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Eleganter Bach

Joshua Bell spielt Bach

Joshua Bell, Stargeiger und Leiter der Academy of St. Martin in the Fields, wagt sich in diesem Album erstmals so richtig an Bach-Werke.

Von Hans Jürg Baum · 8. April 2015
Joshua Bell spielt BachJoshua Bell spielt Bach

Überzeugende Aufnahmen und Wiedergaben klassischer Streichinstrumente, insbesondere der Violine, sind für jeden Tonmeister und Konstrukteur von High-End-Anlagen harte Knacknüsse. Sie sollten den ganzen Charme und das unglaublich komplexe Klangmuster dieser Instrumente nie grell-aggressiv, sondern ohne jede unnatürliche Kratzbürstigkeit und dennoch frisch und hervorragend durchzeichnet einfangen und wiedergeben können. So hörte ich in der Vergangenheit in Fachgeschäften und an High-End-Ausstellungen unzählige absolut grässlich klingende Streicher-Reproduktionen.

Für mich sind deshalb Streicherklänge immer die ersten Pflichtstücke, wenn es um die Beurteilung von High-End-Komponenten geht. Wichtig ist natürlich, dass man weiss, wie die Instrumente in Natura klingen. Die Behauptung, die Wiedergabe im Konzertsaal hätte mit einer Hi-Fi-Heim-Wiedergabe rein gar nichts zu tun, kann ich nicht ganz teilen.

Natürlich sollte man im grossen Konzertsaal nicht ganz hinten und hinter einer Säule sitzen und dann enttäuscht feststellen, es klinge hier ja so, als seien die  Hochtöner kaputt! Also sitzt man doch besser in einem kleinen Kammermusiksaal in den vorderen Reihen. Wer keine Ahnung hat, wie Instrumente wie Violine, Cello, Oboe und Fagott live klingen, kann auch keine Urteile über die Qualität einer High-End-Anlage fällen. Und eine absolute Unmöglichkeit ist es, die Klangneutralität einer Anlage mittels Synthesizerklängen zu beurteilen.

Zu grosse Erwartungen?

Doch zur aussagekräftigen Beurteilung gehören auch sehr gute Aufnahmen, und diese sind sehr rar. Deshalb stellte ich an das neuste Bach-Album von Joshua Bell allerhöchste Erwartungen. Hier könnte eventuell eine neue hochauflösende Referenz-Aufnahme gefunden werden, an der sich in Zukunft mässig gute High-End-Komponenten die Zähne ausbeissen ...

Der heute 46 Jahre junge Stargeiger Joshua Bell, so richtig populär geworden durch seinen bravourösen Einsatz im Film "The Red Violin" und durch den Besitz der wohl teuersten Geige dieser Welt, stellt hier sein erstes Bach-Album vor. Dass Bell einen Heidenrespekt vor Bach hat, drückt er selber wie folgt aus: "Seine Sonaten und Partiten sind der heilige Gral für Violinisten. An die wage ich mich noch nicht einmal heran".

In diesem Album tritt er nicht nur als Solist, sondern auch als Leiter der Academy of St. Martin in the Fields auf und bringt Werke, die mehrheitlich zu den am meisten aufgenommenen Stücken von Bach gehören. Auch das berühmte Air, welches an keiner anständigen Bestattung fehlen darf und  bei der breiten Schicht von Zuhörern immer wieder grossen Anklang findet, ist hier natürlich mit von der Partie. Schliesslich will nicht nur der Superstar Bell, sondern auch das Label Sony Classical mit diesem Album keine kleine Nische füllen, sondern es verständlicherweise in möglichst grossen Stückzahlen verkaufen. Dies nicht zuletzt um Bells vier Millionen Dollar schwere Stradivari zu amortisieren.

Bach - modern und farbenreich

Joshua Bell, nicht nur musikalischer Leiter der Academy of St.Martin in the Fields, sondern auch der Schwarm der holden Weiblichkeit jeden Alters....Joshua Bell, nicht nur musikalischer Leiter der Academy of St.Martin in the Fields, sondern auch der Schwarm der holden Weiblichkeit jeden Alters....

Joshua Bell und seine Leute sollen nun die Erkenntnisse der historisch informierten Spielweise nutzen und eine moderne, schwungvolle und farbenreiche Interpretation dieser Werke schaffen. Bell meint zudem, dass er gerne unauthentisch sei. Wichtig sei ihm, dass Bach nicht pedantisch und nicht stilisiert klinge.

Gleich im Violin Concerto No. 1, BWV 1041 lässt Bell die Katze aus dem Sack und zeigt, wie er gedenkt, heute Bach zu spielen: elegant und lässig und wohlklingend. Zeitweise hat man allerdings den Eindruck, dass der Stargeiger sich mit seiner stupenden Technik irgendwie unterfordert fühlt und Bach mit sehr wenig Tiefgang interpretiert. So spielt er über geniale Passagen hinweg, als wären sie Fingerübungen zum Aufwärmen. Immer aber huldigt er dem Wohlklang und versucht nie und nimmer seiner kostbaren Stradivari Gewalt anzutun, wie das so viele andere Geiger immer wieder tun, wenn sie versuchen, ihre Gefühlsausbrüche auf diesem doch so zartbesaiteten Instrument auszudrücken. Nie schrillt und kratzt es bei Bell, der schöne Klang seines Traum-Instrumentes beherrscht die Szene.

Doch bei der  Chaconne der Partita No. 2 in D Minor, BWV 1004 (J.S. Bach/Mendelssohn, arrangiert von Milone)  greift Bell wesentlich tiefer in die Gefühlskiste. So ist diese ursprünglich für Violine Solo komponierte und auch für den Hörer recht anspruchsvolle Chaconne hier mit Orchesterbegleitung ein wahrer Ohrwurm mit echtem Tiefgang.

Schnödes CD-Format?

Zum Klang ist zu sagen, dass ich zunächst nicht gerade begeistert war. Mit den üblichen Vorurteilen belastet, dachte ich zunächst, dass die Sony Tonmeister halt westliche Musik etwas anders empfinden. Doch weit gefehlt: Die Aufnahme wurde in London am 28. und 29. April 2014 in den Air-Studios vom Produzenten und Tonmeister Adam Abeshouse getätigt.

Also woran lag es denn, dass der Funke nicht überspringen wollte? Als erstes wurde mal der eher kühl und analytisch klingende DAC ausgetauscht. Mit dem KingRex DAC UD384 mit Akku-Speisung, der gerade bei Streicherklängen immer wieder zur absoluten Höchstform aufspielen kann, erhielten diese delikaten Instrumente deutlich mehr Charme.

Doch dann der Schock: Die Highresolution-Files, die ich von der Webseite von HighresAudio heruntergeladen habe, besitzen folgendes Format: Flac mit "schnöden" 44/24 Bit. Doch man weiss inzwischen, dass eine gute CD mit einer Samplingfrequzenz von  44.1 kHz  und einer Auflösung von 16 Bit weitaus besser klingen kann, als eine verfehlte 192/24 Aufnahme. Und zudem ist der Unterschied zwischen den 16 Bit der CD und den hier vorliegenden 24 Bit deutlich hörbar. Mit den "richtigen" Komponenten, klingt das Album wirklich sehr gut.

Fazit

In seinem ersten Bach-Album bringt der Stargeiger Joshua Bell Bach-Hits in so genannt moderner, eleganter und polierter Spielweise, bei welcher der Wohlklang meist über dem musikalischen Tiefgang steht. Also nicht das wahre für Bach-Puristen, jedoch genau das richtige Klangmaterial für aussagekräftige Hörtests. Denn obwohl das Format "lediglich" Flac 44/24 Bit ist, klingt die Aufnahme wirklich gut.

Steckbrief
Interpret:
Joshua Bell
Besetzung:
Academy of St. Martin in the Fields
Albumtitel:
Bach
Komponist:
J.S.Bach
Herkunft:
USA
Label:
Sony Classic
Erscheinungsdatum:
2015
Spieldauer:
49.26 Min
Tonformat:
Flac 44/24Bit
Aufnahmedetails:
Violin Concerto No. 1, BWV 1041
Violin Concerto No. 2, BWV 1042
Chaconne from Partita No. 2 in D Minor
Air from Orchestral Suite No. 3 in D Major
Gavotte en Rondeau from Partita for Violin Solo No. 3
Medium:
Download
Musikwertung:
8
Klangwertung:
9
Download:
https://www.highresaudio.com/artist.php?abid=327967
Bezugsquellen
Onlinefassung: https://www.avguide.ch/musikrezension/eleganter-bach-joshua-bell-spielt-bach
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