Sony hat ihr gesamtes neues Sortiment an Wechselobjektiv-Systemkameras mit A- und E-Bajonettanschluss einheitlich in „Alpha“ umbenannt und qualitativ erweitert. Die spiegellose NEX-Familie wird durch die spiegellosen Alpha-Modelle A3000, A5000 und A6000 abgelöst. Das sind alles sehr kompakte Konstruktionen mit APS-C-Sensoren und E-Bajonett.
Hinzu gekommen ist auch eine neue spiegellose Alpha-Topmodell-Linie mit KB-Vollformat-Sensoren – im kompakten analogen Spiegelreflex-Retro-Outfit der späten 70er-Jahre. Der Start erfolgte mit zwei zumindest äusserlich baugleichen Alpha-KB-Modellen, der A7 mit 24 Megapixel-Sensor und der von uns getesteten A7R mit 36 Megapixeln.
Diese Modellpolitik bei spiegellosen Systemkameras hat zuvor schon Olympus eingeschlagen: Die PEN-Familie für Kompaktkamera-Umsteiger und die Retrodesign-OM-D-Linie für die noch ambitionierteren Fotoamateure. Beide mit (kleineren) Four-Thirds-Bildsensoren bestückt.
Im Gegensatz zu Olympus setzt Sony bei ihren zwei spiegellosen Alpha-Familien jedoch auf zwei unterschiedlich grosse Bildsensoren: APS-C sowie KB-Vollformat. Damit verbunden sind auch zwei unterschiedlich ausgelegte Objektiv-Familien, mit kompatiblem E-Bajonett.
Da nun alle Spiegellosen bei Sony das bisherige E-Bajonett (E-Mount) der NEX-Modelle nutzen, können alle bereits vorhandenen E-Objektive direkt eingesetzt werden. Allerdings schalten die neuen KB-Vollformat-Alphas dann auf das kleinere APS-C-Format um. Die Auflösung sinkt entsprechend.
Hinzu kommt eine hochwertige neue FE-Objektiv-Reihe mit E-Bajonett, die speziell für das grössere KB-Format gerechnet wurde. Zu Beginn gibt es da nur fünf verschiedene Brennweiten. Bis hier die FE-Auswahl genügend gross ist, lassen sich die Vollformat-A-Objektive über den neuen Vollformat-E-Adapter auch an der spiegellosen A7 und A7R nutzen.
Die von uns getestete Alpha 7R hat als erst zweites Topmodell nach der Nikon D800E einen 36-Megapixel-KB-Sensor ohne optischen Tiefpassfilter. Das stellt die Kamera-Elektronik wie auch alle Objektive vor grosse Herausforderungen.
Ausstattung und Bedienung
Im kompakten und SLR-ähnlichen Retro-Gehäuse aus einer Aluminium-Magnesium-Legierung steck also ein sehr hoch auflösender CMOS-Bildsensor im grossen KB-Format (24 x 36 mm). Ergänzt wird das gegen Staub- und Spritzwasser abgedichtete Gehäuse durch einen im Sucherhöcker integrierten OLED-EVF (Electronic View Finder) mit sehr hoher Auflösung.
Ein Multifunktion-Zubehörschuh sitzt auf dem EVF-Höcker. Einen eingebauten Blitz sucht man dagegen vergebens. Auch auf einen eingebauten Bildstabilisator nach dem Sensor-Shift-Prinzip, wie bei den SLT-Systemkameras von Sony üblich, wird verzichtet. Bei den spiegellosen Alpha-Systemkameras muss der Bildstabilisator ins Objektiv integriert werden.
Das rückseitige scharfe 3-Zoll-LCD ist ausklapp- und anschliessend nach oben (90 Grad) und unten (45 Grad) schwenkbar. Auf ein Touchscreen wurde hingegen verzichtet. Die Bedienung der Alpha-7-Modelle erfolgt einerseits über klassische Drehräder und -schalter oben am Gehäuse wie auch über Tasten und ein kleines Drehrad mit Kreuzwippe und OK-Taste auf der Rückseite, rechts vom Display.
Das ganze Kamera-Menü ist sehr umfangreich und trotzdem noch ziemlich übersichtlich gestaltet. Via die Fn-Taste lässt sich zudem ein kleines Bildschirm-Menü ins Live-Bild am LCD oder EVF einblenden. Danach können über Kreuzwippe und Drehrad bis zu zwölf Funktionen angewählt und eingestellt werden. Die Auswahl und der Umfang sind abhängig vom gewählten Programm-Modus. Drei frei belegbare Custom-Tasten sind auch noch vorhanden.
Den Autofokus (AF) hat Sony bei der günstigeren A7 auf dem 24-Megapixel-Bildsensor „hybrid“ gelöst: 117 Phasen-Messpunkte und weitere 25 für den Kontrast-AF. Bei der getesteten A7R arbeitet der AF dagegen nur mittels Kontrastmessungen an 25 Punkten am 36-Megapixel-Bildsensor (Kontrast-AF). AF-Bereich, -Feld oder -Punkt sowie Art des AF sind jeweils wählbar.
Bei „Manual Focus“ gibt es Assistenten zum Scharfstellen – eine konfigurierbare Fokuslupe oder das Fokus-Peaking, das Kontrastkanten innerhalb des Schärfebereichs farbig markiert. Das ist dann speziell hilfreich, wenn Fremdobjektive über Adapter angeschlossen sind. So wird die A7R etwa zum Systemträger für hochwertige Optiken des Leica-M-Systems.
Abgesehen davon sind die beiden spiegellosen Alpha-7-Kameras in Funktionalität und Ausstattung nahezu identisch. Dazu gehört auch die Fähigkeit zur Drahtloskommunikation über WLAN und NFC. Damit die Fernsteuerung klappt, sind zuvor noch die passenden Sony-Apps auf einem Smartphone oder Tablet zu installieren.
Handling in der Praxis
Kenner der Vollformat-Materie sind erst einmal von der Kompaktheit des schlichten aber funktional gehaltenen SLR-Retrodesign-Gehäuses beeindruckt. Da profitiert das grosse KB-Format eindeutig vom Wegfall des Rückschwingspiegels und Sucherprismas einer echten DSLR. Die elegante Alpha 7R liegt trotzdem gut in der Hand.
Gegen eine A7R (und A7) wirken selbst viele APS-C-DSLR wie Ballast, von den Vollformat-DSLR ganz zu schweigen. Diese zwei KB-Alphas sind punkto Gehäusegrösse in etwa so handlich wie die spiegellosen MFT-System-Modelle von Olympus (OM-D) und Panasonic (G/GH).
Das kompakte Gehäuse fordert aber auch seinen Tribut: Mit einem vollen Kamera-Akku sind nur magere 270 Aufnahmen möglich, wenn man durchgängig mit dem EVF fotografiert (gemäss CIPA-Standard).
Als äusserst praktisch hat sich das ausklappbare LCD erwiesen, wenn man unkonventionelle Perspektiven nutzen möchte. Im Normalfall blickt man durch den hoch auflösenden und sehr scharfen OLED-EVF mit 100-Prozent-Bildfeldabdeckung.
Am Programm-Wahlrad auf der Oberseite gibt es direkten Zugriff auf die Standardprogramme (Auto, P, A, S), manuelle Betriebsart, Motivprogramme (Scenes), Schwenkpanorama, zwei Programmspeicher und den Videomodus.
In Full-HD werden bis zu 50 Vollbilder pro Sekunde aufgezeichnet. Die HDMI-Schnittstelle gibt Videodaten unkomprimiert weiter. Ein optionaler XLR-Adapter erlaubt den Anschluss professioneller Mikrofone. Der Stereoton lässt sich manuell aussteuern.
Der kontinuierliche Autofokus der A7R arbeitet im Videobetrieb nahezu geräuschlos, ohne Pumpen und Ruckeln. Im Fotobetrieb funktioniert der Kontrast-AF bei genügend Licht recht zügig und treffsicher. Bei weniger Licht ist er eher lahm und unsicher. Die Auslöseverzögerung inklusive AF-Zeit ist dann auch nicht mehr Schnappschuss-tauglich. Das können die derzeit schnellsten spiegellosen Systemkameras aus dem MFT-Lager merklich besser.
Auch ist die Bildserie-Geschwindigkeit mit knapp 4 Fotos pro Sekunde (in höchster Auflösung) und ohne AF-Nachführung nichts für Sport- und Action-Fotografen. Das mechanische Verschlussgeräusch der A7R klingt zudem markant und deutlich lauter als bei den meisten anderen Spiegellosen.
Bildqualität
Was beim KB-Vollformat zwingend folgt, ist das Thema passende Objektive. Hier sind mehr Grösse und Gewicht wie auch höhere Kosten einzuplanen. Speziell dann, wenn es um hohe Qualität in Verbindung mit hoher Lichtstärke geht.
Wahrlich nicht günstig aber handlich sind die neuen FE-Festbrennweiten von Carl Zeiss, das Sonnar T* 2,8/35 mm und das Sonnar T* 1,8/55 mm, welches im Test zum Einsatz kam. Punkto Bildstabilisierung im Objektiv müssen die beiden Zeiss leider ohne auskommen.
Bestückt man eine A7R damit und möchte nun möglichst oft von der spektakulären Auflösung des 36-Megapixel-Sensors profitieren, sollte man bei nicht mehr genügend hellen Lichtverhältnissen gleich zum Stativ greifen. Leichte Unschärfen durch geringfügiges Verwackeln sind schnell geschehen.
Die Konstruktion der ganzen Zeiss-Optik ist hochwertig. Doch selbst die Abbildungsleistung des Sonnar T* 1,8/55 mm erreicht die vom Bildsensor bei ISO 100 vorgegebene extreme Auflösung nicht. Farbsäume an kontrastreichen Kanten sind hingegen kaum vorhanden.
Verzeichnungen an geraden Linien erkennt man auch kaum. Die zuschaltbare elektronische Objektivkorrektur bügelt diese noch ganz weg. Bildecken- und Randabschattungen (Vignettierung) sind bei offener Blende 1,8 und grossen Flächen hingegen gut sichtbar, um zwei Stufen abgeblendet dann bereits unauffällig. Die zuschaltbare elektronische Objektiv-„Schattenaufhellung“ reduziert dieses Manko schon bei offener Blende merklich.
Das Rauschverhalten und die Detailauflösung der A7R sind bis ISO 3200 extrem gut, bis ISO 6400 immer noch gut. Erst ab ISO 12’800 wird es störend – hauptsächlich, wenn man Bildausschnitte bei 100 Prozent Auflösung am Bildschirm betrachtet. Auf Papier gedruckt sind diese ISO-Bereiche immer noch nutzbar, wenn auch nicht mehr im Grossformat.
Die Belichtungskonstanz und Zuverlässigkeit der Matrix-Belichtungsmessung ist ebenfalls sehr gut. Sie lässt sich selbst bei starken Kontrasten kaum zu Fehlbelichtungen hinreissen. Das gilt auch für den automatischen Weissabgleich.
Fazit
Erstes KB-Vollformat-Standardzoom an einer Alpha 7R: Das Carl Zeiss Vario-Tessar T* FE 24–70 mm ZA OSS mit konstanter Lichtstärke 1:4. Die Bildstabilisierung „Optical Steady Shot“ im Objektiv reduziert die Verwacklungsgefahr deutlich. Preis: 1450 Franken.Über alles gesehen erscheint uns die Sony A7 mit ihrem 24-Megapixel-Sensor und Hybrid-AF die richtige Wahl für hochwertige Reportagen unterwegs und auf Reisen. Die hier getestete Sony A7R mit ihren 36 Megapixeln ohne optischen Tiefpassfilter hingegen ist eher was für absolute Fans höchster Auflösung und Schärfe. Eventuell sogar schon eine Mittelformat-Alternative auch für Profi-Fotografen.
Die Bildqualität der A7R liegt weit über dem Durchschnitt und spielt in der höchsten KB-Vollformat-Liga problemlos mit. Das gilt oft auch für Full-HD-Videos bei 1080p50-Einstellung und konstantem AF, sowie mit Fixfokus oder manuellem Fokus. Nur auf Sport- und sonstige Action-Shootings sollte man besser verzichten. Da ist sie mit ihrer Serienbild- und Autofokus-Geschwindigkeit definitiv zu langsam.
Alpha-7R-Fotografen müssen aber noch genügend Geld für weitere FE-Objektive einkalkulieren, um die theoretische Abbildungsleistung der Systemkamera auch in der Praxis in etwa nutzen zu können. Zudem sollten diese bereit sein, oft ein Stativ mitzuschleppen – um letztendlich die teuer erkaufte Leistung bestmöglich in den Bildresultaten wieder zu finden.