitte und die Tiefenstaffelung: weit über die Frontwand hinausreichend, ohne akustische Massnahmen.
Perkussive Elemente kamen mit frischer Dynamik und überlegener Präzision mit souveräner Leichtigkeit. Keine Zwanghaftigkeiten waren zu hören. Die Auflösung? Kein Thema. Wilson beweist mit ihrem kleinsten Lautsprecher wahre Grösse. TuneTot ist der Wilson, den man fast überall platzieren kann.
Ich würde empfehlen, sich den TuneTot anzuhören, bevor man sich auf einen veritablen Standlautsprecher in derselben Preisklasse einschiesst. Man bekommt für das gleiche Geld natürlich veritable Standlautsprecher en masse. Mit dem TuneTot verleiht man dem Bonmot «klein, aber fein» Flügel.
Dan and David
Man sollte eigentlich darauf verzichten, HiFi-Systeme zu hören, die man sich nie und nimmer leisten kann. Und doch ist es eine Erfahrung der besonderen Art. Die Kette mit «Dan und Davids»-Preziosen plus Quellen, Vorverstärker, Rack, Kabel, Stromoptimierung etc. würde vermutlich weit über 200'000 Franken kosten. Trotzdem ist das meiner Meinung nach besser, als sich ein gleich teures Auto in die Garage zu stellen.
Das Musikerlebnis gehört zu meinen besten Hör-Erfahrungen. Die harmonische Balance der Musik ist verblüffend, so wie auch der Umgang mit Dynamik bei Life-Aufnahmen. Man befindet sich in einem Strom von Musik, und ich hatte nie das Gefühl, als wäre etwas aufgesetzt oder gekünstelt.
Die Endstufen gingen perfekt mit der Bassgewalt der Alexia II um. Das ist sicher ein entscheidender Faktor beim Thema Verstärkung mit diesen Lautsprechern. Die Bauweise US-amerikanischer Wohnräume verschlingt einiges an Bass, und die Abstimmung von Wilson trägt diesem Umstand Rechnung. Man hat somit hierzulande mit Wilson genug Bass, was allerdings entsprechend Kontrolle seitens der Endstufen erfordert, und auch Sorgfalt bei der Aufstellungsoptimierung.
Wer an Krell denkt, hört wie ich mehr Klangwärme und Musikalität ohne Abstriche bei Durchzeichnung und Details. Ohne direkte Vergleiche vorgenommen zu haben, ist die Qualität von Dan D'Agostinos neuem Verstärkerwerk gefühlt näher an der Vollkommenheit.
Die Klangbühne ist exakt so, wie ich sie mir vorstellte, ohne jede Verzerrung der Dimensionen. Keine «Scheunentore», die im ersten Moment beeindrucken, bis man feststellt, dass Celli nicht wirklich bis an die Decke reichen sollten. Ein wichtiger Punkt ist folgender: Es gibt absolut keine Hochstapelei, kein Zuckerguss auf der Torte, der nicht sein soll. Es gibt «Life, Love & The Blues» von Etta James pur und echt
Fazit
Trotz Grösse eine Augenweide: Wilson Alexia II.Es macht wenig Sinn, hier von gutem Preis-Leistungs-Verhältnis zu sprechen. Das ist bei den letzten 10 % des Möglichen im klassischen High-End-Audio nicht angebracht. Man kann hier viel eher von einem festen Wert über viele Jahre des Musikgenusses sprechen. Man muss bloss von Zeit zu Zeit abzustauben.
Man sollte in dieser Klasse perfekt durchentwickelte Komponenten kaufen, die über Know-how verfügen, das sich über Jahrzehnte angesammelt hat. Das immer lästigere Geprotze mit Materialien und die Gigantomanie von Herstellern, die kommen und gehen, kann man getrost vernachlässigen. Man sollte auch den eigenen Hörgeschmack relativieren. Oder die Hörgewohnheit und die selbst gezimmerten, technischen Erklärungsversuche.
Ein System wie von Wilson und D'Agostino steht mit Fug und Recht vorne auf der Bühne.