Hans Jürg Baum besuchte die Firma Piega in Horgen und sprach mit den beiden Gründern von Piega.
Leo Greiner meint zu seinem Partner Kurt Scheuch: Wir sind komplett verschiedene Menschen.Herr Greiner, jeder erfolgreiche Betrieb muss einen Chef der Finanzen und einen Chef der Technik haben, sonst geht er früher oder später pleite. Seit dem Start von Piega im Jahre 1986 sind Sie nun als Chef der Finanzen bei Piega tätig. Was waren ihre wichtigsten Erlebnisse, die Sie prägten? Und was sind Ihre daraus gewonnenen Erkenntnisse?
Als wir die PIEGA gründeten, machten wir Marktumfragen bei anderen Lautsprecherherstellern. Nach deren Angaben erschien der Markt 5x so gross, als er sich dann in Tat und Wahrheit präsentierte. Die Lehre, die wir daraus zogen, war den eigenen Vorgaben zu vertrauen und den eigenen Weg zu beschreiten. Unser simpler Leitspruch war von Beginn weg: Nicht mehr Geld ausgeben als man einnimmt. Das war in den Anfangsjahren allerdings nicht ganz einfach.
Wie möchten Sie die Zusammenarbeit mit Ihre Kompagnon Kurt Scheuch beschreiben?
Da wir komplett verschiedene Menschen sind, konnte jeder seine Fähigkeiten einbringen. Dies ergab eine glückliche Ergänzung, die für die PIEGA ausserordentlich fruchtbar war. Wichtig erscheint mir, dass auch im Erfolg die Bescheidenheit blieb, und der Leitsatz "Das Team ist der Star" befolgt wurde.
Wenn ich so in Ihrem Betrieb herumschaue, sehe ich nur gutgelaunte Mitarbeiter. Was machen Sie, dass die Stimmung in Ihrem Betrieb so gut, ja geradezu familiär ist?
Einer unserer Leitsätze bei der Gründung von PIEGA war, dass die Arbeit Freude bereiten soll. Wir haben keine starren Regeln. Unsere Mitarbeiter haben sehr viele Freiheiten, die aber nicht missbraucht werden dürfen. Manchmal ist das eine etwas heikle Gratwanderung, um die Gerechtigkeit zu erhalten. Ich glaube so eine Arbeitsform funktioniert nur in einem Kleinunternehmen.
Premium Serie als Renner
Mit welchen Produkten verdient Piega momentan am meisten Geld?
Unser starkes Marktsegment ist die Preisklasse Fr. 1000.- - 5000.- pro Lautsprecher. Der Renner ist die Premium Serie.
Bei welchen Produkten legen Sie Geld drauf?
Wir haben vor einigen Jahren eine Master Serie lanciert. Diese Modelle unterliegen keinem wirtschaftlichen Druck. In der Master Serie werden kompromisslos Lautsprecher entwickelt, die sowohl technisch als auch von den verwendeten Materialien kein "return of investment" erwarten lassen.
Ist der Klang überhaupt noch ein Thema, oder geht es nur noch um das Design?
Die Stärke von PIEGA war und ist die Kombination von Optik und Wiedergabequalität. Uns ist es ein Anliegen, dass sich der Lautsprecher harmonisch, ohne dominant zu wirken, im Wohnraum integriert. Unser Leitspruch: "Das Auge hört mit."
Wie wichtig sind die Frauen bei der Wahl der Boxen und worauf achten diese am meisten?
Aus Erfahrung wissen wir, dass die Frau im Wohnraum das Sagen hat. Wir sind glücklich zu wissen, dass die Frau bei der Lautsprecherwahl häufig auf unserer Seite ist.
Berücksichtigt Piega bei der Konstruktion der Boxen die Wünsche der Frauen? Und wenn ja, wie ?
Wir versuchen nicht krampfhaft eine "Frauendesign" zu fertigen. Wir glauben, dass sich ein gutes, klassisch zeitloses Design, das sich an der Bauhaus Architektur anlehnt, perfekt in geschmackvolle Wohnräume integriert.
Keine China-Produktionen
Weshalb produzieren Sie immer noch keine einzige Box in China?
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die Produktion dort stattfinden sollte, wo auch unsere Verkaufskanäle sind. Wir beziehen allerdings einzelne Komponenten aus China, weil dort mittlerweile ein Monopol herrscht; zum Beispiel das Magnetmaterial Neodym, wo die Weltproduktion beinahe zu 100% aus China kommt.
Wieviele Prozent Ihres Ausstosses geht in den Export?
Etwa 50%. Unsere stärksten Länder sind Deutschland, Russland, Japan, Singapore, Holland etc.
Kann das für Piega gefährlich werden, wenn der Export in einem Land fast völlig zusammenbricht?
Wir versuchen breit aufgestellt zu sein, dass genau dieser Umstand nicht eintreffen kann.
Wie wichtig ist es für Sie, dass Europa zusammen hält und sich nicht wieder auflöst?
Eine allfällige Auflösung der EU könnte uns weh tun. Ich glaube, dass bei einem solchen Ereignis zumindest die Wirtschaft erheblichen Schaden erleiden würde. Dadurch wäre die Kaufkraft in Europa reduziert, was automatisch zu Umsatzrückschlägen für PIEGA führen würde.
Ist Piega im Laufe der Jahrzehnte kontinuierlich gewachsen, oder gab es auch Rückschläge?
Ende der 90er hatten wir turbulente Jahren mit zum Teil Umsatzwachstum von 100% und mehr. Seit etwa 10 Jahren ist unser Umsatz sehr konstant und wächst im einstelligen Prozentbereich.
Was sind die Hauptgründe für den Erfolg und das Überleben von Piega?
Das ist ein Frage, die sich Kurt Scheuch und ich auch schon häufig gestellt haben. Natürlich lassen sich immer Gründe finden. Aber letztendlich weiss man es nie mit letzter Sicherheit. Die Franzosen haben dafür ein schönes Wort: "Fortune" - und meinen damit, dass man das Glück mit Beharrlichkeit und konstanter Arbeit zwingen kann.
Was müssen Sie für Massnahmen ergreifen, dass Piega auch in Zukunft wachsen kann?
Die grundsätzliche Frage ist, ob es wichtig ist zu wachsen. Wir fühlen uns in unserer jetzigen Grösse sehr wohl. Mit dem Eintritt von Alexander und Manuel Greiner stehen wir vor einem Generationswechsel. Dadurch entsteht eine jugendliche Dynamik mit neuen Ideen. Mit der Gründung des Tochterunternehmens Lakeside Audio, welches die Marken Marantz und Tivoli in der Schweiz vertreibt, ist unser Unternehmen breiter abgestützt.
Besten Dank Herr Greiner für das Gespräch.
Kurt Scheuch, Technik-Experte
Kurt Scheuch ist seit der Gründung von Piega der Chef der Technik...Herr Scheuch, seit dem Start von Piega im Jahre 1986 sind Sie nun als Chef der Technik bei Piega tätig. Was waren ihre wichtigsten Erlebnisse, die Sie prägten? Und was sind Ihre daraus gewonnenen Erkenntnisse?
Prägende Erlebnisse waren sicherlich die unzähligen Hörsitzungen, in denen uns immer bewusster wurde, wie eminent wichtig die klangliche Beurteilung von Lautsprechern ist. Daraus resultierte die Erkenntnis, dass die modernsten Messmittel zwar unabdingbar nötig sind, aber keinesfalls das geschulte Gehör ersetzen können.
Wie möchten Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem langjährigen Kompagnon Leo Greiner, der ja der Chef der Finanzen ist, beschreiben?
Nach 25 Jahren Zusammenarbeit ist es offensichtlich, dass im Grundsatz die gleichen Ziele verfolgt werden und die Sache, respektive der Erfolg des Unternehmens im Vordergrund steht. Zudem sind unsere Arbeitsbereiche klar aufgeteilt, was auch den Vorteil hat, dass man sich bei offenen Fragen einen neutralen Rat bei seinem Partner einholen kann.
Nun zu einem bemerkenswerten Produkt, der 50.2. Was ist beim Gehäuse der Premium 50.2 gegenüber ihrem Vorgänger, der Premium 50, verbessert worden?
Das Gehäuse der Premium 50.2 besitzt eine 50% höhere Wandstärke und verfügt erstmals über ins Profil eingepresste Versteifungsrippen. Die ist zwar presstechnisch sehr anspruchsvoll, aber es erhöht die Steifigkeit der Gehäuse ungemein.
Ist die hinten elegant verrundete Form des Gehäuses ein Design-Element, oder macht das auch akustisch Sinn?
Das C-Förmige Gehäuse ist einmal unter dem Aspekt der stehenden Wellen sehr ideal, aber es erhöht auch die Formsteifigkeit und damit die Resonanzfreiheit der Gehäuse. Das elegante Design gibt es quasi kostenlos dazu.....
Aluminium und Schall
Ist Aluminium tatsächlich ein geeignetes Material für Lautsprecher und weshalb?
Aluminium ist der ideale Gehäusewerkstoff, weil man zum einen mit sehr dünnen Wandstärken absolut steife Gehäuse aufbauen kann und zum anderen im Verbund mit unserem Idikel Berdämpfungsmaterial auch eine perfekte Bedämpfung der Flächenresonanzen möglich ist. Die geringe Wandstärke wiederum ermöglicht bei gegebenen Abmessungen ein zwischen 30-50% grösseres Nettovolumen, was ganz einfach bewirkt, dass PIEGA Lautsprecher wesentlich "grösser" klingen, als sie optisch wahrgenommen werden.
Beim Gehäuse der 50.2 sind beim Anfassen mit den Händen gerade bei lauter Musik noch minimste Vibrationen zu erfühlen. Ist denn das Gehäuse noch nicht ganz perfekt, und können Sie es noch besser machen? Wenn ja bei welcher Box?
Die Bedämpfung der Flächenresonanzen ist bei der Premium 50.2 bereits auf einem sehr hohen Niveau. Aber wie überall in der Technik gilt es genau abzuwägen, wie viel Aufwand man bei einem gesetzten Budget treiben kann. Die Bedämpfung der Premium 50.2 ist sehr material- und auch zeitintensiv. Dies alles wird noch ein Pünktchen perfekter bei der Coax70.2, die allerdings in einem deutlich höheren Preissegment angesiedelt ist.
Wieso kommt eine grosse Spitzenbox wie die 50.2 ohne speziellen Mitteltöner aus?
Die Premium 50.2 ist im Prinzip als audiophiles 2-Wege System ausgelegt. Der verwendete Bassmitteltontreiber stellt den Stand der Technik dar und verfügt über ausgezeichnete Mitteltoneigenschaften. Mit dynamischen Systemen ist da momentan keine Steigerung mehr möglich, und ein separater Mitteltöner würde wohl eher schaden als nutzen.
Was wurde bei der 50.2 im Bassbereich verändert?
Bei der Premium 50.2 wurde neben dem Gehäuse auch das BR-Tuning und die Topologie der Frequenzweiche gegenüber dem Vorgänger geändert. Das Filter im Bassbereich verfügt nun über eine Impedanzkorrektur der oberen Spitze der Impedanzsattelkurve. Dadurch wird der gesamte Bassbereich im Frequenzbereich zwischen 80 und 120 Hz deutlich straffer und konturierter.
Welche Filter-Technologie kommt in der 50.2 generell zur Anwendung und was sind ihre Vorteile?
Die Vorteile von akustischen Filter vierter Ordnung mit Linkwitz-Riley Charakteristik sind ein relativ kleiner Überlappungsbereich, minimierter Klirr, konstantes Phasenverhalten und die Möglichkeit einer guten Linerasierung des Frequenzgangs auch im off-axis Bererich.
Der weltbeste Hochtöner
Ist ihrer Ansicht nach das Bändchen immer noch der beste Hochtöner?
Das Bändchensystem ist nach wie vor der Hochtöner mit der kleinsten bewegten Masse und einem entsprechend sehr hohen Auflösungsvermögen. Nebst geringem Klirr und einem tadellosen Abstrahlverhalten läuft unser System auch sehr linear und verfügt über einen ausgezeichneten Wirkungsgrad. Diese Eigenschaften können mit konventionellen System nicht erreicht werden.
Das Auflösungsvermögen des neuen Bändchen ist sensationell. Wie wurde dieser Fortschritt erzielt?
Das Auflösungsvermögen des neuen Bändchen wurde durch ein optimierte Magnetfeld ermöglicht. Wir setzen erstmal beim Hochtöner seitlich in der Frontplatte Magnetstäbe ein. Diese Magnetstäbe fokussieren die Feldlinien (ähnlich einer optischen Linse) auf die Ebene der Hochtonmembran. Durch diese Erhöhung der Energiedichte konnte, neben anderen Parametern, auch das Auflösungsvermögen gesteigert werden.
Gehörmässig stelle ich bei der 50.2 eine leichte Delle bei 5 kHz und oberhalb 10 kHz einen geringfügigen Anstieg fest. Deckt sich das mit Ihren Messungen, und ist das so gewollt, oder purer Zufall?
Diese minimen Nichtlinearitäten sind eigentlich im akademischen Bereich angesiedelt, machen aber auf der anderen Seite den Lautsprecher einen Hauch geschmeidiger, so dass auch sehr direkte Musikdarbietungen (sehr lauter Vokalist, Bläserinstrumente etc.) ohne Anstrengung und sehr entspannt genossen werden können. Der leichte Anstieg oberhalb 10 Kilohertz macht einfach etwas mehr Luft und setzt den höchsten Obertönen noch etwas mehr Glanz auf.
Durch das ungewöhnlich hohe Auflösungsvermögen scheint mir die Brillanz im Hoch- und Obertonbereich für meine sensiblen Lauscher am höchsten noch vertretbaren Limit zu liegen. Ergeben sich durch diese ungeheure Auflösung etwa neue Aspekte bei der klanglichen Auslegung Ihrer Boxen?
Ich denke, dass die klangliche Abstimmung der Premium 50.2 sehr gut der Erwartungshaltung der meisten Hörer entspricht. Natürlich kann es aber auch ungewohnt sein, eine dermassen hohe Auflösung zum ersten Mal zu hören. Mit der Zeit kommt es aber zu einer sehr schnellen Gewöhnung, und bei einem Schritt "zurück" wird dann eben masslos viel Information vermisst.
Haben sich die Hörgewohnheiten generell in den letzen 25 Jahren verändert und wenn ja wie? Klingen Ihre Boxen heute grundlegend anders als vor 25 Jahren?
Die oben genannte Erwartungshaltung hat sich in den letzten 25 Jahren immer wieder in leichten Welleformen verändert. Insgesamt darf man aber schon sagen, dass ganz allgemein die Lautsprecher heute deutlich linearer, dynamischer und transparenter Musik spielen können. In der Entwicklung von Lautsprechern führt die konsequente Optimierung respektive Evolution zu besseren Wandlern. Revolutionen gehen, wie auch meist die Weltgeschichte zeigt, häufig daneben.....
Herr Scheuch, wir danken Ihnen für diese wertvollen Infos.