Erst- oder Nachpressung?Von J. I. Agnew, Agnew Analog
Der Herstellungsprozess von Vinyl-Schallplatten besteht aus drei Hauptstufen: Mastering, Beschichtung und Pressung. In der Mastering-Phase wird die Aufnahme von dem Medium, auf dem sie gespeichert war, zum Beispiel mit einer Neumann-Plattenschneidemaschine auf die Rillen einer leeren Master-Disk (auch Masterfolie genannt) übertragen. In der guten alten Zeit verwendete man dafür das Masterband, danach eine Vielzahl digitaler Formate.
Mastering-Prozess
Um sicherzustellen, dass das Programmmaterial mit der Darstellung in der Rille der Schallplatte kompatibel ist, kann eine Master-Klangbearbeitung vorgenommen werden, die die ursprüngliche Aufnahme verändert, um jeweils eines der folgenden zwei Ziele zu erreichen:
Erstens: Wenn das Ziel die ultimative Klangqualität ist und die Kosten keine Rolle spielen (ein sehr seltener Fall, sowohl damals als auch heute), sollen die normalerweise sehr minimalen Änderungen, die während der Mastering-Phase vorgenommen werden, die Stärken des jeweiligen Mastering-Systems mit dem gegebenen Material hervorheben. Die Änderungen sollen sicherstellen, dass die LP so gut wie möglich klingt, wenn sie von der Rille des Endprodukts wiedergegeben wird.
Zweitens: Bei geringem Budget dient die Signalbearbeitung oft nur dazu, den empfindlichen Schneidkopf der Plattenschneidemaschine vor Beschädigungen zu schützen, ohne Rücksicht darauf, wie sich dies auf die Klangqualität auswirken könnte.
Beide Möglichkeiten gelten für jede Remaster-Klangbearbeitung.
Die Kontrolle einer Mutter.Wenn ein Album später neu gemastert wird, geht die Aufnahme erneut in die Mastering-Phase, um einen neuen Satz von Master-Disks zu erstellen. Die Master-Disk wird meistens auf Lackfolien (mit Lack beschichtete Aluminiumscheiben) geschnitten. Die Master-Disk kann seit Beginn der 1980er-Jahre auch im Direct-Metal-Mastering-Verfahren auf einer DMM-Master-Disk (eine mit Kupfer beschichtete Edelstahlplatte) entstehen. Die neuen Master-Disks können aus einer anderen Quelle, mit anderen Geräten, von einem anderen Techniker oder in einer anderen Einrichtung hergestellt worden sein.
In den meisten Fällen ist ein Remastering erforderlich, weil die ursprüngliche DMM-Disk oder die Lack-Master-Disk weggeworfen wurde oder verloren gegangen ist. Wenn sie beschädigt wurden oder sich verschlechtert haben, wird ein neuer Satz von Master-Disks benötigt, um neue Sätze von Stampern (Pressmatrizen) für eine Neuauflage zu erstellen.
Obwohl alle neu gemasterten Schallplatten auch Neuauflagen sind, sind nicht alle Neuauflagen auch neu gemastert(!). Rein technisch gesehen ist das Remastering-Verfahren an sich keine Garantie für bessere Ergebnisse. Es bedeutet lediglich, dass das Endprodukt anders klingen kann als die Originalmaster.
(Im «Copper Magazine» 92 beschreibt J. I. Agnew Probleme beim Herstellen der Master-Disc.)
Galvanik und Stamper für das Presswerk
Die Master-Disc gilt als ein Positiv, weil sie sich kontrollieren und am Plattenspieler abspielen lässt. Nach dem Schneiden der Master-Disk – unabhängig davon, ob es sich um Originalmaster oder um das Produkt eines Remasters handelt – wird dieses Positiv zur Beschichtung mit einem Silberfilm und anschliessend mit einer festen Nickelschicht mittels elektrolytischen Galvanik-Prozessen bearbeitet. Am Ende dieser ersten Abdruck- und Galvanisierungsprozesse steht eine Nickelplatte als Negativ. Das ist der Vater. Mit den gleichen Arbeitsschritten in der Galvanik wird ein Positivabdruck von dieser Nickelplatte als Metall-Mutter galvanisiert. Erst aus dieser Mutter (Positiv) werden die Stamper (Negativ) als Söhne gezogen, mit denen man dann im Presswerk die Mehrfachkopien der Schallplatte presst.
Eine DMM (Direct Metal-Master-Disc) wird direkt als Mutter benutzt, von der die Stamper gezogen werden. Damit fallen zwei Prozessschritte in der Galvanik weg, die möglicherweise fehlerbehaftet sind.
Beschriften einer Mutter.Mit einem Satz Stamper können höchstens ein paar tausend Platten gepresst werden. Dies schafft eine interessante Situation. Ein international bekannter Künstler konnte in den 1970er-Jahren in Erwartung der Verkaufszahlen leicht eine «Erstpressung» von mehreren hunderttausend Exemplaren vornehmen lassen. Diese «Erstpressung» wäre mit einem einzigen Satz Stamper nicht möglich und würde höchstwahrscheinlich auch mehrere Sätze von Master-Disks, mehrere Sätze von Vätern und Müttern und mehrere Sätze von Stampern als Söhne erfordern, die für unterschiedliche Presswerke angepasst sind.
Je nach den Standards der Qualitätskontrolle könnten sich die Stamper dieser ersten Pressung qualitativ mehr oder weniger stark unterscheiden. Eine «zweite Pressung», die ein paar Monate später vorgenommen würde, um die Nachfrage zu befriedigen, würde nicht zwingend grössere Unterschiede zum Original aufweisen, als die Proben innerhalb der ersten Pressung.
Setup zur Kontrolle der Master-Disc.Umgekehrt könnte ein Künstler, der am Anfang seiner Karriere steht, eine erste Pressung von nur 300 Exemplaren bestellen, um den Verkaufserfolg zu testen. Wenn sie sich verkaufen, würde eine Nachpressung von, sagen wir, weiteren 300 Exemplaren erfolgen, wobei derselbe Satz von Stampern wie bei der Erstpressung verwendet wird. Theoretisch wären die klanglichen Unterschiede in diesem Fall, wenn überhaupt, nur äusserst gering.
Ich habe jedoch persönlich zwei entgegengesetzte Extreme bei unvorhergesehenen Umständen erlebt: In einem Fall wurden die Stamper zwischen der ersten und zweiten Pressung versehentlich beschädigt. Dies führte zu Geräuschen und Verzerrungen beim gesamten zweiten Pressvorgang. Aber auch der umgekehrte Fall ist möglich.
In einem anderen Fall hatten sich während der ersten Pressung winzige PVC-Teile auf dem Stamper festgesetzt, die an einer bestimmten Stelle in der Musik (während einer ruhigen Passage) ein kleines Knacken verursachten. Dieses Knacken war bei etwa der Hälfte der Platten der ersten Pressung deutlich zu hören. Für die Neupressung wurden die Stamper sorgfältig gereinigt, sodass die Neupressung tatsächlich besser klingt als die erste Pressung, bei der derselbe Satz von Stampern verwendet wurde.
Zentrierung des Mittellochs
Während der Galvanisierungsphase können aus einer Mutter mit metallischer Nickelbeschichtung mehrere Stamper erzeugt werden. Das Ersetzen eines abgenutzten oder beschädigten Stampers durch einen neuen führt in der Regel zu einer erheblichen Verbesserung der Klangqualität. Aufgrund der Art des Galvanisierungsprozesses geht jedoch die ursprüngliche «Mitte», die zentrale Lage des Mittellochs, verloren, sodass jeder Stamper einzeln manuell mit optischen Messinstrumenten neu zentriert werden muss.
Lack-Master-Disc.Auf diese Weise wird die Position des Mittellochs der Schallplatte festgelegt, die im Idealfall perfekt konzentrisch zur Rillenspirale ist. In der Praxis gibt es jedoch Fertigungstoleranzen.
Da die Stamper sicher an den Formen einer hydraulischen Presse befestigt werden müssen, ist das gestanzte Loch am Stamper im Durchmesser grösser als das Mittelloch der Schallplatte. So kann eine Hülse verwendet werden, um den Stamper von der Mitte aus zu spannen. Dadurch entsteht die charakteristische Markierung um das Mittelloch herum, die sich unter dem Papieretikett befindet. Ein Stift, der in der Buchse läuft, legt das Mittelloch auf dem Endprodukt fest.
Die Zentrierung des Stampers ist also nur eine indirekte Festlegung eines Zentrums. Die kumulativen Fehler bei der Zentrierung der Matrize, der Montage an der Form und die geometrischen Fehler der Hülse bestimmen die Rundlauftoleranz des Endprodukts. Daher kann eine neue Pressung zwar einige Aspekte der Klangqualität verbessern, aber auch zu Mittenabweichungen führen, was ein anderes Problem darstellt. Umgekehrt kann es aber auch vorkommen, dass die neue Matrize besser zentriert ist als das Original, sodass die neue Pressung wesentlich besser klingt als die erste.
Presswerk
Zu guter Letzt geht es um die Pressung selbst. Eine Neupressung erfolgt oft erst Jahre später, in einem anderen Presswerk, manchmal in einem anderen Land. Es werden unterschiedliche Pressen benutzt, die sich in unterschiedlichem Verschleisszustand befinden. Sie verwenden unterschiedliche Dampf-, Wasser- und Hydraulikanlagen, die unterschiedlichen Klimabedingungen ausgesetzt sind, die unterschiedliche neue oder recycelte Vinylmischungen verwenden und enorme Unterschiede in der Qualifikation der Bediener und bei den internen Fertigungsstandards aufweisen.
Sie haben alle einen riesigen Einfluss auf den Klang des Endprodukts. Schon die Verwendung einer anderen PVC-Mischung macht einen Unterschied. Es ist äusserst schwierig von aussen zu beurteilen, ob die Originalpressung oder eine spätere Nachpressung eine bessere Klangqualität bieten wird, wenn man nicht weiss, wo und wie sie gemacht wurde.
(Im «Copper Magazine» 93 beschreibt J. I. Agnew Probleme beim Galvanisieren und Pressen.)
SMT-Pressmaschine.Klangqualität
Sammlerstücke, bei denen Schallplatten keine Ausnahme bilden, werden nicht unbedingt wegen ihrer Brauchbarkeit gekauft. Angeberei mit dem Besitz eines raren Produkts wird oft viel mehr geschätzt als die Klangqualität. Mir persönlich ist die Klangqualität wichtiger als alles andere. Ein Remaster oder eine Neuauflage kann besser oder schlechter sein als das Original, was von einer Vielzahl von Faktoren abhängt, wie ich oben beschrieben habe.
In der Regel ist es ein Qualitätszeugnis, wenn ausführliche Informationen über den Prozess angeboten werden und bestimmte Personen genannt werden, die ihn durchgeführt haben. Wenn keine Informationen dazu zu finden sind, gibt es bei Nachpressungen in den meisten Fällen nichts Aufregendes zu sagen. Würden Sie eine Schallplatte kaufen, die wie folgt beworben wird: «Remastered mit automatisierten Einstellungen durch denjenigen, der zufällig die Nachtschicht hatte, und dann gepresst ohne jegliche Qualitätskontrolle und am billigsten Standort, den wir finden konnten?»
Wenn auf der Neuauflage einfach nur «Remastered» steht, sieht das wahrscheinlich besser aus, was das Marketing angeht, kann aber das Beschriebene beinhalten. Eine Originalpressung bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sie nicht von einem neuen Auszubildenden während der Nachtschicht gemastert werden musste.
Richtige Informationen zum Produktionsprozess sind der Schlüssel, um abschätzen zu können, wie hoch die Erwartungen in das Produkt sein können. Diese Verfügbarkeit von Informationen schafft für mich eine Möglichkeit, um den Wert eines Produkts zu bestimmen. Marketing ist ja ganz nett, aber es ist die wirkliche Substanz dahinter, die eine Schallplatte gut oder schlecht klingen lässt.
Der Autor des Beitrags, J. I. Agnew, bei der Arbeit.Über Agnew Analog
«Ein einschlägiger akademischer Hintergrund, eine lebenslange Leidenschaft für Audio und solide praktische Erfahrung bilden die Grundlage für den traditionellen technischen Ansatz von Agnew Analog. Wir reparieren, restaurieren, modifizieren, entwerfen und bauen alles, was mit analogen Plattendrehbänken, analogen Bandmaschinen und Vakuumröhrenelektronik zu tun hat. Zu unseren Fachgebieten gehören: Drehbänke und Schneidköpfe für analoge Schallplattenaufnahmen, Plattenspieler und Tonarme, Kassetten und Vinylschallplatten, Magnetbandgeräte und -Wiedergabegeräte, Vakuumröhrenelektronik, alte Laborgeräte, Präzisionswerkzeugmaschinen, Optik, Transformatoren und Induktoren.»
***
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Autors J. I. Agnew und der AAA-Switzerland.