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Massgeschneiderte Ohrhörer

Der Gipfel des miniaturisierten Klangvergnügens

Massgeschneiderte Ohrhörer sind der kompromisslose Weg zum mobilen audiophilen Hörvergnügen. Wer es mal erlebt, möchte nie mehr einen Ohrhörer aus der Massenfertigung. Ein Erlebnisbericht: vom Massnehmen bis zum Hörvergnügen mit dem Noble K10.

Von Benjamin von Kaenel · 16. August 2016
Massgefertigter In-Ear-Ohrhörer Noble K10.Massgefertigter In-Ear-Ohrhörer Noble K10.

Gespannt sitze ich im Sprechzimmer des Hörzentrums in Oerlikon. Meine Absicht ist, Silikonabdrücke meiner Gehörgänge zu machen für mein neustes Projekt. Auf die Frage, des Audiologen, ob ich ein Hörgerät brauche, verneine ich ebenso wie auf die Frage, ob ich ein professioneller Musiker sei. Mein Weg ins Hörzentrum wurde von einer anderen kostspieligen "Krankheit" bestimmt. Der Name dieser ansteckenden, aber wundervollen "Krankheit" wird im englischsprachigen von Musikliebhabern oft als Audiophilia betitelt.

Ich besuche den Audiologen, um Rohlinge für massgefertigte Ohrhörer für den Musikgenuss anzufertigen. Auf diese Ausführungen schmunzelt der Audiologe leicht und meint, er habe bisher noch niemanden wie mich in seiner Praxis gehabt. Nach kurzen Ausführungen darüber, was bei dieser Prozedur beachtet werden muss und welche Teile des Ohrs zu den Abdrücken gehören sollen, sind alle Notwendigkeiten besprochen. Langsam nähert sich die Hand des Audiologen mit der mit Silikonmasse gefüllten Spritze meinem Ohr. Gespannt lasse ich die Prozedur über mich ergehen und hoffe inbrünstig, dass die Silikonabdrücke meines Ohrs gut werden.

Audiophilia hat mich aber nicht direkt zum Audiologen geführt, nachdem ich mich angesteckt hatte. Vor etwa zehn Jahren machte ich meine ersten Erfahrungen mit Ohrhörern – im Englischen als In-Ear Monitors (oder IEM) bezeichnet –, die in den Gehörgang eingeführt wurden. Das Resultat war verblüffend: Strassenlärm, Kindergeschrei und andere Umgebungsgeräusche verebbten, während das Musikerlebnis, vor allem die Bässe, auch bei niedriger Lautstärke intensiver wahrgenommen wurden. Das Eintauchen in die wunderbare und mannigfaltige Welt der Klänge wurde für mich zu einer Quelle des Rückzugs und der Entspannung, und das mitten im Alltagsgeschehen.

In den zehn Jahren hatte ich Dutzende dieser Ohrhörer und analysierte jedes Paar genau auf Stärken und Schwächen auf der Suche nach dem perfekten Paar für meinen Geschmack. Der wirkliche Ausbruch von Audiophilia passiere aber erst mit dem Kauf der Shure-535- und -846-Ohrhörer. Ich realisierte, dass Ohrhörer zwar selten klanglich mit einem mehrere tausend Franken teuren Sound-System mithalten können, jedoch in Sachen Portabilität und Preis/Leistung die Nase vorne haben, auch wenn sie ebenfalls mehrere hundert Franken kosten. Die Jagd nach immer neuen Klangsignaturen unterschiedlicher Ohrhörer und der damit verbundenen Ausrüstung wurde bald zu einer Leidenschaft.

Massgefertigte Ohrhörer auf Bestellung

Durch ausgedehnte Onlinerecherchen stiess ich immer wieder auf Berichte über sogenannte Custom In-Ear Monitors (CIEMs), also massgefertigte Ohrhörer. Speziell die amerikanische Firma Noble fiel durch viele gute, ja schon fast verzückte Berichte der Kundschaft über die überragende Klangqualität, die einzigartige Verarbeitung und die überwältigenden Designmöglichkeiten ihrer Produkte auf. Nach einem kurzen Kassensturz entschied ich mich für das Flaggschiff der Noble-Produktkette: den Noble K10, wobei die Zahl 10 für die Anzahl der Klangtreiber steht, die auf jeder Seite die Musik orchestrieren.

Die Noble-Bildergalerie belegt die endlosen Designmöglichkeiten für ihre Produkte.

Inzwischen war die Silikonmasse in meinen Gehörgängen getrocknet. Vorsichtig entfernte der Audiologe die Rohlinge. Der Anblick derselbigen war gewöhnungsbedürftig. Ich behaupte, dass kaum einer der Leser bisher einen detailgetreuen Abdruck des Innenohrs bis zur zweiten Gehörwindung und des Aussenohrs in der Hand hielt. Dies waren also die Ausgangsmaterialien für meine massgeschneiderten Ohrhörer.

Eilig verpackte ich die Rohlinge und versandte diese per UPS nach Kalifornien. Nach dem verhältnismässig angenehmen Anfertigungsprozess der Silikonrohlinge meines Ohrs folgte der unangenehme Teil der Anfertigung von CIEMs: die achtwöchige Wartezeit auf das Endprodukt.

Vom Warten zur Hörekstase

Die Wartezeit hatte sich gelohnt. Per UPS wurden mir die fertigen K10 zugesandt.

Bereit für den Hörtest: Die massgefertigten Noble-K10-Ohrhörer mit symmetrischen Kabeln von Wagnus Proton am Onkyo-DP-X1-Digital-Audio-Player.Bereit für den Hörtest: Die massgefertigten Noble-K10-Ohrhörer mit symmetrischen Kabeln von Wagnus Proton am Onkyo-DP-X1-Digital-Audio-Player.

In der Vergangenheit habe ich viel Zeit damit aufgewendet, die passenden Aufsätze für meine Ohrhörer ausfindig zu machen. Immer auf der Suche nach der perfekten Versiegelung, damit mir kein Quäntchen der Klangqualität verlorengeht. Anders war es mit den massgefertigten Ohrhörern von Noble. Durch eine leichte Drehbewegung wurden die Ohrhörer in meine Gehörgänge eingeklinkt – wie eine Hand in den massgeschneiderten Handschuh. Perfekt!

Ich versuche hier, mich in meiner Leidenschaft bei dem folgenden Teil ein wenig zu drosseln, um nicht zu technisch zu werden. Mein Eindruck zu der Klangqualität:
Wie bereits erwähnt teilen sich 10 Treiber pro Seite die Arbeit. Je zwei Treiber kümmern sich um die Bässe, die mittleren Frequenzen, die Höhen und um die obersten Frequenzen.

Daraus ergibt sich ein überaus vielschichtiges Klangbild, das perfekt übereinandergelegt und orchestriert wird, sodass sich trotz der vielen Treiber, oder gerade deshalb, ein unglaublich kohärentes Klangbild ergibt. Dennoch ist das Klangbild kleiner in seiner Räumlichkeit als beispielsweise mit Magnetostat-Kopfhörern, wie den wunderbaren Audeze LCD XC. Auf künstliche Raumeffekte wurde beim K10 verzichtet.

Dies ist jedoch der einzige Wermutstropfen, denn die restliche Klangsignatur trifft meinen Geschmack. Nichts drängt sich auf unvorteilhafte Weise in den Vordergrund. Die Klangsignatur ist eher "warm", das heisst, dass die scharfen Höhen leicht abgerundet sind und dass die Bässe auf eine einzigartige Weise konturiert sind. Das Magische bei Letzterem ist, dass in klassischer Musik der Bass nie in den Vordergrund tritt, jedoch bei modernen Songs einen angenehmen Kick beinhaltet.

Die Bässe drängen sich nie auf, verbleiben scheinbar verborgen, wenn gefordert, sind sie unmittelbar und mit Vehemenz präsent – genauso ist es gut. Die Höhen sind wie bereits erwähnt leicht abgerundet. Dies ist aber kaum erwähnenswert, da diese leichte Dämpfung bei hohen, scharfe Frequenzen einsetzt, die den meisten Musikhörern ohnehin unangenehm sind.

Die minimal entschärften Höhen und die intelligenten Bässe bereiten jedoch nur die Bühne für den wahren Star der Show: die Mitten. Diese sind von anderen Ohrhörern nahezu unerreicht. Und auch diese treten nie zu stark in den Vordergrund.

Alles in allem ist der K10 ein bisher ungeschlagener Alleskönner, egal welche Musikrichtung ich diesen wundervollen Klangtalenten vorlege, der Noble K10 meisterte jede Aufgabe mit der Leichtigkeit eines Virtuosen.

Fazit

Das Warten hat sich gelohnt. Die Ohrhörer umschliessen perfekt den Gehörgang.Das Warten hat sich gelohnt. Die Ohrhörer umschliessen perfekt den Gehörgang.

Der Prozess der Herstellung von massgeschneiderten Ohrhörern ist langwierig. Dazu kommt, dass man oftmals die sprichwörtliche Katze im Sack kauft, zumal man selten die Gelegenheit bekommt, im Vorfeld das fertige Produkt zu testen. In meinem Fall habe ich eine ausgedehnte Onlinerecherche gestartet, um möglichst viel über die Klangsignatur des Noble K10 zu erfahren. Leider sind die meisten Tests in Englisch verfasst, was für einige eine weitere Hürde darstellen kann.

Ich kann jedem Musikliebhaber massgeschneiderte Ohrhörer empfehlen, der sich schon durch einen grossen Teil des grossartigen Ohrhörersortiments getestet hat und/oder der sich auf der Suche nach miniaturisierter, klanglicher Perfektion etwas ganz Besonderes leisten will. Eine bestimmte Kaltblütigkeit der eigenen Geldbörse gegenüber ist jedoch bei den meisten massgeschneiderten Ohrhörern Voraussetzung.

Zu guter Letzt lässt sich für mich sagen, dass sich trotz meiner brennenden Überzeugung für den K10 meine Suche noch nicht beendet hat. Der Ohrhörer, der die Klangsignatur des K10 hat und auch in Sachen der Räumlichkeit an Magnetostat-Kopfhörer herankommt, ist bestimmt irgendwo da draussen. Bevor ich jedoch wieder den Finger an den Abzug für den nächsten Kauf lege und mich dem nächsten Ausbruch von akuter Audiophilia hingebe, geniesse ich den Noble K10 aus vollen Zügen.

Steckbrief
Modell:
Kaiser 10
Profil:
Massgeschneiderte Ohrhörer mit zehn separaten Treibern
Pro:
Kohärentes Klangbild
Sehr ausgefeilte Balance der Frequenzbereiche
Klang (mit grossen Kopfhörern vergleichbar)
Individuelle Passform
Contra:
Wartezeit
Gang zum Audiologen
Preis:
1,650.00 CHF
Hersteller:
Noble Audio
Jahrgang:
2016
Masse:
n.A mm
Gewicht:
n.A kg
Farbe:
Diverse
Onlinefassung: https://www.avguide.ch/testbericht/massgeschneiderte-ohrhoerer-der-gipfel-des-miniaturisierten-klangvergnuegens
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