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Anglo-audiophile Kleinkunst

Test Rega Kyte Kompaktlautsprecher

Audiophile Lautsprecher made in UK waren einst ein Synonym für hohe Klangkultur. Inzwischen wird in Fernost gefertigt. Da erstaunt es, dass Rega mit den Kyte britische Kompaktboxen aus heimischer Fertigung lanciert. Wir haben sie getestet.

Von Martin Freund · 2. Juli 2021
Rega Kyte.Rega Kyte.

Rega gehört zu den wenigen britischen Herstellern, die ein breites Sortiment an HiFi-Equipment noch komplett auf der Insel fertigen. Insbesondere bei Lautsprechern ist dies die grosse Ausnahme, lassen doch fast alle Mitbewerber zumindest die bezahlbaren Preisklassen längst komplett in Asien produzieren. So verwundert es auch nicht, dass das bis anhin günstigste Boxenmodell von Rega, die RX-1, halt doch schon rund CHF 1000 (das Paar) kostet. Obwohl für ein Produkt «made in UK» durchaus preisgünstig, ist sie damit für HiFi-Einsteiger vielleicht noch ausser Reichweite.

Nun offeriert Rega die Kyte für lediglich CHF 599 (das Paar) und verdeutlicht damit den Anspruch, audiophile Lautsprecher «made in UK» für (fast) jedes Budget anbieten zu können. Um diesen Kampfpreis überhaupt möglich zu machen, entschied man sich für ein besonderes Fertigungsverfahren: Das Gehäuse der Kyte wird aus duroplastischem Phenolharz in einem aufwändigen Spritzgussverfahren hergestellt. Kunstharz vereint hohe Bruchfestigkeit, Härte und relativ gute Steifigkeit.

Um ein solches Gehäuse zu realisieren, unternahm Rega beträchtliche Anstrengungen und arbeitete mit einem spezialisierten britischen Unternehmen zusammen. Der Lohn der Investition: Die effektiven Materialkosten für das Gehäuse konnten drastisch gesenkt werden. Dennoch rechnet sich das nur bei hohen Stückzahlen, denn das Fertigungsverfahren (insbesondere das Herstellen der Gussform) ist sündhaft teuer. Rega ist jedoch optimistisch, mit der preisgünstigen Kyte ein erfolgreiches Produkt mit langem Lebenszyklus auf die Beine gestellt zu haben – ein Anspruch, den wir nach diesem Test auf jeden Fall bestätigen können.

Rundherum wohlgeformt: Das Kunstharzgehäuse der Rega Kyte verjüngt sich nach hinten – das Spritzgussverfahren macht dies möglich.Rundherum wohlgeformt: Das Kunstharzgehäuse der Rega Kyte verjüngt sich nach hinten – das Spritzgussverfahren macht dies möglich.

In Form gebracht

Ein klarer Vorteil des Spritzgussverfahrens besteht darin, dass die Designer beim Lautsprechergehäuse auch spezielle Formgebungen abseits vom rechteckigen Einerlei realisieren durften. So verjüngt sich die Rega Kyte nach hinten dezent, was sie optisch zierlicher (da weniger voluminös) erscheinen lässt. Der Verzicht auf parallele Wände hat zudem den Vorteil, dass stehende Wellen bei der rückwärtigen Schallabstrahlung des Tiefmitteltöners weniger zum Problem werden.

Natürlich benötigen die relativ dünnen Phenolharzwände zusätzliche Stabilisierungsmassnahmen. So verklebt Rega kurzerhand Keramikkacheln, die durch gekreuzte Verstrebungen quer und hoch abgestützt werden. Das Ergebnis ist eine verblüffend resonanzarme Gehäusekonstruktion, so dass selbst beim Lauthören kaum etwas vibriert. Man bekommt den Eindruck, dass dieses Gehäusematerial im Vergleich zu dickwandigen MDF- oder Spanplatten weniger Schallanteile zwischenspeichert und dann minim verzögert wieder abgibt. Das Resultat ist eine saubere Impuls- und Tieftonwiedergabe.

Zusätzliche Keramikplatten stabilisieren das Gehäuse. Sie werden kreuzförmig gegeneinander abgestützt.Zusätzliche Keramikplatten stabilisieren das Gehäuse. Sie werden kreuzförmig gegeneinander abgestützt.

Die Schallwandlerbestückung der Kyte kennt man so ähnlich schon von der Rega RX-1; sie stammt aus hauseigener Fertigung. Der 12,5-cm-Tiefmitteltöner mit der speziellen Papiermembrane verfügt im Falle der Kyte über eine vierlagige Schwingspule, welche die elektromagnetische Kraftübertragung verbessert. Für die oberen Frequenzlagen ist die bewährte ZZR-Hochtonkalotte zuständig. «ZZR» steht für «Zero Rear Reflection» und meint eine Konstruktion, in der die rückwärtig abgestrahlte Hochtonenergie durch eine spezielle Schallführung absorbiert wird. Unerwünschte Reflexionen auf die zierliche 20-mm-Kalotte werden dadurch vermieden.

Rega macht keine Angaben zur Art der Frequenzweiche. Gehörmässig kann man jedoch darauf schliessen, dass der Tiefmitteltöner bis relativ weit nach oben hin arbeitet. Ein sogenannter Phaseplug (feststehender Kegel im Zentrum der Membrane) verbessert die Abstrahlcharakteristik im Übergangsbereich zum Hochtöner. Dieser ist durch triangelförmige Plastikstreben vor neugierig zudrückenden Kinderfingern recht gut geschützt.

Ein abschraubbarer Sockel richtet die Kyte horizontal aus. Auf dem Typenschild prangt stolz: «Made in England». Darüber die individuelle Seriennummer.Ein abschraubbarer Sockel richtet die Kyte horizontal aus. Auf dem Typenschild prangt stolz: «Made in England». Darüber die individuelle Seriennummer.

Wandnah bevorzugt

Die Kyte sind sehr universell zu platzieren. So fühlen sie sich im Regal oder auf dem Lowboard besonders wohl. Allzu tief sollte man sie jedoch nicht aufstellen, sonst leidet die räumliche Abbildung in die Höhe. Hinten am Gehäuse ist ein stützender (abschraubbarer) Sockel angebracht, der die Schallwand in die Senkrechte bringt. Wir platzierten die zierlichen Kompaktboxen jedoch plan auf rund 55 cm hohen Ständern und goutierten die dadurch entstehende leichte Anwinklung der Schallabstrahlung nach oben hin. Verblüffend gut ist die seitliche Schallausbreitung der Boxen. Man kann die Kyte weit auseinander aufstellen und kommt in den Genuss einer breit aufgefächerten Stereoperspektive ohne jedes Loch in der Stereomitte.

Für eine druckvolle Basswiedergabe stellt man die Rega am besten wandnah auf. Trotz Bassreflexöffnung nach hinten neigt sie überhaupt nicht zum Dröhnen. Im Gegenteil: Einen so sauberen und konturierten Midbass bekommt man in dieser Preisklasse sonst selten zu hören. So verzichtet die Kyte auf die bei Kompaktboxen verbreitete Loudness-Abstimmung. Lautsprecherentwickler setzen gerne auf eine Midbassbetonung, die beim Leisehören für eine angenehme Klangfülle sorgt, bei höherem Pegel jedoch schnell mal unangenehm wird. Die Kyte agiert im Bass zwar eher schlank, dafür im gebotenen Übertragungsbereich sehr impulsschnell und linear.

Die zierliche Hochtonkalotte der Rega Kyte verfügt über ein exzellentes Auflösungsvermögen.Die zierliche Hochtonkalotte der Rega Kyte verfügt über ein exzellentes Auflösungsvermögen.

Die kleine Hochtonkalotte der Kyte verfügt über ein exzellentes Auflösungsvermögen, das fast schon an die Klasse eines Magnetostaten erinnert. Tonal agiert sie keineswegs «britisch diskret» (wie man es in der Vergangenheit vielleicht noch erwartet hätte), sondern ausgesprochen brillant und feinzeichnend. Tonal hinterlässt die Einstiegsbox der Briten insgesamt den Eindruck eines «High-Definition»-Schallwandlers, der eher auf gute Durchhörbarkeit und saubere Impulswiedergabe hin optimiert wurde als auf akustische Strohfeuer-Effekte, die manchmal gefallen, stellenweise aber auch auf die Nerven gehen. So gewöhnt man sich im Musikalltag sehr schnell an die zierlichen Kyte und akzeptiert sie als vollwertige Klangkünstler, die ganz selbstverständlich einen hohen Standard an Wiedergabetreue anbieten.

Grandiose Darbietung

Gut aufgelegter Spielpartner: Der Miniaturverstärker Rega io für nur 569 Franken.Gut aufgelegter Spielpartner: Der Miniaturverstärker Rega io für nur 569 Franken.

Wir kombinierten die Kyte mit dem formidablen Miniaturverstärker io aus gleichem Hause (Test: nachzulesen hier) und waren baff erstaunt, welches Ausmass an Klangkultur für insgesamt bescheidene CHF 1168 vom britischen Trio in die Wohnstube transferiert wurde. So wunderbare Klangfarben und eine solche räumliche Transparenz sucht man zu diesem Preis sonst vergeblich. Über einen externen DAC zugespielte HiRes-Files sprühten nur so vor Vitalität und Spielfreude – egal, welches Musikgenre man sich zu Gemüte führt. Vor allem die Stimmenwiedergabe ist unvergleichlich schön. Ans Limit kam die Kombi erst bei grossorchestraler sinfonischer Musik, wo im Orchestergetümmel dann doch mal dynamische Grenzen erreicht werden. Aber selbst bei harter Rockmusik liess sich die Kombi bis über Zimmerlautstärke nicht lumpen, selbst wenn die Kombi das «ultimative Brett» im Bass nicht abliefern konnte.

Legendäre Britpop-Aufnahme: Jethro Tulls «Songs from the Wood» von 1977.Legendäre Britpop-Aufnahme: Jethro Tulls «Songs from the Wood» von 1977.

Noch gehaltvoller wirkte die Schallplattenwiedergabe in Kombination mit einem Rega Planar 2. Alte britische Popscheiben von Jethro Tull, Gentle Giant oder Genesis erwachten auf wunderbare Art zu neuem Leben, ebenso Händels Wasser- und Feuerwerksmusik in einer Aufnahme der britischen Academy of Ancient Music. Schwer vorstellbar, dass man für einen Gesamtpreis von CHF 1787 noch mehr Klang bekommen könnte. Da bleibt sogar noch Geld für vernünftige Lautsprecherkabel.

Decca-Klassikaufnahmen aus den 70er- und 80er-Jahren klingen auf Vinyl auch heute noch ganz wunderbar.Decca-Klassikaufnahmen aus den 70er- und 80er-Jahren klingen auf Vinyl auch heute noch ganz wunderbar.

Wer sich einen Spass daraus machen möchte, kostspielige High-End-Lautsprecher zu düpieren, der kombiniere die Kyte mal mit teurer Elektronik. Wir hörten die Kyte nämlich zum Schluss an einer «fetten» Ami-Endstufe und stellten erfreut fest, dass die Kompaktboxen nochmal deutlich mehr Klangvolumen – besonders auch im Bass – generierten. Auch die Unmittelbarkeit der Ansprache wurde klar gesteigert, Gesangsstimmen ertönten fast schon atemberaubend livehaftig im Hörraum. Klare Sache: Die zierliche Kyte wird keineswegs bald schon zum schwächsten Glied in einer nach und nach aufgewerteten Wiedergabekette avancieren. Also eine Topempfehlung für «audiophile Einsteiger», die nachhaltig investieren möchten. Und ein weiterer Legenden-Anwärter aus den Hause Rega.

Noch ist sie ein audiophiler Geheimtipp: Die Rega Kyte für 599 Franken.Noch ist sie ein audiophiler Geheimtipp: Die Rega Kyte für 599 Franken.
Steckbrief
Modell:
Kyte
Profil:
Zierliche Kompaktbox mit besonderem Gehäuse im Phenolharz-Spritzgussverfahren. Klingt erstaunlich fein, brillant und hoch aufgelöst. Ihre grosse Stärken hat die Kyte bei der räumlichen Abbildung: Die Stereoperspektive ist ganz hervorragend, das Klangbild entfaltet sich dreidimensional im Hörraum. Der kleine Tiefmitteltöner produziert bei relativ wandnaher Aufstellung einen sauberen und impulsschnellen Midbass.
Pro:
Tolle Feinzeichung.
Überdurchschnittlich gute räumliche Transparenz.
Klingt sehr offen und verfärbungsfrei.
Erstaunlich günstiger Preis.
Made in UK
Contra:
Ausschliesslich in Schwarz erhältlich.
Preis:
599.00 CHF
Hersteller:
Rega
Jahrgang:
2021
Vertrieb:
Audiosphere GmbH
Masse:
188 x 325 x 232 mm
Gewicht:
3,73 kg
Farbe:
Schwarz
Bass:
12,5-cm-Papiermembrane
Bauprinzip:
Bassreflex
Impedanz:
6 Ohm
Maximale Leistung:
80 Watt
Wirkungsgrad:
89 dB
Onlinefassung: https://www.avguide.ch/testbericht/test-rega-kyte-kompaktlautsprecher-anglo-audiophile-kleinkunst
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