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High End Audio im Schloss

Rückschau zum Klangschloss 2012

Die alljährliche HiFi-Messe im Schloss Greifensee hat inzwischen Kultstatus angenommen - und das nicht zu unrecht.

Von Daniel Schmid · 30. April 2012
High End Audio im Schloss zwischen Moderne und Tradition. Links: Der moderne Quad Elektrostat ESL63qa. Rechts: Ein originaler ESL57, der erste Quad-Elektrostat von 1957. High End Audio im Schloss zwischen Moderne und Tradition. Links: Der moderne Quad Elektrostat ESL63qa. Rechts: Ein originaler ESL57, der erste Quad-Elektrostat von 1957.

Fernab kalter Hotel- oder Konferenzräume, wo sich HiFi-Messen sonst gerne ansiedeln, bietet das Schloss Greifensee eine gemütliche und doch inspirierende Atmosphäre. Die Zimmer versprühen eine Patina aus Geschichte, Kultur und Beständigkeit. Und damit genau jener Wertigkeit, die man sich auch von einem High End Audio Gerät wünscht.

High End bedeutet ja nicht zwangsläufig Chromblende und Goldbeschichtung, sondern der Anspruch, neben dem kommerziellen Mainstream vertiefter über Musikreproduktion nachzudenken, nachhaltige und hochwertige Produkte zu offerieren, die sich nicht primär an Aktienkurse und Renditenoptimierung orientieren. Von einem High End Produkt verlangt man Hingabe und Leidenschaft für das “perfekte” Gerät, dem Maximum an Klangqualität, an High Fidelity oder einfach auch, ein Musikstück in seiner ganzen Emotionalität geniessen zu können. Dass dabei bisweilen ganz unterschiedliche Konzepte, Ansichten und Ideen im Wettstreit miteinander stehen, gehört dazu, wenn man die Grenzen das akustisch Machbaren ausloten will.

Überschaubar und attraktiv

Trotz des gutes Besuchs stört beim Klangschloss jeweils kein hektischer Besucherstrom die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche, was dem (Hör-)Erlebnis nur zugute kommt. Auch in diesem Jahr lud die unaufgeregte Atmosphäre zum verweilen in den Räumen ein. Endlich war mal genügend Platz und Musse vorhanden, um die Komponenten vertieft anzuhören und sich eine Meinung zu den klanglichen Meriten zu bilden. In den Gängen fanden interessante Diskussionen statt - der Spirit “High End Audio” war weit herum spürbar.

Abgerundet wurde der Event mit einem Verkauf von Vinyl-Schallplatten im Foyer sowie vier sehr kompetenten Vorträgen zu grundlegenden und aktuellen Themen wie “Elektrostaten Lautsprecher” (Jürg Jecklin) oder “Computer-Klangquelle” (Daniel Mayerthaler). Zu unrecht nur mässig besucht wurde das Live-Konzert des Kammermusik-Ensembles “Ars Musica” aus Zürich.

Mit neun Räumen stand natürlich nicht genügend Platz zur Verfügung, um die gesamte Schweizer High End Szene zu repräsentieren. Trotzdem fand sich eine gute Auswahl an Marken. Einige Aussteller machten aus der Not eine Tugend und nutzten die Räume in Kooperation. So traf man in den grösseren Zimmern gleich zwei bis sogar drei Setups unterschiedlicher Marken an. Eine aus der Not geborene Idee, die sich positiv auswirkte: Manch ein Aussteller konnte sich so nach einer Vorführung auch mal eine Auszeit gönnen und an seinen Kollegen weiter geben. Die Zuhörer konnten sitzen bleiben (oder allenfalls die Stühle drehen), um das Gehörte gleich mit der Anlagenkombination eines anderen Ausstellers zu vergleichen, was zu sehr aufschlussreichen Hörerlebnissen führte.

HD Audio ab Festplatte

Vorführungen mit Musik ab Festplatte waren allgegenwärtig. Inzwischen greift der Trend auf breiter Front und auch der letzte “traditionelle High Ender“ dürfte seine Vorurteile gegenüber Internet-Downloads und “Computertechnik” bald ablegen. Der Grund liegt im immer besser erhältlichen und umfangreicheren Angebot an Alben mit hochauflösenden Audiodateien im 24 Bit / 96 kHz oder gar 24 Bit / 192 kHz Format. Für im Schnitt 20 CHF erhält man in Download-Portalen wie HDTracks.com oder HighResAudio.com ein Album auf die Festplatte, das in der Audioqualität dem Master in einer Weise nahe kommt, wie es bis anhin höchstens mit der SACD möglich war. Die Disk-Medien sind endgültig obsolet: Sony hat die SACD aufgegeben und die Blu-ray Audio gelangte nie aus den Startlöchern. Die CD kann klanglich mit den HD Audio Dateien nicht mithalten. Die digitale Trickkiste mit Upsampling-Algorhythmen war schon immer ein eher hilfloser Versuch, ein antiquiertes Medium aufzupeppen.

Mit hochauflösenden Musikdateien auf einem NAS oder auf Festplatte in einem integrierten Musikserver wurde praktisch in allen Räumen vorgeführt. Allgegenwärtig ist die Bedienung über eine iPad App. Was nicht erstaunt, lässt sich mit einer App doch das gesamte Musikarchiv optisch ansprechend darstellen. Ganz zu schweigen von Suchfunktionen und Playlists für grosse Musikarchive.

Äusserst kompetent und mit sehr guten Hörbeispielen unterlegt führte Thomas Flammer von Voice70 die Besucher ins Thema HD-Audio ein. Anhand von zwei Kombinationen: einmal mit Naim Audio und Sonus Faber Lautsprechern und als Alternative über eine Classé Audio CP-800 Digitalvorstufe gespiesen von einem PC-basierten Sonata-Server abgespielt auf Bowers & Wilkins Lautsprechern, erhielt man einen fundierten Überblick über die klanglichen Möglichkeiten von HD-Audio ab Festplatte.

Thomas Flammer von voice70 führte die Besucher in HD Audio ein. Das Musikarchiv wird über WLAN mit dem iPad verwaltet. Vorgeführt mit Classé Audio, Bowers & Wilkins, Naim und Sonus Faber.Thomas Flammer von voice70 führte die Besucher in HD Audio ein. Das Musikarchiv wird über WLAN mit dem iPad verwaltet. Vorgeführt mit Classé Audio, Bowers & Wilkins, Naim und Sonus Faber.

Top-of-Sound

Der legendäre Der legendäre "Jecklin Float" ist zurück. Tonmeister Jürg Jecklin zeigte den ersten Prototypen seines überarbeiteten Elektrostaten-Kopfhörers.

Es ist immer schwierig, einzelne Präsentationen hervorzuheben; zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen. Nicht alle kommen in den Genuss eines grossen Vorführraums. Nichts desto trotz sind uns Vorführungen aufgefallen, die in konzeptioneller und klanglicher Hinsicht überragten.

Fred Gassmann ist ein Urgestein in der Schweizer High End Szene. Seit zwanzig Jahren geht er eigene Wege, welche oft zu unkonventionellen Resultaten führten: Legendär sind seine Verstärker aus den neunziger Jahren, welche ihren Strom aus riesigen Akkus bezogen. Und schon der Erstling war eine gefeierte Sensation. Auch wenn die Akku-Verstärker inzwischen abgelöst sind, verwendet er weiterhin eigens für ihn hergestellte Kondensatoren, mit denen er auch Geräte anderer Hersteller wie den Linn Netzwerk-Player modifiziert. Wie er es genau macht, ist ein Rätsel, doch von keiner Kombination mit einem dynamischen Lautsprecher am Ende der Kette war eine so ungewöhnlich betörend warme und seidige Wiedergabe gepaart mit Livehaftigkeit und Präzision zu hören.

Die grossen Dipol-Flächenstrahler sind leider praktisch ganz aus dem hiesigen Markt verschwunden. Mit ihrer Grösse und dem aktuellen Wohnverständnis haben sie Mühe, Akzeptanz zu finden. Umso erfreuter war man, die legendären Magnetostaten von Magnepan wieder einmal in Aktion zu hören. Die “Maggies”, vorgeführt von HiFi-Sulzer mit Burmester Elektronik, sind und bleiben faszinierende Lautsprecher mit einer feinsinnigen und harmonischen Klangentfaltung, die seinesgleichen suchen. Nach 12 Jahren unveränderter Fertigung wurde die Maggie 3.6 im letzten Jahr überarbeitet zur Version 3.7. Wenn die grossen Flächenstrahler eine Schwächen haben, dann ist es ihr tendenziell überzeichneter Klangkörper und dass sie grosse Räumlichkeiten brauchen, um sich wirklich frei zu entfalten. Im grössten Zimmer des Klangschlosses hatten die „Maggies“ freien Auslauf. Bei entsprechendem Sitzabstand wurde man mit einem grandios durchzeichneten, aber auch extrem weiträumigen Klangbild beschenkt.

Netzwerkplayer für HD-Audio Dateien mit integriertem DA-Wandler und Vorstufe, welche direkt einen Aktivlautsprecher ansprechen, scheint mir ein ungemein zukunftsweisendes Setup für eine moderne und wohnraumkonforme High End Kette zu sein. Dass gerade Schweizer Hersteller da an vorderster Front mitspielen, ist umso erfreulicher. Markus Thomann zeigte mit seinem Aktivlautsprecher “Ella”, dass auch aus einem relative kleinen Lautsprecher ein grosser, breitbandiger Klang zu entlocken ist. Als Quelle diente der brandneue MAM1 Netzwerk-Player von Weiss Engineering in Uster. Der MAM1 dient zusammen mit dem optionalen DA-Wandler Modul auch als Vorstufe, wobei die gesamte Bedienung inklusive Lautstärkepegel auf eine umfangreiche iPad App ausgelagert wurde.

In Bezug auf Abbildungstreue und Präzision dürfte es jedem Lautsprecher momentan schwer fallen, den Manager MSMs1 zu übertreffen. Der Aktivlautsprecher mit breitbandigem Biegewellenwandler, ergänzt durch einen dynamischen Woofer ab circa 330 Hertz, macht beängstigend viel richtig. Der Klang löst sich scheinbar mühelos aus den Lautsprechern und baut sich zu einem Klangkörper mit unheimlicher Präzision in Tiefe und Breite auf. Das Klangtimbre beleibt absolut harmonisch übers Frequenzband. Die Impulstreue des Biegewellenwandlers ist prinzipbedingt extrem hoch, und der geniale Aktivlautsprecher fühlt sich vielleicht gerade deswegen immer musikalisch und geschmeidig an. Daniela Manger führte mit sehr geschmackvoll ausgewählten Musikstücken gekonnt durch die Vorführung. Als Quelle dienten ein Apple Notebook und Weiss DA-Wandler, von wo aus es direkt zu den Manger MSMs1 ging.

Dann - last but not least - der legendäre "Float" ist zurück. Der von Jürg Jecklin, dem ehemaligen Schweizer Tonmeister bei Radio DRS und späterem Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien in den siebziger Jahren entwickelte Elektrostatische Kopfhörer wird in Zusammenarbeit mit Manfred Stein von der Quad Musikwiedergabe GmbH in Deutschland momentan überarbeitet und soll bald in einer neuen Version erscheinen. Jürg Jeckling selber präsentierte am Klangschloss den ersten Prototypen. Mehr dazu bald in einem exklusiven Interview mit avguide.ch.

Lust auf mehr und Fotostrecke

Das Konzept des Klangschlosses vermochte auch in diesem Jahr zu überzeugen und macht Lust auf mehr. Mancher Aussteller hätte sicher gerne noch mehr Besucher gesehen. Doch steht beim Klangschloss klar Qualität von Quantität. Bei kaum einem anderen High End Audio Event hat man die Möglichkeit, sich die Komponenten so entspannt und in einer so genussvollen Atmosphäre anzuhören.

Onlinefassung: https://www.avguide.ch/magazin/high-end-audio-im-schloss-rueckschau-zum-klangschloss-2012
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