Als Weltpremiere stellte Piega am 16. und 17. April 2016 die neuste Spitzenbox vor und lud interessierte Musikhörer und Fachhändler zum genüsslichen Konzert nach Horgen ein. Zu sehen waren auch die anderen Marken, die durch Piega in der Schweiz vertrieben werden wie T+A, Marantz und Tivoli Audio. Hochinteressant und spannend waren die Führungen durchs Hause Piega, wo man sehen konnte, wie Bändchen-Systeme hergestellt, Gehäuse bedämpft, Weichen verdrahtet und ganze Boxen montiert wurden.
Swiss made ist bei Piega immer noch Trumpf, und das soll auch so bleiben.
Hans Jürg Baum besuchte diese Tage der offenen Türen und sprach mit den Piega-Gründern Leo Greiner und Kurt Scheuch über ihre Anfänge bei Piega bis zu ihren Zukunftsvisionen.
Nicht zuletzt wurde die Master Line Source 2 angehört, welche die Zuhörer restlos begeisterte. So wird demnächst ein ausführlicher Test über diese absolute Novität bei avguide.ch erscheinen. In unseren Interviews erhält der Leser erstmals ausführliche Informationen, die in keinem Prospekt zu lesen sind.
Gespräch mit Piega-Geschäftsführer Leo Greiner
Leo Greiner, einer der Piega-Gründer, beleuchtet die Vergangenheit und die Zukunft.Hans Jürg Baum von avguide.ch sprach anlässlich der Piega Open Days 2016 mit Leo Greiner.
Vor wie vielen Jahren haben Sie zusammen mit Kurt Scheuch Piega gegründet?
Das ist eine lange Zeit; fast 30 Jahre. Ursprünglich dachte ich, dass wir nach 5 Jahren auf dem Höhepunkt seien und keine Steigerung mehr möglich sei. Dem war nicht so.
Wie und wo haben Sie sich kennengelernt und beschlossen, eine Lautsprechermanufaktur zu gründen?
In unserer Jugend haben Kurt Scheuch und ich schon eigene Lautsprecherkreationen gebaut und diese im Freundeskreis verkauft. Wir haben unsere Erfahrungen häufig ausgetauscht und bereits zu diesem Zeitpunkt Projekte zusammen realisiert. Kurt war bekannt für gute Lautsprecher, ich für schöne. Ein Freund von mir, Christian Schmid, auch Besitzer einer meiner Lautsprecher-Kreationen, hat sich periodisch erkundigt, was es denn Neues bei Kurt und mir gab. Exakt zu dieser Zeit hatte Kurt Scheuch sein erstes Bändchen entwickelt und ich schwärmte bei Christian von dessen überragenden Klangqualitäten. Das schien derart überzeugend zu sein, dass er vorschlug, dies professionell zu vermarkten. Das war der Startschuss von Piega.
Was war das von Ihnen angepeilte Ziel?
Als wir Piega gründeten, setzten wir uns viele Ziele. Hier einige davon: Da wir unser Hobby zum Beruf machten, war unser Minimalziel, davon leben zu können. Auch wollten wir mit unseren Lautsprechern sowohl klanglich wie auch optisch in der Weltspitze mitmischen. Unabhängig sein. Nur mit Geschäftspartnern zusammenarbeiten, die uns sympathisch sind. Angestellte zu haben, die gerne zur Arbeit gehen, mit Freude und Enthusiasmus dabei sind und sich mit dem Produkt identifizieren können.
Haben Sie dieses heute erreicht?
Im Grossen und Ganzen haben wir diese Ziele eher übertroffen.
Wie sahen Sie damals die Aufgabenverteilung zwischen Ihnen und Herrn Scheuch? Und ist es heute noch so?
Als Zweimannunternehmen zu Beginn war unsere Aufgabenteilung nicht definiert. Beide machten alles. Wir haben uns aber bereits dort sehr gut ergänzt und jeder hat seine Fähigkeiten zum Wohl der Firma eingebracht. Als wir grösser wurden, ergaben sich automatisch für jeden von uns die für Piega wichtigen Aufgabenaufteilungen.
Was waren damals so Ihre Ideal-Lautsprecher?
Fasziniert hatten mich die Dynamik von Hornlautsprechern und die seidige, hochauflösende Klangcharakteristik von Elektrostaten. Unser Ziel war es, diese beiden Komponenten in unseren Lautsprechern zu vereinen.
Mit welchem Startkapital haben Sie damals begonnen?
Wir drei Gründer haben insgesamt 200'000 Franken eingebracht. Zu dieser Zeit waren die Banken noch etwas risikoreicher und wir konnten über einen ungedeckten Kredit in Höhe des eingebrachten Startkapitals verfügen.
Um wie viel grösser ist heute Ihr Unternehmen als im zweiten Jahr nach der Gründung?
Grösse ist relativ. Wenn man allerdings den Umsatz als Grössenordnung nimmt, sind wir etwa 50-mal "grösser" geworden.
Wohin in alle Welt gehen Ihre Produkte und zu wie viel Prozent wohin?
Mittlerweile exportieren wir in rund 20 Länder. Die Schweiz ist aber immer noch unsere Basis – und uns sehr wichtig. Das letzte Jahr war unser Exportanteil bei 60%.
Was ist Ihre Meinung zur Master Line Source 2? Ein Spleen von Entwickler Kurt Scheuch oder eine Notwendigkeit?
Eine hervorragende Umsetzung unserer ursprünglichen Ziele. Dynamik mit hervorragender Auflösung und Räumlichkeit. Normalerweise müsste ein solches Lautsprecherkonzept im Verhältnis 1:2 frei im Raum stehen. Dank erstmaligem Einsatz einer Akustiklinse im Mittel-/Hochtonbereich für den indirekten Schallanteil kann die MLS 2 wie andere Lautsprecher platziert werden. Meiner Ansicht nach ein ganz wichtiger Aspekt, den es für viele Dipol-Lautsprecher-Liebhaber bisher verunmöglichte, ein solches System zu Hause zu betreiben.
Solche Entwicklungen kosten ein Riesengeld. Verdienen Sie an einer Master Line Source 2 noch etwas oder legen Sie für dieses Image-Produkt drauf?
Unsere Entwicklungen werden bei uns nicht aktiviert, sondern aus dem laufenden Geschäft finanziert. Daher können wir auch kommerziell wenig interessante Konstruktionen realisieren, die für uns aber konzeptionell wichtig sind.
Welche Aufgaben haben Ihre beiden Söhne Alexander und Manuel in Ihrem Betrieb?
Vor einigen Jahren gründeten wir die Tochterfirma Lakeside SA, welche sich mit dem Schweizer Vertrieb einiger ausgewählter Marken beschäftigt. Aktuell ist das Marantz, T+A und Tivoli. Alexander zeichnet für das Wohlergehen der Lakeside verantwortlich. Manuel betreut den Export für Piega, engagiert sich für die PR-Arbeit sowie die verschiedenen internationalen Veranstaltungen und Messen.
Der Onlinehandel hat den Markt gründlich verändert. Denken Sie, dass auch High-End-Produkte dereinst via Internet verkauft werden?
Es kommt mir nicht in den Sinn, Dinge online zu kaufen, die mir emotional wichtig sind. Die Vorstellung, ein Möbel- oder Kleidungsstück zu erwerden, welches ich nicht in natura gesehen habe, ist für mich ein Ding der Unmöglichkeit. Darum kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Hi-End-Produkte, die ja sehr viel mit Empfindungen und Gefühlen verknüpft sind, über den Internethandel abzuwickeln.
Wie viel Prozente Ihres Ausstosses werden heute über den Fachhandel und wie viel via Onlinehandel verkauft?
Im höheren Preissegment wird nahezu 100% über den Fachhandel verkauft.
Ist Ihrer Meinung nach die relativ hohe Fachhändlermarge bei Ihren Produkten gerechtfertigt? Und woraus besteht der Service, den die Fachhändler heute noch bieten?
Wenn man bedenkt, dass der Händler sowohl finanziell wie auch von der Infrastruktur viel anbietet, ist die Handelsmarge sicherlich gerechtfertigt. Man stelle sich nur einmal vor, wie sich das Stadtbild negativ verändern würde, wenn es keine Detailhändler mehr gäbe. Ich höre immer wieder von Endkonsumenten, die extrem froh sind, wenn sie eine auf ihre Bedürfnisse zugeschneiderte Individuallösung erhalten.
Denken Sie daran, dereinst selber Produkte bei Ihnen im Hause vorzuführen oder sogar diese auch im Hause zu verkaufen?
Wir haben schon heute Vorführmöglichkeiten und bieten diese als Dienstleistung auch an.
Wie viele Leute arbeiten in Ihrem Betrieb? Und wie wird sich die Zahl der bei Ihnen Angestellten in Zukunft entwickeln?
Unser Team ist schon seit Jahren plus/minus gleich gross. Piega beschäftigt rund 20 Angestellte. Eine Grösse, die sich gut bewährt hat. Ich gehe davon aus, dass sich unsere Betriebsgrösse in Zukunft nicht wesentlich verändern wird.
Besten Dank für das hochinteressante Gespräch.
Gespräch mit Piega-Entwickler Kurt Scheuch
Kurt Scheuch ist bei Piega für die Technik zuständig.Was ist die Idee hinter der Master Line Source 2?
Bei der Umsetzung der MLS 2 stand im Vordergrund, das Klangerlebnis der grossen MLS ohne nennenswerte Abstriche in einem Lautsprecher mit moderateren Abmessungen und einer attraktiveren Preisklasse anzubieten. Zudem war sehr wesentlich, dass der Lautsprecher in einem normalen Wohnraum problemlos platziert werden kann.
Worin unterscheiden sich Lautsprecher mit Punktschallquelle und solche mit Linienschallquelle? Und was sind die Vor- und Nachteile dieser Systeme?
Bei der Punktschallquelle wird, wie der Name schon sagt, das gesamte Musikspektrum aus einem Punkt halbkugelförmig abgestrahlt. Bei der Linienquelle erfolgt die Abstrahlung als eine Zylinderschallwelle. Der Vorteil beider Systeme ist die (bei richtiger Konstruktion) zeitgleiche Abstrahlung aller Frequenzen. Die Line Source vermeidet zudem Reflexionen von Boden und Decke.
Weshalb mussten hier neue Bändchen-Systeme konstruiert und gebaut werden, und was ist anders als bisher?
Die Line Source bildet sich ja aus kaskadierten Systemen. Wenn wir nun unsere Koax einsetzen würden, entstünde keine Line Source, sondern ein System mit vier einzelnen Punktschallquellen im Hochtonbereich, die sich natürlich gegenseitig negativ beeinflussen würden. Deshalb ist beim Line Source Driver der Hochtöner als langes Bändchen ausgeführt.
Was ist der Unterschied von einem Bipol- zu einem Dipol-Lautsprecher?
Bei einem Bipol wird der rückwärtige Schall phasengleich zum vorderen Schall abgestrahlt, beim Dipol ist es genau umgekehrt.
Wieso haben Sie bei der MLS 2 das Dipol-Prinzip gewählt?
Ein Dipol ermöglich zum einen die genaue Ortbarkeit der Schallquellen wie ein direkt strahlender Lautsprecher, hat darüber hinaus aber noch die Fähigkeit, die Musik so zu reproduzieren, dass man sich in die Musik integriert fühlt. Zudem entsteht gerade bei Live-Aufnahmen eine unglaublich echte Atmosphäre.
Was bewirkt der nicht unelegante Holzverhau auf der Rückseite der MLS 2?
Mit der Akustiklinse wird der rückwärtig abgestrahlte Schall von einer geraden kohärenten Wellenfront in ein diffuses Schallfeld transferiert.
Ist die MLS 2 einfacher als die grosse Master Line Source zu platzieren? Wenn ja, wieso?
Dank der Akustiklinse lässt sich die MLS 2 weitaus einfacher platzieren als die grosse MLS. Naturgemäss müssen Dipole für einen korrekten Betrieb im Idealfall in einem Drittel der Raumachse aufgestellt werden. Dies ist nun bei der MLS 2 erstmals bei einem Dipol-Lautsprecher nicht mehr nötig.
Was sind das für Bass-Chassis? Wie arbeitet das Bass-System und wieso keine BR-Öffnung?
Diese neuen Basstreiber fertigt Seas in Norwegen für uns. Das Bass-System arbeitet mit Passiv-Membranen und nicht mit einem Bassreflex-Rohr. Der Vorteil gegenüber einem Rohr ist bei der Passiv-Membrane das Fehlen von Luftgeräuschen im Rohr, und zudem hat man mit einer Passiv-Membrane mehr Parameter zur Verfügung, um das System perfekt abzustimmen. Negativ ist natürlich der höhere finanzielle Aufwand.
Wo werden die einzelnen Teile der MLS 2 hergestellt?
Die Line Source Driver in Horgen, die Gehäuse in Deutschland und die Basstreiber in Norwegen.
Werden die bei der MLS 2 gewonnenen Erkenntnisse eventuell auch in eine etwas kleinere und kostengünstigere MLS 3, die sich jedermann leisten kann, einfliessen?
Die überwältigenden positiven Kommentare an unseren Open Days haben uns darin bestätigt, dass wir diese Art Lautsprecher noch in weiteren Modellen umsetzen werden. Eine Frage zum Wie, Wann und Warum ist aber noch verfrüht.
Wie stand es mit der Aufgabenverteilung zwischen Ihnen und Ihrem genialen Techniker mit den goldenen Ohren, Daniel Raymann?
Meine Aufgabe besteht seit Längerem nur noch in der konzeptionellen Festlegung und der grundsätzlichen Konstruktion eines Systems. Die Umsetzung eines Projekts und die klangliche Abstimmung liegen grösstenteils in den Händen von Daniel Raymann.
Wie sieht der nächste grosse oder kleine Wurf von Ihnen aus? Haben Sie überhaupt noch neue Ideen, oder haben Sie schon alles gemacht, was man sich vorstellen kann?
Es steht sehr viel Neues an. Im Einzelnen kann ich dazu aber leider noch nichts sagen. Einen Mangel an neuen Ideen hatten wir die letzten 30 Jahre noch nie. Warum sollte sich dies auch ändern?
Besten Dank für das aufschlussreiche Gespräch.