Klarinetten-Album Portraits von Andreas Ottensamer mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra unter Yannikc Nézet-SöeguinNicht wenige gestandene HiFi-Freunde haben immer noch gewisse Vorurteile bezüglich der nicht immer erstklassigen Klangqualität der früheren Aufnahmen der Deutsche Grammophon Gesellschaft. Das gilt insbesondere für ihre ersten Veröffentlichungen auf digitalen Tonträgern, wo sehr oft grelle Klänge mit so genannt digitalen Härten zu hören waren. Doch diese Vorurteile werden sich beim Anhören dieses Albums wohl endgültig verflüchtigen, denn heute ist eine ganz andere Aufnahme-Crew am Arbeiten, die ein ebenso grundverschiedenes Equipment zur Verfügung hat.
Bereits durch das Label Mercury Classics, das neben dem immer noch antik-grell-gelben DGG-Logo zu erkennen ist, wird man vorgewarnt, dass da ein ganz anderer Klang-Wind weht.
Tatsache ist, dass die anno 1898 (!) gegründete DGG in den letzten Jahrzehnten eine recht turbulente Geschichte aufzuweisen hat, mit zahlreichen Vernetzungen zu anderen Firmen. Und das hat - mindestens dem Klang - ganz und gar nicht geschadet.
Das Label Mercury mit ihrem klassischen Logo lässt Freunde der legendären Wilma Cozart den kalten Schauer den Rücken herunterrieseln, und es werden Erinnerungen an zeitlose Aufnahmen aus den fünfziger und sechziger Jahren wach.
Damals hiess das Label aber noch Mercury Living Presence, während das Label Mercury Classics erst 2012 das Licht dieser Welt erblickte. Auf der Mercury Classics Webseite entdeckt man denn auch folgenden Text: "Launched in April 2012 by Universal Music, Mercury Classics aims to identify and work with strong creative individuals who bring a distinctive and fresh perspective to classical music, whether they are young artists approaching the genre in a new way, or established musicians, outside the field, curious about exploring the genre".
Doch nun genug des Firmen-Geschichtsunterrichtes und endlich zur Musik und dem Solisten Andreas Ottensamer. Dieser wunderschöne junge Musiker muss der Traum aller Frauen mit gutem Geschmack sein. Männer hingegen werden eher von seinen Klarinetten-Klängen begeistert sein. Ihm zur Seite steht das Rotterdam Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Yannick Nézet-Séguin.
Das Produktions-Team dieses in Rotterdam, De Doelen, 6/2012 aufgenommenen Albums besteht aus den Produzenten Dr. Alexander Buhr und Christoph Classen. Als Tonmeister kommen Andrew Mellor und als technischer Ingenieur Alexander Van Ingen zum Einsatz. Erschienen ist das erste Solo Album von Andreas Ottensamer unter dem Titel "Portraits - The Clarinet Album" bei 2013 Mercury Classics, eine Division der Decca Music Group Limited.
Breites musikalische Spektrum
Andreas Ottensamer - ein neuer Stern am KlassikhimmelOttensamer erklärt dazu: "Dieses Album stellt den Interpreten vor die Herausforderung, zwischen verschiedenen Stilen und Spieltechniken zu wechseln; gleichzeitig habe ich aber grossen Wert darauf gelegt, immer meine personliche Interpretation und meinen Klang zu bewahren."
Und der Schreiberling dieser Rezension meint dazu: Das absolut Schönste, was ich je aus einem Lautsprecher gehört habe, ist der Track 4 mit einer Bearbeitung des "La Fille Aux Cheveux de Lin" von Claude Debussy. Sehr gefühlvoll, mit allen weichen Schattierungen die eine Klarinette zu bieten hat, erklingt diese geniale Komposition scheinbar aus dem Nichts über meine noch nicht ganz eingelaufenen, von legendären Forte Auto-Verstärkern angetriebenen Piega Coax 10.2 Abhör-Monitorlautsprecher. Trotzdem betört ein geradezu himmlisch schöner Klang.
Aufgepasst: Wer zu Beginn die Lautstärke im Pianissimo zu stark erhöht, wird bei den nachfolgenden Stellen im Forte eventuell glatt aus dem Fenster geblasen. Die Dynamik ist enorm und kann gerade in etwas lärmiger Umgebung, wo man geneigt ist, sehr leise Stellen durch Aufdrehen des Volume-Reglers hörbar zu machen, fast zu gross sein. Also: mit Vorteil in stiller Umgebung anhören und den Volume Regler nicht gleich von Anfang auf volle Pulle stellen...
Was weiter fasziniert, ist die Durchzeichnung der Instrumente auch im Pianissimo. Zum Raumempfinden ist zu bemerken, dass man auch bei relativ weit auseinander platzierten Lautsprechern den Eindruck hat, dass nicht nur in der Mitte ein Lautsprechersystem zu stehen scheint, sondern von links nach rechts eine ganze Vielzahl von Schallwandlern. So macht sich auch nie das berüchtigte Raumloch in der Mitte bemerkbar.
Nein, ganz im Gegenteil: das Frontpanorama ist bei allen Werken lückenlos durchzeichnet und auch in der Tiefe sensationell aufgefächert. Das Raumempfinden ist aber dennoch begrenzt, denn die Schallrückwürfe von hinten, wie sie nicht nur bei einer guten 5.1 Wiedergabe, sondern auch im Konzertsaal, vorhanden sind, fehlen hier.
Und dennoch: Hier entfällt die Diskussion über analoge oder digital, denn dieser Klang ist einfach "richtig", weder analog-warm gefärbt noch durch digitale Härten verunstaltet.
Es gilt: Augen zu - und in höhere geistige Ebenen entschweben. Ist das Stück vorbei und es droht der Absturz in die reale Welt, wird ganz einfach zurück auf Repeat gedrückt und der Traum beginnt von neuem - so oft man immer will... Doch auch die anderen Werke sind wahre Ohrenschmäuse.
Als Gründe für diesen musikalisch-klanglichen Höhenflug möchte ich hervorragende Kompositionen, erstklassige Musiker - ebenso erstklassig aufgenommen und ein Klang, der weder durch eine zu niedrige Samplingfrequenz noch einer zu geringen Auflösung verunstaltet wird, angeben. Dabei wird hier nicht im momentan hochgehypten DSD gespielt, sondern im klassischen PCM, mit 96 kHz/24 Bit.
