avguide.ch Druckansicht · 17.09.2026

IoT oder IouT

#Internet_der_unsicheren_Dinge

„Wow, die Kiste fährt schnell! Wollen wir jetzt auch noch Bremsen ranmachen?“. Würde ein Autohersteller seine Produkte so entwickeln, wären ihm Milliardenklagen sicher.

Von Kurt Haupt · 23. Januar 2016
Das Internet der Dinge bringt nur mehr Sicherheit, wenn die Hersteller nicht patzen. (Bild: Swisscom)Das Internet der Dinge bringt nur mehr Sicherheit, wenn die Hersteller nicht patzen. (Bild: Swisscom)

Im Zeitalter des Internet-of-Things (IoT) scheint sich die digitale Branche aber genau so zu verhalten. Da werden fleissig Produkte entwickelt und unter Zeitdruck auf den Markt gebracht. Sicherheit oder Privatsphäre werden dabei als „Darum kümmern wir uns später“ oder „Ist doch eh lästig“ abgebucht.

Das fängt schon bei den Grundlagen an. Dass die Internet-Router von UPC ihr Standardpasswort so vorhersehbar berechnen, dass auch ein würfelnder Schimpanse schnell draufkommt, ist eigentlich nicht nur peinlich, sondern ein Skandal. Denn der Router ist sozusagen das Herz der ganzen digitalen Infrastruktur des modernen Haushaltes. Wer den Router kapert, kann sich frei im Heimnetz tummeln. Also die Bilder meiner Webcam abgreifen, mein Telefon umleiten, meine Lichter ausschalten und die Heizung auf Frosttemperaturen umstellen. UPC-Kunden sollten ihr Passwort also zügig ändern.

Angeschmiert sind auch viele, die ihr Heim besonders sicher machen wollen, und deshalb eine Überwachungskamera installiert haben. Deren Bilder will man naturgemäss auch aus dem Internet auf dem Handy abrufen können. Wenn aber der Discounter Aldi Überwachungskameras verkauft, die nach Installation gleich jedermann Zugriff auf das komplette Heimnetz erlauben,  muss man die Legende des trojanisches Pferdes auf eine aldianische Variante umschreiben.

Cloud-Zwängelei

Nervig ist auch, dass viele Gerätehersteller ihre Kunden in die per Definition unsichere Cloud zwingen. Ich persönlich bin beispielsweise von der Arlo Kamera  begeistert, weil sich die batteriebetriebenen Kameras einfach überall aufstellen lassen und monatelang mit Bewegungssensoren nach dem Rechten sehen. Bei mir tappt zwar meist nur der Fuchs in die Kamera-Falle, der sich nachts auf der Terrasse rumtreibt. Aber dennoch will ich eigentlich meine Videos nicht beim Hersteller in der Cloud auf irgendeinem Server in den USA gespeichert wissen. Nicht nur weil ich den Technikern und den grossen Brüdern von NSA und Co nicht traue, sondern weil ich eigentlich meine privaten Daten und Videos zu Hause behalten will. Dafür habe ich extra ein Synology-NAS angeschafft, dass ich im Nebenjob auch hunderte von Videokameras einbinden kann. Ausser jene von Arlo, weil dort der Hersteller nur eine Speicherung in der Cloud zulässt.

Ein bisschen mulmig ist mir auch bei der Sicherheitslösung von Swisscom. Das System aus Bewegungsmeldern, Thermostaten und Kameras funktioniert tadellos. Aber auch hier muss ich Swisscom blind vertrauen, weil alle Intelligenz und alle Daten auf deren Server liegen.

Es ist also klüger, sich eine Überwachungskamera zu kaufen und selber ins Heimnetz einzubinden. Ok, ausser man kauft die bei Aldi.

Mein TV als Big-Brother

Inzwischen ist sogar mein Vertrauensverhältnis zum Fernseher schwer gestört.  Natürlich soll der sich mit dem Internet verbinden und Nichtigkeiten bei Youtube oder Unterhaltung von Netflix ziehen. Sauer bin ich aber, dass dieser bei jedem Senderwechsel oder Tastendruck auf der Fernbedienung auch gleich Daten zum TV-Hersteller oder Senderbetreiber schickt. Wenn das für die Sprachsteuerung am TV gedachte Mikrofon permanent eingeschaltet ist und mein Schnarchen protokolliert, kriege ich definitiv Big-Brother-Träume.

Fit und überwacht

Suspekt sind mir auch Fitnessarmbänder und Smartwatches aller Couleur. Natürlich wäre es schön zu wissen, dass ich bei meiner täglichen Büroroutine 321 zwischen Pult und Kaffeemaschine gemacht habe. Und dass meine Tiefschlafphase während zwei Stunden – vermutlich wegen Big-Brother-Träumen – gestört war, ist auch evident. Aber will ich all diese Daten Google, Apple und irgendwelchen chinesischen Herstellern liefern. Oder gar riskieren, dass die Barbekanntschaft vor dem Lächeln sich erst in meinen Fitnesstracker hackt? Technisch wäre es ein Klacks, Fitnessarmbänder und Privatsphäre zu verbinden, das beweist beispielsweise der kaum bekannte Hersteller Beurer.

Das Internet-der-Dinge ist da. Vieles davon ist unglaublich praktisch und macht viel Spass. Doch schon lange wäre es dringend, dass sich Politik und Hersteller um Sicherheit und Privatsphäre neuer Produkte und Dienste kümmern. Sonst wird aus dem IoT einfach eine Iobb, ein Internet-of-big-brothers.

Nerven Sie unsichere Geräte und der Verlust ihrer Privatsphäre? Twittern sie Ihre Meinung mit dem Tag #Internet_der_unsicheren_Dinge und sie erscheint automatisch am Ende dieses Beitrages. Selbstverständlich können Sie auch die übliche Kommentar-Funktion nutzen.

Onlinefassung: https://www.avguide.ch/blog/iot-oder-iout-internetderunsicherendinge
© 1999–2026 avguide.ch GmbH · Alle Rechte vorbehalten