Esoteric S-05.Esoteric hat sich in den letzten Jahren mit grossartigen Audioplayern mit mechanisch perfekten Laufwerken aus eigener Entwicklung und Produktion für CD und SACD hervorgetan. Mit der zunehmend kleiner werdenden Notwendigkeit, überhaupt noch ein Laufwerk zu benötigen, wurde das Player-Sortiment in Richtung der «Laufwerke ohne Laufwerk», sprich Netzwerk-Audioplayer mit oder auch ohne DA-Wandler erweitert.
Die Entwicklung eines Netzwerk-Audioplayers mit allem drum und dran inklusive Vorverstärker führte konsequent zum Esoteric N-05-XD und seiner Stereo-Endstufe Esoteric S-05. Letztere ist die kleinste Stereo-Endstufe von Esoteric (es gibt insgesamt vier Modelle). Gemeinsam mit dem integrierten Audioplayer Esoteric N-05-XD soll dem audiophilen Musikgeniesser eine Kombination präsentiert werden, die alle (oder die meisten) Ansprüche zu erfüllen vermag – mit nur zwei Geräten plus einem Paar Lautsprecher notabene.
Bevor wir hier zu stark auf Understatement machen, schauen wir zunächst einmal auf die finanziellen Folgen, bzw. was es für ein solches Projekt anzusparen gilt: Der Audioplayer Esoteric N-05-XD kostet 13'500 CHF. Die Esoteric S-05 Endstufe liegt bei 15'000 CHF. Wenn wir nun einen «würdigen» Lautsprecher ins Gefecht führen, dann passt ein Paar Wilson Yvette für 32'000 CHF ganz gut ins Bild. Wir liegen dann bei einem Systempreis von 60'500 CHF. Dazu braucht es noch anständige Kabel, Stromleisten und ein kleines Rack. Wir unterhalten uns also über einen Rahmen von +/-65'000 CHF. Das ist nicht jedermanns Sache, aber bestimmt auch nicht ungewöhnlich viel für das Hobby High-End-Audio.
Und so haben wir das getestet: Die Endstufe Esoteric S-05 im Umfeld Esoteric N-05-XD und Wilson Yvette. Der Fokus lag auf dem Endverstärker mit Einbezug beider Spielpartner.
Hochwertiges Anschlussfeld der Esoteric-S-05-Endstufe. Die konsequente Doppel-Mono-Konzeption ist gut lesbar.Die Endstufe Esoteric S-05 ist eine in Doppel-Mono ausgeführte Gegentakt-Endstufe in Class-A. Für die einen ist der Begriff Class-A neu, für die anderen eine klare Sache. Ob Erklärung oder Wiederholung, nachfolgend Grundsätzliches zu dieser Verstärkerschaltung:
Class-A-Schaltung am Beispiel des Esoteric S-05
Die Class-A-Schaltung wird sowohl bei Eintakt- als auch Gegentakt-Endstufen angewandt. Im Fall des Esoteric S-05 sind es Gegentakt-Endstufen. Die Class-A-Schaltung ermöglicht es, die Endtransistoren in einem besonders linearen Bereich arbeiten zu lassen. Also gerade in der Mitte des linearen Bereichs der Verstärkungskennlinie bipolarer Transistoren. Die Vorteile liegen auf der Hand: Transistoren sind prinzipiell nicht sehr linear (linear = gleiche Verstärkung bei allen Frequenzanteilen). In der Regel wird das über die sogenannte Gegenkopplung kompensiert. Diese Linearisierung bewirkt aber je nach Intensität der Gegenkopplung klangliche Nachteile, zum Beispiel Dynamik-Defizite.
Bei der Class-A-Schaltung wird der Arbeitspunkt der Ausgangstransistoren in die Mitte des linearen Teils der Transistorkennlinie gelegt. Anschaulich ausgedrückt: Die Emitter-Kollektor-Strecke befindet sich auch ohne anliegendes Musiksignal in einem Zustand, der – auf die Leitfähigkeit bezogen – ungefähr in der Mitte zwischen «Sperren» und «voller Leitfähigkeit» liegt.
Daher ist die Emitter-Kollektor-Strecke jedes Leistungstransistors immer stromführend. Dies führt zu einer erheblichen Leistung und Wärmeentwicklung – auch dann, wenn kein Musiksignal anliegt. Folge dessen müssen Endstufen mit Class-A-Schaltung grosszügig gekühlt werden – grosse Kühlkörper und gute Belüftung sind also wichtig.
Demgegenüber mutet die nutzbare Verstärkerleistung im Verhältnis zu der Abwärme gering an. Im vorliegenden Fall sind es 30 Watt pro Kanal (8 Ohm). Damit ähneln Class-A-Verstärker ein wenig den Röhrengeräten, wenn man Leistungsaufnahme, Abwärme und Nutzleistung in Betracht zieht. Punkto Dämpfungsfaktor, Impulsleistung und somit Basskontrolle sind sie den Röhrengeräten im Allgemeinen überlegen.
Kommt hinzu, dass der Energieverbrauch von Endstufen weniger toleriert wird als auch schon. Immerhin verbraucht der S-05 ohne ein anliegendes Audiosignal (ohne Musik) fast so viel Leistung wie mit Musik, nämlich 210 Watt. Es fliesst also so oder so fast 1 Ampère Strom. Aber dank der vorhandenen Energiesparschaltung geschieht dies ohne Musiksignal nur während 30 Minuten. Das kann man nicht ändern, aber die Energiesparschaltung des S-05 würde ich schon eingeschaltet lassen.
Betriebsarten
Der Esoteric S-05 kann asymmetrisch via RCA-Stecker (Cinch) oder symmetrisch mittels den XLR-Steckern angesteuert werden. Zusätzlich gibt es noch die ebenfalls symmetrischen ESL-A-Eingänge. ES-Link Analog ist ein proprietäres Übertragungsformat und eignet sich nur im Zusammenspiel mit kompatiblen Geräten, z. B. Vorverstärkern. Die Wahl der Eingänge erfolgt über einen Stufenschalter RCA – XLR – SL-A, um zu verhindern, dass nicht versehentlich mehr als eine Quellen die Endstufe speist. Das Umschalten sollte vor der Inbetriebnahme bei ausgeschaltetem Gerät vorgenommen werden.
Die im Bild sichtbaren Unterstellfüsse sind als Spikes ausgeführt. Die Spikes sind integriert und kontaktieren den Untersteller nach der Aufstellung felsenfest. Auf diese Weise kann man das Gerät ohne «Gefummel» mit Unterstellern platzieren.Die Lautsprecherausgänge sind für Bananenstecker, Kabelschuhe oder auch abisolierte Kabel zu gebrauchen.
Die S-05-Endstufe wird im Normalfall als Stereoendstufe eingesetzt, kann aber auch als Monoendstufe oder Bi-Amping-Endstufe eingesetzt werden. Der dafür vorgesehen Stufenschalter hat die drei Positionen STEREO - BTL - BI-AMP. Als Monoendstufe im Modus BTL eingesetzt, sind für Stereo natürlich zwei Esoteric-S-05-Endstufen erforderlich. Die Lautsprecher werden dann an den zwei jeweils aussenliegenden Ausgängen (rechts +, links -) angeschlossen. Das User Manual gibt Auskunft.
Als Bi-Amping-Endstufe betrieben, können Lautsprecher mit separat herausgeführten Hoch/Tiefton-Eingängen betrieben werden. Eine S-05-Endstufe versorgt dann den Hochtonpfad und den Tieftonpfad eines Lautsprechers separat. Die zweite Endstufe versorgt gleichermassen den zweiten Lautsprecher. Auch hier gibt das detaillierte User Manual Auskunft.
BTL- und Bi-Amping-Betriebe sieht man eher selten. Dennoch ist es bei einer Stereoendstufe dieses Kalibers Pflicht, diese Betriebsarten zu ermöglichen. Damit ist die Nachhaltigkeit des Produkts bei erweitertem Einsatz sichergestellt.
Traumhochzeit?
Der Audioplayer Esoteric N-05-XD ist zwar nicht im Mittelpunkt dieses Reviews, aber nicht von Ungefähr die digitale Quelle erster Wahl. Die Paarung wird von Esoteric klar empfohlen. Im Unterschied zu reinen Streaminggeräten stellt der Esoteric N-05-XD eine exzellente DA-Wandlung sicher und dazu noch die Funktion des Vorverstärkers. Die Schnittstelle am Ausgang ist dann ein quasi nahtloser Übergang zum S-05-Endverstärker.
Der kongeniale Audioplayer Esoteric N-05-XD. Er vereint Streaming, DA-Wandler und Vorverstärker.Natürlich verfügt der Esoteric N-05-XD auch über Digitalausgänge, womit er universell in jeder Audiokette eingesetzt werden kann. Als Schmankerl soll noch erwähnt sein, dass man sogar einen externen 10-MHz-Clock-Generator anschliessen kann. Im Unterschied zu einigen namhaften Herstellern, die punkto Konnektivität ihrer Audioplayer lieber auf Inzucht schwören, kann man Esoteric diesen Vorwurf gewiss nicht machen.
Der Volumenregler des Esoteric N-05-XD: Bei Betätigung leuchtet die dezente Ringbeleuchtung einen Moment lang auf.Das Einzige, was bei der Traumpaarung tunlichst vermieden werden sollte, ist es, den Esoteric N-05-XD auf die S-05-Endstufe zu stellen. Das sieht sehr fesch aus, keine Frage, aber die Class-A-Endstufe brutzelt dann mit gefühlten 50 Grad Celsius von unten – und das vermutlich nicht allzu lange. Getrenne Schlafzimmer sind für die Hochzeitsnacht ausnahmsweise von Vorteil. Die S-05-Endstufe muss frei stehen, das ist bei Class-A einfach so. Für den Esoteric N-05-XD findet man daneben oder in einiger Distanz das beste Plätzchen.
Beispiele der Nutzeroberfläche des Esoteric N-05-XD, die Esoteric Sound Stream App. Im Bild die Smartphone-Version. Alles ist einfach, informativ und sehr übersichtlich.
Die Track-Ansicht der Eosteric Sound Stream App: Grosses Kompliment für eine elegante und stimmige Gestaltung von Cover, Track, Interpret, Album und die Informationen zum Datenstrom.Ein Wort noch zur Sound Stream App von Esoteric: Die ist grosse Klasse! Sie ist einfach, übersichtlich und völlig intuitiv in ihrer Bedienung. Die Ansicht des Tracks oder Musikstücks ist zudem geradezu von künstlerischem Wert. Da hat sich doch tatsächlich einmal jemand die Mühe gemacht, etwas gestalterisch Eigenständiges zu kreieren. Schon die Fonts sind einfach Klasse.
Die Hörerlebnisse
Ich setzte mich erwartungsvoll vor eine gut eingespielte Kette bestehend aus dem Audioplayer Esoteric N-05-XD, der Endstufe Esoteric S-05 und ein Paar Wilson-Yvette-Standlautsprecher. Die Endstufe war gut handwarm, aber es war kein übermässiger Hotspot festzustellen, denn es gibt bei der sehr durchdachten Konstruktion der S-05-Endstufe keine Kühlkörper, die gegen aussen gerichtet wären. Das meiste spielt sich im Inneren ab und man spürt lediglich die Wärme aus der Zirkulation von unten aufsteigen. Die Class-A-Horrorgeschichten von früher kann man hier getrost vergessen.
Die gut eingespielte Kette bestehend aus dem Audioplayer Esoteric N-05-XD, der Endstufe Esoteric S-05 und ein Paar Wilson-Yvette-Standlautsprecher.Schon «Invisible String» von Taylor Swift offenbarte eine verblüffende Stimmigkeit. Der Song wirkte irgendwie «fluffy», wie ein wirklich frischer Donut. Ich bin versucht, dafür mit «Swinging Pop» ein neues Genre zu orten, dabei war das noch nicht der anspruchsvolle Teil. Dann konnte für einmal Hanne Boel den Regen nicht wirklich ausstehen: «I Can't Stand the Rain» überzeugt nebst einer Stimme, gerade wie Tina Turner, vor allem mit einem Hammer-Bass. Das Ganze ist sehr kontrolliert. Man braucht beim S-05 wohl keine Bange um den Bass zu haben.
Dominique Fils Aimé präsentierte dann den Klassiker «Stand by Me» als intime Ballade mit einem sich sanft aufbauenden Zusammenspiel weniger Akteure. Doch flossen sie ineinander hinein, zuerst Gesang und dann Bass und dann Piano, bis zu diesem schönen Chor, so richtig sanft anschwellend. Der Fluss in diesem Klanggeschehen war aussergewöhnlich und man konnte sich herrlich darin räkeln. Joe Sample versetzte mich mit «Black and White» zurück in die alten Crusaders-Zeiten, so unvergleichlich groovig und zugleich – altmodisch – mit ganz subtiler Perkussion, einschliesslich des perkussiv eingesetzten Pianos.
Spätestens an dem Punkt möchte ich dem S-05-Endverstärker eine hohe Detailverliebtheit attestieren, aber nur positiv, denn nichts verliert sich oder lenkt vom Wesentlichen ab. Denn John Lord machte mit seiner Version von «Respect Yourself» einen ganz mitreissenden Live-Auftritt, bei dem das Publikum nicht nur am Anfang oder am Ende zu hören ist, sondern sich unvermittelt ins Klanggeschehen einwebt. Das ist Feindynamik pur, immer präsent, auch wenn eigentlich die Post abgeht.
Und sie ging dann wirklich ab mit dem Led Zeppelin-Klassiker «Whola Lotta Love», interpretiert von Beth Hart: Es beginnt mit einem ganz gekonnten Riff mit zwei bis drei Gitarren plus Bass, dann eine Wahnsinns-Frauen-Rock-Stimme und etwa ab 1:30 kommt dann dieser Zwischenabschnitt mit einer faszinierenden Geräuschkulisse irgendwo weiter oben in den Bäumen, die sich aber immer mehr bedrohlich anfühlt – als ob sie von Stephen King komponiert worden wäre. Bei 3:06 setzt dann die Truppe wieder ein und rockt, als wäre es der letzte Tag.
Es ist sehr eindrücklich, wie die HiFi-Kette mit dem Hauptantrieb der Endstufe von Esoteric dieses komplexe Klanggewebe webt und auswirft, dabei aber keine Fehler zulässt – und auch garantiert nichts auslässt. Es mag viel mit der Class-A-Schaltungstechnik zu tun haben, aber insgesamt ist das einfach eine sagenhaft gute Endstufe: stimmig, fliessend und im Zusammenspiel mit dem Audioplayer eine tolle Kombination.
Fazit
Die Stereoendstufe Esoteric S-05 Class-A begeistert mit einem unverschämt schönen, fliessenden und organisch-musikalischen Klangbild und überzeugt mit hervorragender Verarbeitungsqualität und umfassenden Einsatzmöglichkeiten. In Kombination mit dem Audioplayer Esoteric N-05XD kann man wirklich von einer Traumhochzeit sprechen. Man braucht einfach wirklich gute Lautsprecher, damit sich das Potenzial entfacht. Und der Spass ist nicht billig. Man kann aber von einer guten Investition sprechen. Der emotionale Payback ist gewiss nicht zu unterschätzen.
Die Rollen unter den Wilson-Yvette-Lautsprechern haben nicht gestört und auch alles, was sonst noch rumstand, konnte die Freude nicht schmälern.